Interview

Lehrer/innen-Schreibtisch: Ordnung herstellen und bewahren 01.03.2015, 20:15

Den Schreibtisch aufräumen, ordnen, strukturieren ist gerade für Lehrer/innen ein echtes Problem - Klassenarbeiten, Elternbriefe und Unterrichtsmaterialien rotieren in unglaublicher Geschwindigkeit. Wir fragen Christa Beckers, Beraterin für Büroorganisation, wie Lehrer/innen Ordnung auf dem Schreibtisch herstellen können.

Unordnung
Bild: Pixabay[CC publicdomain]
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Christa BeckersChrista Beckers betreibt das Beratungsunternehmen OIB - Organisation im Büro. Als Beraterin und Trainerin unterstützt sie Menschen dabei, auf dem Schreibtisch Ordnung zu schaffen, sich selbst, Aufgaben und die zur Verfügung stehende Arbeitszeit effektiv zu organisieren und zu nutzen. Ihr Motto: Leerer Schreibtisch - voller Energie.
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Die Fluktuation auf dem Lehrer/innen-Schreibtisch ist enorm: andauernd neue Stapel Klassenarbeiten und Vokabeltests, ein paar Konferenzpapierchen und die Formulare der gestrigen Elterngespräche. Und für die Unterrichtsvorbereitung des nächsten Tages benötigt man Kopiervorlagen, Lexika, Schulbücher ...

Einer der häufigsten Vorsätze von Lehrer/innen: "In den Ferien räume ich mein Arbeitszimmer auf." Und dann klappt es wieder nicht, denn es hat sich einfach zu viel angesammelt, als dass man bis zur Wurzel vordringen könnte.

Lehrerfreund: Warum sollte man seinen Arbeitsplatz überhaupt aufräumen? Ein Genie kann doch bekanntlich das Chaos beherrschen.

Christa Beckers: Das stimmt, auch wenn wir es alle gerne wären - wer ist schon ein solches Genie? Wer von sich behaupten kann, dass er mit einem Handgriff das gesuchte Blatt aus dem Stapel links ziehen kann, braucht kein Ordnungssystem. Diese Menschen werden auch nicht nervös, wenn sich Stapel von Papieren und anderen Dingen um sich herum türmen.

Für alle anderen gilt:

  1. Ordnung hilft. Es ist ein Grundbedürfnis der meisten Menschen, ein geordnetes Umfeld zu haben. Das Auge und die Seele fühlen sich wohler, wenn ein Überblick vorhanden ist. Wie stark dieser Überblick vorhanden sein muss, das liegt in der Persönlichkeit der einzelnen Menschen. Manchen reicht es völlig aus, wenn die Stapel einen Namen haben, z.B. "jetzt nicht", "später" oder "muss ich mal drangehen" oder "muss ich mal lesen". Andere wünschen sich mehr Übersicht und eine Methodik dahinter, haben nur noch nicht den richtigen Ansatz gefunden.
  2. Ordnung macht den Kopf frei. Wenn Sie zu den Menschen gehören, denen Überblick wichtig ist, dann spüren Sie auch eine Klarheit in Ihren Gedanken. Zu viele Arbeiten auf dem Schreibtisch machen es schwerer, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Ständig schielt man auf die anderen Dinge und verurteilt sich, dass so vieles noch nicht erledigt ist.
  3. Ordnung verhindert unnötige Suchzeiten. Ein wunderbarer Spruch verdeutlicht die Problematik: Man hat nie Zeit, etwas aufzuräumen, aber immer, um danach zu suchen. Und Suchen muss man meist dann, wenn dafür nun wirklich keine Zeit da ist. Wenn die Methode auf dem Schreibtisch stimmt, dann sind hektische Suchaktionen überflüssig.

Lehrerfreund: Welche Schreibtischphilosophie verfolgen Sie als Expertin: Muss der Schreibtisch immer picobello aufgeräumt sein, oder darf auch mal ein klitzekleiner Stapel Klassenarbeiten rumliegen?

Christa Beckers: Die Menschen sind unterschiedlich, da gibt es kein richtig oder falsch. Jede/r muss sich fragen, an welchem Schreibtisch fühle ich mich wohl. Wenn es ein motivierendes Gefühl ist, sich an einen leeren Schreibtisch zu setzen und nur das vor Augen zu haben, was jetzt dran ist, dann ist es notwendig, diesen Zustand auch herzustellen, entweder nach der getanen Arbeit oder vorher. Meine Erfahrung zeigt, dass sich eine Erleichterung einstellt, wenn man sein System auf dem Schreibtisch gefunden hat. Ob dazu der Arbeitsplatz total leer sein muss, oder der kleine Stapel doch seinen Platz findet, das spielt dann keine Rolle mehr.

Lehrerfreund: Viele Lehrer/innen arbeiten nach dem Prinzip: Was reinkommt, legt man irgendwohin, wo Platz ist. Notfalls verschafft man sich den Platz, indem man einen unkorrigierten Stapel Klassenarbeiten auf den Boden befördert. Kennen Sie einen besseren Ansatz?

Christa Beckers: Wer diesem Kreislauf entfliehen möchte, muss sich Eines klar vor Augen führen: Ordnung heißt, ich weise den Dingen den richtigen Platz zu. Also: Wo ist der Platz für den neuen unkorrigierten Stapel Klassenarbeiten? Haben Sie einen Platz dafür? Haben Sie sich schon mal Gedanken gemacht, wo dafür der beste Platz ist?

Grundsätzlich gilt am Arbeitsplatz ein Flussprinzip: Es muss

  • einen Platz geben für Dinge, die neu reinkommen,
  • einen Platz für die Dinge in Arbeit und
  • einen Platz für die abgeschlossenen Arbeiten.

Und diese Plätze sollten auch ersichtlich sind. Unkorrigierte Klassenarbeiten sind ein Eingang. Die Klassenarbeit, die Sie gerade bearbeiten, haben einen anderen Platz. Und die Arbeiten, die Sie wieder mitnehmen, einen dritten.

Lehrerfreund: Sie sagen: "Leere Schreibtische sind ein Wunsch Vieler – der Weg dahin scheint nur so schwierig zu sein. Ist es aber nicht wirklich." Wenn man nun mitten im Chaos sitzt und genug davon hat - wie/wo fängt man am besten an?

Christa Beckers: Sich von den Dingen zu trennen, die keinen Sinn mehr ergeben. Lassen Sie los von der Vorstellung, dass das angehäufte Informationsmaterial auch tatsächlich mal Verwendung findet. Machen Sie sich klar, ob es tatsächlich ein Unglück gibt, wenn Sie Ihre Unterlagen auf ein Minimum reduzieren. Sehr oft werden die Dinge nur gesammelt, weil man sie mal verwenden könnte. Tatsache aber ist, dass bis auf maximal  5 - 10 % nichts davon auch wirklich verwendet wird. Seien Sie ehrlich zu sich und überlegen Sie, was Sie für das laufende Jahr wirklich einsetzen werden. Für die nächsten Jahre gibt es bestimmt wieder Neues, Aktuelleres. Und anfangen können Sie damit jederzeit, eine halbe Stunde reicht. Nicht länger. Und nicht auf den Tag warten, an dem Sie Zeit dafür haben. Der wird nicht kommen.

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