Mediendidaktik

7 methodische Tipps für die Arbeit mit digitalen Medien (Computerraum, Laptopklassen, BYOD ...) 30.11.2014, 17:22

Wie verhindern Sie, dass die Situation im Computerraum aus dem Ruder läuft? Wie stellen Sie sicher, dass mit den Tablets möglichst effizient gearbeitet wird? 7 Tricks, worauf Sie als Lehrer/in achten sollten, wenn Sie mit digitalen Medien arbeiten.

Tandem-Fallschirmsprung
Bild: Jan Kalab: Falling teacher[CC by-sa]
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1) Stellen Sie klare Regeln auf

Ob Sie nun eine größere Projektarbeit durchführen oder in einer 45-Minuten-Stunde kurz etwas recherchieren lassen: Es muss Regeln geben, die eingehalten werden. Wenn die Schüler/innen während des Unterrichts über WhatsApp die nächste Party planen, wird das dem Unterrichtsziel in den wenigsten Fällen dienlich sein.

Die Regeln unterscheiden sich abhängig von der Situation stark. So haben Sie bei der allerersten 45-Minuten-Internetrecherche einer 7. Klasse wahrscheinlich schärfere Regeln als bei der 20. Stunde im offenen Projekt an der iPad-Pilotschule.

Mit folgenden zwei Regeln tragen Sie deutlich zum Gelingen Ihres digital gestützten Unterrichts bei:

  1. Die verwendeten Geräte werden ausschließlich zu Unterrichtszwecken genutzt (kein WhatsApp, kein Facebook, keine Online-Spielchen, keine Hihihi-Apps).
  2. Wenn eine Plenumsphase startet, beenden alle umgehend ihre Arbeit und wenden sich dem Plenum zu (siehe Punkt "Arbeits- und Plenumsphasen trennen").

Wichtig ist, dass Sie Ihre Regeln klar kommunizieren und auf die Einhaltung bestehen.

2) Strukturieren Sie Ihren Unterricht deutlich (Phasentrennung)

Je nach Situation werden Sie in längeren oder kürzeren Phasen arbeiten. Ob sich eine Phase nun über 5 Unterrichtsstunden oder über 5 Minuten zieht - Anfang und Ende der Phase müssen deutlich markiert werden, und zwar aus zwei Gründen:

  1. Die Schüler/innen wissen, dass sie ihre Arbeit jetzt beenden oder beginnen sollen.
  2. Deutliche Strukturierung des Unterrichts führt dazu, dass die Schüler/innen den Sinn ihres Tuns in der Chronologie verstehen und ein Gefühl für sinnvolle Arbeitsabläufe entwickeln: "Aha, jetzt sind wir mit den Vorbereitungen fertig. Das war offensichtlich nützlich, weil wir für den nächsten Schritt das Erarbeitete fruchtbringend verwenden können."

Dies gilt für die Arbeit mit analogen wie mit digitalen Medien gleichermaßen. Viele Lehrer/innen neigen in digital dominierten Umgebungen jedoch dazu, das vor lauter Medien und Technik zu vergessen. Schließlich ist man froh, wenn eine Phase erfolgreich ohne weitere Probleme abgeschlossen wurde, so dass man dankbar einfach weitermacht.

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die Phasentrennung deutlich zu machen, z.B.:

  • Benennen Sie Anfang und Ende einer Phase explizit ("Wir haben jetzt Fakten zu xy gesammelt. In einem nächsten Schritt wollen wir ...").
  • Ändern Sie Ihre Position im Raum (während der Internetrecherche sind Sie vorne an Ihrem Rechner gesessen, für die Diskussion stehen Sie am Fenster).
  • Ändern Sie die mediale Situation (Sie haben ein über den Beamer projiziertes Bild besprochen; bevor Sie zum nächsten Schritt übergehen, schalten Sie den Beamer schwarz. Wichtig zu wissen: 3 Tipps zum Umgang mit dem Beamer).
  • Warten Sie zwischen zwei Phasen. Lassen Sie 30 Sekunden Stille einkehren, dann machen Sie weiter.

