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Böse Medien - oder gute Medienpädagogik?

Die Wahrheit über Manfred Spitzers ‘Digitale Demenz’

Manfred Spitzer

Bildquelle: Wikimedia Commons: Manfred Spitzer

Die Beschäftigung mit digitalen Medien macht dumm, sagt Manfred Spitzer. Es ist völlig gleichgültig, ob er damit Recht hat. Denn es gibt kein Leben ohne digitale Medien mehr. Also müssen wir an die Medienpädagogik glauben und lernen, damit umzugehen.

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Eingetragen am 27.09.2012, 09:15 Uhr in Medien und Unterricht | Paedagogik |

13 x kommentiert, 4771 x gelesen in 2013. Diesen Beitrag kommentieren.

Manfred Spitzer und die Medien

Der Gehirnforscher Prof. Manfred Spitzer (Wikipedia) ist Pädagog/innen vor allem wegen seiner Publikationen zum Thema Lernen / Neurodidaktik bekannt. Eines seiner wichtigsten Bücher für Lehrer/innen und sonstige Pädagog/innen ist Lernen: Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Definitiv gehört Manfred Spitzer zu den ganz großen Experten auf diesem Gebiet.

Dabei ist die Neurodidaktik umstritten. Zwar arbeitet sie mit eindeutig messbaren, empirisch belegten Erkenntnissen (wie reagiert das Gehirn auf bestimmte Einflüsse). Forscher/innen mit eher pädagogischer Ausrichtung kritisieren jedoch, dass Reiz-/Informationsverarbeitung ein höchst individueller Prozess ist, Verallgemeinerungen könnten gerade bei komplexem Input (wie es bei vielen digitalen Medien der Fall ist) nicht gültig sein.

2007 hat Manfred Spitzer die Welt der Pädagog/innen mit Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft polarisiert, u.a. durch Aussprüche wie diese:

Wer kleine Kinder hat, kann dafür sorgen, dass sie möglichst gar nicht mit Bildschirmen in Kontakt kommen. [...] Zwölfjährigen Buben würde ich keinen Zugang zum Internet verschaffen, zwölfjährigen Mädchen durchaus. [...]
Ich selbst habe fünf Kinder und keinen Fernsehapparat. Vielleicht liegt diese an meinen drei wissenschaftlichen Aufenthalten in den USA. Dort hatte ich Gelegenheit zu erleben, was es heißt, in einer Gesellschaft zu leben, in der Gewalt an der Tagesordnung ist [...]

Manfred Spitzer (2007): Vorsicht Bildschirm!, S. IIIf

Spitzer 2012: "Digitale Demenz"

Nun hat Spitzer nachgelegt: Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen heißt sein im August 2012 erschienenes Buch. Klappentext:

Digitale Medien nehmen uns geistige Arbeit ab. Was wir früher einfach mit dem Kopf gemacht haben, wird heute von Computern, Smartphones, Organizern und Navis erledigt. Das birgt immense Gefahren, so der renommierte Gehirnforscher Manfred Spitzer. Die von ihm diskutierten Forschungsergebnisse sind alarmierend: Digitale Medien machen süchtig. Sie schaden langfristig dem Körper und vor allem dem Geist. Wenn wir unsere Hirnarbeit auslagern, lässt das Gedächtnis nach. Nervenzellen sterben ab, und nachwachsende Zellen überleben nicht, weil sie nicht gebraucht werden. Bei Kindern und Jugendlichen wird durch Bildschirmmedien die Lernfähigkeit drastisch vermindert. Die Folgen sind Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste und Abstumpfung, Schlafstörungen und Depressionen, Übergewicht, Gewaltbereitschaft und sozialer Abstieg. Spitzer zeigt die besorgniserregende Entwicklung und plädiert vor allem bei Kindern für Konsumbeschränkung, um der digitalen Demenz entgegenzuwirken.

