Raubkopieren - Unterrichtsmaterial
Sehr viele Schüler/innen sind im Besitz von illegal kopierten Filmen. Die Lobby der Filmindustrie stellt kostenlose Unterrichtsmaterialien zum Thema "Raubkopieren" bereit und verlagert ihre Öffentlichkeitsarbeit in die Schule. Ist das schlimm?
Ein Großteil der vor uns sitzenden Schüler/innen ist im Besitz von raubkopierten Filmen. Unter Umständen sogar ihre Eltern. Das ist eine illegale Straftat. Als Lehrpersonen sollen wir den Kindern beibringen, sich dem Geist unseres Grundgesetzes gemäß zu verhalten und die Gesetze (nach jeweils ausgiebiger Reflexion) zu respektieren.
Problematik
Die Filmindustrie stellt uns das Unterrichtsmaterial mit eindeutiger Absicht zur Verfügung: Die Schüler/innen sollen aufhören raubzukopieren. Und ein Unrechtsbewusstsein entwickeln.Das sind pädagogische Ziele von hohem ethischem Wert, die man unbedingt gutheißen muss. Hinter den Absichten der Filmbranche aber steckt nicht der Geist der Mutter Teresa, sondern wirtschaftliche Interessen.
Werden wir Lehrpersonen zum Handlanger der Filmlobbyisten, wenn wir mit dem Unterrichtsmaterial unsere Schüler/innen bedienen?
Die Filmindustrie ...
Die Filmindustrie fühlt sich zur Zeit vor allem vom Phänomen "Raubkopieren" bedroht. Das ist verständlich, aber nicht unbedingt Besorgnis erregend, wenn man sich die Umsatzentwicklung im Videomarkt 1999-2004 ansieht: immerhin ist Jahr für Jahr sattes Wachstum zu erkennen - ohne Knick.Die "Filmindustrie": Herstellung, Vorführung und Vertrieb von Filmen. Sie ist in Verbänden organisiert, deren Aufgabe Lobbyarbeit und Marketing (im weitesten Sinne) ist.
Interessenverbände der Filmindustrie
- BVV - Bundesverband Audiovisuelle Medien
- Cineropa - Dachverband der Multiplexe in Deutschland (u.a. Cinemaxx)
- HDF - Hauptverband Deutscher Filmtheater e.V.
- IVD - Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland e.V.
- VdF - Verband der Filmverleiher e.V.
... wehrt sich.
Mehr als 80 solcher Verbände und Unternehmen (also eigentlich alle) haben sich einen Knecht Ruprecht geschaffen: die GVU - Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen. Die GVU muss man sich vorstellen wie einen gigantischen virtuellen Privatdetektiv:Die GVU hat 2004 über 2500 Verfahren gegen Raubkopierer eingeleitet - eine Steigerung von 20% zum Vorjahr. Auf ein Mitwirken der Bevölkerung freut man sich unverhohlen:
Die GVU sammelt alle Hinweise über Raubkopien und Piraterie. Wenn Sie vor allem zu den folgenden Bereichen Kenntnisse haben, freuen wir uns über eine Nachricht per Email, Fax oder Telefon! Die GVU schätzt Ihre Mitarbeit und geht jedem Hinweis nach.
Neben dem Sponsoring des GVU-Ruprechts sind die Verbände auch eigenständig aktiv, um die Bedrohung abzuwenden:
Der sanfte Weg. Man pflanze ein "zartes Pflänzlein", dessen legale Blätter sich vor den geröteten Augen der Raubkopierer verführerisch wiegen, um ihn so von den sumpfigen Schlingen der Raubkopiererei wegzulocken.
Neben dieser sentimentalen Variante stellt man deutliche Forderungen an die PolitikerInnen:
Da jedoch bisher der Gesetzgeber einigen Forderungen nicht oder - aus Sicht des Cinema-Kartells - nur ungenügend nachgekommen ist, haben die Verbände einen exorzistischen Plan gefasst: Alle BürgerInnen müssen ein Unrechtsbewusstsein entwickeln. Man will sie sozusagen entnazifizieren, vom Bösen reinigen. Und Böse lässt sich nur mit Böse austreiben.
HART ABER GERECHT
Diese Kampagne (Filme, Plakate, Events über bedrohliche Knastszenarien) wurde seit ihrem Start 2003 mehrfach stark kritisiert. Der VOV (Virtueller Ortsverein der SPD) nimmt diese "Werbeentgleisung der Filmindustrie mit Schrecken zur Kenntnis". WDR: "Gut möglich, dass hier eine Menge Sympathien verspielt werden." Und die Lobby für Menschenrechte e.V. schreibt ergrimmt:Wir werden diese Angelegenheit u.a. an den Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages, an die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPJM) und an die European Women’ s Lobby (EWL) in Brüssel weiterleiten.
Sie schreibt diesen Brief an die ZKM (Zukunft Kino Marketing GmbH). Diese führt die Kampagne "Hart aber gerecht" durch.

Das Unterrichtsmaterial zum Thema "Raubkopieren"
Und sie führt außerdem die Kampagne "Respect Copyrights" durch. Und da sind wir wieder bei unseren Unterrichtsmaterialien.Das Unterrichtsmaterial besteht aus
- 5 Arbeitsblättern ("Urheberschaft", "Urheberrecht", "Filmwirtschaft", "Hart aber gerecht", "Podiumsdiskussion")
- Hintergrundinformationen (Auszüge aus Urheberrechtsgesetz, Artikel über Razzien usw.)
