Praxis: Stimme

Stimmbeschwerden bei Lehrer/innen - Tipps zu Prävention und Behandlung 24.06.2015, 22:05

Fast jede zweite Lehrer/in hat im Laufe des Lehrerlebens Stimmbeschwerden - kein Wunder bei Klassengrößen von bis zu 34 Schüler/innen. Sie finden hier einige Tipps dazu, wie Sie solchen Beschwerden vorbeugen und was Sie tun sollten, wenn Stimmprobleme auftreten.

Schreiender Lehrer, der bald Stimmprobleme bekommen wird
Bild: flickr-User Jinx!: Indistinct Shout (Montage)[CC by-sa]
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Originalbeitrag vom 12.07.2010, Überarbeitung 24.06.2015 (u.a. Entfernung toter Links zu maz-online.de, svz.de)

Lehrer/innen müssen im Unterricht nicht nur Inhalte vermitteln (z.B. durch Lehrervorträge), sondern auch organisieren (Gruppen einteilen, Arbeitsprozesse initiieren ...) und disziplinieren (zur Ruhe aufrufen, Störenfriede ermahnen ...). In Klassen mit bis zu 34 Schüler/innen ist es dabei oft (vermeintlich?) erforderlich, die Stimme zu heben. Wir unterscheiden folgende Abstufungen der Lautstärke:

  1. sehr leise - fast schon ein Flüstern
  2. leise - wie auf einer Vernissage
  3. normal - normale Gesprächs-/Sprechlautstärke
  4. laut - erhobene Stimme z.B. vor Gruppen
  5. sehr laut - erhobene Stimme z.B. zur Kommunikation über größere Entfernungen
  6. schreien - brüllen

Lehrer/innen benutzen im Unterricht meist die Abstufungen “laut” und “sehr laut”, abhängig von Klassenstufe und Fach. Sport- und Musiklehrer, die sich ansonsten regelmäßig den Neid von Korrekturfachlehrer/innen zuziehen, sind hier besonders betroffen, da sie oft schon mit “laut” nichts ausrichten können. Natürlich sind am stärksten die Sportlehrer/innen betroffen. Simone Lang (Uni Rostock, Sportwissenschaft) kennt Studien, nach denen

der Lärmpegel im Klassenzimmer bei 62 bis 72 Dezibel liegt. Im Sportunterricht könne es Spitzen bis zu 110 Dezibel geben, was etwa einem Rockkonzert entspricht. “Da hilft es nicht, lauter als die Schüler sein zu wollen. Es ist sinnvoller, die Schüler erstmal leise zu bekommen.”

Märkische Allgemeine 21.06.2010: Fast jeder zweite Lehrer hat Stimmprobleme

Bis zu 72 Dezibel! Ab 85 Dezibel ist in Deutschland am Arbeitsplatz ein Gehörschutz gesetzlich vorgeschrieben (Wikipedia: Gehörschutz).

Wer keine optimale Sprechtechnik einsetzt, erlebt mit einer hohen Wahrscheinlichkeit in seiner Lehrer/innen-Karriere Stimmprobleme. In den Niederlanden sind nach Studien mehr als die Hälfte aller Lehrer/innen betroffen, in Deutschland hat die Uni Leipzig eine Quote von 40% ermittelt (svz.de 17.06.2010: Nachhilfe für die Stimme).

In pädagogischen Idealvorstellungen haben gute Lehrer/innen es nicht nötig, erhöhte Lautstärke einzusetzen, da theoretisch alle organisatorischen und disziplinarischen Aktionen durch andere Mittel realisierbar sind. In der Praxis ist es häufig schwierig, dieses Idealbild zu verwirklichen.

Schonung der Stimme - Tipps für Lehrer/innen

Die Arbeit mit erhobener Stimme stresst nicht nur die Stimmlippen, sondern auch die Psyche. Denn erhöhte Lautstärke erfordert zwangsläufig auch mehr psychische und physische Energie. Wer am Morgen viel schreit, wird am Mittag ziemlich ausgelaugt sein. Bei der Stimmschonung geht es also in erster Linie nicht um die Stimmlippen, sondern um ein energiesparendes Konzept, das auch dem Burnout am Abend vorbeugt.

1) Warten statt schreien

“Warten” ist ein wahres Zaubermittel, das nur einem Bruchteil der Lehrer/innen bekannt ist. Durch “warten” bekommt man (irgendwann) jede Klasse ruhig. Manche Lehrer/innen stellen sich zu Unterrichtsbeginn vor die Klasse und warten - die Klasse wird (sofern keine außergewöhnlichen Umstände vorliegen) spätestens nach einer Minute ruhig sein. Andere Lehrer/innen stellen sich zu Unterrichtsbeginn vor die Klasse und beginnen nach wenigen Sekunden laut zu sprechen: “Ich möchte jetzt anfangen.” Nach weiteren Sekunden sehr laut: “Hallo?? Ich habe gesagt, dass ich jetzt anfangen möchte!!” Wenn danach immer noch zwei in der letzten Reihe sprechen, werden diese evtl. noch zur Ruhe gebrüllt. Sie können davon ausgehen, dass zu diesem Zeitpunkt (also 50 Sekunden nach Unterrichtsbeginn!) die Lehrperson bereits erschöpft und genervt ist.

