Rechtschreibreformreform - Wir dürfen schreiben, wie wir wollen!
Die Kultusministerkonferenz hat die Änderungsvorschläge des Rats für deutsche Rechtschreibung gebilligt. Effekt: Alle pfeifen auf das Regelwerk. Sogar DeutschlehrerInnen.
Wie geht es jetzt weiter?
Ab 01.08.2006 stellt die reformierte neue Rechtschreibung (amtliche Sprachregelung: “deutsche Rechtschreibung in der Fassung von 2006”) verbindliche Grundlage des Unterrichts an Schulen dar, auch Bayern wird diesmal mitziehen. Bis zum 31.07.2007 werden Schreibweisen, die durch die amtliche Regelung (Stand 2006) überholt sind, nicht als Fehler markiert und bewertet. Also wieder mal eine Übergangsphase - diesmal in Dauer eines Jahres.
Reaktionen
Schulbuchverlage
Am meisten kotzt es natürlich die Schulbuchverlage an. Zwar betont die Kultusministerkonferenz explizit:
Schulbücher können weiter benutzt werden; sie werden im üblichen Erneuerungsturnus ausgetauscht.
Aber das ist natürlich nur leeres Blabla. Die Schulbuchverlage beginnen stehenden Fußes mit der Umstellung, da die Verwendung der 1998er-Rechtschreibung in kürzester Zeit zu Wettbewerbsnachteilen führen wird.
Nach der Korrektur der umstrittenen Rechtschreibreform sollen neue Schulbücher bereits zum neuen Schuljahr Anfang September erscheinen. “Das kostet uns wieder einen Haufen Geld. Aber ab morgen werden wir die ersten Deutsch-Bücher korrigieren”, sagte Programm-Geschäftsführer Peter Schell vom Verlag Westermann/Schroedel/Diesterweg. Der Verlag gibt knapp 10.000 unterschiedliche Schulbücher heraus. Auch der Ernst Klett Verlag in Stuttgart will Zug um Zug die Änderungen umsetzen, die die Kultusministerkonferenz (KMK) beschlossen hat.
n-tv.de 03.03.2006: Teure Rechtschreibreform-Reform: Ratzfatz neue Schulbücher
Presse
Die Springerpresse (Bild, Die Welt usw.) will prüfen, ob man die NDR Fassung 2006 irgendwie gut finden kann; die FAZ bleibt natürlich bei der alten Rechtschreibung und hält damit den akademischen Schein aufrecht, ohne den sie unweigerlich zum Gespött aller würde.
Berichterstattung “Reformierte Rechtschreibreform”
Wo immer berichtet wird, sieht man jetzt sehr häufig den dreifachen Vergleich: alt - neu - neureformiert. Das veranlasst sowohl BefürworterInnen als auch GegnerInnen der Reform zu befriedigender Mentalmasturbation (“Wir haben es immer gewusst, dass das die bessere Lösung ist!”).
Zivilisten
Die Gegner der Rechtschreibreform werden auch nach der Reform der Reform das Widerwort nicht aufgeben, zu verbissen lieben sie die alte Rechtschreibung.
Diese Personengruppe hat eine starke Lobby, die lautstark und effizient agitiert. Das wird dazu beitragen, dass die Akzeptanz der NDR 2006 in der Bevölkerung nach wie vor keine breite Basis finden wird.
Der Rest des Volks wird in Zweifelsfällen schreiben, wie es eben gefällt. Die Frustrationsgrenze und damit auch die Lernbereitschaft sind überstrapaziert. Wozu auch in das neue Regelwerk einarbeiten? Wozu die Selbstquälerei? Eine weitere Reform der Reform der Reform kommt bestimmt (und daran sind oben genannte Agitatoren in keiner Weise unschuldig).
Alle pfeifen auf das Regelwerk. Schamlos.