3) Trennen Sie Arbeits- und Plenumsphasen

Jegliche Art von Unterricht unterteilt sich grundsätzlich in zwei Phasen:

  • Arbeitsphasen: Die Schüler/innen tun parallel unterschiedliche Dinge - alleine, zu zweit (Partnerarbeit) oder zu mehreren (Gruppenarbeit).
  • Plenumsphasen: Kommunikation in der Großgruppe - jemand erklärt etwas, alle diskutieren usw.

Stellt im "normalen" Unterricht eine Gruppe ihr Plakat vor, haben andere Gruppen die Arbeit einzustellen. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Das gilt auch für die Arbeit mit digitalen Geräten.

Grundregel: Wenn die Lehrer/in einen Arbeitsauftrag gibt, wenn im Plenum diskutiert wird, wenn Schüler/innen etwas vorstellen ..., dann klickt niemand mit der Maus, spielt keiner auf seinem Tablet herum, spricht keiner in sein Smartphone. Wenn jemand während Ihres Arbeitsauftrags noch die letzte Powerpointfolie einfügt oder die Audiodatei kurz exportiert, wird er/sie den Arbeitsauftrag nicht mitbekommen. Damit war er sinnlos. Entweder Ihr Arbeitsauftrag richtet sich an alle - dann müssen ihn auch alle mitbekommen. Oder es ist egal, ob alle Ihren Arbeitsauftrag mitbekommen - dann sparen Sie sich die Luft.

Möglicherweise sind digitale Medien so tief in Ihren Unterricht integriert, dass die Schüler/innen sich während der Plenumsdiskussionen Notizen auf ihrem Laptop machen und trotzdem alles mitbekommen - dann haben Sie das Mediennirwana erreicht und brauchen diesen Artikel nicht fertig zu lesen.

Beharren Sie ausnahmslos, konsequent und unbarmherzig auf dieser strikten Trennung. Sorgen Sie dafür, dass während der Plenumsphasen NIEMAND an seinem Gerät operiert. Für die Umsetzung gibt es mehrere Möglichkeiten, z.B.:

  • Alle drehen ihr Tablet um.
  • Alle schalten ihr Smartphone aus.
  • Alle klappen das Laptop zu.
  • Sie schalten die Computerbildschirme schwarz.
  • Alle kommen in die Mitte zur "Insel", die Medien bleiben an den Arbeitsplätzen.

4) Trennen Sie technische und inhaltliche Aktivitäten

blau = inhaltliche Aktivität
rot = technische Aktivität

A) "Fahrt die Rechner hoch, meldet euch bei unserem Online-Mindmap-Dienst an und erstellt eine Mindmap zum Thema xy."

Wenn die Rechner nicht hochfahren, Schüler/innen ihr Passwort für den Rechner oder die Webadresse des Onlinedienst vergessen haben, können sie nicht inhaltlich arbeiten. Die Folge ist eine Teilung der Klasse: Ein Teil der Schüler/innen hat technische Probleme, ein anderer Teil arbeitet an der Mindmap und benötigt evtl. inhaltliche Unterstützung. Wem helfen Sie als Lehrer/in? Denen, die sich nicht anmelden können oder denen, die den Arbeitsauftrag "Mindmap" nicht richtig verstanden haben? Egal, wem Sie helfen - die übrigen hängen völlig in der Luft und fangen nach wenigen Minuten (zu Recht) an, etwas anderes zu tun, weil sie nicht weiterkommen.

B) "Interviewt mit eurem Smartphone euren Nebensitzer zum Thema xyz."

Haben alle ein funktionierendes Smartphone und wissen alle, wie man eine hörbare Aufnahme macht? Wenn Sie "Los geht's!" rufen und die Hälfte der Klasse hat einen leeren Akku, bricht die Dynamik umgehend ein. Während ein Drittel der Klasse die Aufnahme bereits am gewünschten Ort abspeichert, stellt das zweite Drittel gerade fest, dass die Aufnahme zu leise ist oder zu sehr rauscht. Und das dritte Drittel hat zum gleichen Zeitpunkt Probleme, das 200MB-wav ins mp3-Format umzuwandeln.

C) "Im Tauschverzeichnis liegt ein Word-Dokument. Ruft die dort angegebenen Links auf und erstellt einen Zeitstrahl."

