Finnland

Interview mit finnischem Lehrerausbilder 30.08.2006, 16:12

Wussten Sie, dass es in Finnland erst ab der 7. Klasse Noten gibt? Oder dass sitzenbleiben fast unmöglich ist? Ein interessantes Interview mit einem finnischen Lehrerausbilder über Schulgebäude, Lehrer-Eltern-Kommunikation, Unterricht und Schulsystem.

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Seit der PISA-Studie 2000 hat das Siegerland Finnland einen legendären Status - vor allem im weit abgeschlagenen Deutschland. Alles, was wir über das Bildungssystem aus Finnland hören, erscheint uns seither ohne weitere Reflektionen nachahmenswert. Und wahrscheinlich gibt es auch tatsächlich nichts zu reflektieren, wenn wir z.B. das Interview mit Matti Meri, Professor für Didaktik und Direktor des erziehungswissenschaftlichen Instituts in Helsinki, lesen.

Das Interview fasst noch einmal schön zusammen, was man hier und da über das finnische Schulsystem erfährt:

Die Schulen sähen in Finnland nicht aus wie “Krankenhäuser”, sondern werden in Kooperation von Stararchitekten zusammen mit LehrerInnen, Eltern und älteren SchülerInnen entworfen. Werfen wir einen Blick auf die meisten Schulen in Deutschland, wissen wir, was er meint: Lieblos gestaltete Linoleum-Gänge, triste Farben von aschgrau bis schmutzigbraun, Industrietüren.

In Finnland würde außerdem die Kommunikation zwischen Eltern, LehrerInnen und Bildungsministerium intensiv gepflegt; der Professor vermutet, dass das daran liegen könnte, dass Finnland nur 5 Millionen Einwohner hat und man mehr auf Kooperation und Nachbarschaftshilfe setzt. Es ist zu fragen, ob hier nicht vielmehr ein anderes Politik- und Herrschaftsverständnis eine Rolle spielt. Die Kommunikation mit Schulbehörden verläuft in Deutschland - um es vorsichtig auszudrücken - außerordentlich zäh.

Während in Deutschland der Trend dazu geht, alles möglichst früh und mögichst schnell zu erledigen, um Geld zu sparen und den Arbeitsmarkt zu bedienen, werden in Finnland die Kinder erst mit sieben Jahren eingeschult, da man die “Erfahrung gemacht [habe], dass die Kinder [... in diesem Alter] stabil genug sind.”

In Finnland versucht man alle SchülerInnen zu integrieren - alle Kinder in einer Klasse, unterstützt von Sonderpädagog/innen, Schulpsycholog/innen und Sozialarbeiter/innen. Das deutsche Pendant ist deprimierend: Das dreigliedrige Schulsystem unterstützt Selektion und Ausgrenzung, pädagogisches Personal zur Unterstützung findet man i.d.R. nur an Privatschulen.

Noten gibt es in Finnland erst ab der siebten Klasse, Sitzenbleiben gibt es eigentlich nicht. Dafür setzt man auf Selbstevaluation:

Die Schüler sollen sich selbst evaluieren. Am Ende einer Schulstunde muss jeder beurteilen können, was er gelernt hat, was nicht und warum nicht.

[... Schüler können das] bereits in der ersten Klasse. Wenn die Kinder sagen, dass sie nichts verstanden haben, wird der Lehrer nicht böse. Da sitzen ja nicht nur Dummköpfe in der Klasse! Der Lehrer muss sich eingestehen, dass er etwas falsch unterrichtet hat.

newsclick.de 28.08.2006: ‘Sitzenbleiben ist bei uns fast unmöglich’

Der Diskussion bedarf wohl die Aussage über die Noten. Hier sagt der Mann “Dazu fällt mir noch ein großer Unterschied zwischen deutschen und finnischen Schulen ein: Noten gibt es bei uns erst ab der siebten Klasse.”. In den beiden ersten Kommentaren zu diesem Beitrag (s.u.) wird postuliert, dass das nicht korrekt sei. Wikipedia weiß allerdings, dass es in der 1.-4. Klasse keine Noten gibt, in Klassen 5 und 6 DARF benotet werden, ab Klasse 7 MÜSSEN Noten vergeben werden.

Auch ist in Finnland das Burnout-Syndrom unter LehrerInnen offensichtlich nicht so weit verbreitet. Warum es deutsche Lehrer besonders trifft? Möglicherweise muss man für die Beantwortung dieser Frage die anderen Punkte oben betrachten ...

Ganzes Interview lesen bei newsclick.de 28.08.2006: ‘Sitzenbleiben ist bei uns fast unmöglich’

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