Geld verpulvert

Neue elektronische Tafeln lösen kein einziges Problem 21.09.2011, 09:53

»Diese Tafeln braucht kein Mensch«, urteilt Klaus Armbruster (Mitglied der GEW) über interaktive Whiteboards. Gastbeitrag eines Whiteboard-Kritikers.

Interaktives Whiteboard
Bild: flickr-User Rebecca Morrison
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Der Autor ist Mitglied des GEW-Kreisvorstandes Darmstadt-Stadt und der Fachgruppe Gesamtschule der GEW Hessen. Der Artikel gibt nicht die offizielle Meinung der GEW zum Thema „Active Boards“ wieder, sondern versteht sich als Diskussionsbeitrag. 
Der Beitrag wurde für die GEW Hessen geschrieben und unter gleichem Titel am 01.12.2009 auf gew-hessen.de veröffentlicht. Wir danken dem Autor für die Genehmigung zum Abdruck hier.

Hessens Schulen haben finanzielle und personelle Probleme. Das ist seit langem bekannt und daran wird auch die neue FDP-Kultusminsterin wie ihre Vorgänger Banzer und Wolff nicht viel ändern können. Schulen klagen über bauliche Mängel bis hin zum Verfall ganzer Gebäudeteile, heruntergekommene und unhygienische Toilettenanlagen, fehlende Mensen oder Aufenthaltsräume für die geforderte Ganztagsbetreuung. veraltete Unterrichtsmaterialien, mangelhafte Ausstattung und vieles mehr. Der Lehrernachwuchs wird knapp, da der Lehrerberuf durch die enormen Belastungen im Schulalltag trotz der „vielen Ferien" und „der tollen Bezahlung" unattraktiv geworden ist.

Aber kein Grund zur Panik, jetzt naht die Rettung in Gestalt der neuen „Active Boards" oder „Smartboards", der blinkenden und leuchtenden elektronischen Tafeln!

Wer im Folgenden eine objektive und sachliche Abwägung der Vor- und Nachteile erwartet, sollte jetzt aufhören zu lesen und eine andere Quelle heranziehen. Den ich ärgere mich maßlos über den Wind, der um diese „pädagogische Revolution" gemacht wird, und über das Geld, das hier verpulvert wird. 

Wer zweifelt, gilt als rückständig

Schulen klagen, wie erwähnt, häufig und zu Recht. Doch Klagen über die begrenzten Möglichkeiten von Kreidetafeln habe ich noch nie gehört. Niemand kam bisher auf die Idee, man könne den Mängeln an hessischen Schulen begegnen, indem man die Tafeln auswechselt und durch neue ersetzt, noch nie hing die Qualität des Unterrichts von Kreidetafeln ab!

Aber jetzt offeriert man uns die neuen Tafeln als Allheilmittel. Auf einen Schlag drängen die neuen Tafeln die Defizite im Schulalltag durch ihre Technik so in den Hintergrund, dass sie kaum mehr ins Gewicht fallen. Und man hat die – in Zeiten der Mängelverwaltung seltene – Chance, einmal „ganz modern" zu sein. Seit dem Start der Konjunkturprogramme von Bund und Land geben sich Firmen, die solche Boards verkaufen wollen, die Klinken der Schultore in die Hand, um ihre Wunderwerke anzubieten. Wer wollte es ihnen verdenken, winken doch große Geschäfte!

Wer zweifelt oder zögert, ist altmodisch, unflexibel und technikfeindlich. Und auch mancher bisher sehr knauserige Schulträger entdeckt plötzlich sein Herz für die Bildung, statt erst einmal über eine längere Zeit Erfahrungen in ausgewählten Schulen sammeln zu lassen. 

Diese Tafeln braucht kein Mensch

Pädagogisch und lerntheoretisch gelten Tafeln seit langer Zeit in einem modernen Unterricht als untergeordnetes Medium. Frontalunterricht ist „out", selbsttätiges Lernen ist das Ziel moderner Pädagogik. Partner- und Gruppenarbeit, innere Differenzierung und individuelle Förderung sind anerkannte Bestandteile heutiger Methodik. Jetzt soll die Tafel – wenn auch digitalisiert – den Unterricht wieder beherrschen. Schülerinnen und Schüler kämen jetzt wieder gerne an die Tafel, weil sie elektronisch ist. Doch wird diese Begeisterung rasch wieder verfliegen, weil es im Schüleralbtraum „Allein an der Tafel vor der ganzen Klasse" schon seit Generationen nur darum geht, ein gutes Bild abzugeben, keinen Fehler zu machen und sich bloß nicht zu blamieren. Und diese Angst ist unabhängig von der Art der Tafel.

Die Bedienung sei leicht zu erlernen, versprechen die Firmen, doch von der Wartung spricht niemand. Wer kommt, wenn die Tafel einmal ausfällt? Wer repariert Beschädigungen? Woher kommt das Geld für Wartung, Reparaturen und qualifiziertes Personal? In Zeiten der Finanzkrise muss man erst einmal diese Fragen stellen und von den Verantwortlichen beantworten lassen, statt euphorisiert und ohne Verstand folgenreiche Entscheidungen zu treffen. Gesundheitliche Fragen nach dem ständigen Summen des Beamers und der Helligkeit der Tafeloberfläche werden kaum gestellt.

Die Lobhudelei um die „Active Boards" soll von den tatsächlichen massiven Problemen unseres Bildungswesens ablenken, doch lassen diese sich auch durch neue Tafeln nicht kaschieren: Kaputte Bücher, große Klassen, zu wenige und überlastete Lehrkräfte sind die eigentlichen Ursachen für die bekannten Zustände. Die neue Tafel braucht kein Mensch!

Und was spricht für diese Tafeln? Sicher, manche Lehrkräfte bekommen von der Kreide schmutzige Kleidung und rauhe Hände. Das wäre jetzt vorbei. Aber die Verteilung kostenloser Handcremes und Reinigungsgutscheine auf Lebenszeit dürfte billiger werden...

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