Weg von der Fehlersucherei

Positive Leistungsphilosophie für Lehrer/innen 12.04.2016, 09:34

Über Lehrer/innen herrscht ein großes Vorurteil: Sie seien immer kritisch und wüssten alles besser. An diesem Vorurteil ist viel dran. Denn in der schulischen Leistungsbewertung dreht sich alles um die Suche nach Fehlern und Defiziten. Viel besser wäre es, wenn wir nicht nach Fehlern, sondern nach guten Leistungen suchen würden.

Hexenhäuschen
Bild: Frank Behrens: Hexenhaus[CC by-sa]
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Originalbeitrag vom 12.01.2014, leichte Überarbeitung (Bild) 12.04.2016

Das Problem: Fehlerorientierung

Legen Sie eine/r Deutschlehrer/in ein Bewerbungsanschreiben hin ("Könntest du das mal bitte durchschauen, ob das ok ist?"). Was wird er/sie vor sich hinmurmeln, während er/sie das Bewerbungsschreiben liest?

a) "Hier oben musst du das Datum ... Da, da, da Rechtschreibfehler. Mh ... ok ... Hier muss ein Komma rein. Mhm. Hier am Schluss solltest du noch etwas ausführlicher darlegen, warum du dich für geeignet hältst." (gibt das Anschreiben zurück.) "Ansonsten ist ok."

oder eher

b) "Schöner Einleitungssatz, das schafft Verbindlichkeit. Mh ... Gut, Du bist hier sehr höflich und doch bestimmt ... Ah, tolle Formulierung, wo du dein Interesse aussprichst. Klingt wirklich professionell! Hier am Schluss könntest du noch etwas ausführlicher sein." (gibt das Anschreiben zurück.) "Super! Es gibt ein paar formale Fehler (Kommas und so), die habe ich dir angestrichen."

Das Gleiche gilt natürlich auch für die Wirtschaftslehrer/in, der Sie die Buchhaltungsunterlagen hinlegen oder für die Mathelehrer/in, die einen Rechenweg beurteilt.

Kurz: Zu den unangenehmen Nebenwirkungen des Lehrer/innen-Daseins gehört die Angewohnheit, alles erst mal auf Fehler durchzusehen und dabei ein besserwisserisches Gefühl zu haben.

Warum Lehrer/innen immer nach Fehlern suchen

a) Falsche Vorstellung von "Fördern"

Als Pädagog/innen sollen Lehrer/innen fördern. Für viele Lehrer/innen bedeutet fördern: Defizite erkennen und ausmerzen. Dabei sollte "fördern" in erster Linie etwas ganz anderes bedeuten - nämlich die Stärken erkennen und aufbauen. Eine gute Pädagog/in findet eine sinnvolle Balance zwischen beiden Polen.

b) Fehler zählen ist einfacher als Stärken finden

Lehrer/innen müssen bewerten, und Bewertung verläuft wesentlich einfacher, wenn man als Bewertungsgrundlage negative Dinge (z.B. "Fehler") heranzieht. Es ist unaufwändiger, im Deutschaufsatz fehlende Textkenntnis festzustellen als einen originellen Argumentationsgang - oder in der Biologiearbeit die falsche Beschriftung an den Geschlechtsorganen des Frosches festzustellen als die technische Durchführung der Zeichnung zu bewerten.

Es gibt Test-Typen, bei denen die Fehlerorientierung ein hohes Gewicht hat: Vokabeltests, Multiple-Choice-Tests, Diktate usw. Hier werden die Fehler gezählt, um aus ihrer Anzahl eine Note zu bilden, und das geht schnell und einfach. Natürlich könnte man es auch andersrum machen - aber sogar bei so einfachen Aufgabentypen wäre das wesentlich aufwändiger (z.B. bei einem Vokabeltest: "4 Fehler = Note x" ist bequemer festzustellen als "23 Richtige = Note x" - schon allein der Verbrauch an roter Tinte zeigt das).

c) Lehrer/innen müssen ihre Noten rechtfertigen

Wenn Lehrer/innen eine Arbeit zurückgeben, dann oft mit einer negativen Implikation: "Du hast 5 Fehler, das gibt eine 2,3" und nicht: "Du hast 17 richtig, das gibt eine 2,3". Kein Wunder: In der Regel fragen Schüler/innen und Eltern ja auch nicht:

"Prima, warum habe ich bei dieser Aufgabe denn so viele Teilpunkte (nämlich 6 von 10) erhalten?"

Sie fragen vielmehr:

"Warum haben Sie mir bei dieser Aufgabe 4 Punkte abgezogen?"

Häufig gilt diese Tendenz: Jemand, der viele Punkte hat, hält sich für intelligent. Jemand, der wenige Punkte hat, hält die Lehrer/in für ungerecht.

Die Argumentation in der Diskussion mit den Bewerteten (Schüler/innen, Eltern) basiert also meist auf der Frage, wie viele Fehler gemacht wurden und wie die Fehler bewertet wurden. Das gilt in besonderem Maße für mündliche Noten. Wenn Lehrer/innen mündliche Noten machen, dann überlegen sie sich meist, wie sie die Note rechtfertigen können - und zwar im negativen Sinne. Wann hat ein/e Schüler/in Sie schon einmal gefragt:

S: "Warum habe ich mündlich eine 1,5? Ich sage doch nie was!"
L: "Deine mündliche Mitarbeit ist aus folgenden Gründen gut: 1., 2., 3. ..."