Damit stehen wir vor einer Situation, die so in keiner Weise zu erwarten war: Es gibt ein amtliches Regelwerk - und es gibt wirklich keinen, der nicht darauf pfeift. Sogar die DeutschlehrerInnen werden einfach mal ein Äugchen zumachen, wenn sie selber nicht ganz firm sind. Und fragt ein Schüler: “Frau Z, wie schreibt man jetzt eigentlich ‘näher-kommen’?”, so wird Frau Z, seit Jahrzehnten Deutschlehrerin, ihm schamlos ins Gesicht sagen, dass sie glaubt, man schreibt es zusammen, aber sie wüsste es nicht genau. Und sie wird dabei keinen Ehrverlust erleiden - im Gegenteil.
Der Journalist wird nicht x-mal im Duden (Fassung 2006) nachschlagen - er wird seinen Text schamlos dem Lektor - soweit vorhanden - vorlegen, wie er ihn für richtig hält. Und dieser wiederum wird auch hier und da nach Gefühl korrigieren. Und der Chefredakteur wird nichts bemerken. Und keiner verspürt Scham dabei.
Dabei wird sich die orthografische Landschaft nicht maßgeblich verändern. Die Speisekarte beim Chinesen wird nicht mehr oder weniger Rechtschreibfehler aufweisen, als sie es bisher tat, denn an der Schreibung von “Hühnchen mit weißen Bohnen” hat sich nichts geändert (zum Glück).
Und deshalb können wir alle damit leben. Das Volk ist des Streitens überdrüssig.
taz: “Hoffentlich ist jetzt wirklich alles vorbei.”
Hoffentlich ist jetzt wirklich alles vorbei. Hoffentlich werden nie wieder 16 Ministerpräsidenten über die Rechtschreibung streiten, werden Schriftsteller je noch den Untergang des Abendlandes herbeischreiben, wird sich keine Zeitung mehr mit der angeblichen oder tatsächlichen Rückkehr zur alten Rechtschreibung wichtig machen.
Ein Jahrzehnt lang hat das Land nun um die neuen Regeln gestritten, zeitweise in einem schrillen Tonfall, als gebe es hierzulande keine drängenderen Probleme. Die Reformgegner propagierten eine Rückkehr zur “klassischen” Rechtschreibung - und übersahen dabei, dass literarische Klassiker wie Goethe oder Schiller von einer deutschen Rechtschreibung noch gar nichts wussten. Sie schrieben ganz einfach, wie es ihnen gefiel.
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Beitrag vom 04.03.2006, 19:54 | diesen Beitrag versenden
Aber die grundsätzlichen Fakten sind doch wohl:
Eine kleine Gruppe angeblicher Fachleute wollte mit einer künstlich erfundenen Version der Rechtschreibung den Schreibbrauch eines 100 Millonen Volkes willkürlich verändern. Das ganze wurde von ahnungslosen Politikern ohne Testlauf auch sofort vollstreckt.
Wäre der Neuvorschlag nun toll und brauchbar gewesen, das ganze wäre umgehend vom Tisch gewesen.
Das eigentliche Problem ist aber ja, daß selbst 10 Jahre nach Einführung der Großteil der 100 Millionen die Änderungen für Schwachsinn hält. Laut n-tv Telefonumfrage von Vorgestern stimmen 93% der Deutschen für eine Rückkehr zur alten Schreibung. Jedenfalls ist eine mehrheitliche Akzeptanz in weiter Ferne, und solange das so ist, solange wird das Thema weiterdiskutiert; man kann ungelöste Probleme nicht unter den Teppich kehren, sie kommen nämlich immer wieder zurück, ganz von selbst...
Bezüglich der Konsequenz stimme ich Ihnen zu: Alle pfeifen mittlerweile auf das Regelwerk, besonders die "Altschreiber". Die fragen sich nämlich seit längerem, wozu sie die fortwährenden Bocksprünge eigentlich mitmachen sollten (die 2006 Änderung ist ja nicht die erste, sondern nur die mit der breitesten Publicity)
Man kann sich also nur Frau Ute Erdsiek-Rave anschließen wenn sie meint, das amtliche Regelwerk ist nur für Schulen und Beamte gedacht.
Ein Witz sind auch die sogenannten Kann-Regeln. Wenn so etwas eingeführt wird, braucht man doch keine Reform, dann verkündet man den Leuten einfach: SCHREIBT DOCH ALLE WIE IHR WOLLT
