Welche Lehrer-Bekleidung für optimalen Unterrichtserfolg?
Wenn über die Bekleidung von Lehrer/innen diskutiert wird, kommt ziemlich schnell das Konzept "Schlabberlook" ins Spiel - und die Frage nach dem Zusammenhang von Lehrerbekleidung und Unterrichtserfolg: Ist guter Unterricht nur im Anzug möglich? Ein "Stilexperte" der NZZ ist davon überzeugt und rät Lehrer/innen dazu, Freizeitgarderobe und Sportswear zu meiden.
Es ist allgemein bekannt, dass Lehrer/innen keinem Krawattenzwang unterworfen sind. Deshalb kennt man bei Lehrer/innen verschiedene Bekleidungsstile; Mephisto aus dem Pädagogischen Untergrund veranschaulicht sie (gekürzt):
- Männer mit fast in die Armbeuge hochgezogenen, speckigen Breitcordjeans.
- Lappige Wollpullover mit den abscheulichsten Mustern .
- Sandalen, in denen bestrumpfte Füße stecken (manchmal ohne Strümpfe noch viel schlimmer).
- Insgesamt schlecht sitzende, billige Kleidung, die an den merkwürdigsten Stellen mit Kreideflecken verunreinigt ist, und das nicht nur an einem Tag, nein, jeden Tag.
- ...und, und, und…
Meldungen aus dem Pädagogischen Untergrund 10.01.2010: Stil im Lehrerzimmer (hier gekürzt)
Im Artikel Kleider machen Lehrer der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) ist zu lesen, dass ein “erfolgreiches Lernklima” auch vom Bekleidungsstil der Lehrer/in abhängt:
Ist ein oft zu beobachtender Schlabberlook vielleicht ein Hinweis darauf, dass die Schüler nicht ernst genommen werden? Oder widerspiegelt er im Gegenteil geistige Grösse, die über kleinkarierte Textilfragen triumphiert?
Auch wenn der Anteil der “Schlabberer” unter den Lehrer/innen 25% nicht übersteigen dürfte, ist damit doch die zentrale Frage formuliert. Ist ein bestimmter Kleidungsstil wichtig, weil dadurch der Lehrer/in als Vorbild und Kompetenzperson mehr Respekt entgegengebracht wird? Oder kann eine authentische, starke Lehrerpersönlichkeit vollkommen unabhängig von der Bekleidung?
In der NZZ spricht nun auch ein “Stilexperte” Empfehlungen für die Kleidung von Lehrer/innen aus. Er rät dazu, auf die “gängigen Elemente der Freizeitgarderobe oder Sportswear” ganz zu verzichten, um auch optisch einen Abstand zu den Schüler/innen zu kreieren, der “dem Respekt gegenüber den Pädagogen zuträglich ist”. Wie einfach es doch sein kann, sich Respekt bei den Schüler/innen zu verschaffen!
Der Stilexperte gibt weiterhin konkrete Hinweise zur Lehrer/innen-Garderobe. Bei den Herren rät er zu einer
englisch angehauchte[n] Kombinationen aus Kord, Tweed oder einem währschaften [sic] Baumwoll-Twill. Die Ärmel des Sakkos können Leder-Blätze an den Ellbogen haben. Zu dieser Garderobe gehören Flanell- oder Oxford-Hemden - niemals aber kragenlose T-Shirts. [...] Über dem Hemd können auch einfarbige Pullover oder Pullunder getragen werden.
Den Damen empfiehlt der Stilexperte ein Kostüm; statt Jeans sollten sie besser einen Hosenrock tragen, vielleicht mit Feinstrickjacke. Auf “Schmuck und hohe Absätze kann verzichtet werden”.
Diese Vorschläge klingen so verstaubt, dass sie schon wieder als originell bezeichnet werden können. Warum denn nicht auch mal in Tracht unterrichten? Das dürfte die angestrebte “gewisse Differenzierung” zwischen Lehrer/innen und Schüler/innen noch mehr steigern.
Dennoch sollten wir auch den treffenden Kern in den Vorschlägen des Stilexperten sehen:
- Ein bisschen Seriosität kann als Lehrer/in sicher nicht schaden. Indoktriniert durch Werbung und Markenzwänge entwickeln Schüler/innen schon früh ein ausgeprägtes (oft auch: übertriebenes) Bewusstsein für Kleidungsstil - man muss den Vergleich “rennt rum wie ein Penner” ja nicht zwanghaft provozieren.
