Expertenmeinung

Lehrer/innen und das Chaos auf dem Schreibtisch 10.11.2009, 01:13

Wahrscheinlich gibt es keine Berufsgruppe, auf deren Schreibtisch so viel papierner Durchgangsverkehr herrscht wie bei den Lehrer/innen. Ein unaufgeräumter Schreibtisch nervt nicht nur, sondern schränkt auch die Produktivität ein. Einige Überlegungen zur Schreibtischorganisation für Lehrer/innen, außerdem drei Fragen an Burkhard Heidenberger, Experte für Büroorganisation und Verfasser des E-Books "Schreibtisch-Ordnung".

Lehrer-Schreibtisch, kleines Vorschaubild
Bild: phv-bw-tue.de
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Das Schreibtisch-Problem für Lehrer/innen

Betrachten Sie diese Bilder von Arbeitsplätzen von Lehrer/innen (Quelle, mit freundlicher Genehmigung):

Lehrer-Schreibtisch, Querformat
Lehrer-Schreibtisch, Hochformat

Die Bilder von diesen (noch relativ unchaotischen) Arbeitsplätzen zeigen das Problem, vor das Lehrer/innen bei der Organisaton ihres Arbeitsplatzes gestellt sind - der Lehrer/innen-Schreibtisch muss eine Menge schlucken:

  • Papier in Unmengen: selbst erstellte Arbeitsblätter, Mitteilungen der Schulleitung, Notizen aus dem Unterricht, Tests usw. Häufig braucht man für die Unterrichtsvorbereitung auch aktuelle Tageszeitungen, Zeitschriften etc. bei der Hand.
  • Bücher in Unmengen: Nachschlagewerke, Wörterbücher etc. müssen in Reichweite sein; ebenso Schulbücher, Lehrerbände, Unterrichtsmaterialien für alle Klassen. Man beachte, dass Schulbücher und Lehrermaterialien häufig in völlig abartigen Formaten vorliegen, so dass eine Standardisierung nach DIN A3 viel Platz verschwendet, DIN A4 aber häufig zu klein ist.
  • Klassenarbeitshefte: 30 Klassenarbeitshefte mit Umschlägen dürften 3kg wiegen und rund 8.000cm3 bei einer Nettogrundfläche von rund 370cm2 verbrauchen.
  • Elektronik: Die technische Infrastruktur umfasst für Lehrer/innen zwingend Computer, Bildschirm, Tastatur, Maus, Drucker, Scanner, Telefon, Fax.
  • Büromaterialien: Für die analoge Datenverarbeitung und Herstellung von Unterrichtsmaterialien brauchen Lehrer/innen Kleber, Schere, Büroklammern, Tacker, Briefumschläge usw. stets in Reichweite.

Erschwerend kommen zwei Aspekte hinzu, die in anderen Berufszweigen weniger ausgeprägt sind:

Die Papierfluktuation auf Lehrerschreibtischen ist außerordentlich hoch. Die tägliche Unterrichtsvor- und -nachbereitung dürfte als Output zwischen drei und 20 Blättern Papier umfassen; mindestens alle zwei Wochen wandert ein Stapel Klassenarbeiten, Tests o.ä. über den Tisch.

Außerdem verarbeiten Lehrer/innen an ihrem Schreibtisch noch ihre privaten Unterlagen: private Korrespondenz, Versicherungen, Kommunikation mit Behörden, private Informationsverarbeitung usw.

Kurz: Es stellt eine hohe Herausforderung für Lehrer/innen dar, den heimischen Arbeitsplatz so zu gestalten, dass ein produktives und entspanntes Arbeiten stattfinden kann. Durch die materialienintensive Situation auf dem Schreibtisch und die Doppelbelastung des Arbeitsplatzes (geschäftlich, privat) sind allgemeine Hinweise zur Schreibtischorganisation für Lehrer/innen meist unnütz.

“Vom Chaos-Schreibtisch zum Wohlfühl-Schreibtisch” - E-Book “Schreibtisch-Ordnung” von Burkhard Heidenberger

Burkhard Heidenberger, Trainer für Zeit- und Zielmanagement, betreibt unter zeitblueten.com ein Webangebot zu den Themen Zeitmanagement und Büroorganisation. Er hat u.a. einige kostenlose E-Books verfasst, darunter den Titel “Schreibtisch-Ordnung”. Hier wird man auf 18 Seiten dazu angeleitet, seinen Arbeitsplatz in einen Hort der Produktivität zu verwandeln. Demnach findet der Prozess der Schreibtischorganisation in fünf Schritten statt:

