Warum reden LehrerInnen so viel?
LehrerInnen reden im Unterricht zu viel. Spätestens seit der DESI-Studie wissen wir es wieder. Hilbert Meyer, Flaggschiff der Erziehungswissenschaften, nimmt in einem interessanten Interview Stellung zu diesem Phänomen.
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Eingetragen am 13.03.2006, 18:06 Uhr in Paedagogik | Zeitloses |
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Wer sein Referendariat in den Achzigern begonnen hat, dem ist Hilbert Mayer ein Begriff. Seine Bestseller wie “Didaktische Modelle” oder “Unterrichtsmethoden”
sind aus der Referendariatsausbildung und den Bücherschränken entwicklungsbereiter LehrerInnen nicht mehr wegzudenken.
Ob man seine Werke nun langweilig, informativ oder genial findet: Hilbert Meyer ist ein wirklicher Fachmann mit Bezug zur Praxis. Deshalb interessieren seine Aussagen zum Thema “Warum LehrerInnen so viel reden” natürlich brennend.
Reden als “Schmiermittel, um den Unterricht in Gang zu halten”
SZ: Warum reden Lehrer so viel?
Meyer: Es gibt ein ganzes Bündel von Gründen. Viele Lehrer haben einfach ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis. Sie sind Lehrer geworden, weil es ihnen Spaß macht, vor der Klasse Rede und Antwort zu stehen. Zum anderen ist gerade im Frontalunterricht das Reden des Lehrers das Schmiermittel, um den Unterricht in Gang zu halten, um die vielen Organisationsfragen zu bewältigen, um zu loben und zu disziplinieren. Die Sprache ist das wichtigste Werkzeug des Lehrers. Das ändert aber nichts daran, dass ein Sprechanteil der Lehrer von zwei Dritteln nicht akzeptiert werden kann.
[...]
SZ: Reden Lehrer vielleicht auch deshalb so viel, weil sie unsicher sind?
Meyer: In Einzelfällen mag das so sein. Aber auch selbstbewusste Lehrer reden gern und viel. Andere reden auch viel, wenn sie unvorbereitet in die Klasse kommen. Manche reden sogar erst einmal drauf los und holen währenddessen im Hinterkopf die versäumte Stundenplanung blitzschnell nach.
sueddeutsche.de 12.03.2006: Warum reden Lehrer eigentlich so viel?
Ertappt. Hilbert M. hat Recht. Je unvorbereiteter die Lehrperson, desto höher ihr Redeanteil (es sei denn, man saugt sich spontan eine größere, nicht zwangsläufig sinnlose Gruppenarbeit aus den Fingern). Überprüfen Sie es selbst im Unterrichtsalltag.
Allerdings ist das ja nicht so schlimm. Jeder Arbeitnehmer pfuscht hier und da mal, und noch steht die Welt. Schlimm wird es nur, wenn die Lehrperson es nicht merkt, dass sie viel redet:
SZ: Müssten Lehrer nicht selber merken, dass es besser ist, weniger zu reden?
Meyer: Ja, sie sollten öfter einfach den Mund halten und den Schülern zuhören. Das ist auch in ihrem eigenen Interesse. Ein schüleraktiver Unterricht strengt auch physisch und psychisch weniger an.
sueddeutsche.de 12.03.2006: Warum reden Lehrer eigentlich so viel?
So werden manche Lehrpersonen im Lauf der Zeit zu wahren Beschwallungsmaschinen, auch im Privatleben - denn sie sind einem teuflischen Kreislauf verfallen: Hoher Redeanteil im Unterricht stresst die Lehrperson; lädt ihren Stress im Privatleben ab (ebenfalls: hoher Redeanteil), was zu mehr Stress führt. Kein Nerv auf Unterrichtsvorbereitung oder auf Einlassen auf aufsässige SchülerInnen, die selbst reden wollen, was zu hohem Redeanteil im Unterricht führt, der die Lehrperson stresst; sie lädt ihren Stress wortreich im Privatleben ab, was zu mehr Stress führt ...........
Fazit: Eine alte Lehrerfreundregel
Geht der Stress dir auf die Hoden,
Wechsel mal die Unterrichtsmethoden.
Empfehlenswerte Bücher von Hilbert Meyer:
- Unterrichtsmethoden, Bd. 1 (Theorieband)
- Unterrichtsmethoden, Bd. 2 (Praxisband)
- Didaktische Modelle
- Was ist guter Unterricht?
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7 Kommentare von Lehrerfreund/innen
Tja, wo der liebe Herr Hilbert Mayer Recht hat, da hat er Recht! Seine Beobachtungen sind sicher auch von uns Lehrern nachvollziehbar. Es ist jedenfalls nicht verkehrt, sich ab und zu selbst einen Spiegel vorzuhalten.
Mich würde interessieren woher H. Meyer die Daten für seine These hat.
Wie viel reden, welche Lehrer, wann und wo und in welchem Fach? Wie viel Redenanteil ist zu viel?
Der Rest seines Statements - warum Lehrer so viel reden, wie sie reden - klingt mir doch eher nach Vulgärpsychologie als nach wissenschaftlicher Untersuchung/Erklärung.
Wie soll der schüler etwas lernen, wenn der Lehrer eine eher schweigsame Persönlichkeit ist? Der Lehrer weiß sich zu repräsentieren, u.a. eben durch “reden”.
