Burnoutprävention

Die 10 Anti-Burnout-Gebote 08.01.2012, 19:00

Zehn grundlegende Richtlinien im Umgang mit Burnout und Fragen, die man sich als Mitglied einer Risikogruppe (z.B. Lehrer/in) selbst stellen sollte. Gastbeitrag von Harald Haider - Lehrer, Psychotherapeut und Buchautor.

Moses und die 10 Gebote
Bild: Blondinrikard Fröberg: Moses[CC by]
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Foto: Harald Haider, Autor des Buches 'Burnout-Prävention im Lehrerberuf'Harald Haider arbeitet als Lehrer für Deutsch, Informatik, Bewegung und Sport. Er hat eine Zusatzausbildung als Psychotherapeut und arbeitet neben seiner Unterrichtstätigkeit als Psychotherapeut in freier Praxis. Er ist Autor des Buches "Burnout-Prävention im Lehrberuf" (Lehrerselbstverlag).

Die "10 Anti-Burnout-Gebote" sind mit freundlicher Genehmigung entnommen Harald Haiders Buch "Burnout-Prävention im Lehrberuf - Die drei Säulen der Lehrergesundheit", S. 20-23 (erschienen 2011 im Lehrerselbstverlag).Die Anti-Burnout-Gebote gehören als Teil der Burnout-Prävention in den Bereich "Basics" (neben Umgang mit Stress, Stärkung der psychischen Widerstandskraft und Supervision). Ins Buch blicken können Sie hier (neues Fenster).

Die 10 Anti-Burnout-Gebote

1. „Gesunde“ Lehrer zeigen ein kräftiges, doch nicht exzessives Engagement in ihrem Beruf, sind widerstandsfähig gegenüber seelischen Belastungen und verfügen über ein grundsätzlich positives Lebensgrundgefühl.

? Wenn Sie sich fragen: Wie schätzen Sie aktuell Ihr schulisches Engagement ein? Ist es Ihrer Meinung nach zu hoch oder zu niedrig? Verwirklichen Sie die berühmten 150 % oder fahren Sie eher im Schongang? Gibt es Veränderungsbedarf? Halten Sie Ihre Form des Sich-Engagierens für adäquat und gesund?

Halten Sie sich für ausreichend widerstandsfähig gegenüber seelischen Belastungen? Woran liegt das? Worauf beruht Ihre Widerstandsfähigkeit? Welche Belastungen schwächen Sie?

Wie sieht es mit Ihrem Lebensgrundgefühl aus? Können Sie es in einen Satz fassen? Gibt es Veränderungsbedarf? Wenn ja, in welche Richtung?

2. Eindeutige Grenzen zwischen Beruf- und Privatleben sind unerlässlich.

Das bedeutet vor allem:

a. Lassen Sie sich auch in Druckzeiten nicht dazu verführen, Ihr Privatleben komplett der schulischen Arbeit zu opfern.
b. Der Beruf ist wichtig, andere Dinge ebenso. Schaffen Sie einen Ausgleich zwischen Beruf und Hobby, Arbeit und Entspannung.
c. Lassen Sie „den Lehrer“ in der Schule - leben Sie nicht eine Rolle. Privat sind auch Lehrer Menschen - benehmen Sie sich auch so, der öffentlichen Meinung zum Trotz.

? Wie sieht es bei Ihnen aus? Schaffen Sie es, eindeutige Zäsuren zwischen Beruf und Schule zu ziehen? Wo gelingt es vielleicht nicht so gut? Was wäre hier zu ändern? Können Sie „den Lehrer“ in der Schule lassen?

3. Vermeiden Sie es, auf einer der vier „Autobahnen in den Burnout“ zu fahren: immer alles perfekt machen zu wollen, immer helfen zu wollen, ständig idealistisch denken zu müssen und immer Ja zu sagen.

Gerade diese vier äußerst ungesunden Verhaltensweisen sind in verschiedenen Intensitätsgraden häufig unter Lehrern zu finden. Vermutlich jeder kennt einen Kollegen, der seine Arbeit fehlerfrei erledigen will und auch bei Kollegen und Schülern „keine Gnade“ kennt. Auch Lehrer, die sich mit Inbrunst der schwachen und sozial benachteiligten Schüler annehmen, eigene Grenzen gehörig überschreiten und oft mit Frust zurückbleiben, sind keine Einzelfälle.