Einige Schüler/innen finden das Tauschverzeichnis oder das dort abgelegte Word-Dokument nicht, andere verstehen den Arbeitsauftrag nicht, wieder andere wissen nicht, womit sie den Zeitstrahl erstellen sollen. Bis Sie diese Probleme gelöst haben, sind die ersten Schüler/innen, bei denen alles geklappt hat, schon fertig und beginnen aus Langeweile kleine Papierkügelchen durch den Raum zu werfen (wenn Sie nicht zusätzliche Arbeitsaufträge in der Tasche haben).

Regel: Stellen Sie im ersten Schritt sicher, dass alle Schüler/innen arbeitsbereit sind.

A)
Anweisung 1: Fahrt die Rechner hoch und meldet euch bei unserem Online-Mindmap-Dienst an.
Warten, bis alle bereit sind. Wer das schnell erledigt hat, hilft den anderen.
Anweisung 2: Erstellt nun eine Mindmap zum Thema ...

oder:

B)
Anweisung 1: Testet, ob ihr mit eurem Smartphone gesprochenen Text aufnehmen könnt.
Warten, bis alle bereit sind. Wer das schnell erledigt hat, hilft den anderen.
Anweisung 2: Alle prüfen, ob die Aufnahme in einem komprimierten Format vorliegt und ob sie am gewünschten Ort abgespeichert werden kann.
Warten, bis alle bereit sind. Wer das schnell erledigt hat, hilft den anderen.
Anweisung 3: Interviewt nun mit eurem Smartphone ...

oder:

C)
Anweisung 1: Öffnet das Word-Dokument, das ich ins Tauschverzeichnis gelegt habe. Ruft die dort angegebenen Links in unterschiedlichen Browsertabs auf.
Warten, bis alle bereit sind. Wer das schnell erledigt hat, hilft den anderen.
Anweisung 2: Öffnet das Zeitstrahl-Tool und meldet euch dort an.
Warten, bis alle bereit sind. Wer das schnell erledigt hat, hilft den anderen.
Anweisung 3: Erstellt einen Zeitstrahl zu ... 

Je unvertrauter die Schüler/innen im unterrichtlichen Umgang mit digitalen Medien sind, desto kleinschrittiger müssen die Arbeitsaufträge erfolgen.

Aus dem nicht-digitalen Unterricht ist man es gewohnt, dass die "technischen" Aktivitäten meist reibungslos funktionieren. Nehmen wir diesen Arbeitsauftrag:

"Markiert auf dem Arbeitsblatt alle x-Wörter grün und alle y-Begriffe rot."

Dieser Arbeitsauftrag hat ebenfalls zahlreiche technische Implikationen: Die Schüler/innen müssen das Arbeitsblatt, grüne/rote Stifte und ein Lineal hervorholen, die Stifte müssen gespitzt sein. Da die Schüler/innen das aus Millionen vorangegangener Unterrichtsstunden kennen und können, ist hier eine Trennung zwischen technischer und inhaltlicher Anweisung nicht notwendig. Und Sie kennen das: Wenn drei Schüler/innen keinen grünen Stift dabei haben, bei zwei weiteren der rote nicht funktioniert, kann das Unterrichtskonzept dadurch schon mal gediegen wackeln. Deshalb kommt der Referendar am Tag vor der Lehrprobe nochmal in die Klasse und schärft allen ein, gespitzte grüne und rote Stifte mitzubringen, außerdem ein Lineal.

Wenn die Schüler/innen Routine im unterrichtlichen Umgang mit digitalen Geräten erlangt haben  - was eben häufig nicht der Fall ist -, muss der technische Aspekt nicht zwangsläufig/scharf abgetrennt werden.

5) Bennenen Sie Expert/innen

Es ist unmöglich, dass Sie in computerisierten Kontexten immer alles am besten wissen. Gerade wenn Sie mit Smartphones oder Tablets arbeiten, wird es immer Schüler/innen geben, die irgendwo einen guten Trick, ein smartes Tastenkürzel oder eine bessere Herangehensweise als Sie kennen.