Manfred Spitzer (2012): Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen( Klappentext bei amazon.de)

Kurz: "Wir googlen uns blöd." (ftd-Interview mit Manfred Spitzer)

In den Medien fraternisiert man sich aktuell dadurch, dass man Manfred Spitzer kollektiv zum populistischen, reaktionären Hexenjäger erklärt - wobei sich auch durchaus renommierte Personen wie der Wissenschaftsjournalist Werner Bartens extrem negativ zum Buch äußern.

Vor allem die Generation Online tut sich hier lautstark hervor - impliziert Spitzer doch, dass gerade sie wegen ihrer ausufernde Beschäftigung mit digitalen Medien am Rande der digitalen Demenz stehen. Das Geschrei der Betroffenen ist natürlich groß und oft nicht weniger populistisch als es die Ausführungen Spitzers vermeintlich sind. Dabei bietet Manfred Spitzer eine perfekte Angriffsfläche, da er in seinen Ausführungen durchaus zu Dogmatismus neigt. Doch er glaubt an das, was er sagt, deshalb ist die Bezeichnung "Angstmacher" wahrscheinlich übertrieben.

Damit befindet sich die Diskussion in einer Sackgasse. Die einen finden es gut ("Medien machen dumm"), die anderen schlecht ("Spitzer spinnt"), über die Inhalte wird kaum mehr diskutiert. Wir dürfen uns auch fragen, wer von den Journalist/innen und Blogger/innen, die über Spitzer (positiv oder negativ) schreiben, das Buch überhaupt gelesen hat.

Stellungnahme des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg

Das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg hat eine überaus harsche Stellungnahme zu Manfred Spitzers Thesen veröffentlicht:

Digitale, interaktive Medien öffnen die Tore zur Welt, stärken die Menschen und erweitern ihre Möglichkeiten der (Mit-)Gestaltung. Wir meinen: Wer ihre positiven Eigenschaften nutzt, bereichert sein Leben in vielerlei Hinsicht, unter anderem sozial, kreativ und kommunikativ. [...]

Wichtig ist allerdings, dass die Menschen sich die Medien zu Dienern und gekonnt genutzten Werkzeugen machen und sich nicht von ihnen dominieren lassen. Dazu trägt Medienbildung entscheidend bei.

Stellungnahme zu Manfred Spitzers Thesen

Während die Medienpädagogik den Menschen einen sinnvollen Umgang mit Medien vermitteln möchte, plädiert Manfred Spitzer für "Konsumbeschränkung" oder "Dosisbeschränkung". Aus Sicht der Medienpädagog/innen begeht Spitzer damit einen kapitalen Fehler: Er ignoriert, dass Lernen und Persönlichkeitsentwicklung hochgradig individuelle Prozesse sind. Das bringt die Pädagog/innen auf die Palme:

Die Medienwirkungsforschung geht schon längst nicht mehr von einfachen Ursache-Wirkungs- Annahmen aus wie es Manfred Spitzer tut. Längst ist wissenschaftlich erwiesen, dass jeder Mensch Medien bzw. Medieninhalte anders verarbeitet. Es gibt nicht sozusagen die "leere Schale" Kind, in die etwas hineingegossen wird und dann kommt bei jedem Kind das Gleiche heraus an Wissen, an Haltungen, an Verhaltensweisen. Es ist vielmehr die Frage: was macht der Mensch mit den Medien bzw. den Medieninhalten. Es ist die Frage des "wie werden Medien genutzt?", welche Vorerfahrungen gibt es, in welchem persönlichen und sozialen Zusammenhang steht diese Mediennutzung und durchaus auch wie lange erfolgt eine Mediennutzung?

LMZ-Stellungnahme zu Manfred Spitzers "Digitale Demenz" (PDF-Version), Seite 4

Zentraler Streitpunkt ist damit die Frage: Medienerziehung oder Abstinenz? Für die Medienpädagog/innen vom LMZ ist die Antwort klar:

Spitzer fordert: "Beschränken Sie bei Kindern die Dosis, denn dies ist das Einzige, was erwiesenermaßen einen positiven Effekt hat. Jeder Tag, den ein Kind ohne digitale Medien zugebracht hat, ist gewonnene Zeit".

