Fortsetzungsgeschichte

Kreatives Schreiben: Erzählung zum Weiterschreiben mit Erwartungshorizont 11.10.2011, 23:42

Gangsta - Rappertyp
Bild: Nick Kenrick: Crime scene [CC by]

Ein Anfang einer Erzählung ("Mein Bruder"), den die Schüler/innen weiterschreiben sollen. Anregungen für die Behandlung im Unterricht und ein Merkblatt für Lehrer/innen mit Kriterien zur Bewertung (Erwartungshorizont). Niveau Sekundarstufe I (eingeschränkt II).

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DownloadFortsetzungsgeschichte 'Mein Bruder' + Bewertungskriterien zum Kreativen Schreiben (PDF)

Schulstufe

In dem Anfang der Erzählung "Mein Bruder" wird ein Ich-Erzähler eingeführt, der in einen Konflikt mit gewalttätigen Mitschülern gerät. Das Thema orientiert sich an der Sekundarstufe I (10- bis 15-Jährige); da die Vorlage jedoch genügend literarische Spielräume und Optionen für das Weiterschreiben bietet, kann der Text durchaus auch in der Sekundarstufe II verwendet werden. Auch der Erwartungshorizont kann in der Sekundarstufe II verwendet werden, allerdings muss hier die Bewertungsvorstellung etwas angezogen werden.

Behandlung im Unterricht

Je nach Klassenstufe ist es hilfreich, zuerst die Analysekategorien des Kreativen Schreibens ganz oder teilweise zu behandeln (in Verbindung mit den Zehn Erzählanfängen zum Kreativen (Weiter-)Schreiben). Ebenfalls sinnvoll kann es sein, die zentralen Themen des Erzählungsanfangs zu klären (Gruppenarbeit oder Brainstorming). Dabei sollten einige Punkte des Erwartungshorizonts herausgeschält werden: Charaktere und ihre Eigenheiten, Klassensituation, Konflikt, Beziehung zwischen Ich-Erzähler und Bruder etc.

Bewertung der Fortsetzung

Gerade beim Kreativen Schreiben ist die Bewertung eine haarige Sache, da ein guter oder schlechter Schreibstil häufig den Blick auf die geprüften Kompetenzen verstellt. M.a.W.: Wenn ein/e Schüler/in die Erzählung in stilistischer und erzähltechnischer Hinsicht perfekt fortführt, dabei aber den Bezug zu den zentralen Aspekten völlig vernachlässigt, ist man geneigt, die Arbeit noch als "gut" oder "befriedigend" zu bewerten. Auf der anderen Seite wird ein/e Schüler/in, die zwar alle zentralen Aspekte und Themen erkennt, aufgreift und verarbeitet, das jedoch in einer kaum verständlichen Sprache tut, möglicherweise ein nicht mehr ausreichende Note erhalten.

Zur Hilfe ist ein Vorschlag für Kriterien der Bewertung angehängt (Seite 2 des PDF-Dokuments). Die Vorschläge für die Notenzuordnung (ausreichend, befriedigend, gut, sehr gut) sind als Tendenzen zu verstehen.

 

Ausschnitt aus dem Erwartungshorizont zum Kreativen Schreiben (Weiterschreiben einer Geschichte)

Inhalt der Arbeitsblätter

1. Anfang der Erzählung "Mein Bruder"

Mein Bruder

Im Jahr 2008 zogen wir nach Duisburg, weil mein Vater dorthin versetzt wurde und seine einzige Alternative Hartz IV gewesen wäre. Alf und ich sahen das ein. Mutter war 2002 an Krebs gestorben und konnte nicht mehr viel dagegen sagen.

Duisburg war wirklich keine Traumstadt. "Duisburg ist hässlich und es wohnen nur Arschlöcher hier. Wenn ich mit der Schule fertig bin, haue ich hier sofort ab", meinte mein Bruder schon am zweiten Tag nach unserer Ankunft.

Alf war zwei Jahre älter als ich und ziemlich groß. Wenn ihm einer aus seiner Klasse komisch kam, packte er ihn einfach und drückte ihn ins Gebüsch oder an eine Hauswand, bis er um Gnade wimmerte. "Das hat richtig Spaß gemacht, es dem Würstchen zu zeigen", sagte er hinterher. Einmal hatte er sogar zwei gleichzeitig vertrimmt, die er dabei erwischt hatte, wie sie an sein Fahrrad pinkelten. "Ich habe dem einen den Arm verdreht, bis es richtig geknackt hat", meinte er später zufrieden.

In meiner neuen Klasse gab es eine Clique von vier Jungs. Die wohnten in Marxloh, einem eigentlich nur aus Hochhäusern bestehenden Ortsteil von Duisburg und trugen Nike-Schuhe, weiße Nike-Jacken und waren wie Rapper mit goldglänzenden Ketten behängt. Wenn sie vor dem Schulgebäude rumhingen und sich unterhielten (sofern man ihr Gangster-Gestammel so nennen kann), spuckten sie die ganze Zeit auf den Boden.