Machen Sie sich dieses Wissen zu Nutze. Halten Sie nicht an alten Herrschaftsstrukturen fest ("Ich bin der Lehrer. Ich muss alles am besten wissen. Wenn jemand anders etwas besser weiß, ist das eine Niederlage."). Seien Sie dankbar, wenn jemand einen besseren Weg kennt. Es ist ganz normal, dass es Schüler/innen gibt, die etwas besser können als Sie - gerade im Bereich digitaler Medien.

Lassen Sie diese Schüler/innen ihren Trick erklären. Bitten Sie diese Schüler/innen, den anderen (inklusive Ihnen selbst!) behilflich zu sein. Das hat zwei der Unterrichtssituation massiv dienliche Effekte:

  1. Die kompetenten Schüler/innen werden eingebunden; sie fühlen sich wertvoll. Sie helfen dabei, den Unterricht voranzubringen und arbeiten auf Ihrer Seite mit.
  2. Die Benutzung der digitalen Medien wird besser dadurch, dass verschiedene Expert/innen (sowohl Sie als Lehrer/in als auch kompetente Schüler/innen) ihr Wissen einbringen.

Einer der häufigsten Fehler von Lehrer/innen (auch im "normalen" Unterricht) ist der Versuch, Herrschaftswissen zu bewahren und zu kultivieren. Das ist destruktiv. Niemand wird Sie als Lehrperson mehr respektieren, wenn Sie kompetente Leute kleinhalten, um selbst den starken Mann markieren zu können.

6) Geben Sie positive Rückmeldungen

Das Frustrationspotenzial bei der Arbeit mit digitalen Medien ist groß. Gerade Schüler/innen, die keine Expert/innen sind, brauchen positive Rückmeldung, auch wenn sie nur einen Teil der Aufgabe erfolgreich bearbeitet haben. Für manche ist es möglicherweise schon ein Erfolg, sich bei einem Online-Dienst zu registrieren und den Link in der Bestätigungsmail anzuklicken (das glauben Sie nicht? ICILS 2013). Wenn Sie nun kommen und darüber motzen, dass der Benutzername nicht eindeutig ist, die anderen schon fast fertig seien und es ja wohl nicht so schwierig sein könne, endlich die verdammte Mindmap-Website aufzurufen, dann haben Sie die Schüler/in endgültig demotiviert - obwohl Sie hier die Möglichkeit gehabt hätten, große Motivation zu schaffen ("Super, dass es geklappt hat! Das ist immer ein ätzender Aufwand mit diesen Bestätigungslinks!").

Gerade im Umgang mit digitalen Medien gibt es riesige Leistungsunterschiede. Was manche in 5 Minuten machen, dauert bei anderen 20. Behalten Sie die Klassensituation im Blick; wenn ein/e Schüler/in sich bemüht, dann loben Sie die Leistung - auch wenn es deutlich länger gedauert hat, als Sie es sich gewünscht haben.

7) Bleiben Sie aktiv

Viele Lehrer/innen neigen dazu, sich zurückzuziehen, sobald die Schüler/innen begonnen haben zu arbeiten. Während die Schüler/innen an ihren iPads arbeiten, macht die Lehrer/in irgendwas anderes in dem Bewusstsein, dass die Arbeit ja läuft. Aber gerade bei der Arbeit mit digitalen Medien ist es wichtig, dass Sie am Ball bleiben um zu helfen, wenn Schüler/innen Probleme haben oder um zu erkennen, ob sich jemand bemüht oder nicht (siehe Punkt "positive Rückmeldungen"). Im Gegensatz zu analogen Unterrichtsszenarien ist bei der Arbeit mit digitalen Medien oft gut zu erkennen, wo es Probleme gibt. Eine Schüler/in, die auf das Arbeitsblatt starrt, könnte tatsächlich gerade lesen oder nachdenken. Eine Schüler/in, die unbeweglich auf den Startbildschirm ihres Tablet-PCs starrt, hat offensichtlich gerade ein Problem.

Sitzen Sie nicht vorne und checken Sie Ihre Mails (vgl. Umfrage: Was tun Lehrer tatsächlich, während die Schüler arbeiten?). Das ist nicht Sinn der Sache. Bleiben Sie aufmerksam und behalten Sie die Situation im Blick.

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