Zeit sparen

Mündliche Noten: Schnell und zuverlässig mit der ICE-Methode 17.07.2010, 11:00

ICE
Bild: pixabay [CC0 (Public Domain)]

Lehrer/innen, die mündliche Noten in der Schule möglichst objektiv gestalten wollen, wenden viele arbeitsaufwändige Verfahren an (z.B. Wiederholung zu Beginn der Stunde) - die jedoch kein Garant für die Objektivität der mündlichen Noten darstellen. Die ICE-Methode zeigt, wie Sie ohne Stress und mit relativ wenig Zeitaufwand zu möglichst objektiven mündlichen Noten kommen.

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Vorüberlegungen

Um das unten vorgestellte Konzept verstehen zu können, sind die folgenden Grundlagen von Wichtigkeit.

Mündliche Noten als Bestandteil der Leistungsmessung

I.d.R. setzt sich die Zeugnisnote einer Schüler/in zusammen aus schriftlicher Leistung (z.B. Klassenarbeiten) und mündlichen Leistungen (z.B. Beiträge in Unterrichtsgesprächen). Je nach Fach und Lehrer/in variiert die prozentuale Zusammensetzung; in Fremdsprachen erhält die mündliche Leistung oft ein höheres Gewicht, in naturwissenschaftlichen Fächern hat die schriftliche Leistung oft einen höheren Einfluss. Die Lehrer/innen sind dazu verpflichtet, den Einfluss der Leistungsbereiche (d.h. Zusammensetzung der Note) zu Beginn des Schuljahres bekanntzugeben, z.B. mündliche Note: 40%, schriftliche Note 60%. Oder: mündliche Note 30%, schriftliche Note 60%, Jahresarbeit 10%.

Nicht immer klar ist die Trennung der beiden Leistungsbereiche “mündliche” und “schriftlich”. Viele Lehrer/innen zählen Hausaufgaben zu den mündlichen Noten, obwohl es sich dabei streng genommen um schriftliche Leistungen handelt. Ebenso vergeben viele Lehrer/innen mündliche Noten auch zur Disziplinierung (“Wer sein Buch dreimal vergisst, bekommt eine mündliche 6.”) oder zur Bewertung der Mitarbeit, was nicht zulässig ist, bspw. wenn die Mitarbeit separat bewertet und ausgewiesen wird.

Mündliche Noten und Objektivität

Noten messen die Leistung und sollten daher objektiv sein - das bedeutet: die Leistung möglichst unabhängig von der Lehrerpersönlichkeit messen. Wenn eine Lehrer/in eine Schüler/in unsympathisch findet, sollte sich das nicht in der mündlichen Note niederschlagen.

Für Lehrer/innen ist es oft schwierig wenn nicht unmöglich, die mündliche Leistung von Schüler/innen frei von persönlichen Eindrücken zu vergeben (das gilt in ähnlichem Maße auch für die schriftliche Leistung). Schüler/innen können undiszipliniert, sympathisch oder faul sein, sie können gut riechen, schielen oder stottern. Manche Schüler/innen melden sich häufig, manche gar nicht. All diese Punkte haben nichts mit der tatsächlichen mündlichen Leistung zu tun, sind jedoch für die Lehrer/in schwer zur Gänze auszublenden (Stichworte: Halo-Effekt, Pygmalion-Effekt, Milde-/Strengefehler usw.).

Wie Lehrer/innen mündliche Noten machen

Deshalb verwenden Lehrer/innen unterschiedliche Verfahren, um bei der Vergabe mündlicher Noten möglichst objektiv zu bleiben, zum Beispiel:

  • Zu Beginn jeder Stunde muss eine Schüler/in den Stoff der letzten Stunde wiederholen.
  • In jeder Stunde richtet die Lehrer/in ihren Fokus auf zwei oder drei Schüler/innen und nimmt sie öfters dran.
  • usw.

So entstehen pro Halbjahr pro Schüler/in jeweils zwei bis vier mündliche Noten, die dann in die Zeugnisnote einfließen.

