Hektik

Lehrermangel: Maßnahmen der Landesregierungen im Überblick 22.02.2009, 10:42

In den nächsten Jahren ist ein massiver Lehrermangel in Deutschland zu erwarten; in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern hat er bereits begonnen. Leicht verspätet haben das auch die Kultusminister/innen mitbekommen und beginnen nun, hektisch am Rad zu drehen. Eine Übersicht.

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Zwei Dimensionen des Lehrermangels

Der prognostizierte Lehrermangel lässt sich in zwei Kategorien einteilen: Zum einen ein allgemeiner Lehrermangel, verursacht durch zahlreiche Pensionierungen in den nächsten Jahren. Die Lehrergewerkschaft VBE prognostiziert für den deutschsprachigen Raum mehrere Hunderttausend unbesetzte Lehrer/innenstellen. Weiterhin gibt es schon jetzt einen massiven Mangel an Fachlehrkräften für naturwissenschaftlich-technische Fächer. Seit Jahren entscheidet sich die Mehrheit der Absolvent/innen entsprechender Studiengänge für eine Karriere in der freien Wirtschaft, da hier höheres Gehalt und höheres soziales Ansehen geboten sind. Allerdings hat man gerade in letzter Zeit gesehen, dass die Sicherheit des öffentlichen Dienstes (besonders: die in einigen Bundesländern erwartbare Verbeamtung) vielleicht ein paar Euro weniger monatlich kompensiert; zudem erfährt das Lehrer/innen-Image eine zunehmende Aufwertung, da die Öffentlichkeit erkannt hat, dass das Berufsbild “Lehrer/in” durchaus nicht nur ein Waschlappen-Job ist, sondern mit einem hohen Maß an Verantwortung und Energieaufwand verbunden ist.

Wie die Kultusministerien auf den Lehrermangel reagieren

Die meisten Politiker/innen denken (leider) immer nur bis zu den nächsten Wahlen. Deshalb wurden bisher kaum strukturelle Maßnahmen gegen den sich schon seit längerem abzeichnenden Lehrermangel getroffen. Jetzt, wo es eng wird, initiiert man blindlings irgendwelche Maßnahmen, um das jeweils schlimmste Fiasko abzuwenden. Auffällig ist dabei, dass die meisten dieser Maßnahmen sich schwerpunktmäßig auf den Lehrer/innenmangel im naturwissenschaftlich-technischen Bereich beziehen. Es geht also nicht um strukturelle Veränderungen, sondern um kurzfristige “Notlösungen, die eine weitere Eskalation knapp verhindern” (telepolis). Dass die Qualität der Bildung darunter leiden wird, versteht sich von selbst. Dass so ein neuer Schweinezyklus initiiert wird, an dessen Ende viele Tausend arbeitslose Lehrer/innen für Naturwissenschaften stehen, stellt lediglich eine Marginalie dar.

Folgende politische Aktionen gegen den Lehrermangel wurden in letzter Zeit beobachtet:

