Sündenböcke und Lückenfüller

Quereinsteiger als Lehrer: Gar kein Unterricht ist besser als ein schlechter 04.05.2009, 12:05

Eine wahre Geschichte: Ein diplomierter Physiker wird von einem Gymnasium ohne weitere didaktische Qualifikationen als Lehrer eingestellt ("Quereinsteiger"). Der Unterricht ist mies, die Eltern beschweren sich, der Physiker ist gestresst. Trotzdem ist er inzwischen Beamter auf Lebenszeit.

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Was und warum sind Quereinsteiger/innen?

Vor allem in naturwissenschaftlichen Fächern fehlen deutschlandweit Lehrer/innen, der Lehrermangel wird noch zunehmen. Die Landesregierungen begegnen dem strukturellen Problem nicht mit langfristig tauglichen Konzepten, sondern mit kurzsichtigen Verzweiflungsschlägen (mehr). Dazu gehört vor allem die Einstellung von “Quereinsteiger/innen”. Das sind Personen mit fachlicher Ausbildung (z.B. diplomierte Mathematiker/innen, Physiker/innen ...), die ohne nennenswerte pädagogisch-didaktische Zusatzausbildung in die Klassenzimmer geschickt werden. Kurz: Um den schon lange absehbaren Lehrermangel zu bekämpfen, stellt man unqualifiziertes Personal ein.

Besonders tun sich hier die Bundesländer hervor, die mit hohen Bezahlungen und dem Beamtenstatus locken können (z.B. Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen). Das Tauschgeschäft ist einfach und für beide Seiten erfreulich: Die Fachkraft verpflichtet sich für den Schuldienst, als Gegenleistung winkt ein sehr ordentliches Gehalt und die Unkündbarkeit als Beamter/Beamtin.

Problem der Quereinsteiger/innen: Sie können nicht unterrichten

Sämtliche Berichte über Quereinsteiger/innen als Lehrer/innen sprechen eine deutliche Sprache: Wer nicht in Studium und Referendariat eine solide pädagogisch-didaktische Zusatzausbildung erhalten hat, ist nicht in der Lage, Unterricht sinnvoll zu gestalten (z.B. Lehrerfreund 01.03.2009: Als Quereinsteiger/in im Lehramt - Erfahrungsbericht).

Das WAZ-Portal “DerWesten” veröffentlichte am 04.05.2009 den Bericht “Als Quereinsteiger zum Physiklehrer”. Hier geht es um einen diplomierten Physiker, der wegen seines nur mittelmäßigen Abschlusses keinen Job findet und an einem Heidelberger Gymnasium als Lehrer-Quereinsteiger zu arbeiten beginnt (“Ein Anruf, ein Gespräch mit dem Schulleiter - und schon war Ewald selbst Aushilfslehrer.”). In der ersten Zeit ist der Unterricht katastrophal. Massive Frontalvorträge ohne Medieneinsatz rufen die Eltern auf den Plan.

Doch er gab nicht auf, sondern nahm die Herausforderung an. Auch weil ihm das Arbeitsklima gefiel, die Kollegen nett waren: „Bis auf den Unterricht war alles sehr schön.” Außerdem sah er eine verlockende Perspektive: Beamter auf Lebenszeit.

DerWesten 04.05.2009: Als Quereinsteiger zum Physiklehrer

Deshalb begibt sich der Physiker in ein Quereinsteiger-Referendariat und wird didaktisch ausgebildet - “Fünf Monate lang alle zwei Wochen jeweils drei Stunden für Physik und Mathe”. Das sind insgesamt ca. 60 Stunden. Das hat gereicht, um Beamter auf Probe zu werden; als Nächstes steht die Verbeamtung auf Lebenszeit an. Angesichts der Mangelsituation in den Fächern Mathematik und Physik wird der Quereinsteiger diese auch bekommen - völlig ungeachtet seiner didaktisch-pädagogischen Qualifikation.

Warum werden unqualifizierte Kräfte eingestellt?

Die Zahl der Quereinsteiger nimmt massiv zu. Allein in NRW waren im Jahr 2007 mehr als die Hälfte aller Physik-Referendare für die gymnasiale Oberstufe Quereinsteiger/innen. Der Physik-Fachdidaktiker Prof. Burkhard Priemer (Uni Bochum) trifft eine markante Aussage zum Thema:

Kein Unterricht sei besser als schlechter, glaubt er. Natürlich gebe es auch Quereinsteiger, die gute Lehrer seien. Aber: „Wenn Siemens Leute braucht, stellen die auch nicht jeden, den sie kriegen können, auf Lebenszeit ein.”

DerWesten 03.05.2009: Experte: Kein Unterricht ist besser als schlechter

Warum tut das dann der Staat?

Die Antwort ist deprimierend einfach: Ein Personalchef bei Siemens muss qualifizierte Leute einstellen, sonst wird er gefeuert. Ein Politiker hingegen muss sich nicht zwangsläufig inhaltlich brillant verhalten. Für eine Wiederwahl genügt es meist zu vertuschen, wie tief der Karren im Dreck steckt. Und genau dazu sind die Quereinsteiger/innen da.

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