Die Lösung heißt: OER

Schulbücher - wie man es besser machen könnte

Mehr als 200 Millionen Euro gibt der Staat jährlich für Schulbücher aus. Der Streit um das Urheberrecht und die Digitalisierung von Schulbuchinhalten wird immer bizarrer. Wir zeigen, wie man das Problem vollständig lösen und dabei Hunderte von Millionen Euros sparen kann. Einzige Voraussetzung: Ein bisschen Mut seitens der Politik.

Creative-Commons-Logo mit Hammer und Sichel Bild: creativecommons.org / wikimedia commons (Montage)
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Lehrer/innen müssen zahlreiche Unterrichtsmaterialien herstellen: Arbeitsblätter, Klassenarbeiten, Handouts, Skripte, Zusammenfassungen ... Selbstverständlich arbeiten sie damit nicht mehr mit Schere und Kleber, sondern mit Scanner und Software (z.B. Word).

Nun ist die Schulbuchlobby (verständlicherweise) überhaupt nicht daran interessiert, dass ihre Materialien digitalisiert und dann in die freie Wildbahn entlassen werden. Deshalb nehmen sie in Kooperation mit den Kultusminister/innen Einfluss auf die Gestaltung des Urheberrechts, indem sie die verantwortlichen Politiker/innen in den Schwitzkasten nehmen. Relevant sind der  Gesamtvertrag zur Einräumung und Vergütung von Ansprüchen nach § 53 Urheberrechtsgesetz (UrhG) und die zugehörige Ergänzungsvereinbarung.

In letzter Zeit sind in diesem Kontext einige unschöne Dinge passiert:

  • Gemeinsam mit den Kultusminister/innen wollte man sämtliche Schulrechner ausspionieren (Schultrojaner), was dann unter dem Druck der aufgebrachten Öffentlichkeit rasch abgeblasen wurde.
  • Dann wurden die Schulleitungen in einigen Bundesländern dazu aufgefordert, Erklärungen über illegale "Digitalisate" im Schulnetz abgeben zu lassen. Dies wurde abgeblasen, als der Gesamtvertrag zwischen KMK, Schulbuchverlagen (aka Verband Bildungsmedien) und Verwertungsgesellschaften neu beschlossen wurde.
  • Jetzt darf man Unterrichtsmaterialien plötzlich doch digitalisieren - allerdings nicht über Netzwerke wie Lehr-Lern-Plattformen verteilen (Moodle-Verbot), was natürlich angesichts der vorhandenen technologischen Infrastruktur völlig daneben ist.

Allein die Tatsache, dass solche doch sehr weit reichenden Beschlüsse überaus rasch wieder zurückgenommen werden, zeigt, wie sehr die Verantwortlichen ohne Plan und Verständnis handeln.

Die Schulbuchverlage im Verband Bildungmedien sind aus ökonomischen Gründen und völlig nachvollziehbar daran interessiert, ihr Geschäftsmodell zu konsolidieren. Das kann nur über massive Verbotsstrategien geschehen. Für die Schulbuchverlage ist der Status Quo deshalb erfreulich: Ihre Materialien sind recht effektiv gegen Piraterie geschützt, außerdem wird die eigene E-Schulbuch-Infrastruktur digitale-schulbuecher.de gestärkt (die solche Monopolvorteile noch gut gebrauchen kann, denn das Konzept ist überaus altbacken, siehe hier oder hier).

Bei den Entscheidungen der in der KMK zwanglos organisierten Kultusminister/innen hingegen kann man sich nur erstaunt die Augen reiben. Diese Personen wurden von uns gewählt, um Bildung zu ermöglichen und zu verbessern. Doch sie scheinen in erster Linie die Rechte der Schulbuchverlage zu vertreten. Ein juristischer Streit mit einem großen Schulbuchverlag oder dem Verband BIldungsmedien könnte einer Kultusminister/in die Wiederwahl versauen.

Die Kultusminister/innen schaffen Bedingungen, die für die Schulbuchverlage gut sind, die Bildung jedoch behindern.

Jüngstes Beispiel ist das Moodle-Verbot. Es ist selbstverständlich auch der KMK und ihren Minister/innen klar, dass man unter den von ihnen geschaffenen Bedingungen nicht ordentlich arbeiten kann.

