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Eintrag vom 06.03.2006 * 867 Views in 2010

Wer verarscht hier wen?

Eine smarte Schülerin hat in RP online einen Artikel über "verpeilte Lehrer" geschrieben. Bei der Lektüre fällt auf, dass LehrerInnen von ihren SchülerInnen oft ganz gewaltig unterschätzt werden. Ein Perspektivenwechsel.

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Lesen wir diesen Vorfall aus SchülerInnensicht:

Natürlich dient die Vernebelung eines Lehrers nicht nur zur Belustigung, man kann es sich auch zunutzen machen. Andere Situation, anderer Lehrer; Sommer, 30 Grad im Schatten [...]- und Lateinunterricht am Nachmittag. War ja klar, das absolut niemand Lust darauf hatte, verschwitzt in einem stickigen Saal zu sitzen und sich was von skalpierten Sklaven anzuhören(Ein kleiner Unfall beim Friseur auf dem Marktplatz.). Da wir uns inzwischen allesamt über Zeichensprache verständigen können, vereinbarten wir einen kleinen Trick. Die Stunde begann und nachdem der Lehrer die Anwesenheit kontrolliert hatte, begannen wir mit unserem ersten Schachzug. „Wir könnten doch heute mal draußen Unterricht machen, hier ist es doch soooo warm“, tönte es aus einer Ecke. Der Lehrer schüttelte den Kopf. Ok, Plan B war nötig. [...] Ich meldete mich und hoffte, die anderen würden meinen Trick verstehen und mitziehen. „Sie habe uns doch gestern versprochen, wenn es heute wieder so warm ist, lassen sie es ausfallen!“ Der Lehrer sah von seinem Blatt auf und blickte in 20 nickende Gesichter. Er dachte angestrengt nach. Hatte er das tatsächlich gesagt?? Er versuchte, den vorherigen Tag zu rekonstruieren. Ein weiteres Merkmal von verpeilten Lehrern ist ihr extrem kurzes Kurzzeitgedächtnis. Und genau auf diese Schwachstelle zielten wir. Und trafen direkt ins Schwarze. „Also gut, wenn ihr euch da alle so sicher seid, wird’s wohl stimmen. Einen schönen Tag noch.“ Mit diesen Worten packte er seine Sachen wieder ein und verschwand. Sieg auf ganzer Linie für die Schülerschaft!!!

RP online 05.03.2006: Verpeilte Lehrer 2

Aus Sicht der Autorin wurde der scheinbar senile Lateinlehrer auf ganzer Linie hinters Licht geführt. Es gibt aber auch eine andere Interpretationsmöglichkeit:

Der arme Lateinlehrer muss bei 30 Grad im Schatten mit 20 bocklosen SchülerInnen seinen Nachmittag verbringen - dabei wollte seine Freundin doch heute mit ihm etwas am Baggersee rumfaulenzen. Aber nein ... Natürlich spielt er mit dem illegalen Gedanken, der ganzen Klasse einfach eigenmächtig Hitzefrei zu erteilen, aber das bringt ihn in Verruf. Also ersinnt er einen perfiden Plan.

Zu Beginn der Stunde kontrolliert er hart und nur scheinbar gerecht die Anwesenheit, danach die Hausaufgaben. Gnadenlos teilt er die langweiligste aller lateinischen Geschichten aus - das Märchen vom skalpierten Sklaven. Er weiß genau: Die ganze Klasse wird es hassen. In weiser Voraussicht hat er übrigens schon in der Mittagspause die Fenster zum Klassenzimmer geöffnet, so dass der Raum einer Extremsauna gleicht.

Nun kommt, was kommen muss: Ein Schüler fragt, ob man nicht draußen Unterricht machen könne. Auf diese Frage kann man als LehrerIn kaum positiven Bescheid geben, will man nicht als profilloser Schwächling in der Abizeitung enden. Also schüttelt der Lateinlehrer lustlos den Kopf und macht dazu ein möglichst seniles Gesicht - er hofft auf Plan B. Um der Durchführung auch genügend Raum zu geben, dreht er sich an die Tafel und schreibt ein paar besonders langweilige Vokabeln dran, um der Klasse Spielraum für die Koordination zu geben.

