Didaktik des Geschichtsunterrichts - nach H.D. Schmid
Entdeckendes Lernen: In den siebziger Jahren des letzten Jahrtausends goß Heinz Dieter Schmid seine Vorstellungen vom "Entdeckenden Lernen" in klare Konzepte (wobei die Vorstellung vom Entdeckenden Lernen eigentlich auf Jerome Bruner zurückgeht, doch für die Fachdidaktik Geschichte verdient eindeutig Schmid die Lorbeeren ) . Berühmtestes Manifest sind seine (inzwischen leider nicht mehr aufgelegten) Schulbücher "Fragen an die Geschichte" (4 Bde.); vor allem die zugehörigen Lehrerbände sind legendär. Bei ebay oder Antiquariaten im Internet findet man bisweilen den einen oder anderen Band.
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Eingetragen am 18.05.2004, 16:37 Uhr in Geschichtsunterricht | Fachdidaktik Geschichte |
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Didaktik des Geschichtsunterrichts - nach H.D. Schmid
Schwerpunkte:
- Entdeckendes Lernen
- Generalisierender Durchgang
- Exemplarische Auswahl
- Multiperspektivität
- Problemorientierter Unterricht
- Problemlösender Unterricht
- Frontalunterricht (=darbietend)
- Schüleraktiver Unterricht
- Darstellung von Wirkungszusammenhängen
- Gegenwarts- und Existenzbezug
*** Lernen findet im Unterricht statt, Ziel des Unterrichts vom reinen Wissen auf Qualifikationen verschoben, Baukastenprinzip (= Unterrichtsmaterialien, Themen, Aspekte unterschiedlich aufeinander zu beziehen)
*** Bemühen um größtmögliche Anschaulichkeit, Konkretheit und Offenheit durch: historische Denkmäler, historische Bild, historische Karten, Statistiken, Biographien, Quellen, Lehrmeinungen, Urteile
*** Für die Struktur einer Epoche wichtig: Universalgeschichtliche Relevanz, Epochenstruktur, Gegenwartsbezug
Verfahrensweisen:
- Genetisch-chronologisches Verfahren (Verlaufsdarstellung)
- Längsschnitte
- Strukturierende Verfahren
- Strukturierend-vergleichende Verfahren/Strukturwandel
- Fallanalysen
- Vergleichendes Verfahren
- Sozialbiographisches Verfahren
- Perspektivisch-ideologiekritisches Verfahren
Das Konfliktmodell: (sacherschließendes Kategorienraster)
1. Konflikt: Worin besteht die Gegnerschaft in der Situation/Aktion
2. Konkretheit: Worum geht es bei der Auseinandersetzung, Problem
3. Macht: Welche Macht kann zur Bewahrung des Zustandes oder zur Durchsetzung der Forderungen eingesetzt werden?
4. Recht: Welche Rechtsbeziehungen werden verletzt: altes Recht, neues Recht, das Verhältnis beider zum bestehenden Recht
5. Funktionszusammenhang: Wie wirkt sich die Situation / Aktion auf andere Situationen/Aktionen aus? Wer wird betroffen? Welche Folgen sind möglich?
6. Interesse: Welchen Vorteil haben die individuellen Mitspieler von dieser Situation/Aktion, Chancen für die Mitspieler
7. Mitbestimmung: Wer kann seinen Einfluß geltend machen
8. Solidarität: Welcher Gruppe nützt die Aktion
9. Ideologie: Welche Ordnungsvorstellungen liegen der Gruppe/Aktion zugrunde, Theorie der Ordnung, partikulare Interessen
10. Geschichtlichkeit: Welche geschichtlichen Faktoren bestimmen den Konflikt, welche historischen Auseinandersetzungen kommen im Konflikt zum Ausdruck
11. Menschenwürde: Wie wirkt eine Aktion auf die unmittelbar Betroffenen, Welche Rechte werden verletzt
Unterrichtsmethode und Lehrverfahren
1) Das expositorische Lehrverfahren nach Ausubel
Ziel schulischen Lernens: Aufbau eines umfangreicher organisierter Bestand an Wissen = kognitive Struktur, die einzelnen Wissenselemente stehen nicht unverbunden nebeneinander, sondern bilden ein hierarchisches System aufeinander bezogener stabiler, klarer, sinnvoller Bedeutungen
*** sinnvoll rezeptives Lernen: Das neu zu Lernende wird mit dem schon Gelernten einleuchtend verknüpft
unterrichtsorganisatorische Unterrichtsprinzipien
a) vorstrukturierte Lernhilfen: LV, Darstellung, Schema, gibt Überblick (chronologische Grobgliederung, systematischer Aufriß, gibt anschließend Verknüpfungen (verbal, schriftlich, Karten, Bild, kontroverse Urteile,...)
