Glaskugel ohne Kugel

Deutsch-Abitur Baden-Württemberg: Kommentar zu den Aufgaben 2018, KEIN Prognöschen für 2019 29.10.2018, 15:55

Jacques de Gheyn II. Vanitas, 1603
Bild: Jacques de Gheyn II. Vanitas, 1603 (Wikimedia Commons) [CC0 (Public Domain)]

Welche Aufgaben kamen im Deutsch-Abitur 2018 (Baden-Württemberg) dran, was wurde erwartet? Ein Kommentar für alle, die sich für die Vergangenheit (Abitur 2018) oder gar die Zukunft (Abitur 2019) interessieren.

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Von der Kollegin Db (JKG Bruchsal), die seit genau 10 Jahren das Deutsch-Abitur in Baden-Württemberg auf der Lehrerfreund-Bahre seziert - zum Wohle aller, die sich damit beschäftigen. Danke!

Schon seit Einführung der neuen Aufgabentypen in 2014 (siehe dazu Kommentar zu den neuen Aufgabentypen 2014)  ) ist eine Prognose in der bisherigen Form obsolet. Aber ein Abitur-Kommentar beim Lehrerfreund war ohne wenigstens ein kleines Prognöschen nicht vorstellbar … bisher. Das Abitur 2019 bringt weitere Neuerungen, ab dem Schuljahr 2019/20 soll gar die ganze Oberstufe umgestaltet sein. Nach zehn Jahren packt die Hellseherin daher die Kristallkugel ein und dankt herzlich für Ihre Kommentare und Ihr Miträtseln. Im Folgenden finden Sie einen Kommentar zu den Abituraufgaben 2018 sowie Informationen zu den Neuerungen ab 2019.

Deutsch-Abitur Baden-Württemberg 2018: Kommentar zu den Aufgaben

Aufgabe I: Interpretation von „Agnes“ sowie Vergleich von Agnes mit Hanna

Hurra, it's a girl! Genauer: gleich zwei :-)

Beim letzten Auftritt der Pflichtlektüren »Agnes« - »Dantons Tod« - »Homo faber« kamen endlich die Frauen zum Zuge. Bis auf das Abitur 2014, wo Paare untersucht wurden, standen immer die männlichen Hauptfiguren im Fokus.

Der zu interpretierende Textausschnitt der ersten Teilaufgabe stammte aus dem bei den Schüler:innen beliebtesten der drei Werke, aus Peter Stamms »Agnes«. Er ist zwar recht lang, aber zentral. Beim Schreiben der Geschichte über Agnes ist der Ich-Erzähler schon in die Zukunft vorgedrungen. Er benutzt bewusst die Fiktion, um seinen Wunsch, dass Agnes bei ihm einziehe, durchzusetzen. Agnes lässt sich im Wesentlichen darauf ein und befolgt die Vorgaben der Geschichte, handelt also fremdbestimmt. 

Von dieser 'Lenkung' durch die Fiktion ausgehend konnte man gut in der zweiten Teilaufgabe darstellen, inwiefern Agnes selbstbestimmt handelt, und sie mit der deutlich älteren, selbstbewussteren Hanna Pieper (aus »Homo faber« von Max Frisch) vergleichen. Der dankbare Vergleichsaspekt entsprach dem von 2009, als Kohlhaas und Josef K. gegenüber gestellt wurden.

Aufgabe II: Vergleichende Interpretation zweier Gedichte, Leitthema »Natur und Mensch in der Lyrik vom Sturm und Drang bis zur Gegenwart«

Das verbindende Thema der beiden Naturgedichte war eine Winternacht, Unterschiede ergaben sich v.a. durch epochentypische Sprachgestaltung. Theodor Fontanes »Alles still!« beschreibt in regelmäßigen Vierzeilern an eingängigen Beispielen die Stille in der erstarrten Natur und führt über einen Friedhofs-Vergleich zum schmerzvollen Gefühlsausdruck des Lyrischen Ichs. Weniger zugänglich dürfte für Schüler:innen die expressionistische Metaphorik des zweiten Gedichts »Winter« von Alfred Lichtenstein gewesen sein, auch die häufigen Enjambements konnten verwirren. Die Bildsprache und Gestaltung der beiden Gedichte lassen sich jedoch gut gegenüberstellen sowie Epochenmerkmale herausarbeiten.

Aufgabe III: Interpretation eines Kurzprosatextes

Erich Kästner ist den allermeisten Schüler:innen sicher durch seine Kinderbücher wie »Emil und die Detektive« oder »Das doppelte Lottchen« bekannt, weniger als gesellschaftskritischer, in der NS-Zeit diffamierter Schriftsteller. Seine Kurzgeschichte »Spuk in Genf« von 1928 schildert sachlich eine surreal wirkenden Szene und zeigt hellsichtig die Brüchigkeit des friedlichen Bürgerlebens auf. Historische Kenntnisse waren von Vorteil, aber nicht Bedingung für die Interpretation und Deutung der anschaulichen Provokation durch einen glasbeißenden Hafenarbeiter.