Wieder die leider für Spitzer so typische Verkürzung – aber auch hier gilt: Mit etwas Tiefgang und einer differenzierten Betrachtungsweise wird klar: "Kompetenz wächst nicht dadurch, dass man der Technologie aus dem Weg geht, sondern dass man sich mit ihr auseinander setzt." (Prof. Jantke)

Wer versucht, seine Kinder vor allen schwierigen Einflüssen fernzuhalten, wird lebensuntüchtige Kinder erziehen. Das Leben eines Kindes ist kein goldener Käfig, der als lebenslanger Schutzbunker dienen könnte.

Wir fordern daher mehr Medienkompetenzförderung und nicht Medienabstinenz. Medienkompetente Kinder verstehen die Wirkungsweisen von Medien besser, können sie einordnen und einschätzen, ob sie ihnen gut tun. Medienpädagogik unterstützt Jugendliche daher, damit sie Einordnen, in Beziehung setzten und Verarbeiten-lernen.

LMZ-Stellungnahme zu Manfred Spitzers "Digitale Demenz" (PDF-Version), Seite 8

Medienpädagogik als einziger Ausweg?

Dass die Fronten derart verhärtet sind, hat folgenden Grund:

Manfred Spitzer ist davon überzeugt, dass der Umgang mit Medien zwangsläufig dumm macht. Damit meint er nicht nur die üblichen Beschäftigungen, denen Jugendliche nachgehen (spielen, chatten, Videos glotzen, in Kontakt sein), sondern die meisten Tätigkeiten, die mit digitalen Medien vollzogen werden.

Wann immer wir uns Arbeit von den Medien abnehmen lassen, findet sie in unserem Kopf nicht statt. [... Deshalb] verarbeiten wir die Dinge flacher und wissen insgesamt weniger. Wir lagern einfach vieles aus. [...]

Wenn Sie Google benutzen, bleiben die Informationen nicht so gut hängen, wie wenn sie aus anderer Quelle kämen. Sie wissen ja schließlich immer: Sie können das googeln. Deswegen ist der innere Antrieb kleiner, sich etwas zu merken. [...] Anders gesagt: Googeln vermindert das Lernen. Außerdem braucht man Vorwissen, das wie ein Filter wirkt, um Suchmaschinen überhaupt richtig benutzen zu können. Deshalb ist es so wichtig, dass in der Schule gelernt und nicht gegoogelt wird.

ftd 23.08.2012: Interview mit dem Psychiater Manfred Spitzer: "Wir googlen uns blöd"

Aus Spitzers Sichtweise gibt es keine Alternative: Digitale Medien sind unter allen Umständen schlecht, unabhängig von weiteren (z.B. medienpädagogischen) Einflüssen.

In der Medienpädagogik dagegen glaubt man daran, dass die möglichen negativen Effekte des Medienkonsums vermindert oder gar verhindert werden können, wenn der Umgang mit Medien von der Pike auf gelernt wird.

Diese beiden Positionen sind unvereinbar. Für beide gibt es zahlreiche Belege in Form von wissenschaftlichen Studien (aber wir wissen ja alle, wie unseriös Zahlen sind, wenn Aussagen über Menschen getroffen werden). Was bleibt, ist die Glaubensfrage.

Was auch immer Sie glauben: Es spielt keine Rolle. Denn das Rad lässt sich nicht zurückdrehen (wie Manfred Spitzer es gerne hätte). Digitale Medien sind um uns, überall, immer. Vielleicht sogar auch schon in uns. Und vielleicht machen sie uns doch blöd und dement. Manfred Spitzer glaubt das, und er ist kein Dummschwätzer oder Demagoge, sondern eine der zentralen Figuren der Gehirnforschung. Das sieht auch das LMZ ein:

Anzulasten ist Manfred Spitzer von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie III, Universitätsklinikum Ulm, nicht, dass er Probleme benennt. Anzulasten ist Spitzer vielmehr, dass er keine zukunftsorientierte Lösungen bietet, dass er all jenen, die sich mit großem Engagement, mit viel Ernsthaftigkeit um eine sinnvolle und verantwortliche Nutzung der digitalen Medien bemühen in die Parade fährt [...]

