Computer und Schule

Computernutzung an deutschen Schulen völlig unterentwickelt 26.01.2015, 22:25

Lehrer sitzt vor Computer
Bild: stux / pixabay [CC0 (Public Domain)]

Deutschland hält im internationalen Vergleich die Rote Laterne, was den Computereinsatz im Unterricht betrifft. Laut ICILS-Studie 2013 werden Computertechnologien nirgendwo seltener im Unterricht eingesetzt als in Deutschland. Außerdem sind deutsche Lehrer/innen schlecht ausgebildet und medienskeptisch, die IT-Ausstattung der Schulen ist mangelhaft. Welche Lösungen gibt es für dieses Problem?

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Nach PISA & Co wurde am 20.11.2014 die erste internationale Vergleichsstudie ICILS (International Computer and Information Literacy Study) zu Computerkompetenzen von Achtklässler/innen vorgestellt. In Deutschland leiteten die Studie Prof. Wilfried Bos und Prof. Birgit Eickelmann. Wilfried Bos ist kein Anfänger, man kennt ihn von zahlreichen anderen Leistungsstudien, u.a. PISA, IGLU, TIMSS, PIRLS und DESI.

Mehr Details, Ergebnisse und Beispielaufgaben zur ICILS-Studie 2013 finden Sie hier: ICILS-Studie 2013: Mädchen sind computerkompetenter als Jungen

Deutschland: Schlusslicht bei IT-Nutzung an Schulen

Prof. Wilfried Bos merkt im Interview mit dem Deutschlandfunk an, Deutschland sei das Land, das "weltweit am wenigsten moderne Informationstechnologien im Unterricht einsetzt" (!). Er sieht vor allem zwei Gründe, warum die Schüler/innen in der Schule zu wenig computerkompetent gemacht würden: schlecht ausgebildete Lehrer/innen, schlechte Ausstattung:

Einmal haben unsere Lehrer das in ihrer Ausbildung selbst nicht gelernt. ... Dann kommt dazu, dass wir eine schlechte Ausstattung haben, jedenfalls sagen uns das die Lehrer, die wir befragt haben. ... Das Internet ist zu langsam, die Computer sind veraltet. Dann haben wir immer noch das Konzept des Computerraums. Dieses Konzept stammt aus der Zeit, als man dachte, wir haben ein Fach Informatik und nur dafür braucht man das. ... Man muss überlegen, ob man sich auch konzeptionell von dieser Vorstellung verabschiedet und nicht Laptops, Tablets in den Klassen hat. In Dänemark bringen 85 Prozent der Kinder ihr eigenes Laptop oder Tablet mit. Und da wird dann in jeder Stunde mit gearbeitet.

Schulische IT-Ausstattung

Während in Norwegens Schulen pro 2,4 Schüler/innen ein Computer steht, ist es in Deutschland einer für 11,5 Schüler/innen (d.h.: In Schulen mit 115 Schüler/innen gibt es 10 Computer). 6,5 Prozent der Achtklässler/innen in Deutschland besuchen eine Schule, an der Tablets zum Lernen/für den Unterricht vorhanden sind (Australien: 63,6 Prozent).

Knapp die Hälfte der befragten Lehrer/innen bemängelt die schlechte Internetanbindung ihrer Schule; 43 Prozent der befragten Lehrer/innen finden, dass die Computer an ihrer Schule "veraltet" sind. (Alle Angaben: ICILS 2013 auf einen Blick - Presseinformationen zur Studie und zu zentralen Ergebnissen (PDF), S. 30f)

Lehrer/innen haben Angst vor "organisatorischen Problemen" - Einschätzung zu Potenzial und Gefahren von IT-Nutzung im Unterricht

