Kritik an einem Modewort

Ein Burnout ist kein Burnout 05.11.2011, 09:19

Prof. Hegerl (u.a. Stiftung Deutsche Depressionshilfe) kritisiert die Verwendung des "Modeworts Burnout", denn es gibt keine offizielle Diagnose "Burnout". Seine These: Die allermeisten Fälle von Burnout sind schlicht Depressionen - die man eigentlich ganz anders behandeln muss. Urlaub machen und lang schlafen sind bei Burnout genau das Falsche.

Einsamer Burnout-Mensch
Bild: Pixabay / Unsplash [CC0 (Public Domain)]
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Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Leiter der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Leipzig und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, kritisiert in einer Kurzschrift Fünf Gründe gegen das Modewort Burnout (PDF) die inflationäre Verwendung des "schwammigen Begriffs" Burnout. Diese wirke "verwirrungsstiftend, irreführend und längerfristig stigmaverstärkend". Seine Argumentation ist klassisch standardmedizinisch, nichtsdestotrotz intelligent und plausibel.

1. Der Begriff Burnout ist nicht klar definiert und in den maßgeblichen internationalen Klassifikationssystemen gibt es keine Diagnose Burnout. Entsprechend liegen für die bunten psychischen Störungen, die alle unter Burnout zusammengefasst werden, auch keine Behandlungen mit Wirksamkeitsbelegen aus methodisch guten Studien vor.

2. Ein Großteil der Menschen, die wegen „Burnout“ eine längere Auszeit nehmen, leidet defacto schlicht an einer depressiven Erkrankung. Alle für die Diagnose einer Depression nötigen Krankheitszeichen liegen vor, wozu immer auch das Gefühl tiefer Erschöpftheit gehört.

Fünf Gründe gegen das Modewort Burnout (Pressemitteilung als PDF)

Das weltweit wichtigste Klassifikationssystem ist die ICD-10 der WHO ("International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems") klassifiziert medizinische Diagnosen und nennt notwendige Kriterien für die Diagnose. Ärzte rechnen nach den zugehörigen ICD-10-Schlüsseln ab, Krankenkassen verwenden diese u.a., um auf der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung die Diagnose zu vermerken. Depressive Störungen (zu denen Burnout zählen würde) werden unter den Schlüsseln F30-F39 eingeordnet (F: Psychische und Verhaltensstörungen, F30-39: Affektive Störungen). Lese-Rechtschreibstörungen (LRS, vulgo Legasthenie) werden übrigens unter F81 (Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten) behandelt; viele Betroffene kritisieren die Definition als "Krankheit" bzw. "Störung".

Dieses Klassifikationssystem ist nicht unumstritten. Einer der Kritikpunkte:

Nicht jede Symptomatik entspricht einem Krankheitsbild nach ICD; das erschwert dem Arzt klare Angaben, wenn zunächst kein Krankheitsbild hundertprozentig passt.

Wikipedia: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, Abschnitt 7 Kritik an der ICD

Genau hier dürfte die Diskussion um den Begriff "Burnout" beginnen. Gibt es Krankheiten/Störungen, die nicht in der ICD-10 erfasst sind? Hegerl deutet an, dass Burnout lediglich ein Überbegriff für verschiedene psychische Störungen ist, wobei meistens eine Depression vorliegt. Warum spricht man plötzlich von "Burnout" und nicht von "Depression"? Möglicherweise hat das mit der Ursachenzuschreibung zu tun. Hegerls Punkt 3:

3. Problematisch und nicht selten in gefährlicher Weise irreführend ist jedoch, dass der Begriff eine Selbstüberforderung oder Überforderung von außen als Ursache suggeriert. Auch wenn ausnahmslos jede Depression mit dem tiefen Gefühl der Erschöpftheit einhergeht, ist jedoch nur bei einer Minderheit der depressiv Erkrankten eine tatsächliche Überforderung der Auslöser der Erkrankung. Viele depressive Episoden werden durch Verlusterlebnisse, Partnerschaftskonflikte, durch eher positive Veränderungen im Lebensgefüge, wie Urlaubsantritt, Beförderung, Umzug, etc. getriggert und bei zahlreichen Menschen mit einer depressiven Episode ist beim besten Willen kein bedeutsamer Auslöser festzustellen. Viele depressiv Erkrankte fühlen sich in einer schweren depressiven Episode zu erschöpft, um ihrer Arbeit nachzugehen, ja um sich selbst zu versorgen; nach erfolgreicher Behandlung und Abklingen der Depression empfinden sie die zuvor als völlige Überforderung wahrgenommene berufliche Tätigkeit wieder als befriedigenden und sinnvollen Teil ihres Lebens. Wäre Burnout oder gar Depression in erster Linie Folge einer beruflichen Überforderung, so sollte diese Erkrankung in Hochleistungsbereichen – sei es im Sport oder sonstigen Bereichen – häufiger sein als bei Rentnern, Studenten oder Nicht-Berufstätigen. Eher das Gegenteil ist jedoch der Fall.

