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Wer ist am lautesten?

Unterrichten mit Mikro und Lautsprecher

Lehrerin mit Headset und Phonak-System 'Dynamic SoundField' beim Unterricht

Bildquelle: phonak

»Eine neue Ära der Klassenzimmer-Beschallung« - so preist die Fa. Phonak ihr System »Dynamic SoundField« an. Die Lehrer/in trägt ein Headset (siehe Bild), ihre Stimme wird automatisch verstärkt und dynamisch an den Lautstärkepegel im Klassenzimmer angepasst. Das heißt: Je lauter die Schüler/innen krakeelen, desto lauter erklingt die Stimme der Lehrer/in. Lehrer/innen, die das System benutzt haben, sind hoch zufrieden - SIE MÜSSEN NICHT MEHR SO VIEL RUMSCHREIEN.

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Eingetragen am 12.05.2011, 12:19 Uhr in Lehrer-Hilfen | Tools | Paedagogik | Arbeitsbedingungen |

13 x kommentiert, 463 x gelesen in 2014. Diesen Beitrag kommentieren.

Technik

Das Dynamic SoundField-System der Fa. Phonak funktioniert so: Die Lehrer/in spricht in ein in ein Headset integriertes Mikrofon; die Stimme wird über eine sehr hochwertige 12er-Lautsprecherreihe verstärkt, Umgebungsgeräusche, Echos und Rückkopplungen werden automatisch vermieden bzw. minimiert. Der Lautstärkepegel muss nicht manuell angepasst werden; das System misst automatisch den Lautstärkepegel im Raum und passt die Ausgabelautstärke an (wie von anderen System bspw. für interaktive Whiteboards bekannt).

12er-Lautsprecher aus dem Dynamic SoundField-System der Fa. Phonak
Bild: Phonak (mit freundlicher Genehmigung)

Warum Mikro und Lautsprecher im Klassenzimmer?

Als Motivation für die Entwicklung argumentiert die Herstellerfirma Phonak so: Für einen optimalen Lernerfolg ist es wichtig, dass die Schüler/innen die Lehrer/in verstehen (aha). Doch leider gibt es "Faktoren wie Lärm im Klassenzimmer" oder eine "anspruchsvolle Klassenzimmerakustik", die das Verständnis erschweren - und damit den Lernerfolg untergraben.

Doch nicht nur die Schüler/innen, auch die Lehrer/innen selbst sind beeinträchtigt: Dadurch, dass sie "lauter sprechen mussen, um gehört zu werden", werden sie heiser, bekommen Halsschmerzen bis hin zur Arbeitsunfähigkeit.

Soundfield nun, so das Ende der Argumentationskette, sorgt dafür, dass Lehrer/innen ihre Vorträge und Arbeitsanweisungen in normalem Ton vorbringen können und die Schüler/innen sie trotzdem verstehen können. Das führt zu höherem Lernerfolg und "zu weniger Krankheitstagen von Lehrkräften". Kurz zusammengefasst:

Bewährte Soundfield-Vorteile

  • Verbesserung der Hör- und Lernfähigkeiten der Kinder
  • Lehrkräfte müssen Anordnungen und Informationen weniger oft wiederholen
  • Die Verstärkung der Lehrerstimme unterstützt die Klasseninstruktionen und -führung
  • Weniger stimmliche Anstrengung für die Lehrkräfte

Dynamic SoundField Broschüre (PDF), S. 2-3

Dazu muss man anmerken, dass Phonak v.a. in der Herstellung von Hilfen für Hörgeschädigte aktiv ist (z.B. Hörgeräte). Das Dynamic SoundField-System bietet (auch in Zusammenspiel mit einigen Zusatzoptionen) sinnvolle Unterstützung beim Unterricht mit Hörgeschädigten. Allerdings ist im zitierten Abschnitt tatsächlich die Rede vom Regelunterricht; das Phonak-Marketing versucht, auch in den Markt der Regelschulen einzudringen.

Entsprechend sind auf Phonak-Website im Bereich Benutzer berichten auch Erfahrungsberichte von Nutzer/innen festgehalten. Dort ist bspw. zu lesen:

“Dynamic SoundField funktionierte perfekt. Die Schüler bleiben während des Unterrichts fokussiert. Wenn ich es einmal vergaß wieder einzuschalten, erinnerten sie mich sehr schnell daran.”

Phonak.com: Benutzer berichten

Brauchen wir ein Verstärkersystem im Klassenzimmer?

Wie schön das klingt: Lehrer/innen müssen ihre Stimme nicht mehr anstrengen, egal wie laut die Klasse ist. Durch die Technik übertönt man selbst eine Armada von verhaltensgestörten, schreienden Pubertierenden. Dass hier ein hoher Entspannungsfaktor für die Lehrer/in liegt, ist unbestreitbar.

