Beispiel: Unterrichtseinheit mit interaktivem Whiteboard
Ein SMART Board-Profi hat eine (englischsprachige) Unterrichtseinheit zum Thema "US-amerikanische Volksmärchen" erstellt (Primarstufe). Sie finden hier eine Vorstellung dieser Unterrichtseinheit, die als Inspiration dienen kann - oder auch als abschreckendes Beispiel. Denn die Darstellung zeigt die didaktischen Defizite des Whiteboard-Hypes.
Interaktive Whiteboards haben gegenüber herkömmlichen Schultafeln den Vorteil, dass sie interaktiv sind - d.h. man kann die angezeigten Inhalte manipulieren. Damit ergeben sich neue methodische Möglichkeiten der unterrichtlichen Implementierung (mehr: Lehrerfreund: Alle Beiträge zum Thema ‘Interaktives Whiteboard’).
James Hollis’ “Teachers Love SMART Boards”
Der US-Amerikaner James Hollis betreibt eine Website namens Teachers Love SMART Boards. Die Seite ist vollgestopft mit Devotionen an das SMART Board, es ist anzunehmen, dass James Hollis für die Firma SMART Technologies arbeitet (auch wenn er das in seinem Impressum dezent verschweigt). Das ist gar nicht so abwegig, denn die Anbieter interaktiver Whiteboards rekrutieren häufig Lehrkräfte zu Marketingzwecken (auch in Deutschland). Wie auch immer: James Hollis kennt sich gut mit SMART Boards aus und publiziert u.a. für das SMART-Marketing-Portal Teacher Online Training.
Die Unterrichtsstunde “American Folktales/Johnny Appleseed” für SMART Board
Sein Ziel ist “creating lessons for the SMART Board that engage students and reinforce the information that the students are learning” (Unterrichtseinheiten für das SMART Board zu entwickeln, durch die die Schüler/innen aktiviert werden und durch die das Gelernte vertieft wird). Auf Anfrage eines Lesers hat James Hollis eine Unterrichtsstunde zum Thema “Amerikanische Volksmärchen am Beispiel des Märchens Johnny Appleseed” (“American Folktales”) entwickelt.
Aufbau der Stunde/Einheit
Die Stunde ist so aufgebaut (ganzes Vorstellungsvideo am Ende dieses Beitrags):
1. Lehrer/in liest das Märchen “Johnny Appleseed” vor.

2. Unterrichtsgespräch: Was ist ein Volksmärchen? (“folk-tale”)
Das Berühren des Apfels bringt die beiden Wörter “Folk” und “tales” zum Vorschein, auf dem Whiteboard erscheint eine Definition.

3. Spiel: “Word of mouth”
Märchen werden mündlich überliefert, darum geht es in diesem Spiel: Nach einem Klick auf den Hasen spricht dieser eine Botschaft an Johnny Appleseed; die Schüler/innen schreiben diese Botschaft auf. Danach blendet die Lehrer/in ein Bild von Johnny Appleseed ein und die Schüler/innen teilen ihm (dem Johnny Appleseed) mit, was der Hase gesagt hat (“So it’s kind of a fun game.”)

4. Video: Künstler zeichnet Johnny Appleseed
Es wird ein Video gezeigt, in dem ein Künstler Johnny Appleseed zeichnet und dabei das Märchen erklärt.

5. Animationsspiel: Wortschatz
In verschiedenen Animationen wird der Wortschatz des Märchens bearbeitet (z.B. “zähmen” oder “überleben”). Die Schüler/innen können aus zwei Bildern eines auswählen (antippen), das dem Wort entspricht, danach wird das angetippte Bild animiert (dreht sich, wird vergrößert o.ä.): “Touch the right answer to make it move.”

6. Suchspiel
In einem Buchstabengitter müssen die Schüler/innen Wörter suchen und markieren.

7. Spiel: Wörter erklären
Die Schüler/innen drehen ein Rad, als Ergebnis steht eine Farbe. Die Schüler/innen tippen das entsprechende Farbfeld auf dem Whiteboard an, es wird ein Wort angezeigt, das erklärt oder in einen Satz eingebaut werden muss.

8. Spiel: Textsorten zuordnen
Angezeigt wird ein Bücherregal und verschiedene Buchtitel. Die Schüler/innen müssen die Märchenbücher einordnen - andere Bücher lassen sich nicht einordnen.