Und tatsächlich - die Klasse ist smart genug, Plan B durchzuziehen. “Sie haben uns doch gestern versprochen, wenn es heute wieder so warm ist, lassen Sie es ausfallen!” Die Trunkenheit des Sieges überfällt den gewitzten Lateinlehrer - nur ein wirklicher Vollidiot würde nach der Frage “Können wir nicht draußen Unterricht machen?” das aktuelle Ansinnen nicht durchschauen. Den Blick noch zur Tafel gewandt setzt er ein besonders stumpfsinniges Gesicht auf, dreht sich langsam zur Klasse und tut so, als würde er angestrengt nachdenken. 20 nickende Gesichter. Er zieht die Stirn in Falten, vollkommen in seiner Rolle aufgehend, um das Nicken zu verstärken - noch nie war jemand so Herr der Lage! Und dann stimmt er zögerlich zu, packt seine Sachen und verschwindet - an den Baggersee.

Zusammenfassung

Die SchülerInnen mögen ihn: Herr Latein gibt sich Mühe, ihnen was beizubringen, lässt sich leicht mal verarschen, ist aber immer motiviert und erfüllt seinen Lehrerjob vorbildlich.
Die Schulleitung und die KollegInnen mögen ihn: Herr Latein ist immer korrekt, keiner, der beim ersten Frühlingssonnenstrahl die ganze Klasse gehen lässt, oh nein! Er gilt als etwas verpeilt, aber im direkten Umgang macht er gar nicht so den Eindruck.
Seine Freundin mag ihn: Herr Latein ist braun und zufrieden. Herr Latein ist ein smarter Gesell, keineswegs verpeilt (wie sie schon hat munkeln hören). Und Herr Latein hat Zeit für sie, wenn sie ihn braucht.

Tja ...

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Beitrag vom 06.03.2006, 18:04 | diesen Beitrag versenden

7 Kommentare von LehrerfreundInnen
(#1) jo meinte am 20.03.2006 dazu:
" witzig LOL
(#2) Karla meinte am 20.03.2006 dazu:
" Genial grin
(#3) sauter meinte am 20.03.2006 dazu:
" Diese Situation ist natürlich überzogen dargestellt, aber sie ist nicht besonders weit hergeholt. Ich denke, dass in weniger markanten Situationen dieser Art (z.B.: Lehrer tut so, als hätte er die Hausaufgabenkontrolle vergessen, weil er merkt, dass kaum einer sie hat und er will den Stress vermeiden, 70% der Klasse zu strafen) ein Konsens zwischen Schülern und Lehrern herrscht: Lasst uns die Sache möglichst reibungslos durchziehen.
(#4) gilla meinte am 21.03.2006 dazu:
" kann ich gut nachvollziehen, wende die Methode selber an. Schüler fallen immer drauf rein! Noch!
(#5) chris meinte am 21.03.2006 dazu:
" Kenn ich doch bei uns in der Schule ist die lateinlehrerin schon nach Plan b bereit!!!
(#6) nitric meinte am 16.07.2006 dazu:
" Ist es nicht perfide den Weg des geringsten Widerstandes als ein durchdachtes Konstrukt, einen Plan zu bezeichnen?
Natüüürlich ist der Herr Latein ein sehr "korrekter" Mensch. Zu meiner Zeit hatte ich zwei solche Banausen und diese beiden waren schlicht und ergreifend Faul und versoffen. - Nicht unbedingt schlechte Menschen - aber sie hatten mit sicherheit den falschen Beruf gewählt. Und gerade deshalb schlummerte die Inkarnation des Königs Ubu in beiden. -
Kontroversität ist eine Pracht! Ihren Herrn Latein möchte ich dann doch gerne mal kennenlernen. Möglicherweise war die Arbeitsmoral meiner Herrn Latein daran mitschuldig, dass ich heute z.b. kein Französich spreche. -
In Erinnerung daran, dass Worte schwach und die Wahrheit groß, womöglich sogar unendlich ist möchte ich daran erinnern, dass dies hier (irgendwieso) Satire sein soll. ^^

lg - nitric
(#7) Tim meinte am 25.08.2007 dazu:
" einfach nur geil

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