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Leistungsbeurteilung in der Schule (Skript)

Tagtäglich taumeln tausend Lehrpersonen auf dem schmalen Grat zwischen Objektivität und Subjektivität entlang - und das betrifft leider nicht nur die mündlichen Noten.

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Eingetragen am 17.05.2004, 03:19 Uhr in Korrigieren | Paedagogik |

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Skript zu Wengert: Leistungsbeurteilung in der Schule, in Bovet/Huwendiek: Leitfaden Schulpraxis, 1994:(Seitenangaben im Strom der Zeit untergegangen)

Geschichte

Schulzensuren in heutiger Form erst seit 19. Jh. (vorher: Benefizienzeugnis, das bei Bedarf ausgestellt wird: v.a. Fleiß, Gottesfürchtigkeit, Verhalten)

Funktionen der Notengebung

*** Leistungsprinzip
Preußen 19.Jh.: ind. Leistung soll Zugang zu gesellschaftl. Positionen bestimmen
Deshalb auch: Berechtigungs-/Selektionsfunktion
*** Sozialisierungsfunktion
Einsicht, dass Leistungen selbst verursacht sind; Entstehung eines Leistungsselbstbildes; Auswirkungen auf Selbstbewusstsein
*** Rückmeldefunktion
S bekommt Auskunft über Stand seiner Lernbemühungen
*** Berichtsfunktion
für Eltern
*** Anreiz-/Disziplinierungsfunktion
Belohnung/Strafe -> Anreiz, sich mit Lernstoff auseinanderzusetzen

Bezugsnormen

- Schulklasse als Vergleichsgruppe
- Gaußsche Normalverteilung (stimmt nur bei sehr großen Populationen) -> man erwartet sie, Abweichungen sind aber keineswegs unnatürlich (unrepräsentative Gruppe, guter/schlechter Unterricht)
- Individuelle Bezugsnorm: Vergleich des S mit sich selbst (zu früherem Zeitpunkt) -> Waldorfschule (päd. Bericht: kein Vergleich mit anderen, sondern mit sich selbst)
- Kriteriumsorientierte Bezugsnorm: Lernleistung wird an Lernziel gemessen (bei Lernzieltests wäre am besten nur 2 Noten: erreicht / nicht erreicht)

Gütekriterien: Objektivität, Reliabilität, Validität

** Objektivität
Beurteilungsspielraum bei der Korrektur muss möglichst klein sein Erwartungshorizont oder Gewichtungen vorher festlegen).

** Reliabilität (Zuverlässigkeit - Schüler hat gepokert und gerade Thema X nicht gelernt)
Grundsatz: Je mehr verschiedene Einzelaufgaben zu einem Lernbereich, desto zuverlässiger das Ergebnis (Vokabeltests!)

**Validität (Gültigkeit - Fremdeinflüsse)
z.B. Diktat: Fehlerzahl hängt auch von Schreibgeschwindigkeit ab; unkontrollierter (!) Einfluss von Handschrift, Rechtschreibung usw. (wenn vorher nicht klar gemacht wurde, dass dies Beurteilungskriterien sind!)
—- Hilfe: Operationalisierte Lernziele (aber: es muss ein Zusammenhang mit Unterricht da sein!)

Schwachstellen bei der Notengebung

—————————————- systembedingte————————————-
*** Skalenqualität
Ziffernnoten sind weniger exakt als angenommen: ist 2 gleich weit von 1 entfernt die 5 von 4? Durchschnitte sind ungenau (einer, der eine 2 und eine 4 schreibt, ist der 3?)
—-> bei Zwischenfällen entscheidet nicht die Stelle hinter dem Komma, sondern die päd. Verantwortung des Lehrers!
*** klassenbezogener Maßstab
Untersuchungen haben gezeigt: Lehrer bringen zwar S in einer Klasse mit Noten zuverlässig in eine Rangreihe, aber KAUM vergleichbar mit anderer Klasse -> mittelmäßiger S bekommt in schlechter Klasse ganz gute Noten, in guter Klasse bleibt er vielleicht sitzen!

————————————subjektive Fehlerquellen——————————-
*** Einfluss von Vor- und Zusatzinformationen
sogar bei Rechtschreibung oder Mathe ! (Untersuchung)
*** Sympathie und Geschlecht
variiert von Lehrer zu Lehrer;
außerdem Untersuchung, in der Mädchen GENERELL besser beurteilt wurden (auch von Lehrerinnen!)
*** Halo-Effekt
Mitarbeit, Sprachfertigkeit, Handschrift, Höflichkeit, Ordentlichkeit usw. beeinflussen Notengebung
*** stabile Beurteilungstendenzen
Milde-/Strengeeffekt, Tendenz zur Mitte (der gibt immer gute Noten)
*** Reihenfolgeneffekte
erste Note in mündl. Prüfung setzt meistens Maßstab für nachfolgende Prüfungen; außerdem wichtig: wer kommt vor/nach einem?

