Schulfächer

Cem Özdemir wünscht sich Türkisch-Unterricht als Schulfach 24.11.2008, 11:29

Cem Özdemir, Vorsitzender der Grünen, schlägt vor, in Schulen Türkisch als Schulfach anzubieten. Das wäre eine außerordentliche fruchtbare Integratonsbemühung - leider wird sie sich in der Praxis nicht so einfach umsetzen lassen.

Anzeige

In der BRD leben rund 2.5 Millionen türkischstämmige Menschen, teilweise schon in der dritten Generation. Viele davon haben sich in Deutschland etabliert; fällt die Türkei in internationalen Fußballturnieren aus, hängen viele TürkInnen auch mal die deutsche Flagge aus dem Auto oder an den Dönerstand (z.B. WM 2006, EM 2008). Allerdings gibt es noch immer Probleme bei der Integration, zum Beispiel:

Ältere Türken, die seit Jahren in Deutschland leben, haben immer noch Probleme mit der Sprache. Das betrifft besonders diejenigen Frauen, die nicht berufstätig sind und kaum Kontakt mit Deutschen haben. Integrationsprobleme gibt es auch bei den Kindern in der Schule. Die Pisa-Studie hat herausgefunden, dass ausländische Kinder schlechtere Chancen auf eine gute Ausbildung haben als deutsche.

Planet Wissen 07.03.2008: Deutschland und die Türkei

Der türkischstämmige Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir hat nun den Wunsch ausgesprochen, dass an deutschen Schulen mehr Türkisch-Unterricht erteilt werden soll.

“Deutsch muss für Kinder, die hier leben und aufwachsen, immer die wichtigste Sprache sein”, wird er in der “Bild”-Zeitung zitiert. Zugleich müsse aber dafür gesorgt werden, dass Kinder mit Migrationshintergrund ihre Mehrsprachigkeit entfalten könnten.

“Warum soll an deutschen Schulen neben Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch nicht auch mehr Türkisch angeboten werden?” sagte Özdemir.

Welt Online 24.11.2008: Özdemir will mehr Türkisch-Unterricht an Schulen

Im Jahr 2006 wurde an einigen Schulen die “Deutsch-Pflicht auf dem Pausenhof” eingeführt: Auf dem Schulgelände darf nur noch deutsch gesprochen werden. Man möchte damit 1. die Integration befördern und 2. die sprachlichen Kompetenzen der betroffenen Kinder mit Migrationshintergrund steigern. Wenn die - so der Gedanke - immer nur mit ihresgleichen in der Ecke stehen und ihre Muttersprache reden, wird die Entwicklung dieser beiden Punkte erheblich gehemmt. Das Konzept wurde und wird heiß diskutiert (sueddeutsche.de, Spiegel online).

Der Ansatz von Özdemir hingegen bemüht eine andere Argumentation: Wenn alle SchülerInnen 3 Wochenstunden Türkisch haben, dann bietet es sich geradezu an, von einer TürkIn die Hausaufgaben abzuschreiben oder sich beim Büffeln auf eine Klassenarbeit helfen zu lassen (“Hey, Ahmad, hilfst du mich Türkisch-Grammatik, dann zeig isch disch Mathe!” - “Das ist eine gute Idee, Fritz.”). Sicherlich würden viele (deutschstämmige) SchülerInnen Interesse an der Sprache zeigen, man könnte sich auf dem Pausenhof mal auf Türkisch begrüßen - oder sich bei der Mathearbeit auf Türkisch die Lösung zuflüstern.

Das Charmante an diesen Überlegungen ist dieses: Kommen wir Deutsche mal den TürkInnen entgegen und arbeiten aktiv an der Integration. Ein vollständiger mentaler Umschwung: Wir sitzen nicht in unseren Sesseln vor der Glotze und warten darauf, dass die TürkInnen endlich ihre Kopftücher ausziehen, sondern wir kommen ihnen entgegen - zeigen, dass sie uns als Mitbürger wichtig sind. Das alles gilt natürlich nicht für alle stark vertretenen Nationen; in bestimmten Bereichen Deutschlands wäre dann eben - wie Özdemir andeutet - statt Türkisch (das als Schulfach ja schon an einigen Schulen existierende) Russisch die Sprache der Wahl.

Leider dürfte sich der Ansatz aus einem dummen pragmatischen Grund schlecht umsetzen lassen: Woher nehmen wir die drei Wochenstunden für den Türkischunterricht? Diese Frage stellt sich aus Gründen des Lebensweltbezugs - Englisch ist für das Berufsleben einfach wichtiger als Türkisch. Welches Fach könnte man streichen, um die benötigten Stunden für den zusätzlichen Unterricht zu erhalten - Musik? Religion? Technik? Die Diskussion würde völlig eskalieren, Musiker, Altphilologen und Physiker würden in der Boulevardpresse gegen die Sinnlosigkeit des Türkischlernens polemisieren. Und wie würden deutsche Politiker/innen darauf reagieren?

Cem Özdemir hat auch an dieses Szenario gedacht:

Özdemir äußerte die Hoffnung, dass möglichst bald ein Muslim oder eine Muslimin in Deutschland ein Ministeramt bekleidet: “Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft farbenblind wird. Dass es völlig unerheblich ist, woran jemand glaubt.

afp 24.11.2008: Özdemir für mehr Türkisch-Unterricht an deutschen Schulen

gefunden bei Welt Online 24.11.2008: Özdemir will mehr Türkisch-Unterricht an Schulen

Anzeige