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Eintrag vom 10.01.2010 * 4046 Views in 2010

Korrekturentlastung: Schüler korrigieren ihre Klausuren selbst

Eine unorthodoxe Art der Korrektur von Klausuren besteht darin, das die Schüler/innen selbst übernehmen zu lassen: Jeweils zwei Schüler/innen korrigieren ihre Klausuren/Klassenarbeiten, woraufhin die Lehrperson nur noch eine abschließende Kontrollkorrektur vornimmt. Erklärung des Vorgehens und Tipps zur Umsetzung von Rüdiger Borrmann.

Vorbemerkung: Der Autor hat diese Korrekturmethode bereits selbst mit Erfolg in naturwissenschaftlichen Fächern erprobt. Eine Adaption des Konzepts für geisteswissenschaftliche Fächer steht noch aus. Besonders apart an dieser Methode ist die Tatsache, dass die Schüler/innen (auch) ihre eigenen Klausuren bewerten und das Ergebnis der Lehrer/in mitteilen, was die Anzahl der Streitereien um Noten stark minimieren dürfte.

Es folgt ein Gastbeitrag von Rüdiger Borrmann - vielen Dank!

Ich arbeite aktuell systematisch daran, meine Schüler selbst die Arbeiten korrigieren zu lassen. Dieses hat große Vorteile. Ich komme wieder weg von Multiple Choice und kann sinnvollere Textaufgaben stellen. Der Nachkorrekturaufwand nach mehreren Anläufen ist minimal. Ich kann statt Korrekturen durchzuführen mich besser auf den Unterricht vorbereiten.

Und so geht’s:

Klausurkorrekturen durch Schüler

Warum macht man so etwas? - Didaktischer Mehrwert

Durch die Korrektur verarbeiten die Schüler den Stoff erneut, festigen das neue Wissen und erwerben sogar noch neue Kompetenzen - nämlich das Bewerten ihrer eigenen und fremder Arbeitsergebnisse.

Wie funktioniert es? - Vorgehen

  • Damit die ordnungsgemäße Durchführung vom Lehrer ggf. bewertet werden kann, erhält die Klausur ein Feld ‘korrigiert von: ‘, in das sich der jeweilige Korrektor einträgt. Zusätzlich bekommt die Klausur einen Randstreifen für Anmerkungen und Punkte des Korrektors, denn die Farben der verwendeten Stifte der Schüler könnten gleich sein.
  • Die geschriebene Klausur wird sofort nach dem Schreiben der Arbeit zweimal kopiert. Das Original verbleibt beim Lehrer. Eine Musterlösung kann gleich zur Korrektur ausgeteilt werden bzw. die Erwartungen an die Klausurergebnisse zusammen mit den Schülern an der Tafel nach Schreiben der Klausur erarbeitet werden.
  • Jeder Schüler bekommt zur Korrektur die Kopie seiner Klausur und die eines anderen Schülers ausgeteilt, d.h. jeder Schüler korrigiert zwei Klausuren, wobei sichergestellt sein muss, dass ein Schüler nicht beide Exemplare seiner Klausur erhält bzw. das Exemplar des Korrektors seiner Klausur.
  • Die Schüler vergleichen anschließend die Korrekturen und einigen sich durch Diskussion auf gleiche Punktezahlen, so dass ein unstrittiges Endergebnis erzielt wird.
  • Das Punkte-Endergebnis wird zusammen mit der Note dem Lehrer mitgeteilt.
  • Der Lehrer sammelt alle Korrekturen ein zur Durchsicht, ob die Korrekturen ordnungsgemäß durchgeführt worden sind und überträgt das Ergebnis in das Original.

Folgende Dinge sollten zusätzlich bedacht werden:

  • Es bietet sich an, die Korrektur als Teil der Gesamtnote zu berücksichtigen, z. B. 0,3 Abzug bei schlechter bzw. keiner Korrektur.
  • Es werden u. U. nicht immer beide Exemplare korrigiert, wenn Schüler sich sofort zusammensetzen, anstatt die Klausur erst einmal unabhängig durchzuführen. Unterbinden!
  • Es werden manchmal Korrekturen mit unterschiedlichen Punktzahlen abgegeben. Zurückweisen!
  • Manchmal wurden gar keine Punkte zusammengerechnet bzw. ins vorgesehene Feld notiert. Nachfordern!
  • Es bietet sich an, schwarz als Farbe beim Schreiben der Klausur nicht zu benutzen. Dann sind die Kopien leichter erkennbar.

Ich denke, auch im Deutschunterricht sollte es eindeutige Kriterien geben, nach denen die Schüler ihre Arbeiten selbst korrigieren können. Ein Nebeneffekt dürfte sein, dass die Arbeiten nach einiger Zeit aufgrund transparenter Kriterien besser ausfallen dürften, da die Schüler diese Kriterien dann auch bereits beim Schreiben berücksichtigen.