- Ebenfalls sollte man übertriebene Fraternisierung mit den Schüler/innen vermeiden. Das Tragen von massiv goldenen Hiphop-Ketten bei knietiefem Hosenbund zeigt sogar den MTV-verseuchtesten Schüler/innen, dass man offensichtlich irgendwann in der eigenen Entwicklung stehen geblieben ist - oder angesichts anderer Defizite nonverbale Kumpelei nötig hat.
Die ganze Diskussion hat natürlich auch etwas Obszönes. Denn es geht eigentlich nicht um die Frage, ob eine gute/r Lehrer/in auch in einen Kartoffelsack gehüllt guten Unterricht machen könnte. Es geht auch um die Frage, inwieweit der Respekt der Schüler/innen mit dem äußerlichen Erscheinungsbild der Lehrperson zusammenhängt. Von dort aus ist es kein weiter Schritt mehr, hässliche oder dicke Lehrer/innen als suboptimale Unterrichtsgestalter/innen zu sehen.
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Beitrag vom 31.01.2010, 20:46 | diesen Beitrag versenden
Andererseits habe ich auch noch nie eineN LeherIn im Jogginganzug gesehen...
Vielleicht hilft auch Kommunikation? Lässige Kleidung nicht als (nach)lässiger Arbeitsstil, sondern als bequeme Lösung um den anstrengenden Tag zu händeln, das muss man aber manchmal eben auch den SchülerInnen zugestehen.
Selber wechsle ich meinen Stil: sportlich-legèr und gepflegt (mit Sacko).
Durch Termine habe ich auch schon in weissem Hemd, Kravatte und elegantem Sacko unterrichtet. Die Wirkung war beeindruckend, richtig toll.
Dennoch unterrichte ich in der Schule am liebsten in sportlich-praktischer Kleidung: In technisch veralteten, teilweise dreckigen Schulen fallen da Verschmutzungen, Kreidestriche etc. nicht ganz so auf bzw. sind nicht ganz so ärgerlich. Ausserdem unterrichte ich auch handwerkliche Fächer und Theater, da ist es einfach zweckmässig, wenn man sich auch einmal "ungestraft" mit Sägemehl kontaminieren kann oder um etwas vorzumachen auf den Boden werfen kann, ohne sein "edelstes Stück" zu beschädigen.
Das ist leider auch eine Preisfrage und da liegt bei den Arbeitgebervorstellungen über selbst anzuschaffende Unterrichtsmittel und dgl. Irr-Auswüchse kaum mehr viel drin.
Was ich allerdings mehr als peinlich finde: Wenn KollegInnen (v.a. aber männliche Kollegen) an öffentlichen Anlässen in schlampigem Aufzug erscheinen. Das ist mehr als peinlich. Hier würde ich ggf. eine gewisse Dresscode-Anordnung (mit Massen) von der Schulleitung als angemessen beurteilen.
Bitte erläutern.
Hierzulande gibt's an vielen Schulen leider nicht so viel zu lachen. Vielleicht mit ein Grund für das allgemeine Belächeln von Lehrern?
Andererseits: Kleidung kann auch distanzierend wirken.
Und: Die Kleiderfrage hängt auch von der Schule und deren Anspruch ab. Ich habe im Ref. an einer Schule unterrichtet in der keine Lehrkraft eine Jeans getragen hat. An der 2. Schule bin ich mit meinen (inzwischen gewohnten) Stoffhosen mit gepfegtem Hemd sofort aufgefallen. Das mag man positiv odet negativ sehen.
"Voll coole" Klamotten wirken nach meiner Beobachtung bei den Schülern nur im ersten Moment gut. Im zweiten und dritten Moment kommt bei den Jugendlichen ein komisches Gefühl auf. Kein Wunder möchte man sagen. Irgendetwas muss es doch geben, worin sich die Jugendlichen von den Erwachsenen abgrenzen können.
Letztes Jahr habe ich in der Pausenaufsicht einen Praktikanten "an die frische Luft" gesetzt. Das war für beide Seiten ungewohnt...
Ich denke es gibt wichtigere Probleme!
Oder sollen wir ab besten Schuluniformen für Lehrer einführen?
Der letzte Satz ist mir in der Logik nicht ganz klar.
