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Ein rascher Notenschlüssel…

*ohne Gewähr


Wettbewerb

Wettbewerb: »Der schönste erste Satz« (bis 21.09.2007) 19.05.2007, 04:03

Herrlicher Wettbewerb mit hochwertigen Reisepreisen: Welches ist IHR schönster erster Satz aus einem deutschsprachigen Werk? Mitmachen können in getrennten Kategorien Kinder/Jugendliche, Schulklassen und Erwachsene. Der Lehrerfreund legt gleich mal ein paar wichtige Überlegungen und Beispielsätze vor.

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  • (geändert: )
Hinweis von Db / Bruchsal - vielen Dank!

Der Wettbewerb “Der schönste erste Satz” wird von der Stiftung Lesen und der Initiative Deutsche Sprache veranstaltet. Die Preise sind wirklich verlockend:

Zur Teilnahme (bis 21. September 2007) muss eine Begründung (maximal eine DIN A4-Seite) abgegeben werden:

Welche Erwartungen weckte der von Ihnen gewählte schönste erste Satz? Welche Stimmung löste er bei Ihnen aus? Und hielt die Geschichte, was der erste Satz versprach?

der-schoenste-erste-satz.de

Für die Arbeit mit Schulklassen (5-12) gibt es Unterrichtsmaterial zum PDF-Download und zusätzliches Material online.

Unsere Informantin Db schlägt als Einsatzzeitraum in der Schule vor:
Da der Einsendeschluss erst am 21.09.07 ist, kann man die im Material (downloadbar) angegebenen Projekte z.B. im Juli, in der ansonsten bücherlosen Zeit zwischen Schulbücher-Abgabe, Notenkonferenz und letztem Schultag durchführen.

Was macht einen “guten” ersten Satz aus?

Ich habe die letzten drei Stunden vor meinem Bücherregal verbracht und “gute” erste Sätze gesucht. Aber was heißt schon gut? Es gibt so viele erste Sätze, die inhaltlich und stilistisch genial gebaut sind, in denen sich Entstehungskontext und Themen des Werks atemberaubend verdichtet niederschlagen, in denen jedes einzelne Wort ein hermeneutisches Schlachtfest verspricht - und doch regt sich beim Lesen jenseits des surrenden kognitiven Apparats nichts, wie das folgende Beispiel verdeutlichen mag:

Zugegeben: Ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, lässt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann.

Günter Grass: Die Blechtrommel

Die “Qualität” des ersten Satzes wird durch die angesprochene rezeptionsästehtische Dimension zu einer ziemlich subjektiven Angelegenheit, und dennoch lässt sich das eine und ausschließliche Kriterium formulieren:
Ein guter erster Satz muss zum Rest des Werkes passen.
Es ist nicht möglich, den ersten Satz eines Werkes zu beurteilen, das man nicht kennt und verstanden hat - mag er noch so filigran, tiefgründig oder spannend sein. Ein spannender erster Satz zu Beginn eines langweiligen Werks ist kein guter erster Satz. Dies beweist der erste Satz von Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon, ein Buch, das ich, wie ich schamlos gestehe, vor wenigen Stunden halb gelesen in den Papierkorb geworfen habe (ich werfe Bücher, die mir nicht gefallen, immer ohne Reue weg). Aus meiner Sicht ein stinklangweiliges, zwangspostmodernes Spurengesuche. Wer diesen Roman jedoch voll bebender Spannung aufgefressen hat, für den kann der erste Satz durchaus ein ästhetisches und kognitives Erlebnis sein:

Der Tag, nach dem im Leben von Raimund Gregorius nichts mehr sein sollte, wie zuvor, begann wie zahllose andere Tage.

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon

Der erste Satz muss also Themen, Figuren, Probleme in sich vereinen. Auf den Entstehungs- und Bedeutungskontext anspielen. Das Ende andeuten (oder eben nicht). Ein guter erster Satz antizipiert Erzählweise und Stilistik des Restwerks. Kurz: Der erste Satz muss auf metaphorische Weise Programm des restlichen Werkes sein. Sonst ist es kein guter erster Satz.

Damit muss ein guter erster Satz auch nicht gefällig, originell oder spannend sein. Das betrifft jedoch nicht die ästhetische Dimension - und nach der wird im Wettbewerb ja gefragt: Der schönste erste Satz. Aber in der Literatur ist “schön” und “gut” ja irgendwie dasselbe.

Die schönsten ersten Sätze aus Dem Lehrerfreund-Regal

Es ist ganz schön schwierig, zwischen einem guten ersten Satz und einem guten Buch zu unterscheiden. In den folgenden Beispielen konnte ich viele meiner Lieblingsbücher wider Erwarten nicht platzieren - so z.B. Haruki Murakami: Wilde Schafsjagd, das mit dem Satz

Von ihrem Tod erfuhr ich durch einen Freund am Telefon.

beginnt. Dafür komme ich trotz inneren Ringens nicht umhin, Charles Bukowski und Karl May aufnehmen zu müssen.


