Probleme und Lösungen

Vom Sinn und Unsinn interaktiver Whiteboards im Unterricht 08.10.2008, 22:35

Es häufen sich die Meldungen über Schulen, nach denen interaktive Whiteboards erfolgs- und glücksbringend eingesetzt werden. Doch lohnt sich die Anschaffung für eine ganz normale Schule/eine ganz normale LehrerIn wirklich? Sie erfahren hier alles über das didaktische Potenzial der Geräte, über die größten Whiteboard-Lügen und finden einen Plan, wie Sie in Ihrer Schule interaktive Whiteboards erfolgreich einsetzen (besonders für SchulleiterInnen geeignete Lektüre).

Anzeige

Bild: Kinder werden an einem interaktiven Whiteboard (ACTIVboard) unterrichtetInteraktive Whiteboards sind große, weiße Tafeln, auf denen man digital schreiben, surfen, projizieren, mailen und vieles mehr kann - eigentlich nichts weiter als große, berührungssensitive Computerbildschirme mit entsprechender Software (Details: Vergleich SMART-Board/ACTIVboard).

Argumente für die Anschaffung eines interaktiven Whiteboards

1. Zu jeder Unterrichtssekunde unproblematischer Internetzugriff über die Tafel

Eines der schlagendsten Argumente: Zu jedem beliebigen Thema auf Knopfdruck ein Foto, ein Schaubild. Wir reden über Ernst Jandl - im Hintergrund lächelt er uns an oder liest gar “Ottos Mops”. Wir sprechen über die Klagemauer - und schon erscheint sie. Wir erwähnen die Feldzüge der Hunnen - und betrachten mit Google Maps das passende Satellitenbild.
Fehlerpotenzial: Während einer Schulstunde 15 Hintergrundbilder unter viel Geklicke an die Tafel werfen. Das unterhält die SchülerInnen und verringert die Unterrichtsqualität.

2. Audios/Videos bei Bedarf einfach abspielen

Vorbei sind die Zeiten, in denen wir uns in unzuverlässige Listen eintrugen, um dann zu einer bestimmten Stunde den unhandlichen Wagen mit der riesigen Glotze und dem VHS-Videorecorder durch die Gänge zu zerren, damit die SchülerInnen verranzte Kopien von 70er-Jahre-Telekolleg-Filmen in unterirdischer Qualität gähnend betrachten durften. Steht ein interaktives Whiteboard im Klassenzimmer, können kurze Audio-/Videoausschnitte von USB-Stick, DVD o.ä. mit minimalem Aufwand abgespielt werden. Gerade bei Videos ist dies ein unschätzbarer Vorteil - denn gezielt eingesetzte winzige 3-Minuten-Ausschnitte bereichern den Unterricht mehr als 20-minütige cineastische Apathiephasen in abgedunkelten Räumen.

3. Grundschule: Motivation und Spielfreude

Gerade in der Grundschule haben die Kinder großen Spaß daran, in bunten Farben auf die Tafel zu malen; die Hersteller versorgen uns auch mit unzähligen (meist allerdings: sehr banalen) Spielchen.

4. Das Ende der Medienschlachten

Lehrproben sind der typische Ort für übertriebene Medienexzesse. Wir brauchen: Overheadprojektor, gelbe und grüne lange Zettelchen, runde blaue Papierwölkchen, 15 schwarze Filzstifte (für 30 SchülerInnen), unterschiedliche Kreiden, Folienstifte, vielleicht auch noch den Medienwagen mit Beamer ...
Alles vorbei mit dem interaktiven Whiteboard: Zum Projizieren, Sammeln, Ordnen, Präsentieren haben wir einige vorbereitete Dateien auf dem USB-Stick, fertig. Stellen Sie sich vor, Sie müssten im Schulalltag keine einzige Folie mehr ausdrucken! (Dafür müssen Sie anfangen, zu scannen.)

5. SchülerInnen lernen endlich, richtig zu präsentieren

Mit einem interaktiven Whiteboard im Klassenzimmer herrscht natürlich (für die SchülerInnen) striktes Powerpointverbot. Gruppenarbeitsergebnisse und Referate werden mit dem Stift am Whiteboard, es gleichsam als Flipchart nutzend, entwickelt. Freies Sprechen, gezielter Medieneinsatz (z.B. Aufrufen von Webseiten), große Wonne.

Die hartnäckigste Whiteboard-Lüge: “Interaktive Whiteboards sparen Zeit.”

„Das Whiteboard ist eine wesentliche Arbeitserleichterung”, erläutert Wiebke Godehusen, die Lehrerin der Klasse 5d. „Ich gewinne Zeit. Tafelbilder kann ich zu Hause vorbereiten. Was wir im Unterricht erarbeiten, speichere ich auf einem USB-Stick.”