1. Länder motivieren gemeinsam zum “Lehrer Werden”
Ende 2008 wurde auf dem Deutschen Bildungsserver das Motivationsportal “Lehrer werden” gestartet. Diese übergreifende Maßnahme soll Personen dazu motivieren, sich mit dem Lehrberuf anzufreunden und ihnen den Einstieg vereinfachen. (mehr: Lehrerfreund 08.12.2008: ‘Lehrer werden’)
2. Bundesländer werben sich gegenseitig Lehrer/innen ab.
Unter den Bundesländern herrscht großer Streit, da die reicheren Bundesländer versuchen, Lehrer/innen aus den östlichen Bundesländern und Berlin abzuwerben. Man spielt Beamtenstatus, Arbeitsbedingungen und Gehälter aus. Eine originelle Spitze erhält der kindische Streit durch die Stuttgarter Werbekampagne (“Jetzt [in Baden-Württemberg] bewerben”) in der Berliner U-Bahn. Der Tagesspiegel Berlin überlegt offen, ob das Land Berlin (als Eigner der BVG - Berliner Verkehrsbetriebe) nicht einfach diese Werbung unterbinden solle.
3. Futuristische Gehaltserhöhungen für Lehrer/innen in Berlin
Im Februar 2009 versucht Berlin die Abwanderung der mies bezahlten Lehrer/innen zu stoppen, indem die Gehälter dramatisch nach oben geschraubt werden. Angestellte Lehrkräfte erhalten bis zu 1.200 Euro brutto mehr Gehalt (= bis zu 3846 Euro brutto monatlich für angestellte Lehrer/innen) ; damit hat Berlin sich bundesweit auf Platz 1 der Bruttogehälter für Lehrer/innen katapultiert (mehr: Berliner Morgenpost 18.02.2009: Gehaltserhöhung - Berlins Lehrer bekommen bis zu 1200 Euro mehr).
4. Niedersachsen: Keine Teilzeit mehr für Mathe- und Physiklehrer/innen
Das plant zumindest der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU): Lehrer/innen von Mangelfächer solle nur noch dann möglich sein, wenn die Unterrichtsversorgung in der Schule gewährleistet sei. Die niedersächsische Kultusministerin Heister-Neumann (CDU) hat bereits 10.000 Lehrer/innen brieflich aufgefordert, freiwillig mehr Stunden zu unterrichten, womit sie sich eine harsche Rüge der GEW eingetragen hat (mehr: NDR Online 21.02.2009: Niedersachsen will Lehrer-Teilzeit einschränken). Niedersachsen hat sich in der Bildungspolitik schon einen Ruf wegen seiner kompromisslosen Vorhaben gemacht, z.B. wegen der Einstellung von Lehrkräften aus Österreich.
5. Nordrhein-Westfalen: Altersgrenze für die Verbeamtung kippt
In NRW gilt für die Verbeamtung eine Altersgrenze von 35 Jahren. Das Bundesverwaltungsgericht hat auf die Klagen von Lehrpersonen hin beschlossen, dass NRW an seinem Beamtengesetz feilen muss. Dabei ist explizit auch der Umgang mit Ausnahmeregelungen angesprochen. Letztendlich geht es bei dieser Diskussion auch um die Frage, ob die Altersgrenze nicht für Mangelfächer ausgesetzt werden kann, damit man entsprechende Lehrkräfte ins Land locken kann. NRW gilt als das Bundesland, das vor allem nach älteren Lehrkräften giert.
6. Hessen: Abwerbekampagne
Hessen hat sich unter Kultusminister Banzer durch offensive Lehrerabwerbung unbeliebt gemacht, die neue Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) rudert deutlich zurück.
7. Baden-Württemberg: Mega-Kampagne zur Lehreranwerbung, Prämienzahlungen, Einstellung von unqualifiziertem Personal
In Baden-Württemberg fackelt Kultusminister Rau (CDU) ein wahres Feuerwerk ab, um das reiche Bundesland mit Lehrer/innen zu versorgen. Man treibt teure, bundesweite Werbekampagnen; dazu gehört nicht nur die oben (Punkt 2) erwähnte Plakatierung der Berliner U-Bahn, sondern auch die Installation der Domain lehrer-fuer-baden-wuerttemberg.de, wo man neben Informationen zur Attraktivität der Region (“Baden-Würtemberg bietet: .... reizvolle ländliche Regionen ...”) auch konkrete Hinweise zur Bewerbung, ein Online-Verfahren für Bewerbung und Versetzung etc. findet. Für die Mangelbereiche Elektro- und Metalltechnik an beruflichen Schulen hat Baden-Württemberg kurzerhand eine “Zulage von bis zu 800 Euro brutto monatlich beim Direkteinstieg von Metall- und Elektroingenieuren zum Schuljahr 2009/10 in das wissenschaftliche Lehramt an beruflichen Schulen” ausgeschrieben. Insgesamt ist man mit dem “Direkteinstieg” nicht kleinlich. So können Diplom-Physiker/innen oder Diplom-Mathematiker/innen nun auch unkompliziert Lehrer/innen im beruflichen Schuldienst werden. Dass diese Personen weder Praktika noch pädagogische Inhalte während des Studiums behandelt haben noch über die lehrreichen Erfahrungen des Referendariats verfügen, nimmt man billigend in Kauf.

Fazit

Die reicheren und traditionell attraktiveren Bundesländer investieren eine Menge Geld, um Lehrer/innen ins Land zu holen. Wulff und Oettinger legitimieren ihre Aktionen mit Hinweis auf den Wettbewerb in einem innovativen Arbeitsmarkt. Viele Politiker/innen sehen diese semiliberalen Offensiven kritisch:

Hessens Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) will Baden-Württembergs Kampagne auf der Kultusministerkonferenz im März zum Thema machen. „Wenn ein Land plötzlich Lehrer braucht, um im Rahmen einer Bildungsoffensive Klassenstärken zu verringern, dann darf das nicht zu Lasten anderer Länder gehen“, sagte sie der F.A.S.

FAZ.NET 21.02.2009: Wettstreit der Bundesländer - Super-Lehrer dringend gesucht

So viele Aktionen, so viele Zugeständnisse - man merkt deutlich, dass der Lehrermangel (in einigen Fachbereichen) schon jetzt dramatischer ist, als man vor wenigen Jahren noch hätte ahnen können. Es ist schön zu sehen, dass auf einmal viel Geld für Bildung da ist. Leider dient es der Symptombekämpfung und nicht den notwendigen Umstrukturierungen.

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