Bewertung
Teilweise sind die Spiele und Aktivitäten intelligent und machen den Schüler/innen sicher Spaß (zumindest: mehr Spaß als entsprechende Aktionen an herkömmlichen Schultafeln). Allerdings enthüllt dieses Unterrichtskonzept und seine Vermittlung die wesentlichen Schwächen des Whiteboard-Hypes:
1. Frontal, frontal, frontal
Auch wenn die Schüler/innen auf dem Whiteboard herumtippen können: Das gesamte Konzept ist entsetzlich frontal. In dieser Stunde dürfte die Hälfte der Klasse schier einschlafen, während jeweils ein/e Schüler/in vorne auf den lustigen Hasen klickt. Betrachtet man das Vorstellungsvideo (unten), fällt einem das kaum auf - denn ständig ist die Rede davon, wie die Schüler/innen am interaktiven Whiteboard irgendwas tun oder irgendwas antippen. Tatsächlich erleben wir eine frontale Didaktik, die nur einen Unterschied zum herkömmlichen Lehrer-Schüler-Gespräch aufweist: Im Mittelpunkt steht nicht die Lehrer/in, sondern das interaktive Whiteboard.
2. Medien, Medien, Medien
In der Unterrichtseinheit dominiert das Medium. Die Frage nach Unterrichtszielen oder didaktischen Hintergründen wird nicht einmal angedeutet. Beispiel: Schritt 4, Video eines Künstlers. Welche Ziele verfolgt man mit dem Video (Spaß? Motivation? Information?)? Bekommen die Schüler/innen Beobachtungsaufträge? Was sollte man anschließend besprechen? Welche Möglichkeiten gibt es, das Video auszuwerten? Gibt es Möglichkeiten zum fächerübergreifenden Arbeiten?
Das alles sind die eigentlich wichtigen Fragen. Doch sie werden vollständig ignoriert. Dass die Besprechung des Videos wichtiger ist als die Existenz des Videos, wird ausgeblendet. Die Videos und Spielchen werden zum Selbstzweck - dabei sollten sie sich den Unterrichtszielen unterordnen. Aber diese gibt es in der wunderbar bunten Welt der interaktiven Whiteboards nicht. Werfen Sie einen Blick in die Abteilung SMART Board Tips and Tricks von James Hollis - es werden ausschließlich technische Aspekte besprochen. Ähnlich bei Clif’s Notes, wo unter dem Label “strategies and tips for effectively integrating interactive whiteboards (IWBs) with teaching and learning” ebenfalls vornehmlich technische und bedienungsergonomische Fragen besprochen werden.
Fazit
Eigentlich hat James Hollis hinsichtlich der Gestaltung seines Notebook-Files alles richtig gemacht: Keine übertriebenen Interaktionsexzesse, nette, ansprechende Spielchen, ein kurzer Videofilm. Aber er vergisst, dass es vor dem Whiteboard noch die Schüler/innen gibt - die nichts dabei lernen, wenn ein/e andere Schüler/in vorne auf eine Katze tippt. Genau diesen Fehler begeht die Gemeinde der interaktiven Whiteboards wieder und wieder - und merkt es nicht einmal, da die didaktische Diskussion hinter dem Geblinke völlig verstummt ist.
Das Vorstellungsvideo der Unterrichtsstunde
Die Erklärungen und Screenshots oben sind eine Zusammenfassung des folgenden Videos, mit dem James Hollis seine Unterrichtsstunde vorstellt.
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Beitrag vom 06.07.2009, 13:13 | diesen Beitrag versenden
Anders sieht es bei SchülerInnen der Sek II aus : hier kann vieles parallel dargestellt werden, Tafelbilder per e-mail versendet werden, also kanndas Medium zu einer stärkeren Schülerpräsenz führen (mitreden statt abschreiben)
zwei Fragen zu diesem Beitrag:
1. Warum wurde von den vielen guten Beispielen, die es von James Hollis gibt gerade ein mäßiges herausgepickt?
2. Beruht die Bewertung auf Ansehen des Videos oder auf Durchführung im eigenen Unterricht?
Ich glaube nicht, dass die Schüler vergessen worden sind, sondern nur in dem Video nicht gezeigt werden. Es gibt doch eine ganze Reihen von Aktivitäten, an denen die Schüler involviert sind.
Beste Grüße,
Christian