b) Prinzip der progressiven Differenzierung: allgemeine Begriffe werden zuerst dargeboten (Kategorien, Probleme, Konflikt, politische Argumentationen,...) und im weiteren Verlauf differenziert und konkretisiert
c) Prinzip der Konsolidierung: Übungsphase &Mac222; gelernte Begriffe (Revolution, Staatensystem, Menschen- und Grundrechte, Gewaltenteilung, Verfassungssystem) werden wiederholt, zusammengefaßt, geklärt/korrogiert, neue Anwendungsbeispiele
Ausubel nennt keine Phasenfolge, aber Formalstufen (Rein) stimmen mit Intentionen überein.
a) Vorbereiten
b) Darbieten
c) Verknüpfen
d) Zusammenfassen
e) Anwenden
—- Deduktion, Lehrerdominanz, Frontalunterricht
2) Das entdeckende Lernverfahren in Anlehnung an Bruner
Ziel schulischen Lernens: Aufbau einer kognitiven Struktur durch Erarbeitung eines Reservoirs für selbständige Problemlösungen
Unterrichtsorganisatorische Unterrichtsprinzipien:
a) Bereitstellung von offenen Problemsituationen; kognitive Konflikte/Dissonanzen
b) Ständiges Üben in der Bildung, Prüfung und Bewertung von Hypothesen
c) Beschreiben des Problemlösevorgangs durch die Schüler
d) Auswahl von Lerninhalten, exemplarischisches Lernen (= Durcharbeitung von Einzelproblemen zum Erwerb von allgemeinen Erkenntnissen)
Abfolge der Lernschritte:
a) Problemwahrnehmung
b) Hypothesenformulierung
c) Erkennen der logischen Folgerungen aus den Hypothesen
d) Analyse und Bewertung der Daten
e) Überprüfung der Hypothesen aufgrund der Daten: eine generalisierende Erkenntnis gewinnen
—> induktiv, Schülerzentrierung, arbeitsunterrichtlicher Formen
Variante Ausubel+Bruner: gelenktes Entdecken
Beispiele für die Lehrverfahren:
* Das expositorische Lehrverfahren:
* Das gelenkte Entdecken
* Das freie Entdecken
Unterrichtsformen:
- Lehrerdemonstration Ziel: Vermittlung und Einübung von Arbeitstechniken
- Arbeitsauftrag Vorbereitung des Problemgesprächs
- Fragen-entwickelnde Verfahren Ziel: Denkschulung, Erkenntnis, Problemerörterung
- Rundgespräch Ziel: Problemerörterung, Urteilsbildung, Wertung, Kritik, Identitätsfindung
Schüler lernen durch Nachahmen/Nachvollziehen
Denkanstoß (Fragestellung: jeder Schüler muss sie verstanden haben, von L. o. S. eingeführt) - Untersuchung (gezielte Fragestellung, evt. Mit Lösungshilfe)- Darstellung des Lösungsversuchs (Präsentation von Lösungsvorschlägen, mit dieser Phase ist die Sachanalyse abgeschlossen) - Erkenntnis-/Problemdiskussion (Reflexionsphase, Ergebnis der Untersuchung wird zur Ausgangsfrage in Beziehung gesetzt, Lehrer organisiert Denkprozeß, hebt den roten Faden hervor)
*** letzte Phase muss unbedingt noch in die gleiche Stunde (15-20)
- Denkgespräch im Zusammenwirken zwischen Schüler und Lehrer, L. soll S. zum Kern eines denkerischen Sachverhalts führen, auf eine neue Erkenntnisstufe—> Reflexion über das Erfahrene/Gelernte
- Informationsphase / Stillarbeit vorschalten
- Erkenntnisproblem (Materialimpuls, Lehreräußerung)
- Selbsttätiger Lernvorgang, Untersuchung der Problemstellung
- Diskussion (Gewinnung neuer Einsichten, Analogien zwischen verschiedenen Wissensbereichen, S. sollen die richtigen Fragen stellen lernen, Transfer)