Der Junge, neben dem ich nach den Sommerferien saß, erzählte mir, dass man sich besser nicht mit ihnen anlegte. Die "Crew", wie sie sich nannten, wollte beim letzten Wandertag in den AQUApark Oberhausen, "wegen der Bitches". Der Klassensprecher Jonathan schlug vor, ins Legoland Discovery Centre zu gehen, und die Klasse stimmte begeistert zu. Die nächsten drei Tage war Jonathan krank, danach tauchte er wieder auf und redete nicht viel. Das blaue Auge und die geplatzte Lippe hatte er sich bei einem dummen Sturz von der Treppe geholt, behauptete er. Die anderen Schüler wussten es besser. Der Wandertag fand im AQUApark statt. "Es war nicht so geil, ehrlich gesagt", beendete Björn seine Beschreibung trocken. "Und ich habe dir natürlich nichts erzählt."

In der dritten Schulwoche kippte meine Colaflasche um. Sie war offen und fast voll. Leider fiel sie nicht auf den Boden, sondern auf den Rucksack von Justin, dem Anführer der "Crew". Obwohl ich die Colaflasche sofort aufhob, war mindestens ein halber Liter schäumend über den Rucksack gelaufen. Justin stand dummerweise auch noch direkt daneben. In diesem Moment kam Herr Schuster, unser Mathelehrer, ins Zimmer, und Justin musste es bei einem bösen Blick bewenden lassen. Während der Mathestunde bekam ich einen Zettel zugeschoben. "Du bist so gut wie tot", stand darauf.

Als es gongte, hatte ich meine Sachen schon gepackt. Ich sprang auf und rannte aus dem Schulgebäude und wie der Teufel nach Hause. Dort ging ich in mein Zimmer, knallte die Tür hinter mir zu und begann zu flennen.

Ich lag seit mindestens einer Stunde auf meinem Bett. Da hörte ich, wie die Wohnungstür aufgeschlossen wurde. Das war mein Bruder - mein Vater kam immer erst abends von der Arbeit nach Hause. (...)

Schreibe eine Fortsetzung für diese Erzählung!

2. Erwartungshorizont/Bewertungskriterien

Die Notenzuweisungen sind als nicht vollständige Vorschläge zu verstehen.
Die sprachliche Ebene wird hier nicht berücksichtigt.

AUSREICHEND

Für eine ausreichende Note müssen die Eckpunkte der Situation verstanden sein und aufgegriffen werden.

  1. Erzählung wird in der Ich-Form und im Präteritum fortgeführt.
  2. Der Konflikt mit der "Crew" muss (auf welche Art und Weise auch immer) ausgetragen werden.
  3. Alf muss in dem Konflikt eine zentrale Rolle spielen (entweder als Berater oder als Handlungsträger).
  4. Die körperliche Stärke Alfs kommt zum Ausdruck.
  5. Die Angst des Ich-Erzählers kommt zum Ausdruck.
  6. Die Primitivität und/oder Aggressivität der "Crew" kommt zum Ausdruck.

GUT/BEFRIEDIGEND

Für eine gute oder befriedigende Note sollten die oben genannten Punkte detaillierter ausgearbeitet werden (v.a. Punkte 3, 5, 6). Außerdem sollten ausgearbeitet werden:

  1. Charakteristika der Personen (Alfs Freude daran, sich zu prügeln; Willkür und Gewaltbereitschaft der "Crew")
  2. Konflikt wird gelöst  (auf beliebige Weise und mit beliebigem Ausgang, sofern realistisch und zur Situation (s.o.) passend). Konflikt kann auch ungelöst bleiben; das setzt jedoch voraus, dass Charaktere, die Beziehungen zwischen ihnen und die situativen Umstände präzise aufgegriffen und weiterverarbeitet werden.
  3. Beziehung zwischen den Brüdern wird ausgebaut.

SEHR GUT
Die weiter gehende Ausarbeitung folgender Aspekte kann eine sehr gute Leistung bedeuten:

  1. Klassensituation (Wie reagiert die Klasse? Welche Rolle spielt die Klasse bei Lösung des Konflikts? usw.)
  2. mögliche Feigheit (?) des Ich-Erzählers, evtl. Wandlung?
  3. der Ort Duisburg (bleibt/wird noch mehr Hassobjekt; oder: Ort wird zur neuen Heimat durch Lösung des Konflikts und Gewinnen neuer Freunde)
  4. Aufgreifen und Weiter-/Wiederverarbeiten von Details (Rucksack; Spucken; knackender Arm; ans Fahrrad Pinkeln; Vorliebe der Crew für "Bitches" etc.)
  5. Gezielte Verwendung erzählerischer Mittel (z.B. passende Redeformen, innere Monologe etc. (abhängig davon, was im Unterricht behandelt wurde).

Zu einer sehr guten Leistung könnte auch eine "Moral" beitragen (z.B. Lösung des Konflikts ohne Gewalt).

Download der Arbeitsblätter: Fortsetzungsgeschichte 'Mein Bruder' + Bewertungskriterien zum Kreativen Schreiben (PDF)

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