1. das war damals der aktuellste Beitrag. Welches wäre denn ein "gutes" Beispiel?
2. Die Bewertung bezieht sich auf das Video, in dem der intendierte Unterrichtsablauf beschrieben wird.
Es gibt in der Tat eine Menge Schüleraktivitäten. Dass diese Tatsache allein für uns kein Kriterium für (Unterrichts-)Qualität ist, haben wir versucht im Beitrag zu beschreiben.
An für sich finde ich den Einsatz von interaktiven whiteboards einen Schritt in die richtige Richtung, man muss ja technisch mit der Zeit und den Möglichkeiten gehen. Ich denke das man mit interaktiven Materialien bei den Schülern sicherlich eine höhere Aufmerksamkeit erzielt und warum sollte man den Unterricht nicht modern und spannend gestalten?
Einen Haken sehe ich jedoch ebenfalls in der Tatsache das bei interaktiven "Spielchen" immer nur ein oder eine begrenze Anzahl an Schülern wirklich aktiv wird und es für die anderen so ähnlich ist wie den Geschwistern beim Computerspielen zuzugucken...das könnte schnell zu Unaufmerksamkeit führen.
Gibt es diesbezüglich schon Studien welche das Verhalten von Schülern diesbezüglich analysiert haben?
mfg
Frank
So wird das nichts mit den Whiteboards. Ihr schlagendes Argument ist ihre Dynamik (Internet, Youtube, Datenbanken, On-Line sind allesamt Begriffe, die hohe Dynamik ausdrücken), und die kommen in statischen Unterrichtsentwürfen nicht zur Geltung.
(M)Ein Gegenvorschlag:
Der Lehrer "lehrt" kein Wissen mehr, sondern aquiriert den Unterricht primär durch sein "Können" und seine "Bildung": Er fordert die Schüler auf, Probleme und Aufgaben selbst mit in die Schule zu bringen und dem Lehrer als "Harte Nuss" vorzulegen. Es können dies Wahlplakate, Musikvideos, Gegenstände etc. sein - also Inhalte, die der Lehrer selbst nicht explizit vorbereiten konnte. Im zweiten Zug kommt dann eine Kompetenz zur Anwendung, die im modernen UNterricht immer noch völlig stiefmütterlich mißachtet wird: Die "Fragekompetenz" ist das Vermögen, kluge Fragen an einen Sachverhalt zu stellen, um das Thema und seine Facetten einer Betrachtung zugänglich zu machen, ihn zu strukturieren und interpretieren zu können. Für Bilder, Symbole und Filme sind dies bspw. die WIssenschaftsbereiche der (Bild)linguistik, der Film-/Theaterwissenschaft u.a. Die Fragen indes drängen natürlich auf Beantwortung, sodass es notwendig ist, externe Wissensspeicher zu öffnen. Das sind zunächst einmal die klassischen Lehrbücher, aber auch Monographien. Diverse Fragestellungen lassen sich auch (zusätzlich) selbst evaluieren.
Die Schüler lernen dabei am Beispiel des Lehrers, wie man einen Sachverhalt systematisch angeht, ein Problem strukturiert und recherchiert. Das Whiteboard steht automatisch nicht mehr im Mittelpunkt des Frontalunterrichts, sondern bildet die Schnittstelle von der Frage zur Recherche und Sammlung.
+snip+
Es ist, denke ich, einiges an Kritik zu diesem Vorschlag möglich. Insbesondere die Idee einer Richtline "Fragekompetenz" für Unterricht dürfte wenig im Einklang mit bisherigen Denkgewohnheiten stehen, denn diese Kompetenz kommt weder in der Fachliteratur noch in den Bildungsplänen vor. Dies kann aber kein Argument gegen einen Unterricht sein, der diesen Begriff favorisiert. Es wundert mich eigentlich nicht, dass im Sinne von "Non vitae, sed scholae discimus" Schüler kaum oder keinen Wissenstransfer zwischen Schulischem und Alltäglichem vornehmen. Den Schülern bringt die Schule die Lebenswelt deshalb nicht wieder, weil der Schüler gezielt zur Unmündigkeit erzogen wird, indem der Lehrer per Unterrichtsvorbereitung den wichtigsten Schritt - nämlich die Strukturierung von Welt vermittels Fragen an die Welt - vorwegnimmt. Unterricht bleibt so ein didaktisches Reste-Essen, bei dem ein fertig durchdachtes Themenmenü aufgewärmt ins Schülerhirn gelöffelt werden soll.