Viel Spaß beim Ausprobieren. In meinen technischen Fächern (Elektrotechnik und Informatik) funktioniert’s!

Rüdiger Borrmann


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Beitrag vom 10.01.2010, 21:52 | diesen Beitrag versenden

11 Kommentare von LehrerfreundInnen
(#1) quirks meinte am 10.01.2010 dazu:
" Ich beginne an der Seriosität des Lehrerfreunds zu zweifeln; vielleicht wäre eine Einordnung der Bedingungen der Möglichkeiten solcher Schülerselbsterkenntnis angebracht: Wie, bitte schön, soll ein Schüler der Unter- und Mittelstufe einen Deutschaufsatz, sei es der eigene oder der anderer Mitschüler bewerten können? Natürlich erkennt er die eigene Arbeit. Natürlich kann er die Kriterien, die er selbst nicht anwenden konnte, im anderen Aufsatz kaum erkennen/bemängeln. Natürlich fällt seine Bewertung viel strenger aus als die des Lehrers, der bestimmte Schwerpunkte setzen, vom ersten und/oder beschränkten Eindruck abstrahieren kann...
Und wie soll ein Schüler Rechtschreibfehler erkennen, deren Entstehung er nicht fassen kann?
Was werden die Fachleiter/Fachbetreuer sagen? Wie wird die Respizienz einer solchen uneinheitlichen Korrektur aussehen, bei der für 25 Aufsätze 26 Maßstäbe angesetzt werden?
All das beiseite geschoben: Erspart es dem Lehrer im Fach Deutsch wirklich Arbeit oder erhöht es den Aufwand nicht eher, weil neben den ursprünglichen Fehlern eben auch die hineinkorrigierten verbessert werden müssen?
Sorry, fach- und lebensferner war noch kein Beitrag, den ich hier gelesen habe!
Die Chose mag in der Berufsschule in Fächern funktionieren, die eine Korrekturmatrix haben und mehr oder "weniger" Multiple-Choice-Aufgaben (Entschuldigung? Ich unterrichte Deutsch an einem Gymnasium in Bayern!), aber Otto-Normal-Grund-Gesamt- oder Sonstwas-Lehrer kann das für Klassenarbeiten/Schulaufgaben nur als schlechten Witz interpretieren!
Das heißt natürlich nicht, dass die Schülerkorrektur von Schülerarbeiten per se Schwachsinn sei; in der Übungsphase mögen solche Methoden ihre Berechtigung finden, aber bei notenrelevanten Arbeiten?
Get real!
(#2) Ein Sachse meinte am 11.01.2010 dazu:
" Lieber Herr Quirks,

ein wichtiges Kriterium bei der Korrektur sollte die Objektivität sein. Jeder sollte in der Lage sein, bei objektiven Maßstäben die gleiche Note zu geben (auch Schüler!). Wie mir scheint, haben Sie ein Problem damit. Vielleicht sollten Sie ihre Maßstäbe überdenken. Ich halte die Methode durchaus für durchführbar - jedoch bezweifle ich ebenso, dass es weniger Arbeit bedeutet.
(#3) gymno meinte am 11.01.2010 dazu:
" Muss"quirks" in vielen Dingen Recht geben. Als Deutschlehrer kann ich lediglich echte Punkte-Arbeiten korrigieren lassen (richtig/falsch) Bereits bei ähnlicher bzw. anderer Formulierung einer Antwort fragen die Schüler ständig nach, ob dies auch möglich wäre (habe ich bereits öfters ausprobiert!)Zustimmen muss ich auch, was die Rechtschreibung angeht. Viele Kids übersehen einfach Fehler bzw. erkennen diese nicht als solche. Insgesamt ist die Mehrarbeit für mich als Lehrer daher erheblich höher!
Die Bewertung muss ebenfalls einheitlich gestaltet sein. Wie soll das bei 30 Schülern geschehen, wenn x-Vorschläge von Seiten der Schüler vorliegen? Ich muss sie also doch vorgeben!

Fazit: Der Arbeitsaufwand für den Deutschlehrer erhöht sich enorm (ganz zu schweigen von den vielen Kopien)und die Methode ist zumindest für mein Fach leider nicht realisierbar.
(#4) noch n Kaffee meinte am 12.01.2010 dazu:
" Ich unterrichte selber Englisch und Politik und habe mit der Schülerkorrektur (oder wie es im Englischunterricht so schön heißt "peer feedback") schon wirklich gute Erfahrungen gemacht. Voraussetzung ist, dass man (am besten mit den S zusammen) eine Liste von Beurteilungskriterien aufstellt und einen klaren Erwartungshorizont vorgibt. Die S sind durchaus in der Lage, die Arbeit einer anderen Person zu beurteilen und sogar recht ansehnliche Gutachten zu schreiben (trotzdem gebe ich ihnen auch eine Liste zum Ankreuzen, die ich selber auch für Korrekturen benutze, um Zeit zu sparen).

