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Studie: Wie Studierende mit Quellen umgehen

Zitieren ohne zu kapieren

Fußnoten und Zitate (flickr Brett Jordan, CC BY 2.0)

Eine Studie aus den USA zeigt, dass 70% studentischer Zitate in schriftlichen Hausarbeiten aus den ersten zwei Seiten einer Quelle stammen, unabhängig von deren Umfang. Der Trend zur oberflächlichen Quellenlektüre ist global und unaufhaltsam.

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Eingetragen am 23.11.2011, 09:32 Uhr in Nachrichten | Statistiken |

5 x kommentiert, 1091 x gelesen in 2012. Diesen Beitrag kommentieren.

Das US-amerikanische The Citation Project hat es sich zur Aufgabe gemacht, schriftliche Arbeiten von Studierenden zu analysieren, um Aufschluss über den Umgang mit der verwendeten Literatur zu bekommen. Zwei zentrale Ziele stehen hinter allem: "Preventing plagiarism, teaching writing" (etwa: Plagiate vermeiden, Schreiben lehren).

Im August 2011 veröffentlichte das Citation Project eine Studie, in der 174 studentische Arbeiten aus 16 verschiedenen US-amerikanischen Hochschulen untersucht wurden. Der Kurzreport (PDF) enthält neben diversen statistischen Informationen (wie oft wurden welche Medien-/Quellentypen zitiert, Seitenumfang der zitierten Literatur etc.) einen wirklichen Hammer (gefunden bei HEAD.Z|Blog): 70% aller Zitate entstammen den ersten zwei (!) Seiten eines Werkes, unabhängig von dessen Umfang. Im Report wird das so ausgedrückt:

Unabhängig vom Umfang der zitierten Quellen sind 46% aller Zitate der ersten Seite entnommen; von der zweiten Seite sind 23% aller Zitate entnommen. 77% aller untersuchten Zitate finden sich auf den ersten drei Seiten der Quelle, unabhängig davon, ob die Quelle insgesamt drei oder 400 Seiten umfasst. Verwenden die Studierenden umfangreichere Quellen, wird ebenfalls sehr häufig aus den ersten Seiten zitiert; nur 9% der Zitate stammen von Seite 8 oder höher.

The Citation Project - Kurzreport 08/2011 (PDF) (Übersetzung Lehrerfreund; absolute Zahl der Fundstellen ausgelassen)

Die gesamte Datenlage:

Herkunft der Zitate
(Seitennummer i.d. Quelle)
Häufigkeit Prozent Prozent, kumuliert
Seite 1 885 46.3 46.3
Seite 2 443 23.2 69.5
Seite 3 151 7.9 77.4
Seite 4 100 5.2 82.6
Seite 5 73 3.8 86.5
Seite 6 48 2.5 89.0
Seite 7 31 1.6 90.6
Seite 8+ 180 9.4 100.0
Gesamt 1911 100.0  

Diagramm: Herkunft von Quellenangaben in studentischen Arbeiten

Bei weiterer Betrachtung dieser Daten kommen die Verfasserinnen der Studie zu dem Schluss, dass es keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der sprachlichen Komplexität einer Quelle und dem Umgang damit gibt. Also beschränkt sich das Zitieren auch dann auf die ersten Seiten, wenn die Quelle einfach zu lesen und zu verstehen ist.

Die Verfasserinnen der Studie kommentieren ihr Ergebnis trocken mit den Worten: "This suggests that students are not engaging with texts in meaningful ways." Bissig übersetzt: Die überwiegende Mehrzahl der Studierenden schreibt ab, ohne die Texte überhaupt zu lesen und/oder zu kapieren.

Diese wohl erstmals empirisch fundierte Erkenntnis betrifft nicht nur schriftliche Arbeiten, sondern wahrscheinlich sämtliche Prozesse, in denen in akademischen Kontexten Texte erzeugt werden: Präsentationen, mündliche Vorträge, Handouts, schriftliche Arbeiten, ja, sogar Spickzettel sind vollgestopft mit redundantem Wissen, das auf Nachfrage nicht erklärt werden kann. Das betrifft Schüler/innen und Student/innen gleichermaßen.

Ein zentraler Grund für solche Entwicklungen ist darin zu sehen, dass sich die Menge der verfügbaren Informationen seit Beginn der digitalen Revolution explosionsartig vermehrt hat und weiter vermehrt. Während ein/e Studierende in den Neunzigern für eine Hausarbeit in stundenlanger Recherchearbeit mühsam einige Zeitschriftenartikel zusammenkopierte und einen Rucksack voller Bücher auslieh, stehen Schüler/innen und Studierende heute vor einem Megasammelsurium: Neben dem Internet, das zu jedem Thema zahlreiche Quellen unterschiedlichster Qualität bereithält, lässt sich in einschlägigen akademischen Plattformen und kommerziellen Verlagsportalen auf Knopfdruck zu jedem noch so speziellen Thema eine Masse von Aufsätzen und Artikeln finden, meist komfortabel im PDF-Format. Wer kann mit dieser Informationsflut sinnvoll umgehen? Wer weiß überhaupt, was ein sinnvolles Vorgehen in diesem Dschungel ist?