Probieren Sie es also mit “warten”. Das funktioniert in fast allen Phasen, z.B. auch am Ende einer Gruppenarbeitsphase, wo Sie sich vor die Tafel stellen, ein Zeichen geben und zwei Minütchen warten, bis alle an ihren Plätzen sind. In dieser Zeit können Sie sich etwas entspannen - Sie haben jetzt zwei Minuten nichts zu tun. Mit Herumschreien sparen Sie genau 30 Sekunden, die Ruhe dürfte jedoch wesentlich labiler sein.

“Warten” funktioniert deshalb so gut, weil die Schüler/innen sich gegenseitig aufmerksam machen. Viele Schüler/innen sind auch von der Warterei genervt und bitten deshalb andere Schüler/innen, jetzt ruhig zu sein - was kann Ihnen Besseres passieren?

Natürlich nutzt sich diese Maßnahme in ihrer Effizienz mit erhöhter Einsatzfrequenz ab. Richtige Stellen für das Warten sind bspw. Phasenwechsel oder tumultöse Situationen.

2) Gezielt ansprechen

Als Lehrer/in nimmt man den Klassenverband meist als eine Gesamtheit wahr, die eine gewisse Lautstärke produziert. Häufig ist jedoch nur ein Bruchteil der Schüler/innen für einen Großteil der Lautstärke verantwortlich. Wenn an zwei Tischen Tohuwabohu herrscht, gibt es keinen Grund, die ganze Klasse mit sehr lauter Stimme anzuherrschen. Gehen Sie zu den Lautstärkeverursachern und sagen Sie ihnen mit leiser oder sehr leiser Stimme, dass Sie jetzt weitermachen wollen. Gerne können Sie auch noch eine ernst gemeinte Vor- oder Verwarnung hinzufügen.

3) Leise reden, Lautstärke dosiert einsetzen

Die meisten Lehrer/innen arbeiten durchgängig mit einem Minimallevel von laut. Gehen Sie während einer Stunde durch die Gänge des Schulhauses, Sie werden aus jedem zweiten Klassenzimmer die erhobene Stimme der Lehrer/in hören. Dabei können Sie als Einzelperson niemals 30 Pubertierende übertönen (außer Sie arbeiten mit Mikro und Lautsprecher)! Die Klasse gewöhnt sich daran, dass Sie laut oder sehr laut reden; Sie selbst gewöhnen sich an den daran angepassten Geräuschpegel der Klasse und können gar nicht mehr leiser als laut reden.

Gewöhnen Sie sich also an, leise oder normal zu reden. Wenn Ihnen niemand zuhört, brechen Sie ab und klären Sie die Situation - aber erhöhen Sie nicht Ihre Lautstärke; es wird Ihnen immer noch keiner zuhören.

4) Wenig reden

Lehrer/innen reden im Unterricht zu viel (Lehrerfreund 13.03.2006: Warum reden LehrerInnen so viel?). Das hat wesentlich weniger Lerneffekt, als man so denkt. Fragen Sie Ihre Schüler/innen nach den Inhalten, die Sie in der letzten Stunde verbal vorgestellt haben - das Ergebnis ist in der Regel Grauen erregend: Je mehr Sie geredet haben, desto weniger bleibt den Schüler/innen im Gedächtnis.

Verabschieden Sie sich von der Illusion, dass ein von Ihnen erklärter Unterrichtsinhalt ein ausreichend behandelter Unterrichtsinhalt ist. Schränken Sie Ihren Redeanteil ein. Reden Sie nur zu folgenden Anlässen:

  1. Organisation (Gruppen einteilen, Arbeitsaufträge geben, Vorleser bestimmen ...)
  2. Empathie (Begrüßung, Lob ...)
  3. Wirklich wichtige Unterrichtsinhalte (bspw. Lehrervortrag)

Besonders der letzte Punkt ist schwierig: Ist nicht alles, was wir im Unterricht behandeln, von höchster Wichtigkeit?

Wenn Sie Ihren Redeanteil auf die wirklich notwendigen Dinge reduzieren, wird den Schüler/innen auch einleuchtend, dass es sinnvoll ist, während Ihrer Redephasen zu schweigen. Wenn Sie die ganze Stunde hindurch schwätzen und alles wichtig finden, sieht keine/r ein, warum er/sie nicht auch mal ein paar Minuten abschweifen darf - zumal nach Ihnen noch fünf weitere Lehrer/innen kommen und die ganze Stunden hindurch reden.

Wenn Stimmprobleme auftreten

Je nach Konstitution und Atem-/Sprechtechnik reagieren viele Lehrer/innen mit Stimmproblemen wie Halsschmerzen, Schluckbeschwerden oder Heiserkeit. Meist liegt die Ursache in einem Zusammenspiel aus überhöhtem Redeanteil und falscher Sprechtechnik. Wie Sie Ihren Redeanteil und seine Lautstärke reduzieren, können Sie oben nachlesen. Für eine Verbesserung der Sprechtechnik begeben Sie sich möglichst früh zu einer Logopäd/in; häufig reichen zehn Sitzungen für eine spürbare Verbesserung oder sogar vollständige Ausräumung des Problems aus. Gehen Sie zu einem HNO-Arzt (Hals-Nasen-Ohren-Arzt) und schildern Sie Ihr Problem; er/sie wird Sie mehr oder weniger ausführlicher untersuchen (privatversichert?) und Ihnen die logopädische Behandlung verschreiben.

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