Eher verläuft die Diskussion auf diesem Niveau:

S: "Warum habe ich mündlich eine 2? John hat eine 1,5 und der meldet sich viel seltener als ich."
L: "Deine mündliche Mitarbeit ist aus folgenden Gründen nicht so gut (wie die von John): 1., 2., 3. ..."

Wie wir von der Fehlerorientierung wegkommen

Die meisten Schüler/innen sind auf Fehlerorientierung sozialisiert. Keiner fragt, was an der eigenen Leistung gut ist. Alle fragen, was an der eigenen Leistung schlecht ist.

Genau hier liegt der Ansatzpunkt, wo Lehrer/innen drehen können. Man sollte vor allem die starken Leistungen suchen und als Bewertungsgrundlage heranziehen - ungeachtet der Frage, wie viel bzw. welche Fehler gemacht wurden. Das bedeutet natürlich NICHT, dass Sie als Lehrer/in keine Fehler mehr sehen müssen. Schließlich sollen Schüler/innen ja auch ihre Defizite erkennen.

Auf der Suche nach der perfekten Leistung

Das bedeutet: Wir müssen unsere ganze Denkweise und Leistungsphilosophie umstellen. Wenn eine Schüler/in im Unterricht etwas sagt, brauchen wir ein Positiv-Raster, wo wir die Antwort verorten können ("An der Antwort war gut: 1., 2., 3."). Hier wird das größte Umstellungsproblem liegen, denn üblicherweise denkt man

... bei einer guten Antwort: "Gute Antwort. Der/die ist ja auch schlau." (oder: "Ich habe denen ja auch ein tolles Arbeitsblatt gemacht.)"
... bei einer schlechten Antwort: "Schlechte Antwort, weil 1., 2., 3. ..."

Das Problem: Es gibt nach oben keine Grenze, nach unten jedoch schon. Wo die schlechteste Leistung (= Note) angesiedelt ist, wissen wir genau: bei 10 Fehlern pro 50 Wörtern, bei 5 falschen Aufgaben, bei mündlich geäußertem Totalmüll. Und daran orientieren wir uns.

Doch wo ist die perfekte Leistung angesiedelt? Wir drücken uns um diese Frage, da wir die "perfekte Leistung" oft selbst nicht genau definieren oder sogar erbringen könnten. Könnten wir jede unserer Fragen im Unterricht perfekt beantworten? Könnten wir einen perfekten Oberstufenaufsatz schreiben? Könnten wir perfekt mitarbeiten, nachdem wir sechs Stunden lang Physik Religion Mathe Deutsch und Englisch eingebläut bekommen haben? Gibt es überhaupt "perfekt"? Erwarten wir von Schüler/innen für die Vergabe der besten Note, dass sie "perfekt" antworten? (s. Diskussion "Sockel" bei Notensschlüssel).

Lasset uns umdenken!

Legen Sie sich bei jeglicher Bewertung fest, wo die perfekte Latte liegt. Schauen Sie, wie viel Prozent davon die Schüler/in erreicht hat - und bewerten Sie diesen Prozentsatz. Dies ist die Leistungsphilosophie, die Sie als gute Pädagog/in brauchen.

Auch für Ihr Leben wird eine solche Einstellung Ihnen hilfreich sein. Schauen Sie sich dieses Bild an:

Hexenhäuschen mit Fehlern (?)
Bild: Frank Behrens: Hexenhaus (CC BY-SA)

Man kann sagen: "Oh Gott! Alles krumm und schief und so klein! Einen Supermarkt gibt es offensichtlich auch nicht in der Nähe."

Es geht aber auch: "Welch romantisches Naturhäuschen! Das ist sicher gemütlich, wenn man es etwas herrichtet. Und diese Ruhe!"

Sie sehen: Alles eine Frage der Sichtweise.


Ergänzung: Holger Grunwald schreibt in einem Facebook-Kommentar:

DIESMAL liegen Sie mit Ihrem Artikel völlig daneben!

Bei einer guten bis sehr guten Arbeit KANN ich nur Fehler zählen, um die Leistungen voneinander zu unterscheiden. Der Unterschied zwischen einer 2+, 1- oder 1 drückt sich halt nur noch in Fehlern in kleinen Dingen aus.

Wenn dagegen eine Arbeit eh schon "schlecht" ist, ich als Lehrer also darum kämpfe, dass die Note 5 nicht vergeben werden muss, dann suche ich positive Aspekte der Arbeit und lasse diese in die Bewertung einfließen. Der Unterschied zwischen 5+ und 4- lässt sich kaum in gemachten Fehlern begründen.

Facebook: Holger Grunwald (Hogru) in einem Kommentar zum entsprechenden Lehrerfreund-Posting

Was die schlechten Arbeiten betrifft, hat er wirklich Recht.

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