Ebenso gefährdet sind Kollegen, denen man alles Mögliche aufbürden und zuschieben kann, da man weiß, dass sie prinzipiell nicht Nein sagen können. Auch die Idealisten unter uns, die glauben, dass man die Schule zur „Besten aller Welten“ gestalten müsse, laufen Gefahr, irgendwann auszubrennen.

? Wie sieht es bei Ihnen aus? Fahren Sie auch auf einer dieser „Autobahnen“?

4. Stärken Sie Ihre Problemlösekompetenz.

Burnout ist oft auch das Resultat einer langen Geschichte nicht gelöster Probleme, immer wiederkehrender Konflikte und ineffizienter Lösungsstrategien. Suchen Sie daher gezielt nach Wegen und Methoden, ihre Selbstwirksamkeit und Problemlösekompetenz zu steigern.

? Fallen Ihnen spontan ein paar Situationen oder Probleme ein, die immer wiederkehren und die Sie bisher nicht zufriedenstellend lösen konnten?

5. Verwirklichen Sie Sinn.

In seinem pädagogischen Tun sinnvolle Möglichkeiten zu finden und zu verwirklichen, ist ein entscheidender Faktor der Burnout-Prävention. Sinnentleertes Unterrichten und Sinnlosigkeitsgefühle führen zu einem existenziellen Vakuum und über kurz oder lang in einen Burnout-Prozess.

? Welche Möglichkeiten, Sinn in ihrer Lehrertätigkeit zu verwirklichen, fallen Ihnen spontan ein? Kennen Sie Gefühle der Sinnlosigkeit und Leere?

6. Entwickeln Sie eine starke Persönlichkeit als „Bollwerk“ und „Kompass“.

Eine zentrale Ressource, um im Lehrberuf gesund zu bleiben, ist eine gute Kenntnis seiner Persönlichkeit, seiner Stärken und Ressourcen, aber auch seiner Lernfelder. Eine gute Beziehung zu sich selbst, eine ausreichende Kenntnis der eigenen Biografie und ein fester innerer Stand tragen viel zur Burnout-Prävention bei. Eine starke und reflektierte Persönlichkeit ist in gewisser Weise auch ein „Bollwerk“: Als Lehrer ist man immer wieder auch Kritik und Anfeindungen ausgesetzt. Egal, was und wie man etwas macht, es gibt immer jemanden, dem das nicht passt. Unseriöse mediale Berichterstattung und politische Instrumentalisierung können ebenfalls an die Substanz gehen. Eine stabile, gefestigte Persönlichkeit bietet hier einen guten Schutz. In einer Zeit, in der die Wertepluralität auch ein hohes Maß an Unverbindlichkeit und Unsicherheit mit sich bringt, bietet die Erfahrung, sich auf seine eigenen Werte verlassen zu können, auch einen guten Orientierungsrahmen, einen „inneren Kompass“.

Nutzen Sie daher Gelegenheiten, sich selbst zu erfahren, zu stärken und zu hinterfragen.

? Mal ganz ehrlich: Wie viel Raum nimmt Selbstreflexion in Ihren Fortbildungsbemühungen ein? Welche persönlichen Ressourcen kennen Sie? Haben Sie einen festen inneren Stand?

7. Gestalten Sie Ihr persönliches „Anti-Burnout-Programm“.

Es gibt viele Möglichkeiten, Stress zu verringern und Burnout zu vermeiden. Verschaffen Sie sich einen guten Überblick und wählen Sie diejenigen Methoden aus, die am besten zu Ihnen passen.

? Welche Möglichkeiten und Methoden der Stressminderung und der Burnout-Prävention kennen Sie? Welche wenden Sie bereits aktiv an?