@Tobi
Stimmt, genau darum geht es auch. Aber heisst "authentisch" nicht auch "zur Rolle passen"? Dann sollte sich ein Lehrer auch lehrergerecht anziehen. Im übrigen ganz richtig: Nicht jeder Lehrer muss wie ein Schulleiter herumlaufen, Generationenunterschiede dürfen sicher auch sichtbar sein, aber bewusstes Anziehen schadet sicher nicht.
Und dass Lehrerkleidung auf Schüler sicher einen Einfluss hat (genau wie die Räume und Gebäude der Schulen), dürfte auch in Zeiten politischer Handlungsignoranz (ich meine hier nicht das Gerede über "Räume als Pädagogen") ziemlich leicht nachvollziehbar sein.
Ich bin fest überzeugt davon, dass wir Lehrer uns unseren schlechten Ruf selbst zuzuschreiben haben. Eine im Durchschnitt völlig unangemessene Kleidung trägt viel dazu bei!
- Was sollen Eltern denken, die sich vormittags fürs Elterngespräch frei nehmen, wenn sie in Berufskleidung zu einem unrasierten Lehrer im T-Shirt kommen?
- Warum sind Lehrer so viel schlechter gekleidet als ein ganz gewöhnlicher Angestellter im Autohaus, der mir eine Gummimatte verkauft?
- Wo bleibt der Respekt vor der Institution Schule, vor dem Bildungsprozess und vor der Person des Schülers?
Ich trage seit dem Referendariat Krawatte und Anzug, meist sportlich, seltener klassisch. Das hat doch nichts mit Uniform zu tun. Ich bin immer gut damit gefahren: Respekt, Anerkennung, Ernsthaftigkeit, Sorgfalt, Ästhetik stehen als (Bildungs-)Werte sofort im Raum. An Distanz denken die Schüler nur in den ersten fünf Minuten in der ersten Stunde. Dann wird durch meine Sprache und meine innere Haltung klar, dass ich mit dem Herzen ganz nah bei meinen Schülern bin. Und oft war ich gottfroh, wenn Väter ins Elterngespräch kamen und sich herausstellte, dass da ein General, ein Firmeninhaber, einmal sogar ein Botschafter vor mir saßen - und ich wie sie angemessen gekleidet war!
Lehrer wie Lehrerinnen in Freizeitkleidung sollten m. E. gründlich in sich gehen und etwas formalere Kleidung mal ausprobieren. Ein paar Kollegen haben sich getraut - als ich ins Kollegium kam - Krawatte zu tragen und haben mir (vertraulich) von positiven Effekten berichtet.
Seit Kindertagen kenne ich den Ausspruch:
"Er war Lehrer und sie war auch schlecht angezogen." Es scheint wohl ein bißchen Wahrheit dahinter zu stecken!?
Wenn ich mich ordentlich kleide, meint saubere, gepflegte Hosen (auch Jeans) trage und darauf achte, auch sonst gepflegt auszusehen, dann fühlen sich die Schüler bestimmt nicht respektlos behandelt.
Im Gegenteil: Wenn ich ein gutes Vorbild für "normale" Kleidung gebe, können sich Schüler doch eher ein Beispiel an mir nehmen, als wenn ich Anzug/Kostüm trage.
Der Vergleich mit dem Autoverkäufer wirkt auch etwas weit hergeholt, denn ich sehe mich als Lehrerin nicht in der Rolle eines Verkäufers!
Ich finde Vielfalt spannend und Schule sollte doch vielfältig - nicht ungepflegt(!) - sein.
Zitat:"Wenn KollegInnen (v.a. aber männliche Kollegen) an öffentlichen Anlässen in schlampigem Aufzug erscheinen. Das ist mehr als peinlich. Hier würde ich ggf. eine gewisse Dresscode-Anordnung (mit Maßen) von der Schulleitung als angemessen beurteilen."
Na toll! Und was macht man, wenn gerade der Schulleiter einer RS nur in ausgebeulten Jeans und Holzfällerhemd rumläuft, sogar bei der Entlassungsfeier der 10. Klassen? Gerade die SL sollte Vorbild sein, denn bei ihr gehen Menschen anderer Schulen, Institutionen, Firmen, Eltern ein und aus. Da kann man sich nur fremdschämen.
P.S. Hosenröcke sind mal ne tolle Alternative, allerdings nur für alle, die ihren Hintern gern optisch verdreifachen würden.
