Diskriminierung

»Der ist doch schwul!« - Zum Umgang mit einem verbreiteten Schimpfwort 02.11.2010, 22:22

Die Verwendung des Begriffs "schwul" als Schimpfwort ist unter Jugendlichen weit verbreitet: "Sei nicht so schwul!", "Dieses Arbeitsblatt ist voll schwul!" etc. Wie reagiert man als Lehrer/in, wenn man so etwas hört? Soll man schimpfen, diskutieren oder einfach mit dem Stoff fortfahren? Zu diesen Fragen im Interview der Sexualpädagoge Dr. Stefan Timmermanns.

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Stefan Timmermanns, Jahrgang 1968, Sexualpädagoge, Doktor der Pädagogik. Unterrichtstätigkeit an Gymnasium, Universität und Fachhochschule, Buchautor, aktuelles Buch (2008) Sexualpädagogik der Vielfalt. Fachreferent bei der Deutschen AIDS-Hilfe und Vorsitzender der Gesellschaft für Sexualpädagogik. timmermanns.eu.

Im Unterricht hörte ich während einer Stillarbeitsphase, wie ein Schüler die ätzende Arbeit mit einem gemurmelten “Das ist doch voll schwul” bedachte. Hätte ich da reagieren sollen/müssen?

Dr. Timmermanns: Eine pauschale Einschätzung der Situation von außen verbietet sich, da immer mehrere Kriterien gegeben sein müssen, um in der jeweiligen Lerngruppe zu entscheiden, welche Intervention angemessen und sinnvoll ist. Wenn eine Lehrperson jedoch der Auffassung ist, dass Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben, vor Diskriminierung und Verachtung geschützt werden sollten, besteht eine wichtige Grundvoraussetzung zu handeln. Für lesbische oder schwule Jugendliche (statistisch gesehen sind das 1-2 in jeder Klasse) kann das Signal, dass abwertende Bemerkungen über ihre Lebensweise nicht geduldet werden, wichtig für die Entwicklung eines positiven Selbstbildes sein. Dies gilt vor allem vor dem Hintergrund, dass homosexuelle Jugendliche immer noch häufiger Suizidversuche unternehmen als andere (vgl. tagesanzeiger.ch 20.10.2010: Suizid-Welle erschüttert die USA).

Wissen Sie etwas darüber, wie verbreitet die Verwendung des Wortes “schwul” als Schimpfwort gegenüber Personen oder Sachen ist?

Dr. Timmermanns: Meines Wissens gibt es keine empirischen Belege darüber, wie häufig der Begriff abwertend auf Schulhöfen gebraucht wird. Berichte von Kolleginnen und Kollegen zeigen mir aber, dass der Gebrauch in den letzten Jahren zugenommen hat. In einer Umfrage der englischen Lehrergewerkschaft ATL gaben 70% der Unterrichtenden an, dass von den Schülern regelmäßig schwulenfeindliche Begriffe verwendet werden (ATL 30.01.2008: Homophobic bullying guide is much needed).

Wahrscheinlich sind es vor allem männliche Jugendliche, die “schwul” als Schimpfwort verwenden?

Dr. Timmermanns: Auch hier gibt es keine belastbaren Zahlen, aber die Vermutung liegt nahe, weil bei männlichen Jugendlichen das Bedürfnis sich von “weiblichem” und “unmännlichem” Verhalten abzugrenzen viel stärker ausgeprägt ist als bei Mädchen.

Noch einmal zurück zur ersten Frage: Lehrer/innen hören im Unterricht sehr häufig entsprechende Äußerungen wie z.B.: Das Arbeitsblatt ist “schwul”, der Protagonist eines Romans verhält sich “schwul”, die Äußerung eines Mitschülers ist “schwul” - und so weiter. Wahrscheinlich fällt in einer durchschnittlichen Schule der Sekundarstufe jeden Morgen das Wort “schwul” mehrmals pro Klasse. Wie können Lehrer/innen auf diese Thematik reagieren?

