IGAMI-Strategie: Abiklausuren in 40% der Zeit korrigieren 10.04.2013, 19:41

Korrigieren Sie mit der IGAMI-Strategie 25 Abi-Klausuren in 20 Stunden. Dazu brauchen Sie nur Kenntnisse moderner Korrekturdidaktik, Flexibilität und Mut.

Korrigierte Arbeit mit Rotstift
Bild: Pixabay/annekarakash [CC0 (Public Domain)]
Anzeige

Inhalte dieses Beitrags

1. Funktionen der Korrektur von Schülerarbeiten. Notwendig zum Verständnis der Strategie.
2. Über die besonderen Eigenschaften von Abiturs- und sonstigen Abschlussklausuren.
3. Die IGAMI-Strategie: Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Hochgeschwindigkeitskorrigieren, exerziert an Beispielen aus dem Fach Deutsch.
4. Allgemeine Tipps zum ökonomischen Korrigieren; Excel-Tabelle zur schnellen Notenberechnung im Fach Deutsch.


Gerade Deutschlehrer/innen sind mit dem Korrigieren besonders gestraft: Wochenende für Wochenende stapelweise Aufsätze, die gelesen, annotiert und bewertet werden müssen. Das Schlimme daran: Man arbeitet durchgängig mit höchster Konzentration; lediglich Rechtschreibdurchgänge sind noch einigermaßen human.

Abitursklausuren unterscheiden sich jedoch wesentlich von der üblichen Korrekturroutine. Sie sind zwar länger als gewöhnlich - dafür ist jedoch die AdressatIn der Korrektur nicht die SchülerIn. Wenn man sich das klarmacht und sein Korrekturverhalten entsprechend anpasst, kann man 25 Abiklausuren in zwei Tagen durchpeitschen.

Beachten Sie, dass die folgenden Hinweise in erster Linie geisteswissenschaftliche Fächer betreffen, in denen es beim Korrigieren um die Bewertung von Argumentationen, Gedanken, Schreibhaltungen usw. geht.

Funktion der Korrektur von Schülerarbeiten1

Grundsätzlich unterscheiden wir zwei Aspekte der Korrektur:

1. Fördernde Korrektur
Wir wollen, dass die SchülerIn ihre Fehler und Missstände erkennt und aus unserer Korrektur lernt, wie sie es besser machen könnte. Fehler müssen erläutert werden, Alternativen besprochen werden etc. Die zentrale Frage lautet: “Wie kann man [...] mit den Schreibleistungen von Schülern umgehen, damit sich ihre Schreibfähigkeit spürbar verbessert?” (Steinig/Huneke 2004:124)
Im Korrekturalltag bedeutet das: ausführliche Kommentare schreiben, Erwartungshorizont zur Bezugnahme anfertigen, evtl. persönliche Besprechung, Berichtigung (“Verbesserung”) anleiten und besprechen/korrigieren.
2. Prüfende Korrektur
Wir wollen eine möglichst gerechte Bewertung (=Zensur) der Arbeit vornehmen. Dazu benötigen wir einheitliche und eindeutige Benotungskriterien. Im Fach Deutsch sind das grundsätzlich
  1. Inhalt, Quantität und Qualität der Argumente (Gewichtung z.B. 50%)
  2. Ausdruck, Stil (Gewichtung z.B. 30%)
  3. Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung (Gewichtung z.B. 20%)

Im Korrekturalltag bedeutet das: Bepunktung kriteriendifferenziert begründen (z.B. durch Bewertung von: Qualität und Quantität der Gedankengänge, Einhaltung stilistischer Normen, Fehlerzahl usw.). Dies alles fließt in die Rückmeldung für die SchülerIn (“Kommentar”, s.o.) ein.

Besonderheit von Abitur- oder sonstigen Abschlussklausuren

Info: Procedere bei Abikorrekturen (Zentralabitur)
Wichtige Abschlussklausuren wie z.B. das schriftliche Abitur werden von mehreren Korrektoren geprüft. I.d.R. korrigiert die KlassenlehrerIn die Arbeiten ihrer Klasse (anonymisiert), schreibt einen Kommentar und gibt eine Note. Ein unbekannter Zweitkorrektor korrigiert von Neuem, schreibt einen Kommentar und gibt eine Note (die Ergebnisse der Erstkorrektur sind ihm unbekannt). Eine DrittkorrektorIn vergleicht die Noten und berechnet den Mittelwert. Bei Abweichung von mehr als x Punkten (i.d.R.: 3) rezipiert die DrittkorrektorIn Klausuren und Kommentare und trifft eine Entscheidung, die im Rahmen der beiden Vorgaben liegt.

Bei der Korrektur von Abiklausuren geht es also ausschließlich darum, eine möglichst objektive Note zu finden, die von den anderen KorrektorInnen möglichst bestätigt wird. Damit müssen wir beim Korrigieren Folgendes tun:

  1. Fehler markieren (mit den üblichen Korrekturzeichen),
  2. Arbeit benoten,
  3. einen Kommentar schreiben.


Der Kommentar dient im Falle einer Abitursklausur ausschließlich dazu, anderen KorrektorInnen die eigenen Bewertungskriterien transparent zu machen.

