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Debatte ums Schulsystem

Eingliedrig, zweigliedrig, dreigliedrig?

Bushaltestelle - Bild: flickr-User Lars Zimmer,CC BY-NC-SA 2.0

Die (geplante) Zusammenlegung von Haupt- und Realschule in einigen Bundesländern befeuert die heftige Diskussion um das »beste« Schulsystem, - zumal auch die Bundes-CDU plötzlich von der Hauptschule abrückt. Welches aber tatsächlich das »beste« Schulsystem ist, weiß keiner so recht. Zahlreiche Argumente haben aber alle bei der Hand.

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Eingetragen am 05.07.2011, 10:49 Uhr in Nachrichten | Paedagogik | Zeitloses | Schulsystem |

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Das dreigliedrige Schulwesen - geliebt und gehasst

Der Pädagogikprofessor Heinrich Weinstock hat 1955 ein eingängiges, viel zitiertes Argument für das dreigliedrige Schulwesen in die Welt gesetzt:

Dreierlei Menschen braucht die Maschine: den, der sie bedient und in Gang hält, den, der sie repariert und verbessert, schließlich den, der sie erfindet und konstruiert. [...] Offenbar verlangt die Maschine eine dreigliedrige Schule: eine Bildungsstätte für die ausführenden, also zuverlässig antwortenden Arbeiter, ein Schulgebilde für die verantwortlichen Vermittler und ein solches für die Frager, sie [sic] so genannten theoretischen Begabungen.

Heinrich Weinstock (1955): Realer Humanismus, S. 121f, zitiert nach Christel Jungmann (2008): Die Gemeinschaftsschule: Konzept und Erfolg eines neuen Schulmodells, S. 36

Dieses in Deutschland realisierte System befindet sich im Umbruch: Haupt- und Realschulen werden vielerortens zusammengelegt. Ausgelöst hat diesen Trend nicht etwa pädagogische Einsicht, sondern eher der zur Verwaisung der Real- und Hauptschulen führende Schülerschwund. Dieser Schülerschwund ist nicht nur auf demographische Faktoren zurückzuführen, sondern auch auf den zunehmenden Anteil an Gymnasiast/innen (z.B. Schülerzahlen auch 2010/2011 rückläufig - Zahlen am Gymnasium aber steigend oder Steigende Schülerzahlen an Gymnasien): Rund die Hälfte aller Schüler/innen der Sekundarstufe I geht aufs Gymnasium.

Die Politiker/innen schlagen sich wegen dieser Fragen die Köpfe ein. Die traditionell dem dreigliedrigen Schulsystem verpflichtete CDU hat unter der neuen Schavanschen Knute einen erstaunlichen Kurswechsel vollzogen und plädiert für die Zusammenlegung von Haupt- und Realschule (allerdings mit innerer Differenzierung). Die CSU in Form des bayerischen Kultusministers Ludwig Spaenle möchte die Hauptschule weiterhin behalten und erhält dabei Rückendeckung von der FDP (wobei hier wie üblich rasante 180-Grad-Wenden nicht überraschen würden). Die Bundes-SPD dagegen proletet aus den sicheren Oppositionsrängen, die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen sei nicht genug und favorisiert das Konzept der Gesamtschulen - wie übrigens auch eine immer größer werdende Zahl von CDU-Politiker/innen. Die Grünen sind sowieso schon immer für die Einheitsschule oder zumindest für eine verlängerte gemeinsame Grundschulzeit - und haben dafür z.B. in Hamburg eine blutige Nase geholt.

Die schöne Dreigliedrigkeit

Neben konservativen Kräften in der Politik setzt sich u.a. der VDR (Verband Deutscher Realschullehrer) für die Beibehaltung des dreigliedrigen Schulwesens ein. In einem “Offenen Brief an Frau Bundesministerin Dr. Annette Schavan” befürchtet der VDR ein generelles Absinken des Bildungsniveaus in den zusammengelegten Haupt- und Realschulen und weist auf die Vorteile der in getrennten Schulformen möglichen Leistungsdifferenzierung hin:

Offensichtlich sehen hauptsächlich die Einheitsschulbefürworter den Schwenk zur Zweigliedrigkeit positiv und zollen Ihnen entsprechenden Beifall. Wir sehen uns dagegen verpflichtet - und wissen uns einig mit den Elternverbänden der Realschulen und Wirtschaftsvertretern, auch im Interesse der 1,4 Millionen Realschülerinnen und Realschüler sowie der knapp 1 Million Hauptschüler und Hauptschülerinnen nachdrücklich -, vor diesem Schritt zu warnen.
[...]
Sie selbst haben noch vor wenigen Jahren als Landesministerin das vielgliedrige, differenzierte Schulsystem mit guten Argumenten verteidigt und gleichzeitig erfolgreich weiter entwickelt. Wir sind uns gewiss, dass diese Argumente auch heute noch Gültigkeit besitzen.
[...]
1. Der Schülerrückgang, der im CDU-Konzept als Grund für eine Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen herhalten muss, wird alle Schularten mehr oder minder stark treffen. Warum man glaubt, Realschulen und Hauptschulen trotz völlig unterschiedlicher Anforderungsprofile und pädagogischer Konzepte einfach zusammenzuwerfen und zwangsfusionieren zu können und nicht nach anderen kreativeren Lösungen sucht, ist für uns nicht nachvollziehbar. [...]
3. Für uns steht außer Frage, dass mit der Zweigliedrigkeit Bildungsziel und Anspruchsniveau der Schulform Realschule aufgegeben bzw. deutlich abgesenkt werden und ein Fluchtverhalten von Realschülern an das Gymnasium eingeleitet wird. Für die Lösung des rein schulorganisatorischen Problems aufgrund des Schülerrückgangs soll die erfolgreich arbeitende eigenständige Realschule geopfert werden [...]
4. Wir sehen es mit großer Sorge, dass den betroffenen Realschülern und Realschülerinnen Bildungschancen entzogen werden. Der durchaus große Bildungswille dieser Schülergruppe läuft Gefahr, unterzugehen, denn eine fusionierte Haupt- Realschule wird in der Praxis in vielen Fällen keine durchgehende, anspruchsvolle und adäquate Differenzierung in allen Fächern für Haupt- und Realschüler anbieten können. [...]
6. Die Zusammenlegung von Realschulen mit Hauptschulen kostet Millionen Euro zusätzlich bei deutlich geringerem Fördereffekt, wie uns alle Bildungsstudien belegen. Für das Bildungswesen ergibt sich nach unserer Auffassung kein sichtbarer Vorteil, im Gegenteil, das Bildungsniveau sinkt [...]
7. Das Schlechtreden der Hauptschule und der Hauptschulbildung muss ein Ende haben. Hier wird von den Kolleginnen und Kollegen eine hervorragende pädagogische Arbeit geleistet und es werden sehr gute Schulerfolge erzielt. [...]
9. Mit der Zweigliedrigkeit würde sich die CDU trotz anderslautender Beteuerungen von einem differenzierten Schulangebot mit passgenauer und adäquater Förderung unterschiedlicher Begabungen verabschieden, was bisher die Stärke des Standorts Deutschland ausgemacht hat und um das uns viele Länder beneiden. [...]

Offener Brief an Frau Bundesministerin Dr. Annette Schavan

Den Vorteil individueller Förderungsmöglichkeiten in getrennten Schulformen sehen allerdings nicht alle:

Noch heute argumentieren die Verteidiger der Hauptschule, es gebe nun mal unterschiedliche Talente. Ob ein Kind “praktisch” begabt ist, spielt bei der Überweisung an eine Hauptschule allerdings überhaupt keine Rolle. Es geht nur darum, dass das Kind im Rechnen und Lesen (noch) nicht so gut ist wie andere. Statt es besser zu fördern, wird es mit anderen Schlecht-Lesern und Schlecht-Rechnern in eine Klasse gesteckt. Dieses System ist nicht wirklich differenziert. Es ist erschreckend schlicht und pädagogisch wenig ambitioniert.

sueddeutsche.de 28.06.2011: Bildungspolitik der CSU - Dreierlei Menschen braucht die Maschine?

Auch wenn der VDR in einzelne Punkten durchaus nicht Unrecht haben mag, zeigt der Brief an Frau Schavan exemplarisch das ganze Drama: Wenn Politiker/innen etwas zum Thema sagen, dann steht im Vordergrund nicht die Verbesserung von Bildung und Unterricht, sondern die Vertretung von Interessen - wie beim VDR die Interessen der Realschullehrer/innen oder bei der CSU die Interessen der Eliten.

