Abschaffung der Hauptschule: »Selektionswahn wird nicht aufhören« 26.11.2007, 17:24

Rheinland-Pfalz hat sich für die Realschule Plus entschieden, 400 Rektor/inn/en in Baden-Württemberg fordern die Abschaffung der Hauptschule. Zum Abschaffen gehört allerdings auch Umdenken - dann stehen wir vielleicht (endlich) vor wirklichen Umwälzungen. Ein Lagebericht.

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Abschaffung der Hauptschulen: Status Quo

Während die großen Bundesländer mehr oder weniger unverfroren an der Hauptschule festhalten, haben Bremen, Hamburg, Saarland, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein die Abschaffung der Hauptschule bereits beschlossen. Ab dem Schuljahr 2010/11 z.B. werden in Schleswig-Holstein alle Haupt- und Realschulen zu Regionalschulen zusammengefasst. In Hamburg werden Haupt- und Realschulen zu “Stadtteilschulen” zusammengelegt.

Im Gespräch ist zur Zeit das Bundesland Rheinland-Pfalz, wo der Hauptschulabschluss innerhalb der “Realschule plus” angeboten werden soll. Das Konzept wird vor allem deshalb kritisiert, weil an den meisten Schulen nach der siebten Klasse wieder in Hauptschüler/innen und Realschüler/innen getrennt wird. Es geht natürlich in erster Linie ums Geldsparen: Der (Haupt-)Schülerschwund ist in Rheinland-Pfalz besonders dramatisch - nur noch rund 15% aller SchülerInnen besuchen Hauptschulen.

Revolution in Baden-Württemberg

Im April 2007 unterzeichneten 100 baden-württembergische (Haupt-)SchulleiterInnen eine Petition, in der sie die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems forderten; inzwischen ist die Zahl der UnterzeichnerInnen auf 400 angewachsen, ein satter Prozentsatz bei insgesamt rund 2.650 SchulleiterInnen an den 1200 Hauptschulen in Baden-Württemberg (Schulstatistik BW 2006 (pdf)). Bisher hat Kultusminister Helmut Rau jedoch noch kein Einsehen, sondern steigert lieber die Qualität und stellt 26 Millionen Euro für neue Lehrerstellen und "pädagogische Assistenten" bereit. Das wird natürlich nicht viel ändern - der Trend zum Gymnasium ist ungebrochen, der Ruf der Hauptschule bereits vollständig ruiniert - auch wenn Rau keinen Grund sieht, vom dreigliedrigen Schulsystem zu lassen.

“Abschaffen” allein reicht nicht

Bei der Abschaffung der Hauptschule geht es nicht um die Nivellierung von Leistungsunterschieden oder um ein Schönbügeln sozialer Probleme. Es ist vielmehr die Struktur des deutschen Schulwesens (und des deutschen Denkens?), in dem Kinder frühzeitig in Dumme und Kluge eingeteilt werden - und damit schon im Alter von zehn Jahren auf die Versagerstraße geschoben werden können

Dieser Selektionswahn wird nicht aufhören, nur weil es eine Schulform weniger gibt. Im Gegenteil: In allen Bundesländern schließen sich gerade die Reihen von Lehrern, Eltern und Gebildeten. Ihr unausgesprochenes Anliegen lautet: Die Schmuddelkinder kommen nicht zu uns! Einen Vorgeschmack darauf gaben Demos von Realschülern in Kiel, Lübeck und Schleswig. “Wir wollen nicht mit den dummen Hauptschülern unterrichtet werden”, skandierten sie. Klassenkampf in der Generation Pisa.

taz 23.11.2007: Klassenkampf in der Generation Pisa

Mit “Schule für alle” wird hier eine Gesellschaft gefordert, in der die Bösen auch klug und die Netten auch blöd sein dürfen - ohne dass man sie schon von Kindesbeinen an entsprechend sortiert.


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