- Lehrerhandreichungen in Form methodisch-didaktischer Anmerkungen zu den einzelnen Arbeitsblättern
Die Arbeitsblätter sind ansprechend designt, die Texte/Grafiken und Arbeitsfragen meist sinnvoll. Teilweise schimmert die schnöde Absicht etwas durch:
Ist die Kampagne den Schülerinnen und Schülern bekannt?
Sind die sachlichen Informationen angekommen?
Hat sich die Einstellung zum Thema Raubkopieren durch die neuen Informationen verändert?
Hat sich das Verhalten dadurch verändert?
Insgesamt ist das Material aber erstaunlich ergiebig und in Auswahl und Detail kaum tendenziös.
Gewisse Fragehaltungen werden vollständig ausgeblendet (angemessenes Strafmaß, Alternativen, Realitätsgrad der Verlustrechnungen usw.).
Unterrichtsvorschläge vom Lehrerfreund
Wenn man das Unterrichtsmaterial verwendet, sollte man folgende Inhalte ergänzen, um Meinungskompetenzen der SchülerInnen zu fördern:- Diskussion über ein angemessenes Strafmaß: Welches Strafmaß wäre für welches Vergehen angemessen? Vergleich der Diskussionsergebnisse mit der Realität
- Alternativen wie Kulturflatrate
- Verlustaufrechnungen kritisch hinterfragen (eine SchülerIn besitzt 500 Raubkopien - bedeutet das wirklich (500*DVD-Preis)€ Verlust für die Filmindustrie?)
- Am Ende der Einheit: Metareflexion über respectcopyrights: War das Material tendenziös? Absichten der Filmindustrie? Bewertung dieser Absichten
Fazit
In den Arbeitsblättern wird auf Brutalitäten wie bei "Hart aber gerecht" verzichtet, obwohl hier und da unterschwellig Bedrohungsszenarien hervorlugen. Das Unterrichtsmaterial ist ansonsten ordentlich, die Zielsetzung moralisch korrekt. Dennoch muss man bei solchen Sachen wie der Teufel aufpassen, dass man nicht plötzlich in einem anderen Karren sitzt.Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Beitrag vom 19.08.2005, 02:27 | diesen Beitrag versenden
Gruß S.
Ich glaube nicht, daß man die DSL-Anschlüsse pauschal kriminalisieren darf oder allein schon das Vorhandensein von DSL die Sache schon verdächtig macht.
Außer illegalen Downloads gibt es jede Menge "freier" weil unter GPL-Lizenz stehender CD- und DVD-Images.
Wie wärs mit den unzähligen Linux-Versionen, die zum freien Download im WWW stehen ein?
Oder was machen die Leute mit IT-Telearbeitsplätzen, die parallel über Voice-over-IP telefonischen Support bieten, für meist selbstverschuldete IT-Probleme? Sicher keinen Support über ein Mobiltelefon, daß sie sich besser fühlen.
Das bringt Ihr noch nicht wirklich im Unterricht, oder? Halten wir dem Autor mal zu Gute das er mit illegaler Straftat einen Pleonasmus versucht hat, so wird es doch inhaltlich deutlich bitter.
Die Kopien Ihrer Schüler sind _keine_ Straftat, es sei den Sie handeln damit. Das Strafgesetzbuch kommt hier nicht zu tragen. Die von den Hart-Aber-Unsinn-Leuten angeführten fünf Jahre gelten nur für gewerbliche Raubkopierer.
Nehmen Sie doch z.B. diesen Artikel bei
http://www.golem.de/0312/28737.html
als Start für eigene Nachforschungen.
Eine sinnvolle Unterrichtsvariante wäre z.B.
1. Suchen von möglichst verschieden Quellen
2. Auswerten dieser Quellen
3. Diskussion über die Rechtsituation
Bei einer Sache gebe ich Ihnen allerdings recht:
"...Sachen wie der Teufel aufpassen, dass man nicht plötzlich in einem anderen Karren sitzt."
Also sehr viel vorher lesen bevor man dieses Thema anfaßt. Da sind ganze Abende im Netz vorprogrammiert. Analogkopien. Rückumwandlungen, Privatkopie, 7 Kopienregelung. Quellenfrage z.B. digitales Radio etc. usw.
Diese Seite bietet einen guten Einstieg
http://www.internetrecht-rostock.de/urheberrecht-faq.htm
Viele Dinge sind nicht sicher, aber wenigstens steht es dran, wenn es nicht klar ist.
Ich finde es geradezu typisch für solche Kreise, dass sich über die Freiheit von Daten offensichtlich nicht sonderlich viele Gedanken gemacht werden.
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Ich will hier keine Grundsatzdiskussion lostreten; das gehört hier nicht hin, denn dafür gibt es Foren. Ich finde aber, dass es da wo die Filmindustrie versucht Propaganda für ihre Interessen zu machen, auch erlaubt sein muss, Kritik an dieser anzumelden.
- Eben nicht als Diskussionsgrundlage, sondern als Vermerk, dass es auch andere Meinungen als die hier propagieren gibt.