Ich war 50 und hatte seit vier Jahren keine Frau mehr im Bett gehabt.

Charles Bukowski: Das Liebesleben der Hyäne


Lieber Leser, weißt du, was das Wort Greenhorn bedeutet?

Karl May: Winnetou I


Es war einmal eine Prostituierte namens Maria.

Paul Coelho: Elf Minuten


Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.

Heinrich Mann: Der Untertan


Es war einmal eine kleine Hexe, die war erst einhundertsiebenundzwanzig Jahre alt, und das ist ja für eine Hexe noch gar kein Alter.

Otfried Preußler: Die kleine Hexe


Die Amme hatte die Schuld.

Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann


Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.

Die Bibel


Schmieriger kleiner Scheißkerl, dachte Jack Torrance.

Stephen King: Shining

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Kommentare

8

Zum Artikel "Wettbewerb: »Der schönste erste Satz« (bis 21.09.2007)".

  • #1

    Danke für den Hinweis, habe ihn an die 10. Klasse weiter gereicht, die damals teilgenommen hatte. Leider wurde nichts gewonnen außer Erfahrung und Spaß an der Sprache, aber vielleicht steckt ja etwas von uns hinter den nächsten “Kläppchen”?

    schrieb Db am

  • #2

    Und weitere erste Sätze mit Begründungen gibt es beim Adventskalender 2008 des Goetheinstituts, sie sind aber alle nicht so nach meinem Geschmack. Außer diesem hier:

    “Es war Mitternacht und Herr Taschenbier saß auf dem Dach von Frau Rotkohls Haus.” (Paul Maar, Neue Punkte für das Sams)

    schrieb Der Lehrerfreund am

  • #3

    meiner meinung nach:

    “Alle glücklichen Familien unterscheiden sich mehr oder weniger; alle unglücklichen ähneln sich mehr oder weniger.”

    (nabokov: ada oder das verlagen. ist aber wiederum ein zitat aus tolstois anna karenina)

    auch nicht zu verachten:

    ” SIEVERS. Hänsel, noch ein Glas Branntewein, und mess christlich!”

    (goethes götz v. berlichingen)

    mein persönlicher liebling:

    “Jetzt ist schon wieder was passiert.”

    (sämtliche brenner-krimis von wolf haas)


    ...welcher satz hat denn bei dem wettbewerb gewonnen?

    schrieb manchmal stelle ich mich dumm. um nicht allein da am

  • #4

    @Bernd318: “Es gibt so viele erste Sätze, die inhaltlich und stilistisch genial gebaut sind, in denen sich Entstehungskontext und Themen des Werks atemberaubend verdichtet niederschlagen, in denen jedes einzelne Wort ein hermeneutisches Schlachtfest verspricht - und doch regt sich beim Lesen jenseits des surrenden kognitiven Apparats nichts” - siehe oben. ;-)

    schrieb rip am

  • #5

    Schönster erster Satz:

    Zugegeben: Ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, lässt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann.

    Günter Grass: Die Blechtrommel

    schrieb bernd318 am

  • #6

    “Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt”

    Ein wunderbarer Satz, wenn sie mich fragen

    schrieb SchülerIn am

  • #7

    Das ist ein schöner Text zu den ersten Sätzen, und die Auswahl sowohl der “Gnade”  findenden Werke wie auch die ungnädige Beurteilung von Merciers ältlichem sinnsuchenden Kollegen gefällt mir - ich seh’s auch so! Was man in der Philosophie nicht unterbringen kann, muss man nicht zur Strafe in Romanform absondern.
    Vielen Dank also und vielleicht gibt es ja noch eine spannende Diskussion.

    schrieb birgit475 am

  • #8

    Halleluja! Endlich!! Endlich fide ich jemanden, der mir bestätigt, dass Pascal Merciers “Nachtzug nach Lissabon” ein unerträglich prätentiöser Edelkitsch ist, ein angestrengt schöngeistiges Gesäusel,ein eitles und humorloses Geschwätz. Leider habe ich das Buch zu Ende gelesen, weil ich einfach nicht glauben konnte, dass es durchwegs so übel sei. Ich harrte geduldig auf die qualitative Steigerung. ALLE meine Kollegen hatten mit ins Ohr geraunt, das sei ein ganz besonders wundervolles Stück Literatur.- Gott segne dich,lieber Lehrerfreund, du verdienst deinen Namen, befreist du mich doch aus dieser schrecklichen Isolation, die einzige zu sein, die Mercier Scheisse findet.

    schrieb schaloemchen am

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