Schreien
Bild: flickr-User Jonathan Powell, CC BY 2.0

Aus pädagogischer Sicht sieht das allerdings ganz anders aus. Wenn die Schüler/innen laut sind, während die Lehrer/in redet, dann bedeutet das: Die Schüler/innen haben keine Lust zuzuhören. Ein hoher Lärmpegel ist ein Zeichen für missratenen Unterricht (wo immer die Ursache auch liegen mag). Diesen hohen Lärmpegel mit technischen Hilfsmitteln übertönen zu wollen führt nicht zu höherem Unterrichtserfolg, sondern zu einem Wettrüsten: Wird die Lehrer/in aus dem Lautsprecher immer lauter, dann müssen sich eben die Schüler/innen lauter verhalten. Dass der Unterricht dabei schlechter wird, liegt auf der Hand.

Deshalb ist es gut, dass es seitens der Lehrer/in physische (stimmliche) Grenzen gibt. Irgendwann kann die Lehrer/in einfach nicht mehr und muss zu anderen, strukturellen Maßnahmen greifen - z.B. ihr Unterrichtskonzept durchdenken oder neue disziplinarische Systeme realisieren. Wenn diese Grenze durch elektronische Technik umgangen wird, dann wird es im Klassenzimmer einfach nur richtig laut. Dass die Lehrer/in in dieser Situation “Anordnungen und Informationen weniger oft wiederholen” müssen (s.o.), ist zu bezweifeln.

Das Konzept “laut übertönt laut” haben sich viele Lehrer/innen aus Mangel an Alternativen angewöhnt. Dabei geht es durchaus anders - es MUSS anders gehen. Nicht einmal der Sänger von Motörhead hätte auf Dauer eine Chance, 30 Jugendliche zu übertönen. Die Verwendung technischer Hilfsmittel führt nur zur Illusion, alles sei in Ordnung. Letztlich steht die Lehrer/in in einer Ecke, monologisiert in ihr Mikrofon, während die Schüler/innen die dynamisch angepasste hohe Lautstärke überschreien.

Aber hören wir zum Abschluss, was in der Snedwinkela-Realschule Neuenkirchen vor sich geht, wo in der Klasse 6b seit knapp einem Jahr das System installiert ist: Die Schulleiterin ist vom Erfolg des Systems überzeugt und schwärmt vom Erhalt der Lehrergesundheit:

Denn: Bei steigendem Geräuschpegel im Raum passt sich der Lautsprecher automatisch an und wird lauter. [...]

Auch Claudia Jung [Klassenlehrerin] hat etliche positive Effekte beobachtet: „Die Schüler sind schon von sich aus leiser“, berichtet sie.

Ruhr Nachrichten 05.05.2011: Lautsprecher im Klassenzimmer - Lehrer mit starker Stimme

ES SCHEINT ALSO DOCH ZU FUNKTIONIEREN.

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13 Kommentare von Lehrerfreund/innen

(#1) nur ich meinte am 12.05.2011, 16:05 dazu:
" 

„die Distanz zwischen der Lernerfolg und den Schülern“

Ja, dafür wäre ein Gerät auch praktisch. Es hat auch etwas mit Verstehen zu tun, jedoch nichts mit Lautstärke.

(#2) Musikus meinte am 14.05.2011, 15:30 dazu:
" 

Es gibt tatsächlich Schulen, an denen so etwas eingesetzt wird? Aber der 1. April war doch schon, oder?

(#3) Franz Josef Neffe meinte am 15.05.2011, 20:11 dazu:
" 

Noch dümmer kann man Abhängigkeit konditionieren. Da werden wir ja bald etwas auf dem Markt haben, was womit die Gegenseite ebenfalls aufgerüstet wird. Nur ja nicht sensibel werden,nur ja nicht genau hinschauen, nur ja nicht an AUSGLEICH denken, mit STEIGERUNG setzen wir uns über alles hinweg - bis wir wieder voll in der Scheiße sitzen.
Da brauche ich noch gar nicht an die Statistik der aktuellen HÖRSCHÄDEN denken oder an den Elektrosmog und seine diffizile Wirkung. Nur allein die Dressur auf die IMMER LAUTER-Schablone genügt schon um das immer noch stärkere Ungleichgewicht, die Konfrontation und das mögliche Plattwalzen zu demonstrieren.
Haben wir wirklich dieses Bild von LEHREN & LERNEN: Konfrontation, Überflutung, Übertönung über alles LÖeben hinweg?
Bei mir als Ich-kann-Schule-Lehrer besteht Leben aus Sprechen und Hören, Reagieren und Wahrnehmen, aus Einatmen und Ausatmen. Lauter schreien und weniger hören, das wird es nicht einfacher machen. Warum ist nur das Interesse so groß, uns von unseren ORIGINALEN FÄHIGKEITEN abzubringen?
Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe

(#4) Lehrerin meinte am 26.05.2011, 12:23 dazu:
" 

Neee - das erscheint mir die falsche Richtung!!!!
Mein Bestreben ist es, den Geräusch-Pegel im Klassenzimmer herunter zu bekommen - denn ich will auch die Aufmerksamkeit der Schüler-
Ich glaube nicht, dass Schüler, die selbst schwatzen, dann per Lautsprecher zugedröhnt werden, tatsächlich aufpassen und sich konzentrieren können.

