Lyrik

Goethe: “Willkommen und Abschied” - Arbeitsblatt zur Vertiefung des Sturm und Drang 02.12.2015, 16:03

Das Gedicht »Willkommen und Abschied« von Goethe ist in zwei verschiedenen Versionen (1771/1785) überliefert. Die Schüler/innen sollen ihre Kenntnisse der Epoche des Sturm und Drang anwenden und feststellen, welche Stellen eher dem »Sturm und Drang« entsprechen. Unterrichtsvorschlag für die Sekundarstufe I und II.

Ausschnitt: Arbeitsblatt Willkommen und Abschied / Friederike Brion
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Originalbeitrag vom 12.09.2005, Links und Grafiken aktualisiert 02.12.2015

Eine sehr gute Ergänzung zu diesem Beitrag finden Sie hier: Rhetorische Stilmittel in Goethes »Willkommen und Abschied« - Arbeitsblätter

Historischer Hintergrund

Im Oktober 1770 lernt der 21jährige Goethe die 18jährige Friederike Brion kennen, Tochter eines Pfarrers in Sesenheim (Elsass), und verliebt sich in sie. Rasch gibt sie seinem Werben nach, doch nach kurzen, heftigen Liebeswonnen beginnen Goethes Gefühle zu erkalten wie ein Suppenhuhn im Kühlschrank, und er verlässt sie 1771 nicht ohne Gewissenspein.

Friederike Brion
Bild: Friederike Brion bei Wikipedia

Inspiriert verfasst Goethe u.a. die "Sesenheimer Lieder" (1770/1771) und das Gedicht "Willkommen und Abschied" (1771) (Erlebnislyrik) - wahrhaft stürmerisch-drängerische Werke. Im Jahr 1785, gereift, der Epoche des Sturm und Drang entwachsen, schreibt er das Gedicht um.

Vergleich der zwei Versionen von »Willkommen und Abschied« im Unterricht

Diese beiden Versionen des Gedichts bieten sich an, Kenntnisse der Epoche des Sturm und Drang zu vertiefen und anzuwenden. Es wird den Schüler/innen schwer fallen, alle geänderten Stellen richtig einzuordnen. Das ist jedoch vertretbar, denn im Vordergrund der Übung steht, dass die SchülerInnen ihre Zuordnung der einzelnen Änderungen argumentativ begründen und sich so aktiv mit den literarischen Modalitäten des Sturm und Drang beschäftigen.

Unterrichtsvorschlag

Im Unterricht sollte die Epoche des Sturm und Drang behandelt worden sein, z.B.

Das Arbeitsblatt (pdf) kann wie folgt eingesetzt werden:

  1. Einstieg - Zeigen eines Bildes von Friederike Brion, kurzer Lehrervortrag zur Vorgeschichte. Vorlesen(lassen) des Gedichts, dabei wird (wissenschaftlich nicht ganz korrekt) immer Variante a) auf Arbeitsblatt gelesen.
  2. Erarbeitung - Schüler/innen versuchen in Gruppen, die Änderungen zuzuordnen; zu jeder Stelle werden im Heft/Schmierblatt Argumente festgehalten, warum diese Stelle (nicht) der Sturm-und-Drang-Version zugeordnet wird.
  3. Auswertung - Gruppen stellen ihre Ergebnisse vor und diskutieren sie (entweder im Plenum oder in gemischten Gruppen, in denen jeweils ein Mitglied der zuerst gebildeten Gruppen sitzt). Besprechung im Plenum, Lehrer/in hilft bei der tatsächlichen Lösung. Schüler/innen tragen die richtigen Zeilen (die der älteren Fassung) im Arbeitsblatt ein.
  4. Ergebnissicherung - Tafelanschrieb: "J. W. v. Goethe: Willkommen und Abschied * Zwei beispielhafte Änderungen zwischen 1771 und 1785" + entweder gemeinsame Auswahl und Fixierung zweier Änderungen, deren epochale Zuordnung den SchülerInnen verständlich ist, oder Partnerarbeit.
  5. Ausstieg - Vorspielen der Vertonung des Gedichts (Schubert), entweder von CD oder Direktvortrag der Lehrperson.

Unterrichtsmaterial: Arbeitsblatt

Das Arbeitsblatt "Willkommen und Abschied" (pdf) sieht so aus:

Vorschau: Arbeitsblatt 'Willkommen und Abschied'

Frühe und späte Fassung von "Willkommen und Abschied" (1771/1785)

Frühe Fassung (1771)Späte Fassung (1785)
Es schlug mein Herz, Geschwind, zu Pferde!
Und fort, wild wie ein Held zur Schlacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
Wie ein getürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah schläfrig aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch tausendfacher war mein Mut:
Mein Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloss in Glut.

Ich sah dich, und die milde Freude
Floß aus dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Lag auf dem lieblichen Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter!
Ich hofft es, ich verdient es nicht!

Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!
Aus deinen Blicken sprach dein Herz.
In deinen Küssen welche Liebe,
O welche Wonne, welcher Schmerz!
Du gingst, ich stund und sah zur Erden,
Und sah dir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!
Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude
Floß von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich – ihr Götter!
Ich hofft es, ich verdient es nicht!

Doch ach, schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne!
In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden,
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Stilanalyse von »Willkommen und Abschied«

Das Gedicht eignet sich sehr gut für eine Stilanalyse, ob nun im Rahmen eines Versionenvergleichs oder aus purer Lust an der Lyrik-Analyse. Hier finden Sie alles, was Sie dazu brauchen:
Rhetorische Stilmittel in Goethes »Willkommen und Abschied« - Arbeitsblätter

Links

Einige Links zum Sturm und Drang / Willkommen und Abschied

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