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Ablenkungsmanöver?

Später Unterrichtsbeginn: Langschläfer-Schwachsinn jetzt auch in NRW

In NRW können die Schulen ab sofort selbst entscheiden, ob der Unterricht später als bisher beginnen soll, das hat die Landesregierung entschieden. Da eigentlich niemand das wirklich will, drängt sich der Verdacht auf, dass es sich bei der Diskussion einfach nur um eine schöne Ablenkung von den tatsächlichen Missständen im deutschen Schulsystem handelt.

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Eingetragen am 27.03.2009, 12:46 Uhr in Nachrichten |

7 x kommentiert, 753 x gelesen in 2012. Diesen Beitrag kommentieren.

Die Schüler-Abstimmung in Berlin über einen späteren Schulbeginn hat für Aufsehen gesorgt, und prompt zieht die Landesregierung Nordrhein-Westfalen nach: Bisher musste der Schulunterricht morgens zwischen 7.30 und 8.30 beginnen, ab sofort dürfen Schulen selbst entscheiden, ob der Unterricht später beginnt.

Es ist nicht verwunderlich, wie bereitwillig Politiker/innen diesen Schwachsinn aufgreifen und befördern. Denn durch die Argumentation “früherer Schulbeginn = schlechtere Leistung” kann die Politik einen Teil der Verantwortung für die Bildungsmisere abwälzen.

Auch wenn die Wissenschaft nachgewiesen hat, dass Schüler/innen leistungsfähiger sind, wenn sie länger schlafen: In Baden-Württemberg hat 2008 jede/r dritte Abiturient/in mit einer 1 vor dem Komma abgeschlossen. Ist es wirklich erforderlich, die Schüler/innen noch leistungsfähiger zu machen? Natürlich nicht. Die Argumente für einen späteren Schulbeginn sind rein emotionaler Natur: Jede/r möchte morgens einfach gerne länger schlafen. Dabei wiegen die Argumente gegen einen früheren Schulbeginn weitaus schwerer (Lehrerfreund 26.03.2009: Schüler/innen wollen nicht länger schlafen.)

Keine/r will wirklich einen späteren Schulbeginn

Aus diesem Grund nimmt auch niemand (außer Anhängern des antiautoritären Erziehungsstils) diese Idee tatsächlich ernst:

  • Die Schüler/innen wollen nicht länger ausschlafen, weil ihnen die mittägliche Freizeit wichtiger ist (-> Abstimmung in Berlin).
  • Die Lehrergewerkschaften lehnen die Idee aus ganz pragmatischen Gründen ab:
    “Es müssten viele Änderungen im Tagesablauf von Eltern und Kindern vorgenommen werden, um eine Betreuung der Schüler am Morgen zu gewährleisten”, erklärt Berthold Paschert, Pressesprecher der GEW in NRW. Schließlich würde es für Berufstätige mitunter schwierig, den Arbeitsbeginn entsprechend dem Schulstart zu verlagern.

    wdr.de 27.03.2009: Unterrichtsbeginn auch später möglich

  • “Schlafforscher/innen” fordern lauthals eine Verschiebung des Unterrichtsbeginns nach hinten - das zumindest liest man in Zeitungen und im Internet. Die tatsächliche Forderung der “Schlafforscher/innen” sieht jedoch etwas anders aus:

    Allerdings halten sie einen späteren Schulstart nur an Ganztagsschulen für sinnvoll, da ansonsten der Unterricht in das Konzentrationsloch in der Mittagszeit verschoben werde.

    AFP 26.03.2009: NRW erlaubt Unterrichtsbeginn auch nach 8.30 Uhr

  • Auch Schulleiter/innen haben keinerlei Interesse an einer entsprechenden Neuregelung. Die Meinung eines Schulleiters:

    Wenn der Unterricht jetzt auch noch später beginnt, bleibt nachmittags und abends noch weniger Zeit für Sportvereine, Jugendgruppen, Treffen mit Freunden und Hausaufgaben”, argumentiert er. Wenn der Unterricht später beginne, müsse das ganze Konzept Schule neu überdacht werden. “Dann müsste man sich fragen, wie man Dinge wie Jugend- und Vereinsarbeit sowie Hausaufgabenbetreuung in das Schulleben integriert”, so Stephan. Auch gibt er zu bedenken, dass viele Eltern ihre Kinder auf dem Weg zur Arbeit in der Schule abliefern. “Wenn wir erst um 9 Uhr anfangen, stehen die meisten vor einem großen Problem.”