Viele Grammatik- und Rechtschreibfehler werden zwar ncht erkannt, aber doch die Mehrzahl, und man muss selber deutlich weniger schreiben.

Als Nebeneffekt habe ich auch eine reflektierte Haltung zur eigenen Leistung UND mehr Verständnis für die Korrekturbelastung der Lehrer beobachtet.

Ich mache dann noch die Zweitkorrektur und schreibe nur dann noch einen Kommentar, wenn meine Begründung abweicht. Insgesamt sehr hilfreich, wie ich finde. Geht natürlich nicht immer, aber bei einer Klausur im Semester doch sehr zu empfehlen.
(#5) Joanne meinte am 13.01.2010 dazu:
" Drei kurze Fragen:

1. Wer bezahlt die (nicht wenigen) zusätzlichen Kopien, die anfallen?

2. Müssen diese Kopien dann auch irgendwo ein paar Jahre lang archiviert werden?

3. Wie ist es mit Datenschutz, wenn Schüler die Prüfungen anderer in die Hand bekommen? Bin ich da rechtlich abgesichert, wenn Schüler oder Eltern sich beschweren?
(#6) Lisa Rosa meinte am 26.01.2010 dazu:
" Toll! Super! Und was ich besonders gut finde, dass es nicht dabei stehen bleibt, dass (auch nur vermeintlich) "objektiv" Richtiges bzw. Falsches (Mat.Nat.) von Peers reviewt werden kann, sondern auch Aufsätze in Politik und Englisch (oder sind's etwa doch multiple choice tests?)! Man sieht, es kann nicht nur alles, was in Schule passiert anders visioniert werden, sondern vieles tatsächlich anders getan werden. Wer jetzt noch sagt: "Geht nicht!", der verschleiert nur sein "Will nicht!"
(#7) Noch n Kaffee meinte am 04.02.2010 dazu:
" Lisa Rosa, trotz aufmerksamer Textanalyse bin ich mir nicht darüber klar, ob Sie Ihren Beitrag ironisch meinen oder nicht? Natürlich sind's Klausuren, für Multiple Choice-Tests müsste ich wohl kaum Zweitgutachten und Erwartungshorizonte formulieren.

Joanne, zu den Einwänden mit den Extrakopien und den rechtlichen Fragen: ich habe das Glück, eine großzügige Kopierregelung an unserer Schule zu haben. Der Austausch der Arbeiten setzt natürlich auch ein gewisses Vertrauensverhältnis zwischen den SuS voraus (also am besten den SuS überlassen, wen Sie als Korrekturpartner haben wollen). Die SuS bekommen bei uns ihre Klausuren mit nach Hause; eine Archivierungspflicht haben wir nicht.
(#8) Lisa Rosa meinte am 04.02.2010 dazu:
" Ich meine es überhaupt nicht ironisch, ich finde es wirklich gut! Aber offenbar erwarten Sie keine so begeisterte Rückmeldung. Das kann ich mir vorstellen, wegen der vielen kritischen Kommentare, die man immer kriegt, wenn man in diesem Bereich Innovationen in Gang setzt - auch wenn sie wunderbare Ergebnisse erzielen, werden sie oft schlecht geredet.
(#9) Noch n Kaffee meinte am 05.02.2010 dazu:
" Na, das ist doch mal erfreulich, man ist es tatsächlich nicht gewohnt, dass mal jemand was Neues auch GUT findet... smile
(#10) Themenwochen Online-Lernen meinte am 15.02.2010 dazu:
" Danke für die lesenswerte Anregung! Wir haben den Hinweis darauf gleich in die neue Ausgabe unseres Online-Magazins aufgenommen.
Februar 2010: Von 1 bis 6? Wertschätzen oder bewerten - Noten und mehr
http://blog.rpi-virtuell.net/index.php?op=ViewArticle&articleId=2318&blogId=2

Da gibt es auch noch mehr Anregungen, wie Schülerinnen und Schüler an der Bewertung beteiligt werden können.

Herzlichen Gruß aus rpi-virtuell!
(#11) Neue Aufgabenkultur - neue Methoden meinte am 02.03.2010 dazu:
" Warum sollte man das, was man im Unterricht sowieso schon mit den SuS durchführt, nämlich peer-evaluation, nicht auch auf Klausuren ausdehnen können? Nur so lernen die SuS, dass das, was sie im Unterricht machen auch wirklich bedeutungsvoll für ihren Arbeits- und Lernprozess ist. Zudem ist dieses Vorgehen sehr transparent für alle.
Ich denke, man sollte als Lehrer nicht nur daran denken, ob es einen Mehraufwand für einen selbst bedeutet oder man die Kopierkosten steigert, sondern eher daran, wie man etwas für das nachhaltige Lernen seiner SuS tun kann. Schließlich ist das unser Job!

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