Dr. Timmermanns: Selbstverständlich gibt es in solchen Situationen keinen pauschalen Vorschlag, der in jeder Situation angemessen ist. Wichtig ist aber, dass Kinder und Jugendliche im Laufe ihrer Schullaufbahn die Erfahrung machen, dass es grundsätzlich nicht ok ist, Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung abzuwerten oder zu benachteiligen. Dazu muss nicht jedes Mal, wenn der Begriff “schwul” abwertend benutzt wird, eine Diskussion über Menschenrechte vom Zaun gebrochen werden, aber wenn das in einer Lerngruppe häufiger vorkommt, dann kann das zum Anlass genommen werden in der Situation selbst oder auch später zu erklären, wie schwer es für einen Menschen sein kann, ein gesundes Selbstbewusstsein aufzubauen, wenn Identitätsbezeichnungen wie schwul, türkisch oder behindert ausschließlich negativ verwendet werden.
Was eine geeignete Reaktion sein kann, hängt natürlich auch von der Persönlichkeit der Lehrenden ab. Die Person, die eine abwertende Bemerkung macht, kann zur Rede gestellt werden, warum sie ausgerechnet diesen Begriff verwendet. Sie könnte aufgefordert werden, sich in die Lage desjenigen hineinzuversetzen, dessen Identität mit dem Begriff bezeichnet wird. Ein konfrontativer Kurs birgt jedoch die Gefahr, dass sich die Fronten verhärten und das Gegenüber in eine defensive Position gedrängt wird. Um dies zu vermeiden, wäre auch eine humorvolle oder ironische Bemerkung durchaus hilfreich, um deutlich zu machen, dass Verächtlichmachung von Personen oder Gruppen von der Lehrperson nicht gut geheißen werden, ohne gleich die Moralkeule zu schwingen und das Gegenüber bloß zu stellen. Auch wenn in vielen Situationen auch einmal ein “planful ignoring” die beste Lösung sein kann, wird man in einer demokratischen Erziehung nicht darum herum kommen, das Thema Diskriminierung von/ Umgang mit Minderheiten wenigstens einmal grundsätzlich und ausführlicher zu behandeln. Dabei sollte bei allen Unterschieden zwischen Xenophobie und Homophonie auch auf die Gemeinsamkeiten der verschiedensten Differenzkriterien hingewiesen werden. Alle Minderheiten haben das Recht genauso respektvoll behandelt zu werden, wie die vermeintliche Mehrheit der Gesellschaft. Respekt und Toleranz sind keine Einbahnstraße sondern funktionieren nur, wenn sie für alle gelten. Der Begriff der Fairness kann in diesem Zusammenhang ebenfalls nützlich sein.

Viele Lehrer/innen sind der Ansicht, dass es nicht ihre Aufgabe sein kann, sich diesem Thema zu widmen. Einige Kommentare zum Interview “Schwul-lesbische Aufklärungsarbeit an Schulen” bringen das zum Ausdruck: “‘Schwul!’ als beleidigender Ausruf gegen alles und jeden ist einfach Teil der schulischen Umgangssprache und sollte nicht als Hetze gegen Schwule gesehen werden.”, oder “Dass ich aber das Thema Schwule/Lesben über diese Toleranz-Thematik hinaus eingehender besprechen soll, sehe ich nicht ein. Es gehört in den Bereich Biologie bzw. Klassenlehreraufgaben.  ... Darüber hinaus sollte man der Thematik nicht allzu viel Bedeutung beimessen. Schliesslich erwarte ich auch nicht, dass ständig darüber pädagogisiert wird, wie ich mich wohl als heterosexueller Mann mit Kindern fühle und welche besonderen Bedürfnisse ich noch stellen könnte.” Was würden Sie diesen Lehrer/innen sagen?

Dr. Timmermanns: Zum ersten Kommentar: Gerade weil es Teil der schulischen Umgangssprache geworden ist, plädiere ich dafür, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie verletzend und beleidigend dies bei “betroffenen” Menschen ankommen kann. In einer Gesellschaft, in der Lesben und Schwule keinerlei gesellschaftliche Diskriminierung erfahren, würde ich dem Kommentar zustimmen. So weit ist es aber noch nicht. Heranwachsende schwule und lesbische Jugendliche bekommen in unserer Gesellschaft so wenig Signale, dass sie willkommen, respektiert und geachtet sind, dass selbst ein aus heterosexueller Sicht “harmloses” Schimpfwort auf die Dauer gesehen fatale Folgen haben kann. Aus Erfahrung aber auch aus Untersuchungen wissen wir, dass es bei Lesben und Schwulen wegen der geringen gesellschaftlichen Akzeptanz und des geringeren Selbstwertgefühls wesentlich häufiger psychologische Probleme, Depressionen, oder Selbstmorde gibt.