LMZ-Stellungnahme zu Manfred Spitzers "Digitale Demenz" (PDF-Version), Seite 2

Die Wahrheit

Manfred Spitzers Lösung (zeitliche/inhaltiche Einschränkung des Medienkonsums) ist nicht realisierbar. Digitale Medien sind in unserem Alltag.

Deshalb - das sagt die Medienpädagogik - muss man Kindern und Jugendlichen beibringen, sinnvoll mit Medien umzugehen. Es gibt keine Alternative. Ob nun die von der Medienpädagogik postulierten positiven Effekte, die der Umgang mit digitalen Medien hat oder haben kann, eine aus der Not entstandene Tugend sind oder echter innerer Überzeugung entspringen, spielt dabei keine Rolle.

Der einzig gangbare Weg ist die Flucht nach vorne. Lehren wir die Jugend, gute Mediennutzer/innen zu sein. Und wenn sie ab und zu mal zum Fußballspielen rausgehen oder ein Buch lesen, ist das sicher überhaupt nicht verkehrt.

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13 Kommentare von Lehrerfreund/innen

(#1) Dr. Wilfried Schneider, Wien meinte am 27.09.2012, 10:02 dazu:
" 

Offensichtlich haben auch viele Kritiker Spitzers Buch nicht richtig gelesen. Spitzer warnt vor der zu frühen übersteigerten Mediennutzung durch Kleinkinder und Kinder im Volksschulalter. Die Argumentation, man kann dagegen nichts machen, ist genau so dumm, wie wenn man Rauschgiftskonsum oder Rauchen als notwendige Übel bezeichnet.

Spitzer hat nichts gegen die Computer- und Netznutzung im Erwachsenenalter bzw. in der Oberstufe der höheren Schulen.

D.h. Computernutzung in der Schule, dort wo es notwendig ist und nicht immer und überall. Der durchschnittliche Computernutzer beherrscht leider kaum Softwarepakete, sondern kann nur im Internet surfen, auf Twitter dumme Kurzkommentare abgeben, allein die Beschränkung der Zahl der Zeichen ist eine Zumutung und Facebookeinträge schreiben.

Spitzer hat daher mehr zu sagen, als jene Internetgeneration, die sich nur dummer und vor allem anonymer Kommentare befleißigt und Forschung Forschung sein lässt, wie es die Kernpädagogen leider seit Jahren tun.

(#2) digital native meinte am 27.09.2012, 21:17 dazu:
" 

Schon spannend, wie ein Neandertaler den anderen aus seiner Höhle lockt.

(#3) Dr. Wilfried Schneider, Wien meinte am 28.09.2012, 15:23 dazu:
" 

Der Kommentar von Digital Native entspricht genau meine Kritik von den unisnnigen Kurzkommentaren im Twitterstil durch einen anonymen Autor, eine anonyme Autorin.  Ein Satz, keine Begründung und keine Reflexion. Wer hier ein Neandertaler ist, überlasse ich den Leserinnen und Lesern.

(#4) Beat Döbeli Honegger meinte am 28.09.2012, 21:35 dazu:
" 

“Spitzer hat nichts gegen die Computer- und Netznutzung im Erwachsenenalter bzw. in der Oberstufe der höheren Schulen.”