Viele Lehrer/innen verzichten auch auf die vorgestellten Praktiken und machen einfach von Zeit zu Zeit mündliche Noten für eine ganze Klasse. Einige Lehrer/innen machen die mündlichen Noten grundsätzlich erst kurz vor dem Zeugnis. In diese Note fließt das komplette vergangene Schulhalbjahr ein, wobei de facto meistens nur die vergangenen zwei Monate berücksichtigt werden.

Warum mündliche Noten immer subjektiv sind

Wer möglichst objektiv sein möchte, der muss fast nach jeder Unterrichtsstunde mündliche Noten für einige ausgewählte Schüler/innen machen - bei bis zu 200 Schüler/innen pro Woche ein aussichtsloses Unterfangen. Und selbst bei ausgefuchsten Notengebungsverfahren (s.o.) ist es fast unmöglich, wirklich alle persönlichen Eindrücke vollständig auszublenden, Beispiel:

Schüler Kevin: ist undiszipliniert, stinkfaul, und herzlich unsympathisch. Auf pädagogische Gespräche reagiert er uneinsichtig. Er meldet sich im Unterricht nie, alle Lehrer/innen sind von ihm genervt.
Schülerin Sophie: diszipliniert, arbeitet eifrig mit, freundlich. Sie ist stets hilfsbereit und engagiert sich bei Greenpeace. Schülersprecherin.

Die genervte Lehrer/in wird die Beiträge von Sophie als besser strukturiert, inhaltlich gehaltvoller oder sprachrichtiger wahrnehmen - auch wenn die von Kevin diesbezüglich etwas besser sind. Schon allein wenn Kevin an die Tafel schlurpt und dabei “aus Versehen, sorry” lautstark eine Blähung entweichen lässt, wird man ihm für seine Arbeit an der Tafel kaum mehr eine 1 geben können - obwohl die Blähung mit der mündlichen Leistung nicht das Geringste zu tun haben sollte.

Es ist also davon auszugehen, dass von Menschen gemachte mündliche Noten immer einen mehr oder weniger subjektiven Einschlag haben. Mündliche Noten sind nie objektiv.

Die Lösung: Mündliche Noten en masse vergeben

Das folgende Verfahren führt zu Ergebnissen, die mindestens genau so objektiv, valide und reliabel sind wie andere Verfahren. Fehler werden - abhängig von der Lehrerpersönlichkeit natürlich - in höchst möglichem Maße minimiert. In gleichem Maße wird der emotionale und kognitive Aufwand beim Notengeben minimiert.

Vorgehen

Voraussetzung ist, dass Sie Ihre Noten mit einer (einfachen) Exceltabelle oder einem Notenverwaltungsprogramm verwalten (Links zur Notenverwaltung mit Excel am Ende dieses Beitrags).

Sie können das folgende Verfahren auch mit einem handelsüblichen Lehrerkalender aus Papier ausüben, allerdings wird das Ausrechnen von Zwischen- und Endständen dann aufwändig, weil relativ viele Zahlen zu bearbeiten sind.

Sie verwalten die mündlichen Noten jeder Klasse auf einem eigenen Tabellenblatt.

Nach spätestens vier Unterrichtsstunden in einer Klasse legen Sie eine neue Spalte mit dem aktuellen Datum an und geben jeder Schüler/in eine mündliche Note - und zwar ohne lange nachzudenken. Im Notensystem 1 bis 6 vergeben Sie ausschließlich ganze und halbe Noten. Für 30 mündliche Noten investieren Sie deutlich weniger als 5 Minuten. Sie vergeben alle Noten im Hochgeschwindigkeitsverfahren.

Sie sollen nur dann innehalten und ihren Kopf einschalten, wenn Sie zum wiederholten Male größere Zweifel hegen, ob Sie Schüler/in x gerade zu gut oder zu schlecht bewerten. Wenn Ihnen wiederholt bei einer Schüler/in Zweifel an der Angemessenheit Ihrer mündlichen Note kommen, sollten Sie Ihr Augenmerk auf diese Schüler/in richten und überprüfen, ob Sie mit Ihrer Intuition richtig liegen.