In der Elternsprechstunde meiner Kinder sind mir eher die gelackten Kravatte-Anzug-Träger und die Damen im Kostümchen suspekt, die allzu glatt und undifferenziert über Leistungen und Unzulänglichkeiten unter ständigem Lächeln parlieren. Da sind mir schon die weniger gestylten, ehrlichen Lehrer lieber, die ohne Umschweife sagen, was Sache ist. Und meine Kids mögen die auch viel lieber, auch wenn sie hin und wieder ungeliebte Wahrheiten von sich geben, egal wie sie gekleidet sind.
Meine Beobachtung ist oft, dass die Schule an sich "geschlossen" ist, eben auch in punkto Kleidung und hier gerade der LehrereInnen - die Schule sollte generell ihr (Klassen-)Türen öffnen.
Sollten wir nicht unseren Schülern lernen, hinter die Fassade der Kleidung zu blicken? Sollten wir unsere Schüler nicht eben gerade dazu erziehen, kritisch hinter die schöne Scheinwelt der Werbung zu blicken?
Wenn wir nun den Schein der schönen Kleidung als richtig und notwendig bestätigen, als richtig annehmen, sind wir dann nicht Stellvertreter der Akzeptanz dieses Täuschens? Machen wir den Schülern mit dem Tragen teurer Kleidung nicht eben genau das vor, was wir ihnen abzuerziehen versuchen sollten? Nämlich auf die Manipulation zu Gunsten der Wahrheit zu verzichten? Ist nicht die Schule der wesentliche Ort, an dem ein solches Ideal verkörpert werden sollte?
Ich postuliere sogar ganz im Gegenteil, dass Lehrer eben gerade NICHT wie Gummimattenverkäufer im Autohaus, wie Bänker hinter dem Schalter aussehen sollten, da wir uns gegen die Verkaufsstrategien der modernen Sophisten nicht nur zur Wehr setzen, sondern im Gegenteil diese sogar kontrakarieren sollten!
Und wer bitte definiert, dass ein drei-Tage-Bart oder ein Vollbart, oder Koteletten, oder ein Schnauzbart nicht in Ordnung sind? Wieso sollten Menschen, die sich der Erziehung zur Mündigkeit verschrieben haben, dem Postulat der Mode und der Werbung unterwerfen? Vielleicht wäre sogar viel gewonnen, wenn Lehrer sich Irokesenschnitte zulegen würden, in weißen Leinengewändern zur Schule kommen würden oder auch vielleicht einfach auch das Markenlogo auf ihrem Hemd mit rotem Klebeband überkleben. Ich fordere die Unangepasstheit der Pädagogen, die eine kritische Rolle in der Gesellschaft einnehmen und das SEIN dem SCHEIN immer und auch bei der Wahl der Kleidung vorziehen. Und wenn dann diese als pädagogiisches Mittel einsetzen sollten, warum denn nicht auch um einmal zu provozieren. Angepasstheit gibt es auch unter den Schülern viel zu häufig! Wir sollten uns eher an Diogenes orientieren als an Dior.
Gerade weil die Spanne bei den Lehrern vom Anzug mit Krawatte bis jugendlich-sportlich reicht, herrscht bei mir große Unsicherheit.
Meine derzeitige Kleidung wird sich nur wenig von den Schülern unterscheiden (Jeans, Kaputzenpulli), daher halte ich dies für unangebracht.
Natürlich könnte ich meine Anzüge von meiner Ausbildung zum Versicherungskaufmann anziehen. Nur wäre dies vielleicht etwas überzogen. Wäre als Mittelweg eine Jeans mit Hemd und ggfs. einem Sakko angebracht?
Ich schlage vor, den Lehrern und Lehrerinnen eine Uniform zu zuweisen, vielleicht sollte auch eine Eingliederung des Lehrerstandes in die Bundeswehr überdacht werden. Dann würden alle SchülerInnen die entsprechende Bildung erhalten und PISA wäre kein Thema mehr.
@Matthias: Zieh das an was du sonst auch an hast. Sonst wirkst du unnatürlich. Wenn du gerne mal gepflegter (muss ja nicht gleich der Dreiteiler sein) rumläufst, oder im entspannten Dress, ändere dich nicht unnötig für das Praktikum, das sitzt du eh die meiste Zeit nur hinten und hospitierst.
