Lehrertypen
Schaarschmidt unterscheidet vier Muster "arbeitsbezogenen Verhaltens und Erlebens" (auch: Beanspruchungsmuster). In der "Potsdamer Lehrerstudie" wurden 20.000 Lehrer/innen diesen Mustern zugeordnet. Dabei hat sich gezeigt, dass sich bei Lehrer/innen die Beanspruchungssituation mit den Dienstjahren deutlich verschlechtert. Und dass man eigentlich hätte Feuerwehrmann werden sollen.
Die Ergebnisse der “Potsdamer Lehrerstudie” hat Werner Prüher auf Lernen heute sehr lesenswert im Beitrag ‘Nirgendwo scheint die Lehrerarbeit wirklich gesund zu sein’ zusammengefasst (dort auch weiter führende Links). Grundlage des Artikels ist der empfehlenswerte Vortrag von Prof. Uwe Schaarschmidt: Beneidenswerte Halbtagsjobber? Aus den Ergebnissen der Potsdamer Lehrerstudie (pdf).
Vier Muster beruflichen Verhaltens und Erlebens nach Prof. Uwe Schaarschmidt | ||
| Muster | Anzahl | Merkmale |
| G ("gesund") | 17% | Die Person ist engagiert, ohne sich zu sehr involvieren zu lassen. "G" könnte auch für "gelassen" stehen: Einer recht hohen Arbeitsmoral steht eine ausreichende Relativierungsfähigkeit zur Seite.
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| S ("Schonung") | 23% | Die Person hat "innerlich gekündigt" - sie schont sich und steht beruflichem Erfolg gleichgültig gegenüber; dafür erfüllende Tätigkeiten außerhalb des beruflichen Umfeldes.
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| Risikomuster A | 30% | Die Person verausgabt sich, bekommt aber für ihre Anstrengungen zu wenig zurück, um genügend positive Erlebnisse zu haben - "Gratifikationskrise" (= Kombination von großem Arbeitseinsatz und ausbleibendem Erleben von Anerkennung).
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| Risikomuster B | 29% | Die Person ist deprimiert und unzufrieden; ähnlich wie bei Muster "S" engagiert sich die Person nicht im Beruf, allerdings mit dem wesentlichen Unterschied, dass trotzdem keine Distanzierung vom Beruf stattfindet.
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Interessant (aber nicht erstaunlich) ist die Vergleich über die Dienstjahre (siehe Bild, Klick zum Vergrößern): Die Beanspruchungssituation verschlechtert sich über die Dienstjahre deutlich, was gesundheitliche Verschlechterungen wie Burn-Out-Syndrom und Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit sich bringt. Als belastende Faktoren werden v.a. schwierige Schüler/innen, Klassengröße und hohe Stundenzahl genannt. Im Interview verweist Schaarschmidt auf die Wichtigkeit eines guten sozialen Klimas im Kollegium - das sei “der wichtigste entlastende Faktor”. Und das hängt, wie wir alle wissen, häufig von der Schulleitung ab: Ein neurotischer Rektor kann die Stimmung im ganzen Kollegium ernsthaft versauen.
Auffällig ist, dass schon bei Lehramtsstudierenden, Referendar/inn/en und Berufsanfänger/inne/n eine hohe Risiko- und Schonerquote zu konstatieren ist. Man beachte, dass sich die letzten zehn Dienstjahre nicht mehr viel tut - wahrscheinlich ist man als Veteran schon ganz und gar auf ein Muster eingependelt (sofern eine eindeutige Zuweisung möglich ist).
Gerade für Angehörige der Risikogruppen stellt sich die Frage, welchen Beruf man eigentlich hätte ergreifen sollen, um das Infarktrisiko zu minimieren. Auch darüber gibt Schaarschmidts Studie Auskunft (Grafik): Wem seine Gesundheit am Herzen liegt, sollte Feuerwehrmann oder Polizist [sic] werden. Aber auf keinen Fall Lehrer/in.