Wie alles besser wäre: Der Staat entwickelt freie Bildungsmaterialien (#OER)

Wollten die Kultusminister/innen wirklich besseren Unterricht, würden sie einen Teil des Geldes nehmen, das jährlich den Schulbuchverlagen zufließt, und damit selbst freie Bildungsmaterialien erzeugen. Damit sind nicht nur die lächerlichen 9 Millionen Vergütung gemeint, sondern auch die Anschaffungskosten für Schulbücher. Die öffentlichen Schulbuchausgaben lagen 2007 bei 224 Millionen Euro (Quelle (PDF)), insgesamt wurden 2008 für Schulbücher und Lernsoftware in Schulen 434 Millionen Euro ausgegeben (Quelle (PDF)). Der Bildungshaushalt der BRD beträgt für 2013 mehr als 13 Milliarden Euro.

Kurz: Würde man keine Schulbücher mehr von privatwirtschaftlichen Unternehmen kaufen, hätte man jährlich deutlich mehr als 100 Millionen Euro zur freien Verfügung (für den Rest kaufen wir Atlanten, Wörterbücher, Übungshefte usw. und verwalten das Ganze ein wenig).

Polen entwickelt für 11,5 Millionen Euro vollständige und freie Unterrichtsmaterialien für die Klassen 4 bis 6 - was könnte man mit dem Geld anstellen, das jährlich für Schulbücher ausgegeben wird? Für einmalig 200 Mio. Euro (also der Betrag, der jedes Jahr für Lehrmittel ausgegeben wird) könnten für sämtliche Fächer, Schularten und Schulstufen freie und erweiterbare Unterrichtsmaterialien entwickelt werden. Lehrer/innen könnten möglicherweise ihr eigenes, gutes, sinnvolles, aktuelles Unterrichtsmaterial einbringen, und einige oder vielleicht sogar viele würden mithelfen (cf. 4teachers, cf. ZUM-Wiki, cf. Schulbuch-O-Mat). Man hätte weiterhin kaum Folgekosten: Mit den 9 Mio., die aktuell den Schulbuchverlagen gezahlt werden, wären Publikationskosten, Aktualisierung und Qualitätskontrolle zu bestreiten; nach einigen Jahren der Umstellung hätte der Staat ein jährliches Plus von rund 100 Millionen Euro.

Leider gibt es einen Haken: Sämtliche Verleger und Autoren von Unterrichtsmaterialien würden empfindliche Umsatzrückgänge hinnehmen müssen, bei den großen Verlagen wären Stellenstreichungen erforderlich. Betroffen wären insgesamt mehrere tausend Personen. Das geht natürlich so nicht.

Aber durch eine kleine Umstrukturierung ist das Problem leicht zu lösen: Der Staat muss lediglich Teile der großen Schulbuchverlage kaufen und die Mitarbeiter/innen in das Konzept integrieren - gerade in den ersten Jahren (Infrastrukturentwicklung, Produktion) ist der Bedarf durchaus gegeben, später können diese Angestellten - die ja alle im Bildungsthema kompetent sind -  bspw. neue, aktualisierte Materialien entwickeln oder bei der Portierung auf andere Medienformen mitarbeiten. Selbst wenn sie gar nichts arbeiten, sondern nur herumsitzen, wird es billiger, als jährlich dreistellige Millionensummen für neue Lehrmaterialien auszugeben.

Man beachte, dass es sich hier nicht um eine sozialistische Aktion handelt. Die Schulbuchverlage werden nicht etwa verstaatlicht, sondern für einen ordentlichen Preis gekauft. So wie der kleine Junge in der Bäckerei ein Schoko-Croissant kauft, so kauft die BRD die Schulbuchverlage. Hat nicht Baden-Württembergs Ministerpräsident Mappus kurz mal den Energieversorger EnBW mit mehr als 20.000 Mitarbeiter/innen für 4,7 Milliarden Euro gekauft (und - schwupp - 840 Millionen Euro zu viel bezahlt, keiner hat's bemerkt)? Am Geld liegt es also auch nicht.

Die Vision ist verlockend: Freie, hochwertige, aktuelle Bildungsmaterialien für alle, jede/r kann sie verändern, weitergeben, damit tun, was er/sie will. Der Staat spart jedes Jahr zig Millionen, die er ins Schulsystem stecken kann. Zu stopfende Löcher gibt es genug.

Liebe Kultusminister/innen, worauf wartet ihr noch?






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