JIM-Studie 2011

Mediennutzung Jugendlicher 2011: Konsumieren und kommunizieren

Die JIM-Studie 2011 zeigt: Jugendliche tun vor allem zwei Dinge, wenn sie Medien nutzen: Sie kommunizieren und sie konsumieren. Facebook, Handy und Internet dominieren die Lebenswelt Jugendlicher. Eine Zusammenfassung zentraler Erkenntnisse der JIM-Studie 2011.

Kinder mit Smartphone Bild: flickr-User elinalipona [CC by-nc-sa]
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Die JIM-Studie wird alljährlich vom mpfs (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest) herausgegeben und genießt den Ruf unzweifelhafter Seriosität. Thema ist das Medienverhalten von Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren (2011). Die Mediennutzung jüngerer Kinder (6- bis 13-Jährige) wird in den KIM-Studien untersucht.

Die aktuelle JIM-Studie im Volltext finden Sie als PDF hier: JIM-Studie 2011 (PDF). In der weiteren Darstellung beschränken wir uns auf einige ausgewählte Aspekte der Mediennutzung; in der JIM-Studie 2011 wurde bspw. auch das Freizeitverhalten oder thematische Interessensgebiete abgefragt. Die folgenden Seitenangaben beziehen sich auf diese Veröffentlichung.

JIM-Studie 2011 - Rahmendaten

Für die JIM-Studie 2011 wurden 1.205 Personen im Alter von 12 bis 19 Jahren telefonisch befragt. Nach Aussage der Herausgeber/innen ist die Studie repräsentativ für die 7 Millionen Jugendlichen dieser Altersgruppe in Deutschland (S. 3).

Die Diskussion, ob die Form des ausführlichen Telefoninterviews zu verzerrten Ergebnissen führt, sei den Statistiker/innen überlassen. Unabhängig davon dürfte die JIM-Studie einigermaßen aussagekräftige Trends abbilden.

Medienausstattung und Mediennutzung

Haushalte

Haushalte, in denen Jugendliche leben, sind exzellent mit elektronischen Geräten ausgestattet: In ausnahmslos allen Haushalten ist ein Computer/Laptop vorhanden, 99% der Haushalte verfügen über Handy, Fernseher und Internetzugang (S. 5). Auch die Jugendlichen selbst sind gut ausgerüstet: 98% der Mädchen besitzen ein eigenes Handy (Jungen: 94%). 57% der Jungen haben ein eigenes Fernsehgerät (Mädchen: 48%) (S. 6).

Persönlicher Besitz elektronischer Geräte

Entsprechend steht bei der "Medienbeschäftigung in der Freizeit 2011 - täglich/mehrmals pro Woche" Handy, Internet und Fernsehen auf den vorderen Plätzen (S. 14). 46% der Jungen (Mädchen: 38%) lesen "täglich/mehrmals pro Woche" Tageszeitung(/-en) - quer über alle Bildungsschichten hinweg. Hier könnten Zweifel aufkommen, ob diese Zahlen tatsächlich die Realität zeigen. Vorstellbar ist vielmehr, dass bei der Abarbeitung von Medientypen während des telefonischen Interviews der Interviewer sagt "Zeitungen", der Jugendliche antwortet "ja", weil es im Haushalt eine gibt oder weil der Geschichtslehrer immer rumheult, dass man Tageszeitungen lesen sollte.

Welche Medien sind Jugendlichen wichtig?

65% der Mädchen (Jungen: 42%) finden "Bücher lesen" wichtig oder sehr wichtig - kein gigantischer Abstand zum Fernsehen (Mädchen: 54%, Jungen: 58%).

Auf den ersten Plätzen befinden sich wie zu erwarten Musikhören, Handynutzung und Internetnutzung.

Wichtigkeit der Medien bei Jugendlichen 2011 (JIM-Studie 2011)

Fernsehen

Für 90% der Befragten ist Fernsehen "eine regelmäßige Freizeitbeschäftigung" (S. 23). Nur 60% der Jugendlichen sehen täglich fern. Leider schlüsselt der Bericht nicht in Altersgruppen auf.

Knapp die Hälfte sehen sich eigenen Angaben zufolge regelmäßig Nachrichten im Fernhsehen an (ARD: 19%, RTL: 12%, ProSieben: 5%) (S. 25).

