Lernmethoden von Übermorgen

Nächster Hype: 3D-Technologie in der Schule 11.11.2011, 09:41

3D: Unterrichtsdemonstration
Bild: visenso-Newsletter 11.11.2011

Zunehmend wird 3D-Technologie für den Unterricht als besonders lernförderlich beworben. Einer neuen Studie zufolge bringt der Einsatz von 3D-Technologie bessere Lernerfolge. Kurz: Die 3D-Industrie hat nach dem Kino nun auch den Schulunterricht als Markt entdeckt.

Anzeige

Die VISENSO GmbH ist nach eigenen Angaben “führender Anbieter für interaktive und immersive Virtuelle Realität in 3D Stereo und Echtzeit sowie kooperatives Arbeiten.” Die Presse hält sie mit einem Newsletter “eNews Cyber-Classroom” auf dem Laufenden. Überschrieben ist er mit “Lernspaß in 3D”:

Ausschnitt aus dem Visenso-3D-Newsletter (11.11.2011)

Nun ist unter der Überschrift “Cyber-Classroom: Eintauchen in die Welt des Wissens” zu lesen:

Besser Lernen mit 3D – Studie belegt Mehrwert von 3D-Inhalten im Unterricht
Der Einsatz von 3D-Inhalten im Schulunterricht wirkt sich positiv auf das Lernverhalten von Schülern aus und bringt deutliche Lernerfolge mit sich. Zu diesem Ergebnis kommt eine europäische Studie von texas instruments. Insgesamt 740 Schüler im Alter zwischen 10 und 13 Jahren und 47 Lehrer aus 15 Schulen in Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, der Türkei, Großbritannien und Schweden nahmen zwischen Dezember 2010 und Mai 2011 an der Studie teil. Während eine Schulklasse mit klassischen 2D-Lehrmethoden im Unterricht arbeitete, wurden in einer anderen Klasse futuristische dreidimensionale Unterrichtstechniken bei gleichem Lerninhalt genutzt. Das Ergebnis spricht für sich: Im Durchschnitt traten bei 86 Prozent der Schüler durch den 3D-Unterricht höhere Lernerfolge ein als bei der Anwendung zweidimensionaler Lernmethoden (52 Prozent).

Newsletter der VISENSO GmbH, 11.11.2011

Man kann sich gut vorstellen, dass die Arbeit mit interaktiven 3D-Welten zu mehr Motivation und - in bestimmten Fachbereichen - zu besseren Lernerfolgen führt. Die Glaubwürdigkeit der Studie wird dadurch angekratzt, dass sie mit Texas Instruments/DLP von einem Hersteller durchgeführt wurde, der entsprechende Technik herstellt und ein massives Interesse daran hat, dass die Welt 3D-Technik kauft.

Ein Schelm, wer nichts Böses dabei denkt. Sofort fühlt man sich an den aktuellen Ebook-Studien-Skandal erinnert: Im Oktober 2011 stellten Wissenschaftler der Uni Mainz auf der Buchmesse eine Studie über Ebooks vor. Ergebnis: Ältere Menschen lesen in Ebooks statistisch signifikant besser und leichter als in Büchern aus Papier. Dummerweise warb zeitgleich ein Hersteller von Ebooks - der die Studie zu großen Teilen mitfinanziert hatte. Hätten die sich nicht so blöd angestellt, wäre das niemals ans Licht gekommen. (Mehr: dradio.de: Fragwürdige Lesestudie der Uni Mainz (Audiobeitrag)).

Realität und Marketing

3D-Technologien sind noch lange nicht reif für den flächendeckenden Einsatz in Schule und Unterricht. Schon im Kino ist die Qualität noch höchst fragwürdig. Neben der Qualität sind die Preise für halbwegs vernünftige Anlagen noch utopisch. Doch schon jetzt arbeitet die 3D-Lobby mit Hochdruck daran, die Welt mit Informationen über die Lernförderlichkeit von 3D-Technologien zu übersäen. 3D ist ein Mega-Geschäft, das vor allem von wenigen globalen Playern kontrolliert und ausgebeutet wird. Beispiel Kino:

Der dramatische Anstieg der Marktanteile der überwiegend US-amerikanischen 3D-Blockbuster in den vergangenen zwei Jahren hat offensichtlich dazu beigetragen, dass der Marktanteil europäischer Filme auf den niedrigsten Stand seit fünf Jahren zurückgegangen ist.

3D-Filme sorgen 2010 für Rekordergebnisse an den Kinokassen, gleichzeitig geht der Marktanteil europäischer Filme zurück (Pressemitteilung der Europäischen Audivisuellen Invormationsstelle, 09.05.2011)

Es ist schön, dass sich die Technologie in den Klassenzimmern weiterentwickelt. Im Markt stecken jedoch hohe Profite, sodass Firmen sich durch offensives und inhaltlich häufig dubioses Marketing ihre Pfründe zu sichern versuchen. So geschehen z.B. bei den Interaktiven Whiteboards, wo einer der Marktführer tatsächlich eine Studie erzeugt hat, die angeblich belegte, dass die Verwendung von Interaktiven Whiteboards das Burnoutrisiko für Lehrer/innen senken würde.

3D ist wirklich sinnvoll für den Unterricht, und eines Tages werden dreidimensionale mediale Inhalte den Alltag in Schulen ganz selbstverständlich prägen. Wenn wir in nächster Zeit jedoch die Schlagzeile “Bessere Lernerfolge durch 3D” lesen, halten wir einen Moment inne und überlegen, ob da alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Anzeige