Gehen Sie ‘mal mit einer Klasse ins Theater oder den Gottesdienst - schwatzen ist eine Dauer-Thema.

(#5) Anneliese Quandt meinte am 28.05.2011, 23:35 dazu:
" 

Die Schüler sind so an Lautstärke gewohnt, dass sich der Unterricht daran anpassen muss… Traurig…

(#6) J.Donners meinte am 29.05.2011, 13:43 dazu:
" 

Was für einen Blödsinn.
Lehrer die nicht im Stande sind Ruhe zu bewahren.
sollten sich einen anderen Beruf suchen !!
Das ist indertat die total falsche Richtung.
Das fehlte noch ,dass man mit Kopfhörer und Mikrofon vor der Klasse stehen muss.
Hier versucht eine Firma einen neuen Markt zu finden und sonnst nichts.

(#7) Ingrid meinte am 29.05.2011, 19:49 dazu:
" 

So kann man´s auch sehen - aber schlau ist das auf Dauer nicht. Besser: Genau hinsehen und schauen, wo meine SchülerInnen stehen, damit ich sie dort abholen kann.
Lautstärke wird dann auch keine ungewollte Grösse, sondern wird Ausdruck von Engagement…

(#8) teacher meinte am 09.06.2011, 14:26 dazu:
" 

Ich verstehe und kenne das Problem - das sollten wir nicht wegdiskutieren.
Aber die Lösungen sollten wo anders liegen: Die Lehrer sollten weniger reden (die Schüler mehr) und Unterricht sollte nicht in Geschrei ausarten.
Ich warte auf bessere Vorschläge.

(#9) Franz Josef Neffe meinte am 09.06.2011, 17:25 dazu:
" 

Da der Mensch, wie wir von der Physik wissen, aus SCHWINGUNG besteht, wäre es doch grundsätzlich wichtig, ob meine eigene Schwingung in einer Qualität ist, die die Schwingung des anderen beeinflussen könnte. Dazu habe ich in der neuen Ich-kann-Schule das Sog-Prinzip, das heißt ich erspüre, ob und was in der Schwingungsqualität des anderen zu seinen Gunsten FEHLT.
Ich schaue also nicht in meinen Lehrplan oder Lernzielkatalog, was man am grünen Tisch für derlei Fälle vor-geschrieben hat, sondern ich wende mich original total (ganz) der Wirklichkeit zu. Wenn ich etwas be-wirken will, muss ich erst einmal wahr-nehmen, was wie wirkt.
Im übrigen dürfen wir ja alle Fehler machen, denn der Fehler zeigt uns ja, was FEHLT. Nur wenn wir ständig dieselben Fehler machen und diese auch noch wachsen, wird es höchste Zeit zu Reflexion und Selbstkorrektur. Guten Erfolg für alle!
Franz Josef Neffe

(#10) elihau meinte am 19.06.2011, 19:08 dazu:
" 

Da ich seit kurzem krankheitsbedingt Stimmprobleme habe, finde ich die Lösung sehr reizvoll - und meine Schüler machen keinen Krawall im Unterricht, weil sie bereits über 16 sind - die sind eher zu ruhig!

(#11) ixmix meinte am 27.12.2012, 23:02 dazu:
" 

ziemlich blöde Idee. Ich habe da eine recht erfolgreiche Technik: Wenn es mir zu unruhig/ laut wird, spreche ich zuerst ganz leise, dann gar nicht mehr. In fremden Klassen (Vertretungsunterricht z.B.) kann es dann mehrere Minuten dauern, bis die SchülerInnen plötzlich sehr ruhig und leicht irritiert sind, denn sie kennen ja das “Gegenschreien” von Lehrkräften. Wenn es mir zu lange dauert- was selten vorkommt- schreibe ich an die Tafel das Angebot, in der Stunde für die kommende Arbeit etwas zu lernen oder dies gerne an mehreren Tagen zu Hause schriftlich zu erarbeiten und dann abzugeben. Wohlgemerkt ein Angebot, keine Strafe, denn wenn ich wieder Gehör finde, erkläre ich ruhig, dass ICH schon alle Arbeiten/ Prüfungen hinter mir habe, sie dagegen noch viele vor sich. Das Ganze finde ich fair und inzwischen machen es KollegInnen auch schon so, denn die Stimme bleibt geschont und ich mache mich nicht zum Affen grin

(#12) GriasDi meinte am 01.01.2013, 17:26 dazu:
" 

Das funktioniert aber nicht in allen Klassen.

(#13) ixmix meinte am 01.01.2013, 19:33 dazu:
" 

Doch, nach meiner Erfahrung in vielen Jahren funktioniert das immer. Es dauert nur u.U. länger in manchen Klassen wink - im Extremfall nehme ich mir auch gerne eine mitgeführte Zeitung heraus und beginne gemütlich, sie zu studieren. Niemals aber versuche ich, die SuS zu “übertönen”, das hatte ich mir vor Jahren erfolgreich geschworen.

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