Deutlich wichtiger sind jedoch Unterhaltungs- und Castingshows: Bei den Jungen dominiert "Schlag den Raab" (ProSieben), bei den Mädchen stehen Castingshows an erster Stelle. Geschlechterübergreifend steht "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) an erster Stelle - 20% der Jugendlichen bezeichnen diese Sendung als ihre "Lieblingssendung", gefolgt von "Germany's Next Topmodel" (16%). (S. 27)

Bücher

So deprimierend es sein mag, dass jede/r fünfte Jugendliche "Deutschland sucht den Superstar" als seine Lieblingssendung bezeichnet, so erfreulich ist doch die Entwicklung bezüglich der Nutzung von Büchern:

Auch im Internetzeitalter mit einer Vielzahl digitaler Angebote zur Information und Unterhaltung bleibt das Buch für Jugendliche eine bedeutende Freizeitbeschäftigung. Für mehr als die Hälfte der Jugendlichen ist es (sehr) wichtig Bücher zu lesen. Mehr als jedes zweite Mädchen und jeder dritte Junge zwischen 12 und 19 Jahren liest regelmäßig. Der Anteil der jugendlichen Leser ist über die Jahre sehr stabil, entgegen viel geäußerter Befürchtungen hat sich die Entwicklung des Internets nicht negativ auf die Buchnutzung ausgewirkt. Im Gegenteil, die Zuwendung zum Buch konnte sich sogar leicht steigern: Bei der JIM-Studie 1998 lag der Anteil der regelmäßigen Leser bei 38 Prozent, 2011 ist der Wert auf 44 Prozent angestiegen. Unverändert blieb über Jahre auch die deutliche Schieflage zwischen Jungen und Mädchen. Nach wie vor lesen deutlich mehr Mädchen als Jungen in ihrer Freizeit Bücher. Jungen bleiben die eher selteneren Leser. Bedenklich ist, dass der Anteil der Nichtleser bei den Jungen mit 22 Prozent fast doppelt so hoch ist wie bei den Mädchen.

Eine deutliche Differenz der Buchnutzung zeigt sich auch bei der Betrachtung der Bildungsgruppen. Jugendliche mit höherer Schulbildung lesen deutlich häufiger, jeder dritte Jugendliche mit Hauptschulhintergrund hingegen liest nie in seiner Freizeit.

JIM-Studie 2011, S. 28 (Hervorhebung Lehrerfreund)

Internet

Fast alle Jugendlichen haben regelmäßigen Zugang zum Internet, zwei Drittel der 12- bis 19-Jährigen nutzen das Internet täglich (12- bis 13-Jährige: 39%, 18- bis 19-Jährige: 81%). Es gibt hinsichtlich der Häufigkeit der Internetnutzung keinen Unterschied mehr zwischen Jungen und Mädchen (S. 30). Pro Werktag nutzen Jugendliche das Internet täglich 134 Minuten - damit liegt die Nutzung des Internets vor der Fernsehnutzung (113 Minuten) (S. 31)

Die Internetnutzung erfolgt vor allem über herkömmliche Computer (Desktop/Laptop). Tablets (wie das iPad) sind mit 2% noch recht mager vertreten. Erstaunlich ist der Zuwachs der Internetnutzung via Smartphone oder Handy: 2008 waren diese Internetgeräte mit 4% vertreten, 2011 sind es schon 29% (S. 32). Das entspricht einer Steigerungsrate von 700%.

Weiterhin ist "Kommunikation" zentrale Aktivität im Internet. Allerdings hat sich (konsumierende) "Unterhaltung" durch Musik, Videos etc. mit 24% auf einem beachtlichen zweiten Platz etabliert.

Internetnutzung - Verteilung (JIM 2011)

Kommunikation im Internet

44% der online verbrachten Zeit wird für "Kommunikation" genutzt, 24% für "Unterhaltung" und 16% für "Spiele" (S. 33). An erster Stelle liegt die Nutzung von Sozialen Netzwerken (Facebook, schülerVZ ...), gefolgt von E-Mail, Instant Messaging, Chat und Skype. Twittern ist unter Jugendlichen kaum verbreitet.

Mit zunehmendem Alter werden auch Soziale Netzwerke wie Facebook mehr genutzt. 84% aller 18- bis 19-Jährigen kommunizieren über eine solche Plattform.

Kommunikation im Internet - JIM 2011

Konsum versus Produktion

Die JIM-Studie 2011 unterscheidet verschiedene Schwerpunkte der Internetnutzung. Vergleicht man die Bereiche "Unterhaltung" (S. 35) und "Web 2.0" (S. 38), fällt auf, dass die Jugend von heute zwar eine Menge konsumiert, selbst aber kaum gezielt Daten erzeugen. Alle Tätigkeiten, die eine aktive, kreierende Beschäftigung mit Inhalten erfordern, sind in den Bereichen deutlich unter 20% angesiedelt. Wesentlich häufiger sind vorwiegend passive Tätigkeiten (Videoportale, in Profilen stöbern, Musik hören,  "einfach drauf los surfen" ... ) zu finden.

