Das seltsame Geschäft mit den Abituraufgaben - Der Bildungswirt im Lehrerfreund-Interview 26.11.2008, 15:55

Die Abituraufgaben des letzten Jahres kann man als gedruckte Bücher kaufen (denn die Kultusministerien verkaufen die Aufgaben an Verlage). Michael Miller, der "Bildungswirt", fordert vom Hessischen Kultusministerium, die Abituraufgaben im Internet allgemein zugänglich zu machen - und hat damit eine Menge Staub aufgewirbelt.

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Foto: Michael MillerMichael Miller, Jahrgang 1954, Handelslehrer, Doktor der Philosophie. Langjährige Unterrichtstätigkeit an Berufsschulen und Gymnasien, Schulbuchautor, aktuelles Buch (2008) Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft. Außerdem Kneipenbesitzer im Frankfurter Nordend, Musiker. Betreiber des Blogs Der Bildungswirt.

Der Lehrerfreund: Können Sie uns die Problematik des “verkauften Abiturs” in drei Sätzen schildern?

Michael Miller: Mit öffentlichen Steuergeldern von ca. 2 Millionen Euro werden von Lehrerkommissionen jedes Jahr neue Prüfungsaufgaben für das Zentralabitur in Hessen für 43 Fächer entwickelt. Anstatt diese kostenfrei für jedermann nach Ablauf der Prüfungskampagne im Internet zu veröffentlichen, wurden sie stattdessen im Jahr 2007 und 2008 an Privatverlage verscherbelt. Dies ist ein untragbarer Zustand und gleichzeitig ein bildungspolitischer Fehltritt.

Der Lehrerfreund: Haben Sie eine Ahnung, warum ausgerechnet der Stark-Verlag den “Zuschlag” bekommen hat?

Michael Miller: Den “Dumping-Preis” mit Veröffentlichungsrechten haben mehrere Verlage bekommen, die Fächer nach Interessen aufgeteilt. Verlage und Einzelpreise sind im hessischen Landtagsinformationssystem einzusehen. Ich habe den entsprechenden Link im Bildungswirt “Abitur verkauft – 8. Nachlese” gelegt.

Der Lehrerfreund: Abituraufgaben werden von Lehrkräften im Auftrag des Landes erstellt. Warum soll man diese Aufgaben eigentlich nicht verkaufen können? Das Land Hessen kann doch auch, sagen wir, eine alte Schultafel verkaufen und den Gewinn in eine neue stecken.

Michael Miller: Im Grundsatz könnte man das tun. Nur welcher Schulbuchverlag würde 2 Millionen als Marktpreis bezahlen? Das Land hat von den Verlagen 2007 und 2008 insgesamt 10.000.- Euro erhalten, d.h. etwa 0,5% der Entwicklungskosten. Deshalb: Die Aufgaben gehören kostenfrei für Übungszwecke an die Schulen, freier Zugang für Schüler, Lehrer und Eltern und eine interessierte Fachöffentlichkeit.

Der Lehrerfreund: Warum verkauft man die Aufgaben für so eine geringe Summe? Eigendynamik eines bürokratischen Apparats – oder will man gezielt einige Verlage unterstützen?

Michael Miller: Da bewegen wir uns im Bereich der Spekulation: Korruption, Bestechung, gezielte Unterstützung kann man heutzutage nicht mit 100%-iger Sicherheit ausschließen; ich halte dies jedoch für unwahrscheinlich. Wir sind im Bildungsbereich und nicht in der deutschen Zement- oder Zuckerindustrie. Paradoxien im System, Management- und Kommunikationsmängel, Zuständigkeitsdschungel, cc-Mitzeichnungsseuchen, Unkenntnis,  personelle Überforderung und unproduktives Bedenkenträgertum sind wahrscheinlicher.

Der Lehrerfreund: Welche Rolle spielt das Urheberrecht dabei? Es dürfte einen gewaltigen Aufwand darstellen festzustellen, welche Materialien tatsächlich betroffen sind; die entsprechenden Abdruckrechte einzuholen würde die finanziellen und zeitlichen Kapazitäten der Kultusbürokratie wohl deutlich sprengen.