Diesen Eindruck erhalte ich aber gar nicht, wenn ich das Buch lese. Einerseits finde ich nirgends eine entsprechende einschränkende Aussage im Buch. Andererseits finde ich aber Hinweise darauf, dass Spitzer z.B. auch im Gymnasium das Thema Medienkompetenz überflüssig findet (S. 305-306) oder auf Seite 279 persönliche Notebooks auf der Sekundarstufe I und II ablehnt, weil dadurch “die Bildung der Kinder leidet”.

(#5) Der Lehrerfreund meinte am 10.10.2012, 9:40 dazu:
" 

Noch ein schöner Kommentar dazu von Basedow1764:

Wir sind ja seit kurzem alle Gehirnsachverständige. Seit der “Spreeblick”-Blogger J. Häusler Herrn Spitzer in einer durchgeknallten ZDF-Jugendsendung zum Problem erklärt hat und nicht die elektronischen Medien, seit er (in derselben Sendung) zu noch mehr Zeit für Computerspiele plädiert hat, überlassen wir das Feld nicht länger Prof. Dr. Spitzer und seinesgleichen. Ist das schon ein Symptom für digitale Demenz?

(#6) Michael Sarembe meinte am 20.10.2012, 12:07 dazu:
" 

Ich finde es extrem erschütternd, wie von den Spitzer-Gegnern eine mediale Hetzjagd inszeniert wird. Meiner Ansicht nach gehen hier die Wellen so hoch, weil es auch um eine Menge Geld geht. Denn Schulen und Kindergärten sind ein großer Markt für den Absatz von Hard- und Software. Und die Vielzahl von Studien, die Spitzer anführen kann und seine nüchterne Argumentationsweise sprechen für ihn.Es ist leider wie so oft: Wenn die Argumente ausgehen wird scharf geschossen bis hin zur medial inszenierten Hinrichtung. Der, mit dem man sich nicht auseinandersetzen kann wird medial zur Unperson erklärt.

(#7) Walter Janka meinte am 20.10.2012, 17:41 dazu:
" 

Obwohl ich Herrn Spitzer grundsätzlich sehr schätze, bin ich der Ansicht, dass er hier Neurowissenschaft und Bildung von einer falschen Seite betrachtet. Im Schulalltag ist doch entscheidend, wie sich die Schüler in den Unterricht einbringen, die Themen in der Schule als für sie wichtig erachten und das Gelernte behalten. Medien dienen hier immer nur zur Unterstützung des Lehrers. Sicherlich gibt es begeisternde Lehrer, die keinerlei elektronische Medien einsetzen - wenn es bei den Schülern ankommt - OK. Meine Erfahrung der letzten 10 Jahre ist jedoch, dass die Schüler trotz hoher Motivation (Berufsschulklasse Landwirte) durch den Einsatz von elektronischen Medien (ob Laptop oder iPad) die Schule als lebensnaher ansehen als wenn ich den Stoff nur über das Fachbuch erkläre. In ihrem Alltag arbeiten sie ja auch nicht nur mit Büchern oder Fachzeitschriften. Schule muss Spaß machen, nur so bleibt etwas hängen und wenn dazu iPads dienen, warum sollte man sie dann verteufeln.

(#8) Eugen Traeger meinte am 21.10.2012, 10:25 dazu:
" 

Es kommt darauf an, wie bewusst ich auswähle bei der Nutzung der Medien. Ich kann mir im Fernsehen den ganzen Tag Fußballsendungen oder gezielt Nachrichten, Talkshows, Reisen durch andere Länder usw. ansehen. Mit dem Computer hat nun für mich ein neues Zeitalter in der Menschheitsgeschichte begonnen. Ich habe einen fantastischen Zugang zu Informationen, an ich ich sonst nie gekommen wäre. Dass Sie meinen Kommentar hier lesen, ist der Beweis von interaktiver Teilnahme statt von digitaler Demenz.
Persönliche Erfahrungen:
Ich habe mit Schulverweigerern gearbeitet. Ein typischer Satz: “Herr Traeger, eins sage ich Ihnen gleich, einen Bleistift nehme ich nie wieder in die Hand.” Spiel mit dem Schüler ein Computerspiel und du erfährst, welche Energie und welches Geschick in dem Menschen steckt, wenn er die Chance sieht zu gewinnen. Das muss die Pädagogik sich ganz stark zu Herzen nehmen: Die Chance haben zu gewinnen.
Für mich war diese Erfahrung die Motivation Lernprogramme zu entwickeln:
- die schwachen Schülern Erfolgserlebnisse vermitteln,
- die Ihnen neuen Mut machen, dass sie doch nicht so doof sind, für wie sie sich inzwischen gehalten hatten.
Der Erfolg mit vielen Schülern hat mir Recht gegeben.
Von daher ist eine pauschale Verurteilung von neuen Medien nicht gerechtfertigt und Herr spitzer rückt für mich durch seine Übertreibungen in die Nähe eines Glaubenskriegers.