Beitrag vom 27.02.2008, 10:27 | diesen Beitrag versenden
Wenn ich die Kollegen und Kolleginnen aber den Typen zuordnen will, bekomme ich Schwierigkeiten. Zwar kann ich die Typen G, S und A einigermaßen (auch in den vorgestellten Mengenverhältnissen) zuordnen, mit Risikotyp B tue ich mich aber schwer, von unseren 18 würde ich intuitiv 2 da zuordnen (das wären 10%). Wahrscheinlich, so meine Vermutung, ist Typ B sehr häufig unter dem Schonungstyp versteckt - man denkt, wie entspannt ist der/die denn, reißt sich in der Schule kein Bein raus, und in Wirklichkeit ist er/sie innerlich schon völlig resigniert. Spannendes Thema!
Aber gut, das sind ja alles fließende Kategorien, denke ich. Es gibt sicher keinen, der sich genau einem Muster zuordnen lassen wird.
Diese Saisonarbeit führt zu der skizzierten Entwicklung: Eine Woche Entspannung reicht einfach nicht, um 6 Wochen Superdauerstress zu kompensieren.
Der Schichtarbeiter macht Scherze!
Schichtarbeiter schrieb: "Ich würde sagen, 6 Wochen Schule am Stück ist wesentlich härter als 6 Wochen in der freien Wirtschaft als Manager."
Zwar arbeiten Leher hart, aber der obige Vergleich funktioniert höchstens mit einem Angestellten in der Dienstleistungsbranche. Ich schätze, der Kollege überblickt den Alltag eines Managers der freien Wirtschaft nicht. Schon mal etwas von harter Konkurrenz und Verantwortung für andere Menschen gehört? Erst informieren, dann vergleichen!
Diese Abhängigkeit wird sicherlich von vielen als Machtlosigkeit und Ausgeliefertsein empfunden und führt zu Risikomuster A und B. Dazu kommt, dass bei Lehrern "Erfolg" schwer zu definieren ist. Auch wenn man sich noch so sehr reinhängt, wird das eben sehr häufig nicht mit Erfolgserlebnissen belohnt.
Dafür bleibt uns - und das wird vor lauter (berechtiger) Klagen oft vergessen - zumindest die Existenzangst vieler Leute in der freien Wirtschaft erspart, und das ist unschätzbar!
Es fehlt neben den einzelnen fachlichen Eignungstests mit Sicherheit eine Art psychologischer Belastungstest. Wäre ja auch ein Schutz für jeden einzelnen; denn wenn einen die Schule krank macht, was hat man dann davon?
Weitere Bemerkung zu der Lehrer-Manager Problematik:
Ich glaube, man kann da nicht alle über einen Kamm scheren. Es gibt unterschiedliche Schulen in unterschiedlichen Gebieten (Vergleich Haptschule in Berlin-Neukölln und "Landschule in Bayern")mit ihren unterschiedlichen Schülertypen. Aber im Allgemeinen nehmen sich Lehrer vielleicht auch immer ein wenig zu wichtig. Wer denkt an den Arzt, der morgens um 7 auf der Matte steht und am nächsten Tag am späten Nachmittag die Klinik verläßt, abgesehen mal davon, dass es wohl eine größere psychische Belastung ist, Tag täglich mit Leben und Tod zu kämpfen als einen Schüler mit einer schlechten Note nach Hause schicken zu müssen. Wer denkt an die vielen Selbstständigen, die kleinen Mittelständigen Unternehmen, die 8 Stunden am Tag arbeiten und Abends noch die Abrechnung bis in die Nacht machen. Es gibt natürlich Berufe bei denen man sich zurücklegen kann und bei anderen eben nicht und mal ehrlich, da hat es ein Beamter schon leichter als ein Beruf in der freien Wirtschaft.
Jeder Beruf ist anstrengend, wenn man ihn richtig ausführt, aber ich denke, der Beruf ist weniger stressig, wenn man ihn liebt, oder?
Du hast sicher in mancher Hinsicht nicht ganz unrecht, aber ich finde es nicht gut, dass man immer wieder die berechtigten Klagen gerade der sehr engagierten Lehrer damit abtut, dass sie sich zu wichtig nehmen... Ich liebe meinen Beruf auch und moechte mit kaum jemandem tauschen, doch nach mittlerweile 5 Jahren Vollzeit bei zwei Korrekturfaechern (D /E) kenne ich andererseits auch das Gefuehl, mal wieder voellig an seinen Grenzen angekommen zu sein. Die Liebe zum Beruf und die (wie gesagt) auch von mir hoch geschaetzte Jobsicherheit machen nicht alles wett! Durch teilweise riesige Klassen, deutlich erhoehtes Deputat und viele weitere fuer uns ueberwiegend negative Neuerungen sind Belastungen entstanden, die meiner Meinung nach nur derjenige wirklich beurteilen kann, der bereits in der Muehle drinsteckt.
