Sprache des Nationalsozialismus + Analysebeispiel (Sportpalast-Rede) 05.08.2008, 19:39

Eine ausführliche Übersicht über die Merkmale der Sprache im Nationalsozialismus; zur Anwendung ein Auszug aus der Sportpalastrede Goebbels' 1943, die hinsichtlich der Verwendung sprachlicher Mittel analysiert werden soll.

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Merkmale der Sprache des Nationalsozialismus

Eine Übersicht mit typischen Merkmalen der Sprache der NS-Zeit auf einem Arbeitsblatt:

Übersicht: Merkmale der Sprache des Nationalsozialismus (pdf)

Vorschau: Arbeitsblatt 'Merkmale nationalsozialistischen Sprachgebrauchs'

Die Übersicht eignet sich für den Deutsch- und Geschichtsunterricht der Oberstufe gleichermaßen. Allerdings sollten je nach Fach unterschiedliche Schwerpunkte gelegt werden: Im Deutschunterricht ist das Augenmerk auf die Funktionsweise der rhetorischen Figuren zu legen; bei der Analyse entsprechender Quellen (z.B. Reden) ist streng auf die Trennung von Form und Inhalt zu achten. Im Geschichtsunterricht dagegen sollen anhand der sprachlichen Eigenheiten vor allem die Intentionen der Redner und ihre (tatsächliche) Wirkung auf die ZuhörerInnen erkannt werden. Optimalerweise verbinden sich die beiden Schwerpunkte in einem fächerübergreifenden Projekt (zwei Doppelstunden Parallelunterricht dürften schon ausreichen).

Beispiel: Analyse der Sportpalastrede von Joseph Goebbels

Auf dem Arbeitsblatt ist ein Auszug der Sportpalastrede mit Zeilennummerierung abgedruckt, außerdem ein entsprechender Arbeitsauftrag (“Analysieren Sie diese Rede in Hinblick auf sprachliche Charakteristika des Nationalsozialismus. Halten Sie Ihre Erkenntnisse in einer Tabelle fest:...”). Das Arbeitsblatt liegt in zwei Versionen vor: Einmal mit Publikumsreaktionen (”[Ja-Rufe, Getrampel]”) in eckigen Klammern, einmal ohne Publikumsreaktionen. Wir empfehlen der besseren Lesbarkeit wegen die Bearbeitung der Version ohne Publikumsreaktionen. Die Zeilenangaben im Folgenden beziehen sich auf diese Version.

Arbeitsblatt: Sportpalastrede von Goebbels mit Arbeitsauftrag (sprachliche Analyse) (pdf)

Wie oben bemerkt soll in jedem Fall die sprachliche Analyse getrennt von der inhaltlichen erfolgen.

Sportpalastrede: sprachliche Analyse

Die rhetorischen Figuren bzw. sprachlichen Mittel werden von den SchülerInnen gemäß Arbeitsauftrag in einer Tabelle festgehalten. Dabei sind im dargestellten Ausschnitt nicht alle im Arbeitsblatt Merkmale der Sprache des Nationalsozialismus (pdf) aufzufinden. In Geschichtsbüchern für den Unterricht oder im WWW finden sich zahlreiche weitere Reden aus der Zeit des Nationalsozialismus (z.B. bei nationalsozialismus.de; geeignet auch z.B. Hitlers Proklamation zum Ostfeldzug oder Hitler über das Judentum - Auszüge aus ‘Mein Kampf’.)
Die Tabelle könnte ungefähr so aussehen:

 Sprachliche Mittel Beispiele
 Emotionalsierung durch Superlative, Übertreibungen

 "in seiner ganzen wilden Größe" (3)

"über alle menschlichen Vorstellungen hinaus" (4f)

"die alle bisherigen Gefahren des Abendlandes weit in den Schatten stellt" (7)

"alles [...] verblasst angesichts dieser gigantischen Aufgabe" (9f) 

"totaler und radikaler, als wir ihn uns [...] vorstellen können" (21) 

Wiederholungenz.b. "total" Z. 18, 19, 20, 21
 Euphemismen"dass wir [...] das Kriegspotenzial der Sowjetunion nicht richtig eingeschätzt haben" (2f)
wertende Adjektive zur Diffamierung des Gegners"wild" (3)
imperativischer Stil

"die ihr [...] beantworten müsst" (14ff) 

unbestimmte Begriffe

 "nationale Kraft" (6)

"unsere geschichtliche Mission" (8f)

 religiöser Sprachgebrauch

 "Mission" (9)

"Bereitschaft, ihm auf allen seinen Wegen zu folgen" (24f) 

Sportpalastrede: Analysen und weitere Infos im WWW:


Inhalte der Arbeitsblätter: Rhetorische Mittel im Nationalsozialismus

Diese Inhalte finden Sie auch in der pdf-Datei Übersicht: Merkmale der Sprache des Nationalsozialismus (pdf):