Zum zweiten Kommentar: Sicherlich sind Lehrerinnen und Lehrer nicht die einzigen, denen diese Aufgabe zufällt. Hier sind Politiker und die Allgemeinbevölkerung ebenfalls gefragt. Erwachsenen ist es oft unangenehm mit Kindern ein Thema, das mit Sexualität verbunden ist, anzusprechen. In der Sexualerziehung sind vom Gesetzgeber jedoch ausdrücklich alle Lehrer und nicht nur die Biologen aufgefordert, diese Aufgabe mit zu übernehmen. Für das Thema Homosexualität ist das aber auch nicht unbedingt nötig, denn es geht weniger darum, wie Menschen ihr Sexualleben gestalten, sondern in erster Linie um den Respekt vor dem Recht eines jeden Menschen, seine/n Lebens- bzw. Liebespartner selber zu wählen, ohne deswegen von anderen angegriffen oder abgewertet zu werden. Wie würden Lehrer reagieren, wenn Jugendliche plötzlich anfangen würden, einseitig und immer dann, wenn sie fluchen oder eine negative Bewertung einer Sache zum Ausdruck bringen wollten, von einer “heterosexuellen Textaufgabe”, einem “türkischen Lehrer” oder einem “jüdischen Lineal” zu reden?
Wie bereits in Antwort drei gesagt, muss man das Wort “schwul” nicht immer und überall kommentieren. Mein Eindruck ist aber, dass es kaum jemanden in der Schule gibt, der es überhaupt tut. Die Gesetzesänderungen zu Gunsten von Homosexuellen in den letzten 20 Jahren werden mittlerweile in vielen Ländern von einer Mehrheit getragen. Aber oft spalten sie die Bevölkerung in Befürworter und Gegner. Die Jugendlichen, die auf der Suche nach ihrer eigenen sexuellen Identität sind, spüren diese Ambivalenz und haben gleichzeitig Angst homosexuell zu sein und von den Gleichaltrigen ausgegrenzt zu werden. Wir Erwachsenen machen unsere Haltungen, die Werte für die wir eintreten, selten im Alltag deutlich, so dass Jugendliche sich daran orientieren können. Lesben und Schwule werden von Lehrern nur selten öffentlich verteidigt oder vor Beleidigungen und Abwertungen in Schutz genommen. Sind sie weniger schützenswert als andere Gruppen, z. B. Frauen oder Behinderte?

Es ist verständlich, wenn Lehrer sich bei den Anforderungen, die tagtäglich an sie herangetragen werden, überfordert fühlen. In der Tat werden sie weder adäquat für den Umgang mit Wertekonflikten ausgebildet noch darauf vorbereitet, auf das Thema sexuelle Orientierung zu reagieren. Hier muss durch die Verantwortlichen Abhilfe geschaffen werden. Die Werte der Demokratie werden tagtäglich in den Tausenden Klassenzimmern unserer Republik verteidigt. Menschenrechte und -würde gehören dazu und müssen für alle Menschen unabhängig ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung gelten. Obwohl Männer und Frauen dem Gesetzt nach gleichberechtigt sind, verdienen Frauen heute immer noch deutlich weniger. Es bleibt noch viel zu tun auf dem Weg zu einer fairen und gerechten Gesellschaft. Alle, die diesen Weg mitgehen wollen, möchte ich herzlich einladen, daran mitzuwirken. Wenn wir es mittlerweile gelernt haben, offensiv gegen die Diskriminierung von Frauen, Behinderten oder Migranten einzutreten, warum sollte das nicht auch für Lesben und Schwule gehen? Auf die erhöhten Selbstmorde unter jungen Lesben und Schwulen in den USA wurde nun mit der Einrichtung einer Homepage im Internet begegnet. Nach langen Jahren des Schweigens und der Gleichgültigkeit ein hoffnungsvoller Anfang! (tagesschau.de 23.10.2010: ‘Haltet durch, denn es wird besser’)

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