Wenn Sie die Gefahr spüren, sich von den bisher gegebenen Noten beeinflussen zu lassen, dann blenden Sie die bereits ausgefüllten Spalten direkt nach dem Ausfüllen einfach aus (z.B. Rechtsklick auf den Spaltenkopf, “Ausblenden”).

Damit kommen Sie bei ca. 18 Schulwochen pro Halbjahr in einem Hauptfach auf stark 15 mündliche Noten im Halbjahr, in einem Nebenfach auf etwa 8 mündliche Noten im Halbjahr, fiktiver Screenshot einer solchen Excel-Tabelle (Ausschnitt):

Ausschnitt: Excel-Tabelle mit mündlichen Noten

Vorteile dieses Verfahrens

  1. Sie vergeben permanent mündliche Noten, mindestens alle zwei Wochen. Damit werden die Noten weitgehend unabhängig von Ihrer Tagesform oder von extremen Spitzen im Schülerverhalten.
  2. Sie befinden sich in einem andauernden Reflexionsprozess - Sie machen sich über die mündliche Note von Schüler X 20 Mal im Halbjahr kurz Gedanken - nicht nur zwei Mal (dafür aber intensiver).
  3. Sie können den Schüler/innen permanent Auskunft geben. Zu jeder Klassenarbeit können Sie ohne den geringsten Stress den aktuellen mündlichen Stand schreiben. Schüler/innen honorieren das in der Regel sehr.
  4. Wenn Sie eine/r Schüler/in in 15 Wochen 13 Mal die Note “Vier” gemacht haben, dann dürfte das ziemlich genau Ihrem tatsächlichen Eindruck entsprechen und in keinem Falle ungenauer sein als zwei irgendwann vergebenen Vieren.
  5. Sie haben keinen kognitiven und moralischen Stress. Wenn Sie im Halbjahr zwei mündliche Noten vergeben, wiegt die Last der Verantwortung schwerer; Sie müssen länger nachdenken, sich emotional mehr engagieren - ob diese beiden Noten dann “besser” oder “genauer” sind als der Durchschnitt Ihrer 20 rapide vergebenen Noten, ist fraglich.
  6. Fast der wichtigste Punkt: Wenn Sie so häufig wie beschrieben mündliche Noten vergeben, dann glauben Sie selbst daran, dass diese Noten in Ordnung sind und können bei Elternabenden usw. wesentlich besser argumentieren.

Zeitaufwand

Sie brauchen pro mündlicher Note brutto nicht mehr als 7 Sekunden. Wenn Sie 150 Schüler/innen jeweils eine mündliche Note pro Woche machen (was bei dieser Schülerzahl schon viel wäre), haben Sie pro Woche einen Aufwand von einer Viertelstunde, um sämtliche mündliche Noten zu erstellen.

Fazit

Unabdingbar ist natürlich der Wille zur Gerechtigkeit. Wenn Sie es einer Schüler/in reinwürgen wollen, dann können Sie das auch einmal kurz vor Noteneintrag tun.
Die vorgestellte Methode erinnert stark an die IGAMI-Strategie: Abiklausuren in 40% der Zeit korrigieren. Diese Strategie zum Korrigieren schriftlicher Arbeiten geht davon aus, dass beim Benoten schriftlicher Arbeiten die Intuition und die professionelle Erfahrung viel ausmacht und eventuell langem Überlegen ebenbürtig ist (zumindest in geisteswissenschaftlichen Fächern). Das trifft auch auf mündliche Noten zu. Wenn Sie im Halbjahr 15 Mal unter der Vorgabe pädagogischer Gerechtigkeit an Ihre Intuition glauben, werden Sie kaum schlechter liegen können als bei herkömmlichen Verfahren.

Links: Notenverwaltung mit Excel

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