Personalisierung im Geschichtsunterricht (Skript und Beispiele)
Einer der wichtigsten didaktischen Kniffe im Geschichtsunterricht ist die "Personalisierung". Eine stichwortartige Zusammenfassung der Ausführungen von Klaus Bergmann.
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Eingetragen am 16.11.2007, 12:44 Uhr in Geschichtsunterricht | Fachdidaktik Geschichte |
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Personalisierung bedeutet im Geschichtsunterricht: Eigenheiten von historischen Epochen, gesellschaftlichen Gruppierungen oder Strukturen werden an einer konkreten, stellvertretenden Person festgemacht. Über den (motivierenden und emotionalisierenden) Umweg der Identifikation werden so abstrakte Sachverhalte für die SchülerInnen anschaulich und begreifbar. Dabei spielt es aus meiner Sicht nur eine marginale Rolle, ob die Persönlichkeiten tatsächlich existiert haben oder von der Lehrperson konstruiert werden (s.u. Unterschied “Personifizierung” vs. “Personalisierung”).
Beispiele für Personalisierung / Personifizierung
- Industrielle Revolution
- Der Unternehmer John Cent aus England hat wenig Probleme, denn er profitiert von Erfindungen, hohen Gewinnspannen und logistischen Strukturmerkmalen. Sein Bruder Fritz Bauer lebt im tiefsten Baden, und er darbt faltendurchzogener Stirn.
- Judenverfolgung
- Das bekannteste Beispiel einer Personalisierung im Tagebuch der Anne Frank
. Aus der Perspektive des machtlosen, kleinen Mädchens wird die Judenverfolgung und die Durchdringung der Gesellschaft durch das Nazi-Regime greifbar.
Die Zahl weiterer sinnvoller Beispiele ist Legion - vom kiffenden 68er-Jüngling (dessen Eltern bei der Partei waren) über den amerikanischen Einwanderer (der sich im Zuge der Frontier-Bewegung ein Häuschen im Mittleren Westen der USA erringt und daraus seine Lebensphilosophie zieht) bis hin zum Lehrerfreund im 21. Jahrhundert sind viele Möglichkeiten denkbar.
Skript: Klaus Bergmann: Personalisierung im Geschichtsunterricht
Hier eine stichpunktartige Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen von K.Bergmann, wie z.B. in seinem Buch “Personalisierung im Geschichtsunterricht, Erziehung zu Demokratie”. Stuttgart: Klett,
1977(Amazon-Link) anzutreffen. Das Skript können Sie auch als einseitiges PDF-File herunterladen.
Klaus Bergmann: Personifizierung und Personalisierung
- multiperspektivische Geschichtsbetrachtung
-> eine Historie, in der gleiche Sachverhalte aus den unterschiedlichen Blickwinkeln geschildert und betrachtet werden
- 3 Faktoren, durch die geschichtliche Bewegung bewirkt wird:
1. die führenden Personen
2. Massen der anonymen Einzelnen
3. außerpersonelle Umstände, objektive Gegebenheiten und Strukturen
- Es gilt dem Missverständnis vorzubeugen, die didaktischen Gefahren der Personalisierung ließen sich automatisch vermeiden, wenn die Perspektive der Namenlosen an die Stelle der Personalisierung trete und absolut gesetzt werde, wenn also bloß eine perspektivische Umkehrung bei der Darstellung, Vermittlung und Betrachtung historisch-gesellschaftlicher Sachverhalte im Unterricht stattfände.
-> Wichtig Unterscheidung von Personalisierung und Personifizierung (Lukas)
a. Personalisierung: Darstellung von Geschichte an historischen Persönlichkeiten
—> Problem: Addition von fiktiven Lebensläufen
b. Personifizierung: Darstellung von Geschichte an Namenlosen aus dem Blickwinkel der Namenlosen
—> geschichtliche Sachverhalte werden an namenlosen Individuen dargestellt, jedoch auf der strikten Betrachtung der politisch-historischen Sachumstände
—> Problem: nicht sinnvoll, wenn er Schülern nicht gleichzeitig nicht-personale Elemente wie wirtschaftliche, politische und soziale Strukturen vermittelt
—> Das Auftreten historischer Einzelpersonen: müssen als Repräsentanten von gesellschaftlichen Gruppen erkennbar sein, die unter bestimmten Sachverhalten für sie handeln, stehen und entscheiden
- Beispiel: Geschichtserzählung
-> kann sowohl personalisierte wie personifizierte Elemente erhalten
-> Es liegt im Prinzip und in der Absicht des Verfahrens, dass Geschichte zum Erlebnis wird, dass fast ausschließlich die emotionale Schicht in den Schülern angesprochen wird
-> Problem: Unterricht emotionalisiert historisch-politisches Handeln, verlagert es auf die Ebene absoluter Normen und degradiert Geschichte zu spannenden Erzählung, in der die künstlich hergestellte Spannung wichtiger ist als die didaktische Konzeption nur noch zu vertreten, wenn sie umgestaltet und ihr Einsatz in neuer Form vorgenommen wird
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1 Kommentare von Lehrerfreund/innen
Projekt: Alltag im Mittelalter (Grundkurs 11)
Den Kursteilnehmern wurde ein Handapparat mit Fach- und Schulbüchern über die Epoche zur Verfügung gestellt, sie sollten im Unterricht und daheim recherchieren.
Das Projekt dauerte über mehrere Wochen.
Jede Schülerin und jeder Schüler sollte eine Darstellung über einen Tagesablauf oder einen Lebensablauf einer erfundenen, aber repräsentativen Person schreiben. Die Rollen wurden nach ein paar Stunden Recherche verteilt.
Verwirklicht wurden u.a.
- Landwirtschaft: Freier Bauer, unfreier Bauer, Bäuerin, Magd, Tagelöhner…
- Geistliches Leben: Bischof, Mönch, Nonne, Landpfarrer…
- Burg: Burgherr, Knappe, Burgfräulein, Magd…
- Stadt: Handwerker, Patrizier, Bürgersfrau, Prostituierte, Tagelöhner, Bettler…
- Wirtschaft: Fernhändler aus Köln, Venedig, Lübeck…
Andere Schüler referierten über Ereignisse wie den Investiturstreit, die Kreuzzüge oder die Ostkolonisation.
Jeder hatte einen getippten Text abzuliefern, dabei waren die Quellen anzugeben.
Daraus entstand ein Reader für den ganzen Kurs.
Dazu hatte jeder Schüler eine Quizfrage zu seinem Text mit mehreren plausiblen Antwortmöglichkeiten einzureichen.
Alle Schüler sollten diese Fragen richtig beantworten und dazu die Seitenangabe aus dem Reader hinzufügen.
Das Ergebnis waren in zwei Parallelkursen Texte mit z.T. ausgesprochen bemerkenswerten Inhalten und die Testfragen wurden i.d.R. tatsächlich einzeln gelöst.
Während der Recherche zeigten sich sehr viele Schüler engagiert und stellten auch von sich aus Fragen, andere bedurften der Unterstützung und des Antriebs - aber insgesamt war das eine lohnende Aufgabenstellung, die den Lehrer nur bei der Auswertung (Benotung der Texte, Zusammenstellung des Readers und der Testfragen, Auswertung des Tests) besonders in Anspruch nahm.
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