Also lamentieren wir nicht über den Verfall propädeutischer Kompetenzen, sondern kehren wir vor unserer eigenen Tür und zeigen unseren Schüler/innen und Student/innen, wie sie korrekt mit Quellen arbeiten. Wenn wir es überhaupt selbst noch können.

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5 Kommentare von Lehrerfreund/innen

(#1) ixsi meinte am 23.11.2011, 16:32 dazu:
" 

Frage Nr. 1: Wie viele Quellen hatten mehr als 3 oder 4 Seiten?
Frage Nr. 2: Wie viele Quellen waren Zeitschriftenaufsätze größeren Umfangs?

(#2) Der Lehrerfreund meinte am 23.11.2011, 22:28 dazu:
" 

Hi ixsi,

knapp 63% der zitierten Quellen hatten 4 Seiten oder mehr; 71% hatten weniger als 7 Seiten (mehr Details im Report unter “Page Length of Sources Cited”).
Die zweite Frage ist nicht so einfach zu beantworten, da im Report u.a. genannt werden: Journal, Specialized News Source, Government Document, General News Source, Encyclopedia etc. Bei 14% der zitierten Quellen handelt es sich um Bücher, das Kriterium “Zeitschriftenaufsatz” dürften intuitiv geschätzt etwa knapp die Hälfte der Quellen erfüllen (Details im Report unter “Type of Source Selected and Cited by Students”).

(#3) DrNI meinte am 24.11.2011, 8:51 dazu:
" 

“sprachlichen Komplexität einer Quelle”: Die verwendete Flesch Reading Eease-Formel ist nicht unbedingt ein zuverlässiges Maß für die Komplexität eines Texts. Es ist eine einfache Formel, die Wortlänge und Satzlänge berücksichtigt. Dieses Maß könnte zu oberflächlich sein. So könnte es zum Beispiel sein, dass bestimmte Genres oder wissenschaftliche Disziplinen zu langen Sätzen neigen. Da die Studenten das gewohnt sind, ist es für sie aber nicht schwierig. (Textschwierigkeit hängt auch vom Leser ab, wird in all diesen Formeln ignoriert.)

Unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen haben unterschiedliche Veröffentlichungskulturen. In der Computerlinguistik gibt es zum Beispiel Short Papers, die sind 4 Seiten lang. Klar zitiert da keiner von Seite 5. Die als wichtig eingestuften Papers haben 8 Seiten. Ich habe mir sagen lassen, in der Pädagogik hingegen sollte man in Hausarbeiten am besten aus Büchern zitieren. Die sind logischerweise einiges länger als 8 Seiten, dafür steht nichts Nützliches auf Seite 1.

Und was, wenn die wirklich guten Infos eh immer auf den ersten Seiten stehen? Wie im Short Report zu lesen hatten 71% der zitierten Werke weniger als 7 Seiten. Je nach Fachrichtung gibt es dann einen klassischen Aufbau, die Hot Spots sind die Einführung und die Zusammenfassung,  dazwischen kommen die Details, die vielleicht sogar zu fein sind, um für eine knackige Aussage à la “Y (2011) hat gezeigt” zu taugen.

“This suggests that students are not engaging with texts in meaningful ways.” ist kein Schluss, der sich mir aus dem Short Report ermöglicht. Da ist zwischen Daten und aufgestellter Behauptung eine tiefe Lücke.

(Ich sage nicht, dass es nicht so sein könnte wie behauptet, aber dieser Bericht gibt dafür einfach nicht genug Evidenz her.)

(#4) benFnord meinte am 24.11.2011, 14:48 dazu:
" 

Wenn ich mir obige Verteilung ansehe, muss ich spontan hieran denken:

http://de.wikipedia.org/wiki/Benfordsches_Gesetz#Grafische_Darstellung

Aber weil ich (wo die Studie zufällig recht hat) zu faul bin, mir das jetzt alles durchzulesen, überlasse ich euch die Interpretation.

Falls es damit nichts zu tun hat, betrachtet meinen Kommentar einfach als gezielte Desinformation. wink

(#5) cm. meinte am 27.11.2011, 21:31 dazu:
" 

Steht nicht am Beginn einer Studie zumeist ein Abstract, der das Wichtigste zusammenfasst?  Dass der mehr gelesen und zitiert wirddirektor als der Rest der Studie verwundert mich nicht.
Christian Marten

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