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Eintrag vom 15.01.2009 * 4329 Views in 2010

Wordle: Wortwolken als Interpretationsmaschine - methodische Möglichkeiten

Wordle-Wortwolke zu Kafkas Process (Kapitel 2) - Ausschnitt"Wordle" erstellt aus beliebige langen Texten Wortwolken, in denen die Worthäufigkeit durch die Schriftgröße abgebildet wird. Dies erlaubt einen unorthodoxen, gleichsam hermeneutisch ergiebigen (und dazu noch unterhaltsamen) Zugang zu allen möglichen Texten - Literatur, Gedichte, Politikerreden. Sie finden hier eine Erläuterung der methodischen Möglichkeiten, wie der Literaturunterricht mit Wordle aufgepeppt werden kann. Zur Veranschaulichung bedienen wir uns Karl Mays "Winnetou I" und Goebbels' "Sportpalastrede".

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Wie funktioniert Wordle?

Sie kopieren in das Eingabefeld einen Text. Wordle kommt auch mit langen Texten sehr gut zurecht und kann problemlos den kompletten “Homo Faber” oder “Michael Kohlhaas” schlucken. Nach Klick auf “go” berechnet Wordle die Vorkommenshäufigkeit der einzelnen Wörter und generiert eine Wort-Wolke.
Screenshot: Oberfläche der Wordle-Menüs

Wichtige Funktionen von Wordle

Über der Wolke sind verschiedene selbsterklärende Menüs angebracht, in denen sie Schriftart, Farben usw. ändern können. Als Lehrperson brauchen sie u.U. folgende Funktionalitäten:

  1. Im Menü Layout können Sie die Schriftausrichtung ändern (der besten Lesbarkeit wegen unbedingt empfehlenswert: “horizontal”); die Option “maximum words” legt fest, wie viele Wörter insgesamt angezeigt werden. Die Originaleinstellung 150 ist i.d.R. zu üppig, da man die kleinen Wörter schlecht lesen kann. Wählen Sie einen Wert zwischen 20 und 80.
  2. Im Menü Color wählen Sie eine unneurotische Farbkombination - man will ja damit arbeiten. Gute Erfahrungen sind mit der Farbkombination “ghostly” gemacht worden.
  3. Die Schriftarten im Menü Font sind alle ganz interessant. Sehr lesbar (und in fast allen unseren Beispielen verwendet) ist die Schriftart “Gnuolane Free”.
  4. Im Menü Language werden per Voreinstellung häufige Wörter der deutschen Sprache ausgeschlossen (Pronomina usw.), damit nicht der gesamte Bildschirm mit “es das was” zugemüllt wird. Zur vergleichenden Stilanalyse kann es jedoch sinnvoll sein, die Option auszuschalten (“remove common german words”).

Tipps:

  1. Wordle hat (wegen hoher Zugriffszahlen) bisweilen mit Performance-Problemen zu kämpfen. Lassen Sie die Seite dann einfach eine Weile laden, meistens klappt es dann. Oder probieren Sie es einfach später noch einmal.
  2. Der zu verarbeitende Text sollte nicht zu kurz sein. Wenn das dickste, größte, fetteste Wort gerade drei mal vorkommt, alle anderen einmal, ist keine Aussagekraft mehr gegeben.
  3. Wenn ein Ergebnis Ihren Vorstellungen entspricht, können Sie es über den Knopf “Print” direkt ausdrucken. Eleganter ist es, einen Screenshot anzufertigen und das Bild z.B. in ein Arbeitsblatt in Word einzufügen.

Einsatzmöglichkeiten der Wordle-Wortwolken im Unterricht

Wordle-Wortwolken geben einen unmittelbaren, intuitiven Einblick in die semantische Anlage von Texten.

Beispiel 1: Goebbels’ Sportpalastrede

Sehen Sie sich die folgende Wort-Wolke von Goebbels’ Sportpalastrede (Volltext) an - auf einen Blick springen einen die bekannten Wort- und Denkhülsen des Nationalsozialismus an (Volk, Krieg, Gefahr, Bolschewismus, Front, Maßnahmen, Führer ...).

Wordle-Wortwolke zu Goebbels' Sportpalastrede, begrenzt auf 50 Wörter

Damit können auch sehr lange Texte unter dem Aspekt der Worthäufigkeit schnell erfasst und mit Hypothesen versehen werden (“Worum könnte es in diesem Text gehen?” - “Welche Personen/Orte/Konzepte spielen eine zentrale Rolle?” usw.). Diese Herangehensweise kann z.B. zum Einstieg in die Behandlung einer Lektüre benutzt werden (s.u.), ebenso aber auch zum Abschluss einer Lektürebehandlung (“Bildet die Wortwolke ab, was wir erarbeitet haben? Wo finden sich Abweichungen? Woran könnte das liegen?”). Immer sollten die SchülerInnen darauf hingewiesen werden, dass viele häufige Wörter eliminiert wurden (s.o. “Funktionen”, Punkt 4).
Da Wordle auf den semantischen Bereich beschränkt, eignet es sich sehr gut zur Stilanalyse - welche Wortarten/-formen werden häufig verwendet, entstammen die verwendeten Wörtern ähnlichen Wortfeldern (Lyrik!) / welchen Wortfeldern/Sinnbereichen? usw.
Ebenfalls punkten kann Wordle beim Vergleich zweier oder mehrerer Texte. Es können neben grundverschiedenen Texten auch einzelnen Kapitel oder Abschnitte eines Großwerks verglichen werden, um Figuren- oder Handlungsentwicklungen zu antzipieren oder nachzuvollziehen.