Das Problem

Wenn man im Jahr 600 Klassenarbeiten korrigiert, entwickelt man eine Korrekturroutine, die sich stark an den Adressaten der Korrektur - nämlich den SchülerInnen - ausrichtet. Und so gewöhnt man sich an, sich gegen mögliche Angriff auf das Korrekturergebnis zu wappnen. Jede Note und jeder Korrekturaspekt muss differenziert begründet werden können (“Ich finde, ich habe einen guten Aufsatz geschrieben. Wieso ist das eine 3?”; “Ich habe es doch genau so gemacht, wie wir ...”). Besonders notwendig wird dies, wenn SchülerInnen ihre Arbeiten vergleichen und das als Beschwerdegrundlage benutzen (“Ich habe genau das Gleiche geschrieben wie X, und er hat eine bessere Note!”).

Genau diese Haltung gilt es zu überwinden, um Abschlussklausuren in Windeseile korrigieren zu können.

Lösung: Die IGAMI-Strategie

“IGAMI” bedeutet: “Ich glaube an meine Intutition.

Diese Korrekturstrategie basiert im Wesentlichen auf zwei Annahmen:

Ich bin in der Lage, eine Arbeit intuitiv in den richtigen Notenbereich einordnen zu können.
Sie korrigieren immerhin mehrere Hundert von diesen Dingern im Schuljahr. Ganz sicher haben Sie schon einmal eine Schülerarbeit einer KollegIn rasch quergelesen (“Sag mir mal dazu deine Meinung”) und sind zu einer Einschätzung gekommen, die der der KollegIn ungefähr entsprochen hat.
Übertriebene Korrekturpräzision rettet nicht vor einem wahnsinnigen Zweitkorrektor.
Vielleicht können Sie durch maßlosen Aufwand eine Note finden, die einen Tick objektiver ist als die intuitiv angenommene (maximal zwei Punkte Unterschied). Ich hatte eine KollegIn, die an ihrem zweiten Deutschabitur knapp zwei Wochen saß - täglich, von morgens bis abends. Danach war sie um Jahre gealtert, vollkommen genervt - und im Endergebnis wichen die Hälfte aller Arbeiten um mehr als 4 Punkte ab (also ein totales Fiasko). Ganz sicher hätte die Situation nicht schlimmer sein können, wenn Sie alle Arbeiten an zwei Tagen korrigiert hätte.

Es gilt zu beachten, dass bei Abikorrekturen der Förderungsaspekt (s.o.) völlig wegfällt. Wir führen lediglich eine “prüfende” Korrektur durch, wobei hier im Unterschied zu alltäglichen Korrekturen keinerlei Rechtfertigungszwänge bestehen: Im Kommentar werden lediglich die Bewertungskriterien transparent gemacht und die Zensur begründet. Wir brauchen also eine Zensur und einen Kommentar. Sonst nichts.

Das Vorgehen bei der IGAMI-Strategie

Wir haben für jeden Schritt Zeitangaben geschätzt, die sich auf eine Klasse von 25 SchülerInnen und eine durchschnittliche Seitenzahl von 15 Seiten beziehen.

1. Bewertungskriterien formulieren (3 Stunden)
Was erwarten Sie in inhaltlicher Hinsicht von den SchülerInnen? Formulieren Sie einen stichwortartigen Kriterienkatalog zu jedem Thema. Dazu brauchen Sie pro Thema weniger als eine Stunde, bei vier Themen: 3-4 Stunden. Jeder Kriterienkatalog umfasst maximal zwei DIN A4-Seiten (Beispiel: Kriterien zur Beurteilung eines Erörterungsaufsatzes (Sek I)) (Die anderen Lehrerfreunde freuen sich übrigens, wenn Sie einen solchen Katalog an uns schicken, damit wir ihn öffentlich zugänglich machen: bmetz@lehrerfreund.de) In diesem Kriterienkatalog unterscheiden Sie
  • Inhalte, die Sie im Unterricht durchgenommen haben (ziehen Sie dazu ihre Tafelbilder, Aufschriebe, Arbeitsblätter zu Rate);
  • allgemeine fachspezifischen Fähigkeiten (z.B. Argumentationsweise, Aufsatzstruktur, Bündigkeit).
2. Erster Durchgang: Korrektur von Rechtschreib-, Grammatik-, Zeichensetzungsfehlern (6 Stunden)
In einem oberflächlichen Durchgang rasen Sie durch die Aufsätze. Zweifelsfälle werden intuitiv gelöst, der Duden wird nicht angefasst. Pro Seite brauchen Sie im Schnitt weniger als eine Minute.
Berechnen Sie die Note für Rechtschreibung/Grammatik im Kopf oder mit einer Excel-Tabelle (Anleitung: Noten mit Excel ausrechnen (Abschnitt 2: Noten prozentual gewichten am Beispiel “mündlich”/“schriftlich”)).
3. Aufsätze nach Qualität sortieren (30 Minuten)

Für den nächsten Schritt sortieren Sie die Aufsätze auf Grundlage Ihrer Erkenntnisse aus Schritt 2, die schlechtesten zuerst. Lesen Sie den obersten, den untersten und einen aus der Mitte.