Die Mehrzahl der befragten Lehrer/innen stehen dem Einsatz digitaler Medien im Unterricht positiv gegenüber; allerdings ist der Anteil geringer als in den anderen ICILS-2013-Teilnehmerländern. Die folgende Tabelle zeigt, dass bei deutschen Lehrer/innen die Angst vor den Gefahren der IT dominiert: Bei den Befürchtungen, dass der Einsatz digitaler Medien im Unterricht organisatorische Probleme bereiten, vom Lernen ablenken oder zum Kopieren aus dem Internet verführen könne, belegt Deutschland durchgängig Spitzenplätze, die weit über den Durchschnitten liegt:

ICILS-2013: Bedenken der Lehrer/innen beim Einsatz von IT im Unterricht

Unter der deutschen Lehrerschaft herrscht, wenn man der Studie glauben kann, also eine besonders große Angst vor IT-gestütztem Plagiarismus. Es ist unklar, ob das gut ist (weil es für propädeutische Akribie und Integrität spricht) oder ob das schlecht ist (weil diese Paranoia innovative Unterrichtskonzepte verhindert). Weiterhin stellt sich die Frage, wieso "organisatorische Probleme" weitaus häufiger als in den anderen Ländern befürchtet werden. Wahrscheinlich ist hier ein starker Zusammenhang zu der schlechten IT-Ausstattung der Schulen gegeben.

Die Rote Laterne: Häufigkeit der Computernutzung im Unterricht

 Und hier kommt der wahre Schlag ins Gesicht:

In keinem anderen ICILS-2013-Teilnehmerland setzen Lehrkräfte Computer seltener im Unterricht ein als in Deutschland. 

ICILS 2013 - Häufigkeit der Computernutzung im Unterricht

Ob man nun findet, dass tägliche, wöchentliche ... Computernutzung viel ist oder wenig: Fakt ist, dass Deutschland im internationalen Vergleich den letzten Platz belegt (was durch die Aussagen der Schüler/innen zur Häufigkeit der Computernutzung untermauert wird: Seite 37). Deprimierenderweise findet die mit Abstand häufigste Computernutzung im Fach Informatik statt, dann erst gefolgt von Geisteswissenschaften, Fremdsprachen und Deutsch (S. 39).

Wie alles besser wird

Die Schlussfolgerungen aus diesen Studienergebnissen sind erstaunlich offensichtlich. Vor allem Politik und Schulverwaltungsbürokratie sind gefragt:

  1. Die digitale Infrastruktur an Schulen muss ausgebaut werden: schnelles Internet, funktionierende Technik, mobile Klassensätze an Tablets, Computern. Das kostet Geld - doch jeden Euro, den wir heute nicht für Bildung ausgeben, zahlen wir später vielfach zurück.
  2. Umgehend muss die Lehrerausbildung modernisiert werden und umfangreiche Pflichtbausteine im Bereich digitaler Medien eingeführt werden. An vielen Studienseminaren findet man es schon erregend, wenn Referendar/innen in der Lehrprobe eine Powerpoint-Präsentation zeigen.
  3. Die Bildungspläne müssen entsprechend ausgerichtet werden. Statt darüber zu schwafeln, welche Kompetenzen wen wie betreffen und welche lustigen Namen neue Fächerverbünde erhalten, sollen konkrete, zukunftsfähige Bildungsziele formuliert werden. Gerne auch wieder als Lernziele.

Und schließlich sind auch die Lehrer/innen in der Pflicht: Warten Sie nicht darauf, dass im Kultusministerium irgendwer seinen Stempel auf einen Stapel Papier drückt. Das dauert zu lange. Akzeptieren Sie die schlechte Ausstattung und tun Sie es einfach. Es ist bequem, sich hinter aller Art von Problemen zu verschanzen ("Internet geht nicht", "Es lenkt zu sehr ab", "Ich weiß nicht, wie der Beamer funktioniert"), bringt unsere Gesellschaft jedoch nicht voran. Probieren Sie es mit kleinen Dingen aus: Grundkurs: Arbeit im Computerraum

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