Beispiel 2: Entwicklung der Handlung und Figuren in “Winnetou I”

Karl May neigt bekanntermaßen zu epischer Breite - Winnetou I ist ein Schmöker, dessen sechs Kapitel sich auf geschätzt >400 Seiten verteilen (Volltext). Betrachten Sie die folgenden Wort-Wolken zu den einzelnen Kapiteln:

Wordle-Wortwolke zu Winnetou I, nach Kapiteln (Voransicht)

Wir sehen in dieser (unvollständigen) Analyse folgende Entwicklungen:
Der Protagonist, das vermeintliche Greenhorn (violett), hält sich zu Anfang im WWW (Wilder Westen der Weißen, rot) auf und entwickelt sich im Verlauf des Romans zu seiner wahrhaften Größe: Old Shatterhand. Damit verbunden ist eine Entfremdung von der Welt der Weißen, repräsentiert durch Sam Hawkens (orange), der gegen Ende neben Winnetou und der Indianerwelt (olivgrün) irrelevant wird. Entsprechend nehmen die Gespräche unter weißen Westmännern (grasgrün) (“Sir, seid ihr ...”) ab. Die zunehmende Integration des Protagonisten in die Indianerwelt zeigt sich u.a. an der zunehmenden Verwendung des Wortes “Bruder” (rot).

Methodische Hinweise

In der Regel wird die Lehrkraft Wordle-Wortwolken selbst anfertigen und zur Besprechung in der Klasse nutzen (Unterrichtsvorschläge folgen). Die Bedienung von Wordle macht jedoch auch SchülerInnen eine Menge Spaß. Hat man also die Möglichkeit, einen Computerraum zu nutzen, so können die Schüler dort mit verschiedenen Texten experimentieren (Texte müssen in digitaler Form vorliegen).

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Beitrag vom 15.01.2009, 23:39 | diesen Beitrag versenden

6 Kommentare von LehrerfreundInnen
(#1) www.planet-schule.de meinte am 19.01.2009 dazu:
" cool hmm coole Idee, sehr informativ, anregend und direkt nutzbar.

Merci und mehr davon

Gruß

Hp
(#2) Evelyn Frank meinte am 24.01.2009 dazu:
" Vielen Dank für den informativen Beitrag. Man kann sehr interessante Screenshots erstellen (zuschneiden, als Bild speichern) und für die Motivation oder anderweitig z. b. in Powerpoint einbinden.
Gruß E. F.
(#3) Norbert Tholen meinte am 24.01.2009 dazu:
" Die Wortwolken-Untersuchung ist methodisch fragwürdig - als wenn Texte Sammlungen von Wörtern wären!
Die Frage ist, was der Sprecher mit den Wörter tut - alles andere ist eine hilflose Wiederholung der hilflosen Lehrerfrage: "An welchen Wörtern sieht man das?"
(#4) Der Lehrerfreund meinte am 24.01.2009 dazu:
" Das ist ganz richtig: Eine umfassende Interpretation nur über das verwendete Vokabular vornehmen zu wollen, wäre Wahnsinn. Mit der Wordle-Methode erhält man nur eine vieler möglicher Sichtweisen auf einen Text.

Allerdings: Für eine Annäherung an einen Text oder die Öffnung einer neuen Interpretationsperspektive eignet sich Wordle hervorragend. Die oben exerzierte Interpretation des Winnetou-Romans dürfte dafür beispielhaft sein.
(#5) Norbert Tholen meinte am 25.01.2009 dazu:
" Ob das eine neue Interpretationsperspektive ist, mag man bezweifeln - das alles wusste jeder, der den Roman gelesen hat.
Nein, machen wir uns nichts vor: Es gibt jetzt eine technische Möglichkeit, Wörter nach ihrer Häufigkeit zu ordnen - aber nach wie vor bestehen Texte aus Sätzen, Sätze aus Satzgliedern, und in den Satzgliedern kommen Wörter vor; und hinter dem Text steht der sprachlich handelnde Sprecher.
Was jetzt neu ist, ist Folgendes: Man sieht, wie relativ häufig ein Wort vorkommt: Aber dass im 5. Kap. "Sam" häufiger als "Bruder" vorommt und im 6. Kap. "Kiowas" häufiger als Bruder": Was hat das denn für die "Interpretation" zu bedeuten? Der Lehrerfreund findet mittels Wordle das, was er längst wusste.
(#6) Der Lehrerfreund meinte am 25.01.2009 dazu:
" "Der Lehrerfreund findet mittels Wordle das, was er längst wusste."

Das ist völlig richtig. Aber wir wollen Themen ja für unsere Schüler/innen aufbereiten. Und denen entgehen solche Strukturen oder Entwicklungen oft. Wordle eignet sich prima, um diese zu veranschaulichen. Sehen Sie sich doch nur Ihre Fragen an - das sind genau die, die man (ja: neben anderen) in einer Schulklasse besprechen würde.

- Wieso kommt in Kapitel 5 "Sam" häufiger vor als "Bruder", in Kapitel 6 aber "Bruder" häufiger als "Sam"?
- Welche Rolle spielen die plötzlich und dominant auftretenden Kiowas in Kapitel 6?
- Wieso nimmt die Häufigkeit des Wortes "Bruder" in Kapitel 5 und 6 rapide zu?

In der Beantwortung dieser Fragen stecken bereits wichtige Interpretationsansätze: Die Integration in die Indianerwelt wird wichtiger ("Bruder" vs. "Sam"), ein gemeinsamer Feind ("Kiowas") schmiedet die neuen Freunde Old Shatterhand und Winnetou zusammen.

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