8. Distanzieren Sie sich von unrealistischen Ansprüchen und „Einflüsterern“.

An utopischen Ansprüchen mangelt es im Schulleben sicherlich nicht. Das kann z. B. ein gewisser Machbarkeitswahn frei nach dem Motto „Wenn wir nur mehr von dem oder dem tun, dann können wir für alle alles erreichen!“ sein.

An „Einflüsterern“, die ultimative Förderungsmaßnahmen und bahnbrechende Innovationen oder Erkenntnisse bieten, mangelt es ebenfalls nicht. Ein gutes Beispiel hierfür liefern Erkenntnisse aus der Gehirnforschung, die immer wieder jemanden anregen, darüber zu schreiben, wie man doch endlich sein Gehirn richtig gebrauchen möge, damit in der Schule richtig gelernt würde.

Ein paar weitere Beispiele für unrealistische Ansprüche können sein:

„Ein guter Lehrer kann allen Schülern gerecht werden!“ oder „Hinter schlechten Noten steckt ein schlechter Lehrer!“ „Nur die Besten der Besten dürfen Lehrer werden!“ (nur: Wer definiert nun das „Beste vom Besten“?)

Prüfen Sie daher diese „Einflüsterungen und Offenbarungen“ nach bestem Wissen und Gewissen und trennen Sie die Spreu vom Weizen.

? Wenn Sie sich selbst fragen: Welchem unrealistischem Anspruch versuchen Sie gerecht zu werden: Gibt es eine realistische Alternative dazu?

9. Zeigen Sie Ecken und Kanten. Verbiegen Sie sich nicht über Gebühr.

Ansprüche wie „Der Lehrer als Coach“, „Ein Lehrer soll lediglich ein Lernbegleiter sein“ oder „Lass es mich (Schüler) selbst machen!“, sind in aller Munde und implizieren, dass sich ein Lehrer eher im Hintergrund halten und Schüler nicht in ihrer Entfaltung behindern sollte. Wahr ist vielmehr, dass die Schule dringend mehr authentische Lehrerpersönlichkeiten mit Ecken und Kanten braucht, die es wagen, eine zentrale, eindeutige und auf eigenen Werten basierende Position einzunehmen. In der modernen pädagogischen Lebenswelt sind Lehrer wichtig, die durch ihre Persönlichkeit führen und anleiten können und die sich nicht verbiegen, um Zeitgeistströmungen oder gesellschaftlichen Zuschreibungen gerecht zu werden. Darüber hinaus steht fest: Wer seinen persönlichen Stil, seine Ansprüche und Bedürfnisse, seine Eigenart stark und permanent unterdrücken muss, wird krank.

Was wir für Schüler erkannt haben - dass authentisches Handeln, Individualität und Originalität wichtig und gesund sind - muss umgekehrt auch für Lehrer gelten.

? Verbiegen Sie sich über Gebühr? Wenn ja, wie? Zeigen Sie Ecken und Kanten? Verfügen Sie über ein authentisches Bild von sich als Lehrer (Autorität, Unterrichtsstil, Kommunikation etc.)?

10. Nehmen Sie Supervision und Coaching in Anspruch und informieren Sie sich über die Möglichkeiten moderner Psychohygiene und Psychologie.

Der Prozentsatz der Lehrer, die Supervision in Anspruch nehmen, liegt vermutlich gerademal im zweistelligen Bereich (die Betonung liegt auf gerademal). Die Einstellung, Supervision und Coaching mit einem Eingeständnis der eigenen Schwäche und des eigenen Versagens, gleichzusetzen, ist immer noch weit verbreitet.

Leider, muss man sagen, denn es geht nichts über eine Reflexion, die von einem (kompetenten) Dritten gesteuert und angeleitet wird.

Moderne psychotherapeutische Methoden und psychologische Erkenntnisse bieten eine Vielzahl an Möglichkeiten, das Lehrerleben zu reflektieren und entscheidend zu verbessern. Die Palette reicht von Stressmanagement und Burnout-Prävention über Selbstreflexion bis zum Heben von Ressourcen und Fähigkeiten.

Text aus: Harald Haider (2011): Burnout-Prävention im Lehrberuf - Die drei Säulen der Lehrergesundheit", S. 20-23

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