Fünf Gründe gegen das Modewort Burnout (Pressemitteilung als PDF), Hervorhebung Lehrerfreund

Auch hier impliziert der Professor Hegerl, dass es sich bei der überwiegenden Anzahl der "Burnout"-Fälle eigentlich um depressive Störungen handelt. Die klassischen Burnout-Behandlungsmethoden (ausschlafen, auf einem grünen Gummiball entspannen) wären in diesem Fall kontraproduktiv:

 

4. Mit dem Begriff Burnout ist die Vorstellung verbunden, dass langsamer treten, länger schlafen und Urlaub machen gute Bewältigungsstrategien sind. Verbirgt sich hinter diesem Begriff eine depressive Erkrankung, so sind dies jedoch oft keine empfehlenswerten und oft sogar gefährliche Gegenmaßnahmen. Menschen mit depressiven Erkrankungen reagieren auf längeren Schlaf und eine längere Bettzeit nicht selten mit Zunahme der Erschöpftheit und Stimmungsverschlechterung. Dagegen ist Schlafentzug eine etablierte antidepressive Behandlung bei stationärer Behandlung. Dies ist sehr gut belegt und für die Betroffenen überraschend, da diese nichts mehr als den sehnlichsten Wunsch haben, endlich tief zu schlafen und am Morgen erholt aufzuwachen. Beim Schlafentzug wird den Patienten empfohlen, die zweite Nachthälfte wach zu bleiben. Die Patienten verspüren dann in der Mehrzahl eine deutliche Besserung und oft völliges Abklingen der depressiven Krankheitszeichen. [...] Auch ist Urlaubsantritt etwas, was jedem depressiv Erkrankten dringend abgeraten wird, da die Depression mitreist und der eigene Zustand mit Antriebsstörung und der Unfähigkeit, irgendeine Freude zu empfinden, im Urlaub in fremder Umgebung besonders bedrückend und schmerzlich erlebt wird. Ob eine Krankschreibung, die bei schweren Depressionen unvermeidlich ist, auch bei Betroffenen mit leichteren Depressionen sinnvoll ist, muss im Einzelfall entschieden werden. Es gibt nicht wenige depressiv Erkrankte, die als besonders belastend erleben, wenn sie nach der Krankschreibung grübelnd zu Hause im Bett liegen. Manche Betriebe haben die Möglichkeit das Arbeitspensum während der depressiven Episode deutlich zu reduzieren, den Betroffenen aber zu ermöglichen, zur Arbeit zu kommen, sodass dieser durch den strukturierten Arbeitsrhythmus und Einbindung in Arbeitsabläufe Halt und Tagesstruktur erfährt.

Fünf Gründe gegen das Modewort Burnout (Pressemitteilung als PDF), Hervorhebung Lehrerfreund

Lehrer/innen als klassische Burnout-Klientel wären hier im Vorteil, da sie ihr Deputat für jedes Schuljahr neu festlegen können. Eine Reduktion des Arbeitspensums würde bedeuten, auf 50% herunterzufahren (was in Zeiten des Lehrermangels nicht mehr überall einfach durchzusetzen ist).

Zuletzt warnt Hegerl davor, das Krankheitsbild "Depression" zu verharmlosen:

5. Eine Vermengung von Stress, Burnout und Depression führt zu einer Verharmlosung der Depression. Stress, gelegentliche Überforderungen, Trauer sind Teil des oft auch bitteren und schwierigen Lebens und müssen nicht medizinisch behandelt werden. Depression dagegen ist eine schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankung, die sich wesentlich von dem Gefühl der Erschöpftheit unterscheidet, dass wohl jeder Mensch bisweilen morgens vor dem Aufstehen und auch nach einem langen Arbeitstag kennt. Die Verharmlosung der Depression verstärkt das Unverständnis gegenüber depressiv Erkrankten und das damit assoziierte Stigma. Der beste Weg zu einem optimalen Umgang mit der Erkrankung Depression ist es eine Depression auch Depression zu nennen.

Fünf Gründe gegen das Modewort Burnout (Pressemitteilung als PDF), Hervorhebung Lehrerfreund

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