(#9) Falko Marien meinte am 22.10.2012, 11:23 dazu:
" 

Spitzer hat ganz viel recht! Das kann ich jedenfalls täglich in der Schule beobachten. Viele übermüdete Schüler, die bis tief in die Nacht dadeln und chatten, deshalb keine Zeit für Hausaufgaben haben etc.
Sehr viele Schüler haben halt nicht die Kompetenz rechtzeitig selber den Ausknopf zu bedienen und werden diese meiner Meinung nach auch kaum entwickeln. Da hilft nur ein möglichst später Zugang zu den Medien, das auch sehr dosiert und begleitet.

(#10) Dipl.-Psych. Thorsten Kerbs meinte am 22.10.2012, 23:17 dazu:
" 

Der Kinder- und Jugendschutz ist schon eine sehr löbliche Errungenschaft der Neuzeit! Denn mit bestimmten Dingen sollte der unreife Mensch weder zu oft noch zu intensiv und manchmal auch gar nicht in Kontakt kommen. Dazu zählen neben bestimmten Drogen erwiesenermaßen schädliche Erlebnisse und Eindrücke. Geschieht das doch, erfolgt leicht eine Überlastung der Selbstregulation des Organismus. Und ist die einmal erfolgt, dreht sich das weitere Leben stärker um das zugehörige Thema und seine Spätfolgen, als dies einem möglichst unbeschwerten Dasein dienlich ist.

Aus dem Grund hält die Gesellschaft Kinder beispielsweise möglichst lang von Alkohol und Tabak fern und versucht weiterhin, sie vor den schlimmsten Formen der Ausbeutung zu bewahren. Denn ganz ohne Zweifel ist die Jugend nicht nur ökonomischen Begehrlichkeiten ausgesetzt.

Sollten jedoch weiterhin schon die jüngsten Kinder so ungefiltert den neuen Medien ausgesetzt sein, wird Spitzer Recht behalten und hat die lange Reihe der Profiteure dieses soziologischen Experiments allen Anlass, sich die Hände zu reiben. Geschenkt, dass die Industrie viele Programmierer, Ingenieure, Techniker und Kaufleute in Lohn und Brot setzt. Reichlich Medienpädagogen werden wir benötigt! Denn wer erklärt den aufgelösten Eltern sonst, was sie alles falsch gemacht haben, als es noch nicht zu spät war. So manche Klinik wird ihre Bettenzahl weiter erhöhen können. Niedergelassene Ärzte, Psychologen/Psychotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten, Nachhilfeinstitute und all die anderen Reparateure werden sich über ein gesichertes Auskommen freuen. – Dem Wirtschaftswachstum wird das frühe Einstiegsalter Minderjähriger in die Medienwelt fraglos gut tun. Oder tut es das wohl jetzt schon.

