Kein Grund zur Freude

Schultrojaner kommt nicht 06.05.2012, 15:30

Wegen massiver Imageschäden haben Politik und Schulbuchverlage das Unternehmen 'Scansoftware' (aka 'Schultrojaner') abgeblasen. Es gibt keinen Grund zur Freude: Die Pfründen für die nächste Runde wurden schon vergeben.

Schultrojaner vor dem Aus
Bild: Pixabay[CC publicdomain]
Anzeige

Der Imageschaden, den Schulbuchverlage und Politik durch die Diskussion um den Schultrojaner genommen haben, ist enorm. Kultusminister/innen, die ihre Lehrer/innen ausspionieren, Schulbuchverlage, die noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen sind. Aus einem Leser-Kommentar:

Schulbuchverlage - da kann man ja auch schön noch Geld mit-/dazuverdienen, selbst wenn man kein Kultusminister mehr ist! Und wenn es mal wieder einen schlechten (PISA-)Test gibt: Den schiebt man den Lehrern locker in die Schuhe!
Eigentlich kann man nur dazu aufrufen:
LEHRER, KAUFT NICHTS MEHR BEI DEN SCHULBUCHVERLAGEN! 

Kommentar #1 zum Lehrerfreund-Beitrag OER - Polen setzt auf freie Bildungsmaterialien

Das ist heftiger Tobak und zeigt, dass der Plan, alle Lehrer/innen unter Generalverdacht zu stellen und sie zu beschnüffeln, kein guter war.

Die Schulbuchverlage und die Bundesländer haben nun spontan vereinbart, dass es keinen Schultrojaner geben wird:

Eine Scansoftware für Schulen wird nicht kommen. Das ist das Ergebnis der Verhandlungen, die eine bayerische Delegation für die deutschen Länder mit den Schulbuchverlagen geführt hat. [...]

Nunmehr kommt es darauf an, die rechtlichen Rahmenbedingungen auszuloten und zu Lösungen zu kommen, die der Bildungs- und Lebenswirklichkeit im 21. Jahrhundert entsprechen. [Offensichtlich hat also die geplante Schnüffel-Variante NICHT der Lebenswirklichkeit des 21. Jahrhundert entsprochen.] [...]

  • Von dem aus dem Jahre 2010 vorgesehenen Einsatz einer Plagiatssoftware zur Überprüfung von Speichersystemen der Schulen und von der Einholung von Schulbestätigungen, dass sich keine digitalisierten Unterrichtswerke auf Schulrechnern befinden, wird im beiderseitigen Einvernehmen abgesehen.
  • Weiter wurde das Interesse der Länder und Bildungsmedienhersteller betont, den Lehrkräften professionelle pädagogische Materialien für den Unterricht anzubieten und ihnen Möglichkeiten zur digitalen Nutzung von Unterrichtswerken und -materialien zu geben. Für diese digitale Nutzung werden die Bildungs- und Schulbuchverlage wie die Länder in Gespräche eintreten, um eine gemeinsame Lösung zu erarbeiten. [Also ein Deal: Wir lassen den Schultrojaner, dafür bekommen die Schulbuchverlage großzügige Unterstützung aus der Politik.]
  • Die Gespräche sollen zügig - noch in diesem Sommer - beginnen, um baldmöglichst neue Vorschläge und eine neue Lösung vorstellen und realisieren zu können. Die von den Gesprächspartnern entwickelten Vorschläge sollen insbesondere auch mit den Lehrerverbänden diskutiert werden.

„Unsere Partner in den Verhandlungen haben Augenmaß und einen hohen Grad an Verständigungswillen im Interesse der Schulen bewiesen“, resümierte Dr. Müller. [Man hätte auch schreiben können: Der Imageverlust bei Politik und Schulbuchverlagen war so hoch, dass wir einfach nicht anders konnten.] 

Länder und Bildungsverlage einig: Scansoftware für Schulen kommt nicht - Pressemitteilung Kultusministerium Bayern, 04.05.2012

Das ist also der große Offenbarungseid. Es gibt allerdings keinen Grund zur Freude. Denn nun haben Schulbuchverlage und Politik erneut bekräftigt, eng zusammenarbeiten zu wollen. Das bedeutet: Die Politik werden die Schulbuchverlage nach allen Kräften dabei unterstützen, digital reproduzierbare, urheberrechtsgeschützte Materialien an Schulen einzuführen. Somit gibt es in näherer Zukunft keine Optionen mehr auf staatlich finanzierte, freie Unterrichtsmaterialien (wie vorbildlich in Polen beschlossen: Polen setzt auf freie Bildungsmaterialien).

Freuen können sich lediglich die Schulleiter/innen, die von ihren Schulämtern den Auftrag zum Vor-Schnüffeln erhalten und sich teilweise mit flatternden Nerven schon in passivem Widerstand geübt hatten (z.B. Urheberrecht: Schnüffel-Erlass empört Schulleiter). Sie können sich jetzt tonnenweise Zettel ("Digitalsate-Abfragen") in den Reißwolf schieben und sind irritiert über das plötzliche Ende der staatlich verordneten Beschäftigungstherapie.

Danksagungen

Die Lehrer/innen Deutschlands danken den Kultusminister/innen (ihren Dienstherren) für das entgegengebrachte, grenzenlose Vertrauen.

Sie danken außerdem den Schulbuchverlagen dafür, sie stets mit innovativen digitalen Konzepten beim Unterrichten zu unterstützen.



Anzeige



neuerer Beitrag — Schultrojaner kommt nicht — älterer Beitrag

Anzeigen
Beitrag empfehlen
  • facebook