Michael Miller: Das Urheberrecht wird gern komplizierter dargestellt, als es in Wirklichkeit ist. Ich habe entsprechende Problemlösungen ausführlich in “Abitur verkauft - 9. Nachlese und die Copyrightfrage” entfaltet. Eine leistungsorientierte Kultusbürokratie kann den überschaubaren Aufwand locker bewältigen. Eine Win-win-Situation ist auch mit den Schulbuch-Verlagen herstellbar. Verlage setzen auf Kooperation und nicht auf Konflikt.

Der Lehrerfreund: Sie haben nach Ihrem Aufruf an den hessischen Kultusminister Banzer Anfragen an Politiker und Fraktionen gestellt und erreicht, dass im hessischen Landtag eine Menge Staub aufgewirbelt wurde; getan hat sich aber nichts, oder?

Michael Miller: Immerhin, das Thema kann nicht mehr totgeschwiegen werden. Mehrere Blogs haben die Artikelserie “Abitur verkauft” weiterverbreitet, die Parteien im Landtag sind aufgewacht. Die CDU steht im hessischen Landtag weitgehend isoliert da. Diese irrationale Position ist mittelfristig nicht zu halten. Ich hoffe auf Einsicht des amtierenden oder auch zukünftigen Kultusministers. Ansonsten werden sich die notwendigen Infos im Netz schon ihren Weg (Robin-Hood-orientiert) suchen. Niemand wird Internet-Aktivitäten aufhalten können. Ein Kultusministerium auf der Höhe der Zeit könnte sich hier durch eine neue “Internetpolitik” sehr positiv bei der jungen Generation präsentieren und würde endlich den langjährigen rotschwarz gefärbten Amtsschimmel abstreifen.

Der Lehrerfreund: Ist Politik einfach so langsam, oder gibt es weitere Gründe dafür, warum das hessische Kultusministerium so schwerfällig reagiert?

Michael Miller: Politik gestaltet sich meist schwerfällig. Selbst wenn der Minister weitblickend will, so muss er sich doch irgendwie mit seiner Kultusbürokratie arrangieren. Einige hinterwäldlerische Spitzenbeamte mit ausgeprägter Bedenkenträger-Kultur zuviel und schon wird alles zum politischen Kraftakt. Die großen Medien als Organisatoren und Katalysatoren „öffentlicher Meinung“ sollten hier selbstkritisch ihre Rolle, ihr Schweigen prüfen. Auch Schülern und Eltern ist bisher unzureichend klar, welche Werte ihnen verwehrt werden, die sie bereits durch Steuergelder (Lehrerstundenvergütung) bezahlt haben. Die Möglichkeiten des Internets werden nicht ausgeschöpft. Blogs, die sich zunehmend bewusst vernetzen, werden in den nächsten 5 Jahren einen eindeutigen Bedeutungszuwachs bekommen. Gleichzeitig werden Platzhirsche wie Spiegel-Online oder FAZ-Net sich zu “Superblogs” weiterentwickeln.

Der Lehrerfreund: Was ist ihre Prognose für den weiteren Verlauf?

Michael Miller: Das wird man sehen, sobald in Hessen am 18. Januar neu gewählt und die politischen Stühle gerückt wurden. Ich hoffe auf Einsicht bei allen fünf Parteien, denn das Thema ist letztlich parteiübergreifend und sollte nicht parteipolitisch instrumentalisiert werden. Auch bundesweit ist die Veröffentlichung und Präsentation von Abituraufgaben mangelhaft geregelt. Hier ist die Ehrennadel “Bildungsland Nr. 1” noch zu vergeben.

Der Lehrerfreund: Sie haben inzwischen zehn Beiträge zum verkauften Abitur verfasst, die Problematik akribisch recherchiert und stehen mit mehreren Politikern/Fraktionen in Kontakt. Warum engagieren Sie sich in diesem Maße?

Michael Miller: Als Vater von fünf Kindern fühle ich mich der jungen Generation grundsätzlich verpflichtet und trete für mehr Bildungsgerechtigkeit ein. Allgemein formuliert: Politisches Engagement in einer lebendigen Demokratie ist erste Bürgerpflicht; dazu gehört auch die Liebe zum Detail.

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