Die schöne Zweigliedrigkeit

Die Zusammenlegung von Haupt- und Realschule zu einer “Oberschule” ist das neue Steckenpferd der CDU, der die bildungspolitischen Felle davonschwimmen. CDU-Bildungskommissions-Chef Roland Wöller (CDU, Kultusminister Sachsen) begründet den Umschwung mit empirischen Erkenntnissen:

Dass das funktioniert, zeigen ja die Pisa-Ergebnisse: Überall dort, wo wir bereits ein zweigliedriges Schulsystem haben, zeigen die Ergebnisse, dass es nicht nur richtig ist im Sinne der Leistungsfähigkeit, möglichst viele in einen möglichst hohen Abschluss zu führen, sondern es auch besonders chancengerecht ist, denn die Risikogruppe, also der lern- und kompetenzschwächeren Schüler in der Mittelschule in Sachsen ist so niedrig wie nirgendwo in Deutschland, und ich glaube, das ist der richtige Schritt, den wir damit gehen.

dradio.de 23.05.2011: ‘Zweigliedrigkeit ist das Modell der Zukunft’

Es ist immer schön, wenn man Zahlen hat, die das eigene Konzept belegen. Wie auch immer: Anhänger/innen der Einheitsschule sehen trotz aller Kritik (“Augenwischerei”) darin einen ersten Schritt hin zur Gemeinschaftsschule/Einheitsschule und sind deshalb in ihrem Widerstand nicht ganz so druckvoll, wie es ihrer Einstellung eigentlich entsprechen würde. Weiterhin bestehen bleibt im neuen Konzept der CDU jedoch ein zentrales Problem: die frühe Trennung von Dummen und Schlauen nach der vierten Klasse.

Pädagogische Superlösung: Die Einheitsschule

Im Gegensatz zu den Realschullehrer/innen interpretiert taz-Kommentator Christian Füller die Gemeinschaftsschule als Pädagogik für das 21. Jahrhundert und lobt den grün-roten Koalitionsvertrag in Baden-Württemberg. Ähnlich fühlt Marianne Demmer, stellvertretende Bundesvorsitzende der GEW. Schon 2007 wusste sie:

Wenn ich im Ausland das deutsche Schulsystem beschreibe, schauen mich meine Zuhörer meist ungläubig an und fragen: Ihr sortiert die Kinder mit 10 Jahren? Aber das ist doch viel zu früh. So früh kann man doch nicht festlegen, ob ein Kind später einmal eher Maurer, Zahnärztin oder arbeitslos wird. Das verstößt doch gegen die Kinderrechte, wenn unmündige Kinder bereits im Alter von 10 Jahren in verschiedene Schubladen und Schulformen sortiert werden und damit ihre Lebens-, Berufs- und Einkommenschancen bereits weitgehend festgelegt werden.
[...]
Jeder Mensch ist eben einzigartig. „Begabungsgerechte Förderung“ kann deshalb nur in Schulen erfolgen, die auf die Individualität der Kinder und Jugendlichen eingehen und sie gerade nicht in ein Schulformschema pressen.
[...]
Genauso unverdrossen und ungeachtet aller PISA-, TIMSS- und IGLU-Studien wird die konservative Legende verbreitet, man müsse im Unterricht die Kinder nach ihrer Leistungsfähigkeit sortieren, weil sonst die Starken unter- und die Schwachen überfordert würden. Ein Blick in jede beliebige Schulklasse zeigt bereits, dass bei gleichschrittigem Unterricht, d.h. allen das Gleiche zu gleicher Zeit und mit gleichen Tempo, diese Gefahr auch in jeder vorsortierten Klasse besteht.Die Sehnsucht nach der homogenen Lerngruppe ist unter Lehrerinnen und Lehrern weit verbreitet. Diese Sehnsucht kann in der schulischen Wirklichkeit aber nicht erfüllt werden, wie sich jeden Tag auf’ s Neue zeigt. Menschen – siehe oben – sind verschieden. Weil das auch in vorsortierten Schulklassen so ist, wird im deutschen Schulsystem unglaublich viel Zeit und Energie darauf verwendet, immer leistungshomogenere Lerngruppen zu bilden.
[...]
Völlig unstrittig ist, dass es kein früh sortierendes System gibt, das beides hervorbringt: gute Leistungsergebnisse und gute Chancengleichheitswerte. Das erbringen nur integrative Systeme.

Marianne Demmer: Legenden Mythen Diffamierung (PDF)

Was schließen wir daraus?

Schon die Diskussionen um mögliche Kombinationen von nur drei Schulformen sind, wie man sieht, ziemlich komplex. Wo die Wahrheit liegt, wissen wahrscheinlich die am wenigsten, die sie am lautesten verkünden. Hören wir zum Abschluss Roland Wöller, CDU:

“Die Erfahrungen aus Pisa haben gezeigt: Weniger ist mehr. Weniger Schulformen und weniger Schulreformen”, sagte Wöller dieser Zeitung. 96 verschiedene Schularten in Deutschland seien deutlich zu viel. Die Hauptschule ist für Wöller abgehakt, “ein Auslaufmodell”.

Der Westen 16.06.2011: CDU und SPD streiten um den Schulfrieden in NRW

Dann bleiben noch 95 Schulformen übrig. Der Weg ist noch lang.

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