Aufgabe IV: Essay

Aus meinem Vorschlag (Deutsch-Abitur Baden-Württemberg: Kommentar zu den Aufgaben 2017, ein Prognöschen für 2018  - dort Abschnitt »Aufgabe IV«) …

Nach dem schön doppeldeutigen »Macht Musik« (2014, berufliche Gymnasien) und dem eher politischen Thema »Macht des Sports« (2015, allgemein bildende Gymnasien) ging es (in 2017) für alle um »Die Macht der Sprache«. Daraus könnte doch eine Reihe werden :-): »Macht der Bilder«, »Macht der Gewohnheit«, »Wissen ist Macht« etc.pp.

… wurde nichts - der Reihe liegt ab jetzt eine andere Sortierung zugrunde: die so genannte «Domänenspezifik«. Das heißt: Die Themen stammen aus den Bereichen Literatur, Sprache, Medien; diesmal hieß es »Sprache - leicht gemacht.«

Zum letzten Mal konnte man das Dossiermaterial außer Acht lassen und frei zum Thema schreiben. Erst im Folgejahr muss das Material funktional genutzt werden, seine Nutzung geht (wie auch immer) in die Bewertung ein. Ein Erstellen von Abstracts wie an beruflichen Gymnasien wird jedoch an allgemeinbildenden Gymnasien weiterhin nicht verlangt.

Dass diese Neuerung erst ab Abitur 2019 gelten soll, war den Erstellern des Abiturs 2018 wohl nicht ganz bewusst … denn das Dossier bestand fast ausschließlich aus Texten über die so genannte »Leichte Sprache« (ein Regelwerk zur Vereinfachung von Texten, was u.a. Barrierefreiheit schaffen soll), es engte das offene Thema »Sprache - leicht gemacht« also auf einen Aspekt ein. Wer den Bogen weiter gespannt hatte oder gar überhaupt nicht auf das Konzept »Leichte Sprache« eingegangen war, durfte trotzdem keinen Punktabzug befürchten - wie gesagt: zum letzten Mal.

Aufgabe V: Analyse und Erörterung nicht fiktionaler Texte

Auch in diesem bewährten Aufgabentyp geht es ab jetzt immer um ein domänenspezifisches Thema, in 2018 war es die Rolle der (Boulevard-)Medien für die Demokratie. Der Schwerpunkt lag auf der zweiten Teilaufgabe, also der Erörterung - zu Recht, denn Matthias Heines steile These »Ohne Boulevardpresse ist die Demokratie in Gefahr« forderte zum energischen Widerspruch heraus, wobei die Fragwürdigkeit seiner historisch angelegten Argumentation für Schüler:innen vermutlich nicht leicht zu erkennen war. Gut ergänzen konnte man die Rolle von online-Medien und Sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter, welche der Autor ganz außer Acht lässt, sowie damit verbundene Effekte wie filter bubble oder fake news.

Deutsch-Abitur Baden-Württemberg: KEINE Prognose für 2019 - Informationen zu den Neuerungen ab Abitur 2019

Eine Prognose wurde seit 2008 für die Aufgaben zu den jeweiligen Pflichtlektüren versucht. Seit Abschaffung der Gestaltenden Interpretation ab 2013 war nur noch ein Prognöschen für Aufgabentyp I (Interpretation und Werkvergleich) möglich.

Vor allem für diesen Aufgabentyp gelten ab Abitur 2019 neue Regeln, eine Übersicht finden Sie hier: Baden-Württemberg: Neue Aufgabentypen im Fach Deutsch ab 2019 (allgemeinbildende Gymnasien).

Ab Abitur 2021 (= die Schüler:innen, die im Schuljahr 2019/20 in die Kursstufe eintreten) wird sich die gesamte Struktur der gymnasialen Oberstufe in Baden-Württemberg grundlegend ändern. Für das Fach Deutsch gilt dann:

  • Deutsch kann gewählt werden als Leistungsfach (fünfstündig mit dem bisherigen Bildungsplan) oder als Basisfach (dreistündig, ein neuer Bildungsplan muss erstellt werden).
  • Deutsch bleibt verpflichtendes Abitur-Prüfungsfach. Die Prüfung wird jedoch schriftlich (im Leistungsfach) oder mündlich (im Basisfach) erfolgen. 

Quelle und weitere Informationen: Schreiben des Kultusministeriums Baden-Württemberg vom 10.10.2017, Aktenzeichen 37-6615.30/1642 (PDF)

»Und Neun ist Eins, / Und Zehn ist keins.« (J.W. Goethe: Faust).

Nach zehn Jahren - also länger, als die meisten Schüler:innen auf dem Gymnasium verbringen - ist es an der Zeit, die Glaskugel einzupacken. Denn:

Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorauszusagen, sondern darauf, auf die Zukunft vorbereitet zu sein.
Perikles (um 500 - 429 v. Chr.)

Allen zukünftigen Abiturientinnen und Abiturienten viel Erfolg!

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