1. Freier Projektunterricht: Vorplanung im Unterricht, Erkundung, dokumentarische Aufschließung und Vertiefung
2. Projektunterricht mit Buch: Materialien ausschließlich aus dem Buch, Lehrer wählt Materialien und Relevanzkriterien aus, Gruppenberichte
3. Arbeitsauftrag
Probleme des arbeitsteiligen Gruppenunterrichts:
* Berichtsphase: ungeübt, uneffektiv
* Regeln, die eingeübt werden sollten: Jedes Mitglied jeder Gruppe hat eine Aufgabe, Vorstellung der untersuchten Fragestellung, Nennung der Materialien, als Arbeitsergebnis eine knappe Zusammenfassung formulieren und den anderen Schülern als Ergebnis mitteilen, Zusatzfragen+Diskussion(inhaltlich/methodisch)
Soll häufig eine Fragestellung auslösen, wird anhand einer Leitfrage untersucht,
- Illustration, optische Ergänzung mit Bilduntertitel
- Motivation(?), unergiebig
Ziel: Erziehung zum Bilderlesen: kommunikativen Absichten eines Bildes entdecken, kritische Bildbetrachtung, Bildabsicht &Mac222; Bild als historische Quelle: Inhaltsanalyse, Quellenkritik (Wieweit liegen den Aussagen der Quelle aufgrund ihrer Traditionsgebundenheit und ihrer Strukturierungsfunktion Werturteile zugrunde, Welche Sachverhalte sind als tatsachen einzugrenzen) , Feststellung der Aussageabsicht, Standpunktbezogenheit
- Bildvergleich
- Bilddokumentationen
- Einzelbild—>Impuls/Motivation, Problemaufriß, Einstieg
- Kunstgeschichtliche Bilder: Architektur als Bedeutungs- oder Funktionsträger
- Schlüsselereignisse
- Kontinuitäten/Traditionen
- Thematische Bildreihe
- Selbstdarstellung
Die Beschreibung historischer Bildquellen: Evidenz und Vermutung
- Hauptsache und Nebensache unterscheiden (Symbolik, Größenverhältnisse, Personenkonstellationen)
- Von der Gesamtaussage zu den Einzelheiten
- Feststellbarkeit/Vermutung
- Historische Bildkritik (Urheber, Aussageabsicht, Zusammenhänge,...)
- Zusammenfassung durch den Lehrer mit Bezug zur Ausgangsfrage
Bild als Quelle der Lernzielprüfung:
- Erläuterung eines bekannten Bildes
- Vergleich eines bekannten Bildes mit einem unbekannten
- Feststellung einer Kontinuität/Wandels
- Aussage einer Quelle mit der eines Bildes/Statistik in Beziehung setzen
- Einen bekannten Sachverhalt in einem Bild wiedererkennen und beschreiben
- Schlußfolgerungen aus Bildvergleich ziehen, Zuordnung von Bildern und Begründung
- Bild entgegen seiner Aussageabsicht unter historischen Gesichtspunkten analysieren
Die Frage des Memorierens
Inhalte zueinander in Beziehung setzen, Vergleichen, Visueller Anreiz
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2 Kommentare von Lehrerfreund/innen
Hier sind die materialen zu h.d. schmidt.
lg wiebke
Die Darstellung ist sehr verdienstvoll.
Zur Ergänzung: Den 4. Band von “Fragen an die Geschichte” habe ich bei Cornelsen zusammen mit fast allen “alten ” Mitarbeitern 1999 überarbeitet. Er ist unter dem Titel “Fragen an die Geschichte: Das 20. Jahrhundert” bei Cornelsen neu aufgelegt worden und immer noch zu bestellen. Manchmal wird er auch fälschlicherweise als 3. Band bezeichnet.
Da ich auf diese Seite hier erst jetzt gestoßen bin, konnte ich dies bisher noch nicht mittteilen.
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