  1. Ordnung schaffen: Alles vom Schreibtisch räumen, Schreibtisch putzen, nur Gegenstände des täglichen Bedarfs an definierte Plätze auf dem Schreibtisch stellen.
  2. Einrichten eines Ablagesystems: unerledigt, Wiedervorlage, Ablage, Eingang
  3. Vorhandene Papiere entsprechend sortieren und einsortieren.
  4. Schubladen komplett entleeren, putzen, nach bestimmten Prinzipien wieder einräumen (z.B. “Alles, was Sie im letzten Monat nicht mindestens 1mal in die Hand genommen haben, hat in den Laden nichts zu suchen.”).
  5. Angenehme Atmosphäre am Arbeitsplatz schaffen: Pflanzen, Wohlfühlgegenstände, Bürostuhl, Bildschirm.

Allerdings berücksichtigt auch dieses Konzept nicht die besondere Situation des Lehrer-Arbeitsplatzes. Wir haben deshalb bei Burkhard Heidenberger nachgefragt.

Drei Fragen an Burkhard Heidenberger

Lehrerfreund: Die Arbeitsplatzsituation für Lehrer/innen ist deshalb besonders, weil sich privates und geschäftliches Treiben am heimischen Schreibtisch vermischen. Gibt es hierfür Lösungsansätze?

Burkhard Heidenberger: Genau diese Mischung ist in der Regel der fruchtbare Boden für das Schreibtisch-Chaos. Generell sollte auf eine strikte Trennung geachtete werden. Das kann man erreichen

  • durch rigorose Einhaltung der Regel: Nur Unterlagen und Dokumente auf die Schreibtischoberfläche, die für den aktuellen Arbeitsgang erforderlich sind. Also wenn ich Schularbeiten korrigiere, haben alle anderen Dokumente, die für das Korrigieren nicht erforderlich sind, nichts auf dem Schreibtisch zu suchen.
  • durch Ausweichen. Ideal ist ein mobiler Beistellschrank mit Laden, der unter dem Schreibtisch Platz findet. In den Laden sind die wichtigsten Schreibutensilien untergebracht. So kann man beispielsweise auf einen anderen Tisch ausweichen. Es muss ja nicht immer der Schreibtisch sein. Einfach den Beistellschrank mit dem ganzen “Werkzeug” zum freien Esstischrollen und schon hat man einen Zweit-Schreibtisch geschaffen.

Ein weiterer Lösungsansatz sind zwei mobile Schreibtischschränke. In einem sind Dokumente und Utensilien rein für das private Treiben untergebracht, der andere wird für die geschäftliche Nutzung verwendet.

Lehrerfreund: Können Sie uns Tipps geben, wie Lehrer/innen mit der immensen Papierflut umgehen können?
Burkhard Heidenberger: Um die Übersicht in der Papierflut nicht zu verlieren, ist eine effiziente Ablage mit eindeutiger Beschriftung unumgänglich. In den diversen Möbelhäusern und auch in Baumärkten gibt es flexible Regalsysteme und Ablagen, die beliebig angepasst werden können. Anzahl und Größe der Fächer sind nicht fix, sondern können jederzeit verändert werden. Wenn man eine solche Ablage mit mehreren offenen und eindeutig beschrifteten Fächern über den Schreibtisch anordnet, fällt das Ordnunghalten schon wesentlich leichter. Die Anzahl, Größe und Art der Fächer richtet sich nach den individuellen Anforderungen. Hier gilt es ein wenig zu experimentieren, bis man sein persönliches System gefunden hat.

Lehrerfreund: Besonders schwierig bei der Schreibtischorganisation ist für Lehrer/innen, dass immer wieder ganze Klassensätze von Arbeitsheften oder Testblättern reinkommen. Das schiere Volumen macht hier die Arbeit mit Ablagesystemen (z.B. Schubfächern) unmöglich. Haben Sie eine Idee für ein alternatives Ablagesystem?
Burkhard Heidenberger: Schubfächer und Laden haben den Nachteil,dass darin Verstautes nicht sofort ersichtlich ist und damit häufig auch “Aus dem Blick,aus dem Sinn” eintrifft. Solche Fächer eignen sich eher für Utensilien und Arbeitsmaterialien.Für Arbeitshefte eignen sich besser offene Fächer, beispielsweise unterteilt nach Klassen und/oder Unterrichtsgegenstand und auch dementsprechend beschriftet. Somit sehe ich beispielsweise sofort die Hefte im Ablagefach der Klasse 7C und weiß,dass diese noch zu korrigieren sind.

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