    RP-Online 27.03.2009: Schulbeginn erst um Neun?

  • Auch Lehrer/innen sind für die Idee nicht zu begeistern. Wer erst um 16 Uhr aus der Schule kommt, der ist zwar ausgeschlafen, verbringt aber den gesamten Resttag mit Korrekturen und Unterrichtsvorbereitung.

Fazit

Es wäre schön, wenn die Unausgeschlafenheit der Schüler/innen tatsächlich für die Mängel im deutschen Bildungssystem verantwortlich wäre. Das ist sie aber nicht, und das ist allen Beteiligten irgendwie klar. Da die Idee des langen Schlafens natürlich höchst attraktiv ist, diskutieren alle erhitzt mit. Dabei wäre es doch viel sinnvoller, wenn man diese Energien für die wirklich kritischen Themen einsetzen würde.

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7 Kommentare von Lehrerfreund/innen

(#1) mrdubelina meinte am 27.03.2009, 19:25 dazu:
" 

Liebe Kollegen,

ich stimme dem Argument zu, dass die Zeit des Unterrichtsbeginns günstig für die Eltern ist, die ja schließlich zur Arbeit müssen.
Allerdings halte ich es nicht für “Schwachsinn” über den Zeitpunkt des Unterrichtsbeginns nachzudenken. Die Schüler könnten zum Beispiel früh kommen und dann in der ersten Stunde ihrer Anwesenheit Frühstücken, Hausaufgaben machen, sich austauschen. Vom Start weg mit Stoff loszulegen halte ich für keine Strategie, die Lust auf Lernen macht.
Natürlich wäre das auch DIE Gelegenheit, Arbeitsplätze für Lehrer zu fordern und die Schule als Lebensraum zu begreifen und entsprechend organisatorisch umzudenken.

Alle Anliegen sind natürlich immer wichtig. Aber davon auszugehen, dass deshalb immer ein anderes angegangen werden muss, als was gerade diskutiert wird, könnte sich kontraproduktiv auswirken.

Gruß
mrdubelina

(#2) Mister M. meinte am 28.03.2009, 16:46 dazu:
" 

@mrdubelina:
“Natürlich wäre das auch DIE Gelegenheit, Arbeitsplätze für Lehrer zu fordern und die Schule als Lebensraum zu begreifen und entsprechend organisatorisch umzudenken.”

Wir sind doch hier in Deutschland! Dem Land der verbeamteten faulen Säcke, die nachmittags frei und andauernd Ferien haben. Selbst wenn der Unterricht eine Stunde später beginnt und man vorher eine Stunde “gemeinsames Frühstücken” einführt, wird das weder zu besseren Arbeitsmöglichkeiten an der Schule noch zu Neueinstellungen führen: Das einzige was passieren würde, wäre, dass DU halt eine Stunde länger an der Schule bist. Und wenn die Schule das Frühstück bezahlen sollte, müsstest DU das als geldwerten Vorteil zusätzlich versteuern.

Immer dran denken: DU BIST (in) DEUTSCHLAND!

(#3) Fontanefan meinte am 28.03.2009, 19:21 dazu:
" 

Die Abschaffung der Sommerzeit wäre freilich schon eine große Hilfe, ohne dass man große organisatorische Veränderungen vornehmen muss.
So ganz Unrecht haben die Schlafforscher nämlich nicht mit dem Hinweis, dass der fühere Arbeitsanfang so natürlich nicht ist.

(#4) Ali meinte am 29.03.2009, 12:14 dazu:
" 

ich stimme dem Artikel nicht zu.

1. Halte ich es nicht für “Schwachsinn”. Warum sollen wir nicht leistungsfähigere Schüler haben? Man sollte es durchaus in Erwägung ziehen und die Schüler auch mitentscheiden lassen.

2. Wollen Schüler schon länger schlafen bzw. später aufstehen. Was sie nicht wollen - und das hat auch das Ergebnis aus Berlin gezeigt - sie wollen nicht später zu Hause sein.