4. Zweiter Durchgang: inhaltliches Lesen, Kommentare schreiben, Note (9 Stunden)
Lesen Sie jeden Aufsatz einmal entspannt durch. Markieren Sie dabei Stil- und Ausdrucksfehler. Schreiben Sie direkt im Anschluss einen knackigen Kommentar, in dem Sie ausschließlich auf die in Schritt 1 formulierten Bewertungskriterien eingehen. Machen Sie keine stilistischen Kopfstände, es stört keinen, wenn jeder zweite Satz im SPO-Stil oder stichwortartig verfasst ist (“Die Beispiele sind nicht realistisch. Die Argumente sind originell, teilweise zu abgehoben. Kein Bezug zur Textvorlage.”). Denken Sie daran: Es geht ausschließlich darum, positive und negative Aspekte zu benennen. Beziehen Sie die Rechtschreibnote mit ein (“Sehr viele Zeichensetzungsfehler - führt zu Abzug.”).
Sie haben pro Kommentar nur stark fünf Minuten Zeit. Das sollte reichen. Machen Sie nicht den Fehler, an jedem Kommentar eine Viertelstunde zu feilen.
Geben Sie direkt nach dem Verfassen jedes Kommentars eine Note für Sprache/Ausdruck und eine für den Inhalt.
5. Pause
Wenn Sie im Plan liegen, haben Sie bisher weniger als 19 Stunden gearbeitet - und Sie sind fast fertig. Gönnen Sie sich eine Pause von mindestens zwei Tagen. Stöhnen Sie im Lehrerzimmer über die maßlosen Abikorrekturen und darüber, dass Sie nur einen Korrekturtag bekommen haben. Deuten Sie an, dass Sie wahrscheinlich nicht fertig werden.
6. Endabrechnung (1 Stunde)
Berechnen Sie die Endnote. Wenn Sie irgendwo stutzig werden, schauen Sie noch mal rein (ohne es zu übertreiben). Füllen Sie die Notenlisten aus, kleben Sie die Kommentare (sofern getippt und ausgedruckt) in die zugehörigen Felder. Geben Sie den ganzen Packen im Sekretariat ab.

Tipps

  1. Wenn Sie einigermaßen zügig auf der Tastatur unterwegs sind: Tippen Sie Ihre Kommentare. Tippen Sie die Kommentare in ein Textfeld, dem Sie zuvor die entsprechende Größe zugewiesen haben (Screenshot, wie das geht (alte Office-Version)). Drucken Sie am Ende des Korrekturvorgangs alle Kommentare aus, schneiden Sie sie aus und kleben Sie sie auf die entsprechenden Bögen auf. Das geht insgesamt schneller und ist mit weniger Stress verbunden.
  2. Tippen Sie sämtliche Noten in eine Excel-Tabelle (und lassen Sie die Endnote auch dort ausrechnen). So können Sie eine Menge Zeit und Nerven sparen. Sie können mit dieser Beispieltabelle (Excel) arbeiten. Grundlegende Tipps zur Notenverwaltung mit Excel finden Sie hier:

Bewertung der IGAMI-Strategie

Auch wenn Sie die Argumentation, die zur IGAMI-Strategie führt, verstanden haben, müssen Sie immer noch flexibel genug sein, Ihr Alltagskorrekturverhalten über Bord zu werfen. Außerdem brauchen Sie den Mut, eine korrigierte Arbeit wirklich liegen zu lassen (und nicht den ganzen Stapel noch zehn Mal durcharbeiten).
Wenn Ihnen das gelingt, werden Sie Glück und Freiheit erleben.


Anmerkungen
1 zu Teilen nach Steinig, W./Huneke, H.-W. (2004): Sprachdidaktik Deutsch. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage Berlin, S. 123-126


Anzeige



neuerer Beitrag — IGAMI-Strategie: Abiklausuren in… — älterer Beitrag

Einmal monatlich Neues vom Lehrerfreund

Seit fast 15 Jahren verschicken wir einen kostenlosen Newsletter. Das meinen unsere Leser/innen:
»Der Lehrerfreund-Newsletter ist der einzige, den ich regelmäßig lese und nicht ungeöffnet in den Papierkorb befördere.«

Tragen Sie hier Ihre E-Mail-Adresse ein. Wenn es Ihnen nicht gefällt: ein Klick zum Austragen.

15330 Empfänger/innen

Anzeigen
Beitrag empfehlen
  • facebook