Zum Thema psychologischer Belastungstest im /vor dem Studium: So was wird m.E. nicht die gewuenschten Ergebnisse bringen, denn ein Test kann nicht das simulieren, was tatsaechlich den Berufsalltag ausmacht, sondern ist eine Momentaufnahme eines noch jungen Menschen, der zudem meist noch frei ist von Familie und anderen Zusatzfaktoren. Man weiss erst dann, wie und ob man wirklich klar kommt, wenn man bereits mittendrin steckt - und dann muss man halt Strategien entwickeln... Ich stimme zu, ohne Liebe zum Beruf, zu den Kids und nicht zuletzt zu den eigenen Faechern kann man eigentlich nicht dauerhaft gluecklich werden (auch das gilt wohl fuer jeden Beruf), aber das Schlimme ist doch, dass gerade besonders motivierte, idealistische Lehrer, die versuchen, alles zu geben und es allen recht zu machen, nach einigen Jahren ausbrennen. Woran liegt das wohl?
Solche meist jungen Typen gibts auch an jeder Schule, schnell wird sich aber angepasst, um nicht zum Einzelgänger zu werden.
(Zitat (#11)Uta: "Durch teilweise riesige Klassen, deutlich erhoehtes Deputat und viele weitere fuer uns ueberwiegend negative Neuerungen sind Belastungen entstanden, die meiner Meinung nach nur derjenige wirklich beurteilen kann, der bereits in der Muehle drinsteckt.")
immer nur jammern, aber sehr unsolidarisch sind und nicht gemeinsam versuchen die im Zitat genannten Missstände zu verändern, sondern stattdessen noch verschiedentlich durch Mobbing den Frust/ die Belastung erhöhen. Ich denke es gibt viel zu wenig ehrliche Kommunikation und Zusammenhalt gegen Missstände unter den Kollegen. Auch ein Beamter sollte politisch/gesellschaftlich denken und handeln und nicht nur jammern.
Weiterhin schrieb Uta:
"...aber das Schlimme ist doch, dass gerade besonders motivierte, idealistische Lehrer, die versuchen, alles zu geben und es allen recht zu machen, nach einigen Jahren ausbrennen. Woran liegt das wohl?"
Vielleicht sollte man nicht der Typ sein immer allen alles recht zu machen, sondern lieber seine Meinung vertreten und versuchen andere zu überzeugen gleich oder ähnlich wie man selbst zu handeln.
Doch langsam nervt es, dass Lehrer über ihre Belastungen
(Zitat (#11)Uta: "Durch teilweise riesige Klassen, deutlich erhoehtes Deputat und viele weitere fuer uns ueberwiegend negative Neuerungen sind Belastungen entstanden, die meiner Meinung nach nur derjenige wirklich beurteilen kann, der bereits in der Muehle drinsteckt.")
immer nur jammern, aber sehr unsolidarisch sind und nicht gemeinsam versuchen die im Zitat genannten Missstände zu verändern, sondern stattdessen noch verschiedentlich durch Mobbing den Frust/ die Belastung erhöhen.
Ja, jammern hilft nicht, aber was sonst? Du glaubst doch nicht im Ernst, dass Kollegien sich zusammentun, diese Missstände zu verbessern, da ja immer nur die gleichen so belastet sind. Siehe z.B. das neue G8 Abitur in Bayern: im Jahr 2011 müssen zwei Abiturjahrgänge in 3 Monaten nebst Schulaufgaben mit je nach Schule bis über 200 Abiturienten korrigiert werden, und das bei verpflichtenden Abiturfächern D, M und Fremdsprache für alle. Wer korrigiert das wohl alles? Die Sportlehrer? Erklären sich die solidarisch und korrigieren mit? Oder glaubst du Kollegien bleiben ruhig, wenn Pflichtstundenzahlen der Fächerkombination angepasst werden?
 
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