(#5) Nachtfalter meinte am 30.03.2009, 2:33 dazu:
" 

Bin für die Möglichkeit eines verschobenen Unterrichtsbeginns.
1. Unterrichtsbeginn ist eben nicht das gleiche wie Schulbeginn. Wenn man als Lehrer trotzdem zur gewohnten Zeit in der Schule erscheinen würde, hätte man eine halbe bis ganze Stunde mehr Zeit, sich auf den Unterrichtstag einzustimmen und einzustellen. Ich fand es immer stressig, kurz vor Unterrichtsbeginn zu erfahren, dass ich statt einer Freistunde, in welcher ich Experimente aufbauen oder Tabletts für die Schüler vorbereiten wollte, in irgend eine Klasse zur Vertretung gehen sollte, um dort irgend ein nebulöses Fach zu unterrichten. An solchen Tagen hätte ich es mir immer gewünscht, noch ein wenig mehr “Bedenkzeit” zu haben. Wer nun meint, man könne ja bereits seine Versuche grundsätzlich am Vortag komplett aufgebaut und vorbereitet haben, muss eingestehen, dass der Anspruch nicht immer umsetzbar ist. Manchmal muss man eben erst einmal seine Tests durchgesehen haben, um zu entscheiden, wie die nächste Stunde laufen soll.
2. Den Vorschlag, den Schülern Gelegenheit zum Frühstück und zum Austausch vor Unterrichtsbeginn zu geben, finde ich wunderbar.
3. In Berlin gibt es in einigen Gebieten auch verkehrstechnische Probleme durch den zeitgleichen Beginn. Schüler berichten immer wieder, dass vollbesetzte Busse gar nicht mehr die Türen geöffnet hätten und an den Haltestellen vorbeigefahren seien, bis sie an der ersten Schule ankamen. In dieser halben Stunde vor Unterrichtsbeginn sind alle Busse draußen, kein einziger mehr auf dem Hof. Ein lediglich um eine halbe Stunde versetzter Beginn würde das Problem lösen und für bessere zeitliche Verteilung des Schülerverkehrs sorgen.
Also denke ich, dass es durchaus für weniger Stress sorgen kann, hier freiere Entscheidungen zu erlauben. Ich selbst schaffe in einer Stunde vor Unterrichtsbeginn mehr als nach Unterrichtsende. Aber ich habe auch nie zu denjenigen Lehrern gehört, die nach Schulschluss noch vor den Schülern durchs Schultor ins Freie drängen.

(#6) Jossi meinte am 30.03.2009, 23:36 dazu:
" 

Das Institut für Medizinische Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München bietet unter http://www.bioinfo.mpg.de/mctq/core_work_life/core/introduction.jsp?language=deu die Möglichkeit, online an einer Untersuchung zum individuellen Tages- und Nachtrhythmus teilzunehmen. Anschließend bekommt man die Ergebnisse der bisherigen ca. 25.000 Teilnehmer in Form einer hübschen Gaußschen Normalverteilung angeboten. Was mich dabei sehr verblüfft und nachdenklich gemacht hat: Ich war bisher immer der Meinung, eine extreme Nachteule zu sein, und musste jetzt feststellen, dass ich ein “Normaltyp” bin. Für über die Hälfte der Menschen liegt demnach die natürliche Aufwachzeit zwischen 7:30 und 8:30 Uhr. Da drängt sich doch die Vermutung auf, dass unser preußisch-deutscher Frühaufsteherkult (den man ja z.B. in Großbritannien so nicht kennt) nicht wirklich gesund sein kann.

(#7) In der falschen Schule gibt es keinen richtigen Un meinte am 28.04.2009, 15:31 dazu:
" 

Zitat:  Wenn der Unterricht später beginne, müsse das ganze Konzept Schule neu überdacht werden.

Au mann, genau das ist es. Also ist das eigentlich ein Argument dafür, dass der Unterricht später beginnt.

Man schaue sich doch einfach mal ein paar Konzepte erfolgreicher Reformschulen an…

Im Übrigen sind viele an der Schule Arbeitenden inzwischen vollkommen “betriebsblind”

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