Notengebung in der Praxis

——SCHRIFTLICHE Überprüfungen
*** Erstellen der KA
- größere Anzahl unabhängiger Aufgaben (Reliabilität)
- auf geeignete Taxonomiestufen achten
- schwierigkeitsgestaffelter Aufbau
- nicht zu lange (Zeitproblem -> Validität eingeschränkt)

—- MÜNDLICHE Leistungen
-> müssen sich auf echte mündliche und nicht auf verkappte schriftliche Leistungen beziehen: Abfragen, alle schreiben es auf, einzelne lesen vor -> mN muss aus Gesprächssituation (mit Nachhelfen, Nachfragen usw.) ergeben
-> müssen eingefordert werden (nicht: schlechte Note, weil er sich nie meldet)

*** Vorteile mündl. Noten
—- erfassen Kontinuität des Lernens (vs. punktuelle schriftl.)
—- Leistung kann genauer festgestellt werden (nachfragen usw.)
—- unmittelbare Rückmeldung
—- Chancenausgleich (für die, die Angst bei schriftl. Haben)
—- besondere Leistungen können belohnt werden
—- können Anreiz zur U-Beteiligung sein

*** Nachteile mündl. Noten
—- L ist Hauptakteur, kann nicht unbeteiligt beobachten
—- kein direkter Vergleich mit anderen Leistungen (einmalige Leistungsüberprüfung)
—- weniger exakt und valide als schriftl., weil Schätzurteile
—- können nicht überprüft werden durch wiederholte Korrektur (wie bei schriftl.)
—- Erinnerungsverfälschung: wenige herausragende Ereignisse können Note beeinflussen (v.a. wenn langer Zeitraum zwischen Leistung und aufschreiben)
—- Halo-Effekt!!!
—- Erwartungseffekt (von schriftl.)
—- häufig beeinflusst vom Milde-Effekt

Verfahren zur Feststellung mündl. Noten
*** Abfragen (Tipp: S durch Zufall bestimmen lassen; vorher Frage festlegen)
*** Eindrucksnoten über bestimmten Zeitraum (nicht zu großer Zeitraum wegen Erinnerungsverfälschung)
*** Einleitende Wiederholungsgespräche (mit ganzer Klasse, man achtet auf 2 oder 3 zuvor vorgemerkte S)
*** Strichliste - nach jeder Stunde Striche für besonders gute mündl. Leistungen (-> dann: Eindrucksnoten)
*** Referat (dazu kommt: Reaktion des S auf Nachfragen usw.)

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8 Kommentare von Lehrerfreund/innen

(#1) joey meinte am 13.06.2004, 0:02 dazu:
" 

Hier hat sich aber wirklich jemand Gedanken gemacht. Falls Du des Englischen mächtig bist, Kollega: ich empfehle das Buch “Teaching as a subversive activity” (Autoren Weingartner / Postman)
Gruß und herzliches Beileid für die fortbestehende Sklaverei in einem komplett antiquierten System!

Jo Perrey

OStR a.D. / Schulrechtsexperte

(#2) Der Lehrerfreund meinte am 13.06.2004, 3:41 dazu:
" 

hm. klar, das haben wir im referendariat mal angefertigt, ein paar sachen sind doof. aber andererseits ist doch so ein bisschen formalisierung gar nicht schlecht. sonst haetten wir keine reflexionsgrundlage und muessten einfach eindrucksnoten machen.

(#3) max meinte am 02.04.2005, 12:47 dazu:
" 

Super seite! Danke. Hat mir für die Prüfungsvorbereitung geholfen.

(#4) Thomas meinte am 24.08.2006, 15:55 dazu:
" 

Kann ich toll gebrauchen für meine Prüfung in allgemeiner Didaktik! Danke!!!

(#5) Student meinte am 12.09.2007, 12:04 dazu:
" 

Sehr gut…ein Prüfungsthema von mir.
Merci

(#6) Petzi meinte am 19.09.2007, 14:01 dazu:
" 

Gibts zu diesem Thema auch gute Literatur?
bräuchte ich nämlich….

(#7) Jürgen Peschek meinte am 18.11.2007, 17:15 dazu:
" 

Wenn man uns Lehrer (zu Recht) an den Karren fahren kann, dann durch unprofessionelle Notenermittlung. Ich empfehle z.B. das Buch von Kubinger, Jäger: Schlüsselbegriffe der Psychologischen Diagnostik, indem die Gütekriterien für Test ausführlich beschrieben werden. Wer´s eilig hat möge unter www.stellwerk-check.ch nachschauen. Dort wird im Bereich “Lehrende” auf Gütekriterien ausführlich eingegangen.
Ansonsten gilt die Regel: Lieber einmal sich die Mühe gemacht einen guten MC-Test konstruiert, als irgendwelche interpretationsoffene Fragen zwischen Tür und Angel hingekritzelt. Bei der geringen Testanzahl ist solch ein Verhalten nicht tolerabel.

(#8) Matthias Schulz meinte am 16.06.2008, 19:30 dazu:
" 

Hey,

dafür gibt’s schon lange eine wirklich praxisbewährte Lösung: http://www.testsuite.de  tongue wink

Vergleichbare, fächerübergreifende, moderne, flexible, einfache und faire Leistungsbewertung.

—-
Das Feedback einer Note soll nicht undifferenziert über “gut” oder “schlecht” entscheiden. Es soll gezeigt werden, ob der Schüler eher im Kenntnisbereich oder eher im Kompetenzbereich seine Entwicklungspotenziale hat [...]

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