JIM 2011 - Schwerpunkt Unterhaltung

JIM 2011 - Schwerpunkt Internet - Web 2.0

Nutzung von Sozialen Netzwerken / Online-Communities

Soziale Netzwerke sind inzwischen omnipräsent und der derzeit größte Anbieter Facebook ist fast schon zum Synonym für Online-Communities geworden. Für Jugendliche stellen diese Angebote die meistgenutzte Kommunikationsform im Internet dar. Vier Fünftel nutzen diese Plattformen regelmäßig, nur 12 Prozent der Jugendlichen im Internet verzichten gänzlich auf diese Angebote. Für die Anderen haben Communities eine sehr hohe Alltagsrelevanz. Gut jeder zweite Jugendliche im Netz (57 %) logt sich täglich in seine Community ein, zwei Drittel davon sogar mehrmals täglich. 16 Prozent der täglichen Nutzer lassen sich über alle Neuigkeiten der Community per Handy informieren. Die ungebrochen hohe Bedeutung des Themas „Soziale Netzwerke“ zeigt sich auch in der im Vergleich zu 2010 stärkeren Nutzung. Obwohl bereits die letzten Jahre auf sehr hohem Niveau angelangt, ist die Nutzung von Communities 2011 bei Jugendlichen nochmals gestiegen.

JIM 2011, S. 47

Nummer 1 ist bei den 12- bis 13-Jährigen schülerVZ und Facebook gleichermaßen (43%), bei den 14- bis 19-Jährigen deutlich Facebook (um 80%, je nach Altersgruppe). Die in den Sozialen Netzwerken am häufigsten ausgeübten Tätigkeiten sind: Chatten und Nachrichten verschicken, gefolgt von Pinnwandschreiben und "Posten, was man gerade so macht".

Die Kommunikation findet mit "Freunden" statt - aber was sind denn echte Freunde?

Im Schnitt haben die Nutzer von Communities 206 „Freunde“, also andere Community-Mitglieder, mit denen sie verlinkt sind. [...] Schon die 12- bis 13-Jährigen haben 134 Freunde verlinkt. Das Online-Netzwerk erweitert sich mit zunehmendem Alter (14-15 Jahre: 201 Freunde, 16-17 Jahre: 249 Freunde), die ab-18-jährigen User sind mit 224 anderen Nutzern befreundet. [...] Auch wenn bereits die große Anzahl der verlinkten Personen nahe legt, dass es sich bei den Freunden nicht um echte Freunde – im wahren Sinn die- ses Wortes – handeln kann, so geben mit 96 Prozent fast alle Community-Nutzer an, die Freunde ihres Profil auch persönlich zu kennen.

JIM-Studie, S. 49

Handy/Smartphone

Auch bei der Nutzung von Smartphone-Apps liegen Community-Apps mit 56% deutlich auf dem 1. Platz (vor "Computerspiele", 28% und "Instant Messenger", 22%) (S. 59).

Die problematische Seite mobiler Geräte ist in der JIM-Studie ab S. 60 dargestellt. 80% der Handy-Nutzer/innen haben schon einmal brutale oder Pornofilme auf ihr Handy erhalten. Stark 20% haben schon einmal mitbekommen, dass eine Schlägerei mit dem Handy gefilmt wurde. Hier ist allerdings ein deutlicher Rückgang im Verhältnis zu 2009/2010 zu beobachten.

 JIM 2011 - Schlägerei auf Handy gefilmt

Fazit

Die JIM-Studie 2011 ((PDF-Download) legt nahe, dass bei der Mediennutzung Jugendlicher vor allem zwei Aspekte im Vordergrund stehen: Kommunikation und Konsum. Allerdings zeigt ein Blick in ältere JIM-Studien, dass kommunikative Praktiken auch schon vor Facebook & Co zu den zentralen Faszinosa der Jugendlichen gehörten: 2006 überstieg der Anteil der Kommunikation bei der Internetnutzung mit 60% sogar den von 2011 (44%). Ein Teil der Zeit geht nun für Unterhaltung drauf.

Zur Beruhigung: Als "non-mediale Freizeitaktivitäten" geben Jugendliche immer noch "Mit Freunden treffen", "Sport" und "nichts tun" an (S. 7). Sie interessieren sich für Liebe, Freundschaft und Musik. Alles ist gut.






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