Arm und reich

Bildungsgerechtigkeit: EU-Studie von 2005 gepfuscht, Deutschland doch nicht Platz 1 20.11.2008, 02:45

Nach der EU-Studie "Child Poverty and Well-Being in the EU" hatte Deutschland 2005 das gerechteste Bildungssystem der EU. Die Studie weist allerdings erhebliche methodische Mängel auf, deren Zufälligkeit bezweifelt werden kann.

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Die erste PISA-Studie verwies Deutschland hinsichtlich der Bildungsgerechtigkeit auf den letzten Platz - in keinem OECD-Land sonst war der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und schulischem Erfolg so ausgeprägt.

Das erfreuliche Ergebnis der EU-Studie “Child Poverty and Well-Being in the EU”, nach dem die BRD 2005 das gerechteste aller EU-Bildungssysteme hatte, ist jedoch fragwürdig. Marcel Helbig und Rita Nikolai erläutern diese im Aufsatz “Wenn Zahlen lügen. Vom ungerechtesten zum gerechtesten Bildungssystem in fünf Jahren”:

Die Studie erweist sich – bezogen auf unsere Fragestellung – als methodisch hochproblematisch. So werden die befragten Personen in allen Ländern der EU persönlich interviewt. Deutschland allerdings konnte erreichen, dass die Daten für die Studie schriftlich ermittelt wurden. Deswegen ist die deutsche Stichprobenziehung nur unzureichend vergleichbar mit der in den restlichen EU-Ländern. Hinzu kommen hohe Ausfallraten sowie eine Unterrepräsentanz der unteren Bevölkerungsschichten und schlecht integrierter Migranten. Besonders Menschen mit türkischem, italienischem und portugiesischem Hintergrund sind in der deutschen EU-SILC-Stichprobe nur zu 50 Prozent ihres tatsächlichen Bevölkerungsanteils vertreten. Diese Migrantengruppen sind in Deutschland jedoch beim Bildungserwerb, wie wir nicht zuletzt aus dem jüngsten nationalen Bildungsbericht wissen, stark benachteiligt.

Helbig/Nikolai 2008: Wenn Zahlen lügen. Vom ungerechtesten zum gerechtesten Bildungssystem in fünf Jahren (bildungsklick, 19.11.2008), Fußnoten vom Lehrerfreund entfernt.

Auch hinsichtlich der Alterstruktur sind die Stichproben nicht vergleichbar (mehr im zitierten Aufsatz).

Warum die EU-Kommission so unsauber gearbeitet hat, ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Helbig & Nikolai drücken sich in ihren Vermutungen vorsichtig, aber deutlich aus:

Die EU-Kommission muss sich die Frage stellen, inwieweit hoch brisante internationale Vergleiche ohne ein Mindestmaß an Vergleichbarkeit zwischen den Ländern veröffentlicht wurden. Niemandem außer Interessensgruppen, die den Status quo der deutschen Bildungspolitik verteidigen, ist damit gedient. Dies gilt umso mehr, als die Ergebnisse so offensichtlich Einschätzungen der OECD (2008) und der EU widersprechen. Die Gefahr einer Instrumentalisierung solcher fragwürdigen Ergebnisse ist groß, und die EU-Kommission verletzt damit ihre politische Sorgfaltspflicht.

Helbig/Nikolai 2008: Wenn Zahlen lügen. Vom ungerechtesten zum gerechtesten Bildungssystem in fünf Jahren (bildungsklick, 19.11.2008), Fußnoten vom Lehrerfreund entfernt

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