Zitat aus der Zeit:
Überhaupt findet Forschung nach den üblichen Standards in den Erziehungswissenschaften nur sehr punktuell statt. Die bayerische Evaluation ergab, dass ein »Großteil der Forschung keine empirische Grundlage hat«. Das gilt ebenso für andere Bundesländer. So konnte an der Hamburger Universität vor einiger Zeit noch Peter Struck, Professor für Erziehungswissenschaft, unwidersprochen verkünden, dass er Zahlen über das Verhältnis von Intelligenz und Schullaufbahn im gegliederten System »einfach mal so geschätzt« habe. Diesen freihändigen Umgang mit Zahlen, so Struck, hätte er von einem anderen Pädagogikprofessor übernommen, der seine Daten ebenso kreativ erfand.
http://www.reinhardkahl.de/artikellesen109r_5.html
bzw.
http://www.forum.mpg.de/archiv/20060628/docs/erziehungswissenschaften_haben_versagt.pdf
bzw.
http://72.14.221.104/search?q=cache:MSUzcEBgHM0J:www.forum.mpg.de/archiv/20060628/docs/erziehungswissenschaften_haben_versagt.pdf+peter+struck+daten+geschätzt+zeit&hl=de&gl=de&ct=clnk&cd=6
hmm,ich mein,et wär manchmal bessa,wenn die lehrer ma die backen halten. denn wenn die zuviel schwallen,wat keinen kratzt oda zum thema passt hört kein mensch mehr zu… mfg,shaq
Hilbert Meyer ist ein echter Fachmann mit Bezug zur Praxis?
Meyer versteht es in der Tat aufs prächtigste, in seinen Büchern den Eindruck hervorzurufen, er sei ein in Ehren ergrauter Volksschullehrer aus der Praxis, der nun das Ergebnis seiner jahrelangen, zum Teil schmerzhaft erworbenen Erfahrungen an die nächste Generation von Junglehrern weitergeben will.
Die tatsächlich Berufspraxis Prof. Dr. Hilbert Meyers beschränkt sich seiner eigenen Hompeage zu Folge auf den Zeitraum vom Sommer 1964 bis zum Frühjahr 1967. Das umfasst etwas mehr, als die Zeitspanne seiner Lehrerausbildung.
Zweidreiviertel Jahre. Ich bin ja so was von beeindruckt.
In anderen Worten - die vermeintliche Praxisnähe in Meyers Büchern ist das Ergebnis seiner Rhetorik. Seine Ausführungen beruhen auf Erfahrungen aus zweiter Hand und auf theoretischen Überlegungen. Da unterscheidet er sich in NICHTS von seinen anderen Akademikerkollegen.
Wer im Gegensatz zu Meyer selber Lehrer ist und den Beruf ausübt, weiß, dass Hospitation und Supervision ja schön und gut sind, aber die persönliche Erfahrung, da vorne an der Tafel zu stehen und zu machen, durch nichts zu ersetzen ist. Ich habe mich ja länger gewundert, warum sich Meyer so seltsam vague über die pragmatische Vereinbarkeit seines Didaktikmodells mit den praktischen Problemen des Berufsalltags äußert. Die Antwort liegt auf der Hand: der Mann weiß einfach nicht aus eigener Anschauung, wie es ist, im Dauerlauf in der kleinen Pause die Klassen zu wechseln und nebenbei Beratungs- und Verwaltungsgespräche zu führen. Der kennt einfach nicht das Problem, dass man in den Hochkorrekturphasen physisch keine Zeit mehr hat. Der kämpft auch niemals mit alltäglichen Problemen einer kulturell heterogenen Lerngruppe…
Wäre ich ein Arzt und ich würde einem Kollegen begegnen, der zwar seid dem Ende seines praktischen Jahres nicht mehr praktiziert hat, aber es stattdessen ganz theoretisch auf sich nimmt, die wissenschaftliche Deutungshoheit über die richtige Diagnostik und Therapie in der Praxis zu beanspruchen, wüsste ich jedenfalls, was davon zu halten wäre.
Aber in der Schule kommt’s wohl nicht so darauf an.
@Nele Abels
Absolut richtig!
Das bezieht sich nicht nur auf Herrn M, sondern auf einige Facheleiter/Mentoren/Seminarlehrer (oder wie immer diese Menschen so heißen).
Einige unterrichten - mehr schlecht als recht - ihre eigenen 3-4 Stunden und gehen mit erhobenen Zeigefinger zum Unterricht der Studienreferendare.
Während die gesamte Welt im Siliziumzeitalter angekommen ist, unterrichten diese noch im Kreidezeitalter… Leider verderben sie ganze Generationen an neuen Lehrern. Innovation wird so unterbunden.
Letztlich beruht unser Schulsystem immer noch auf den preussischen militaristischen Prinzipien.
Schulleiter = A16 = Hauptmann
Lehrer = A13 = Leutnant
Schüler = AA (Scheiße)= Fußvolk
Aus dem Fußvolk rekrutiert man eventuell neue Offiziere, die anderen sich nur BLACKWATER.
(Blackwater= private Firma, die Söldner in den Irak schickt. Bitte im Pons oder Langenscheidt nachschauen, was BLACKWATER heißt)
EIn Bisschen Bildung muss sein! ![]()
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