Kochrezepte als Lyrik
Bei Frank McCourt ("Die Asche meiner Mutter") habe ich gerade eben wieder eine herrliche Stelle über unkonventionellen Lyrikunterricht gelesen.
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Eingetragen am 06.01.2007, 23:02 Uhr in Deutschunterricht | Neue Formen im DU | Lyrik |
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Frank McCourt berichtet in seinem Buch “Tag und Nacht und auch im Sommer. Erinnerungen” von seiner Lehrertätigkeit an amerikanischen Berufs- und Highschools. Besonders gut gefällt mir u.a. diese Stelle, die alles, was es über handlungsorientierten Unterricht zu sagen gibt, zusammenfasst:
(McCourt unternimmt mit seinen SchülerInnen aus dem Kurs “Kreatives Schreiben” ein Picknick; einer plötzlichen Eingebung folgend fordert er die SchülerInnen auf, zur nächsten Stunde Kochbücher mitzubringen. In dieser Stunde lässt er die Kochrezepte vorlesen. Die SchülerInnen sind verwirrt.)
Ich weiß, warum Sie wollen, daß wir diese Rezepte vorlesen.
Ach ja?
Ja, weil sie nämlich gedruckt wie Lyrik aussehen, und manche lesen sich auch wie Lyrik. ich finde, die sind sogar noch besser als Lyrik, weil man sie auch schmecken kann. Und, wow, die italienischen Rezepte sind pure Musik.
Maureen McSherry schließt sich ihr an. Was mir an den Rezepten auch so gefällt: Man kann sie so lesen, wie sie sind, ohne daß irgendwelche Scheiß-Englischlehrer ständig auf dem tieferen Sinn rumreiten.
[...]
Michael Carr sagt, er habe seine Flöte dabei, und falls jemand ein Rezept rezitieren oder singen möchte, könne er ihn begleiten. Brian schaut skeptisch. Er sagt, soll das ein Witz sein? Kochrezepte mit Flötenbegleitung? Drehn hier jetzt alle komplett durch? Susan sagt ihm, laß den Quatsch, und bietet an, zu Michaels Begleitung ein Lasagnerezept vorzutragen. Während sie ein Rezept für schwedische Fleischbällchen vorliest, spielt er “Hava Nagila”, eine Melodie, die nichts mit schwedischen Fleischbällchen zu tun hat, und die anderen kichern erst, dann hören sie ernsthaft zu, und am Schluß klatschen sie und gratulieren den beiden.
[...]
Brian setzt der allgemeinen Begeisterung einen Dämpfer auf. Er fragt, ob er [... ins Sekretariat gehen könne und sich] erkundigen, ob er die Klasse wechseln kann, weil er hier nichts lernt.
Frank McCourt: “Tag und Nacht und auch im Sommer. Erinnerungen”, S. 269f
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4 Kommentare von Lehrerfreund/innen
Ich lese das Buch auch gerade und finde die Sache mit den Satzgliedern und dem Kuli sehr schön. Überhaupt scheint es einer der wenigen grundehrlichen Selbstzeugnisse von Lehrerseite zu sein.
Trotzdem stammen die herrlichen Stellen nicht aus der “Asche meiner Mutter”, sondern aus dem neuen Buch “Tag und Nacht und auch im Sommer”!
Deshalb steht über dem Text ja auch
“... berichtet in seinem Buch ‘Tag und Nacht und auch im Sommer. Erinnerungen’ von seiner Lehrertätigkeit ...” ![]()
ok. mea culpa.
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