Sprachliche Merkmale

  • Wortneuschöpfungen (Neologismen) zu Volk, Reich, Rasse („Rassenschande“)
  • Neubildung von Euphemismen wie „Endlösung“ (für Massenmord)
  • Starke Gefühlsbezogenheit; zeigt sich in
    • Gigantomanie/Superlative: Häufung von Wörtern wie „einmalig“, „einzig“, „gigantisch“, „ungeheuer“ oder „unermesslich“). Damit wurde außerdem eine Intensivierung/Steigerung/Emotionalisierung erreicht („gigantisches Ringen“). Da jedoch solche Wörter, die sehr oft gebraucht werden, an Wirkung verloren, wurde die Grundstufe des Adjektivs im Nationalsozialismus der Komparativ (die Vergleichsform, als „größer“, „bedeutender“). Sogar Adjektive, die bereits inhaltlich einen Superlativ ausdrücken („radikal“), wurden gesteigert.
    • Wiederholungen und der häufigen Reihung von Einzelwörtern und Sätzen, das sog. Einhämmern. Einige Wörter, wie etwa „Rasse“, werden besonders häufig gebraucht und bestimmte Aussagen („Die Juden sind schuld.“) immer wiederholt.
  • Sprachliche Arroganz und Kraftmeierei (Superlative, Verstärkungen, Übertreibungen)

  • Starke Wertungen (zahlreiche Wertbegriffe und wertende Adjektive), besonders zur Diffamierung des Gegners, Hochwertbegriffe zur Aufwertung der eigenen Person

  • Imperativischer Stil (Vorliebe für das Modalverb „müssen“, Aufforderungen, Anweisungen)

  • Unbestimmtheit der Begriffe und allgemeine Verschwommenheit des Ausdrucks, assoziationsreiche Begriffe

  • Metaphern aus Technik („Menschenmaterial“, „Arbeiterbestände“), Medizin/Biologie („Bakterien“, „Schmarotzer“) = dehumanisierende Darstellung von Mitmenschen. Fachbegriffe in fachfremden Texten verleihen diesen eine scheinbar wissenschaftliche Glaubwürdigkeit.

  • Vorliebe für religiöse Begriffe wie „ewig“, „heilig“, „Glaube“, „Vorsehung“, „Mission“, „Opfer“, „Treue“

  • Formalisierte Sprache (Schlagwörter, Slogans, stereotype Wendungen, feste Adjektiv-Substantiv-Kopplungen)

  • Scheinlogik (scheinlogische Satzverflechtungen)

  • Verständlichkeit und Einprägsamkeit (einfacher, überschaubarer Satzbau, keine längeren Nominalkompexe, rhetorische Figuren)

  • Durch Gegensatzpaare werden Positionen überschaubar gemacht und vereinfacht (Freund-Feind, Westen-Osten, Rechts-Links)

Inhaltliche Merkmale:

  • Meinungssätze als Tatsachensätze ausgeben
  • Die Zuhörer werden vereinnahmt durch ihre Identifizierung mit einer positiv zu wertenden Wir-Gruppe, die sich von einer „out-group“ absetzt.
  • Der politische Gegner wird persönlich verunglimpft/lächerlich gemacht.
  • Durch Übertragung alles Negativen auf einen Sündenbock werden die Gefühle der Zuhörer aufgepeitscht.
  • Lügen, Unterstellungen, bewusste Falschinformationen

Inhalte der Arbeitsblätter: Analyse der Sportpalastrede von Joseph Goebbels (18.02.1943)

Diese Inhalte finden Sie auch in der pdf-Datei Sportpalastrede von Goebbels mit Arbeitsaufträgen (pdf).
Rede von Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast vom 18. Februar 1943 („Sportpalastrede“) (ohne Publikumsreaktionen)
[...] Es ist verständlich, dass wir bei den groß angelegten Tarnungs- und Bluffmanövern des bolschewistischen Regimes das Kriegspotenzial der Sowjetunion nicht richtig eingeschätzt haben. Erst jetzt offenbart es sich uns in seiner ganzen wilden Größe. Dementsprechend ist auch der Kampf, den unsere Soldaten im Osten zu bestehen haben, über alle menschlichen Vorstellungen hinaus hart, schwer und gefährlich. Er erfordert die Aufbietung unserer ganzen nationalen Kraft. Hier ist eine Bedrohung des Reiches und des europäischen Kontinents gegeben, die alle bisherigen Gefahren des Abendlandes weit in den Schatten stellt. Würden wir in diesem Kampfe versagen, so verspielten wir damit überhaupt unsere geschichtliche Mission! Alles, was wir bisher aufgebaut und geleistet haben, verblasst angesichts der gigantischen Aufgabe, die hier der deutschen Wehrmacht unmittelbar und dem deutschen Volke mittelbar gestellt ist. [...]

Ihr also, meine Zuhörer, repräsentiert in diesem Augenblick für das Ausland die Nation. Und an euch möchte ich zehn Fragen richten, die ihr mit dem deutschen Volke vor der ganzen Welt, insbesondere aber vor unseren Feinden, die uns auch in dieser Stunde an ihrem Rundfunk zuhören, beantworten müsst. Wollt ihr das?

[...]Viertens: Die Engländer behaupten, das deutsche Volk wehrt sich gegen die totalen Kriegsmaßnahmen der Regierung. Es will nicht den totalen Krieg, sagen die Engländer, sondern die Kapitulation! Ich frage Euch: Wollt Ihr den totalen Krieg? Wollt Ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können?

Fünftens: Die Engländer behaupten, das deutsche Volk hat sein Vertrauen zum Führer verloren! Ich frage Euch – ich frage Euch: Vertraut Ihr dem Führer? Ist eure Bereitschaft, ihm auf allen seinen Wegen zu folgen und alles zu tun, was nötig ist, um den Krieg zum siegreichen Ende zu führen, eine absolute und uneingeschränkte?

Arbeitsauftrag:
Analysieren Sie diese Rede in Hinblick auf sprachliche Charakteristika des Nationalsozialismus. Halten Sie Ihre Erkenntnisse in einer Tabelle fest.

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