derwesten 07.10.2008: Ende der Kreidezeit an deutschen Schulen

Eine freche Lüge. Die Existenz eines interaktiven Whiteboards im Klassenzimmer spart keine Zeit. Die Tafelbilder, Folien und Präsentationen muss ich sowieso zu Hause vorbereiten, allerdings muss ich sie in digitale Form bringen (die meisten Lehrpersonen bereiten ihre Tafelbilder mit Papier und Stift vor). Im Unterricht entwickle ich das Tafelbild nach wie vor mit der Hand - wer bitte drückt auf den Knopf, lässt das Tafelbild erscheinen und bittet seine SchülerInnen kommentarlos, es abzuschreiben? Dass ich öfters Filmausschnitte zeige, bringt mit sich, dass ich sie mir zu Hause ansehe und entsprechende Stellen auswähle, dass ich mich in die Kreisbildstelle begebe und Filme ausleihe.
Und dann speichere ich die SchülerInnenarbeitsergebnisse auf meinen USB-Stick - womit ich noch ein weiteres Stück Arbeit nach Hause nehme, denn ich muss die Ergebnisse ja irgendwie verwalten - ausdrucken, in ein Arbeitsblatt integrieren oder sie meinen SchülerInnen mailen. Die Hälfte hat sie dann nicht bekommen und bittet mich, sie erneut zu mailen. Die andere Hälfte antwortet auf meine Mail, dass der Anhang nicht zu öffnen wäre, ob ich ...

Und natürlich muss ich mich in die Technik einarbeiten. Die Whiteboard-Software (i.d.R. recht einfach zu durchschauen), wie speichere ich Bilder, auf denen Schüler ihre Gruppenarbeitsergebnisse eingezeichnet haben, wie kann ich gleich nochmal über den Netzwerkdrucker diese Folie für alle ausdrucken ... usw. usf.

Das größte Whiteboard-Problem: Vielen Lehrpersonen fehlen didaktische Kenntnisse

Die meisten Mediendarstellungen über den Nutzen von interaktiven Whiteboards im Unterricht sind motiviert von Technikfetischismus seitens der JournalistInnen und von duckmäuserischer Fortschrittsgläubigkeit der befragten Lehrpersonen. Ehrlich: Welcher Schulleiter, der vom Bürgermeister ein sauteures Whiteboard überreicht bekommen hat, kann öffentlich verkünden, dass die Dinger einfach nur sinnloser Schrott sind? Damit lesen wir hier oder hier, wie wichtig und fortschrittlich die interaktiven Whiteboards sind. Werden Sie - sofern vorhanden - auch wirklich effizient genutzt?

Hier haben wir das gleiche Problem wie bei den Computerräumen: Politik und Bildungsenergetiker forcieren (zu spät, zu langsam, zu unmotiviert, dafür aber lautstark) die Etablierung einer neuen Technologie - die in didaktischer Hinsicht keiner nutzen kann, denn an das Geld für Fortbildungen und Forschungsprojekte denkt niemand. Fragen Sie in Ihrem Kollegium - außer den Informatikerkollegen und den 2 Referendaren mit den Counter-Strike-T-Shirts hat keiner einen Plan, was man in einem Computerraum alles machen kann. Noch krasser ist es mit den interaktiven Whiteboards, denn diese müssen in den “normalen” Unterricht eingebunden werden, was für Lehrpersonen mit nur durchschnittlichen technischen und mediendidaktischen Kenntnissen kaum zu bewältigen ist. Und diese armen Personen lesen dann in den Zeitungen Schwachsinn wie

Wenn es zum Unterricht passt, wird im Internet recherchiert – beispielsweise auf der Videoplattform YouTube.

derwesten 25.09.2008: In Schulen naht das Ende der Kreidezeit

Sie begeben sich also (mutig!) ans interaktive Whiteboard und surfen - geschickt manipuliert von der begeisterten Klasse 9b - eine Stunde lang auf YouTube und versuchen nebenher Unterricht zu machen. Danach spüren sie: Sinnvoller Unterricht ist mit dem interaktiven Whiteboard nicht möglich. Und sie greifen zur Kreide, um weiterhin ihre Lehrervorträge zu halten, gespickt mit schönen Wellenlinien unter der Überschrift an der Tafel.

Die Lösung

1. Besorgen Sie sich möglichst viele interaktive Whiteboards.
2. Verteilen Sie sie so in der Schule, dass den LehrerInnen unbürokratisch klar ist, wann sie sicher damit rechnen können, es benutzen zu können. Wenn es nur ein Whiteboard ist, dann stellen Sie es in einen Fachraum.
3. Sorgen Sie für Fortbildungen. Die Hersteller Ihres Whiteboards bieten Präsenz- und Onlinesupport an; die smarte ReferendarIn kann sich einfuchsen und das Kollegium auf Vordermann bringen (dafür erlässt man ihr halt in Gottes Namen ein Stündchen fürs zweite Halbjahr, ist das denn so wichtig?).
4. Sorgen Sie für AnsprechpartnerInnen. Es darf nicht sein, dass so ein Gerät für mehrere tausend Euro in der Ecke steht, weil der Anschluss ans Internet “nicht funktioniert”. Notfalls regelt das ein potenter Oberstufenschüler, der dafür im Zeugnis 3 Punkte mehr in Informatik bekommt.
5. Sorgen Sie für Transparenz. Machen Sie die Geräte in jeder zweiten Gesamtlehrerkonferenz zu einem Tagesordnungspunkt. Hängen Sie Ihre neuen Unterrichtsideen ans Schwarze Brett.

Anzeige



neuerer Beitrag — Vom Sinn und… — älterer Beitrag

Anzeigen
Beitrag empfehlen
  • facebook