Meine KollegInnen und ich empfinden es hingegen als zunehmend bedrückend, dass ganz offensichtlich die Zahl der von uns unterrichteten Kinder zunimmt, die weniger unter fachbezogenen Schwierigkeiten mit dem schulischen Stoff leiden. Vielmehr interessieren sie sich einfach gar nicht mehr für das, was ihnen in der Schule dargeboten wird. Sie können dem vormittäglichen Gedöns nichts mehr abgewinnen, denn in den virtuellen Welten gibt es für sie keine Langeweile. Es herrschen dort so verständliche wie unumstößliche Regeln, was sie als wohltuend gerecht erleben. Es gilt, klar umrissene Aufgaben zu erledigen. Mut und Schnelligkeit sind gefragt, das Feedback erfolgt unmittelbar, und last but not least vergeht kein Level ohne Erfolgserlebnis.

Wie bitteschön sollen damit die dröge Schule, verregnete Fußballplätze oder gar die Musikschule konkurrieren!? Wie schal sich das ausgedehnte Spiel schlussendlich anfühlt, welchen Preis man an Geist, Gemüt und Körper für mediale Einseitigkeiten zu entrichten hat, dass die analoge Welt um vieles komplexer ist als die digitale, dass eigentlich von morgens bis abends geübt werden müsste, sie in dieser Komplexität zu ertragen, wie schnell durch den stieren Blick auf die Bildschirme der soziale Nahbereich evakuiert ist – all das dämmert den jungen Leuten oft erst dann, wenn sich die Entwicklungsfenster der Jugend hinter ihnen bereits geschlossen haben.

Ohne daraus eine repräsentative Aussage machen zu wollen: Die meisten unserer Schüler mit solchen Schwierigkeiten sind übrigens männlichen Geschlechts.

(#11) Das DeuLe meinte am 30.10.2012, 22:11 dazu:
" 

Ein Zitat aus dem Ende des obigen Beitrages zeigt den Widerspruch Ihrer Argumentation bzw. das Missverstehen des Lösungsvorschlags Spitzers:
“Manfred Spitzers Lösung (zeitliche/inhaltiche Einschränkung des Medienkonsums) ist nicht realisierbar. Digitale Medien sind in unserem Alltag.

Deshalb - das sagt die Medienpädagogik - muss man Kindern und Jugendlichen beibringen, sinnvoll mit Medien umzugehen.”

“Sinnvoll mit Medien umzugehen” heißt doch vor allem, den Konsum zeitlich und inhaltlich einzuschränken! Spitzer fordert doch gerade nicht (!) einen völligen Verzicht auf diese Medien!
Wie jede Methode so muss auch diese Methode der Informationsbeschaffung inhaltsgerecht ausgewählt und angewendet werden. Und genau das muss ich meinen Schülern beibrigen: Wann schlage ich in einem Buch, wann im Internet nach und wie tue ich das?
Zwei weitere Zitate;
“Jedes Ding ist Gift. Nur die Dosis macht, dass ein Ding Gift ist.” (Paracelsus)
“Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.” (Jesus Christus)

Vor allem das letzte Zitat fällt mir immer wieder ein, wenn es zum Unterrichtsschluss schellt und die Schüler sofort ihr Smartphone zum Tippseln herausholen. Das hat schon Züge einer Sucht.

(#12) Beat Döbeli Honegger meinte am 30.10.2012, 22:42 dazu:
" 

Das DeuLe: “Spitzer fordert doch gerade nicht (!) einen völligen Verzicht auf diese Medien!”

Hmm, wonach klingen denn diese Zitate?

Manfred Spitzer, Digitale Demenz (2012) S. 75: “Bei digitalen Medien im Kindergarten und in der Grundschule handelt es sich daher in Wahrheit um nichts weiter als eine Art von Anfixen.”

Manfred Spitzer, Zeitung Blick (2012): “Was wir nicht brauchen, ist Medienkompetenz, ein Internetführerschein oder Ähnliches. Das ist eher wie das «Anfixen» in der Drogenszene.”

 

(#13) Banksia meinte am 18.12.2012, 10:38 dazu:
" 

Danke an Dipl.-Psych. Thorsten Kerbs, Ihr Bericht sollte mache Eltern zum DENKEN anregen!!!!!

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