Spieß umgedreht

England: Lehrerin filmt heimlich im Klassenzimmer - Skandal-Doku auf YouTube 21.03.2009, 23:26

Ausschnitt aus 'Undercover Teacher', Doku von Alex Dolan
Bild: Screenshot aus Undercover-Video (YouTube)

Um die Zustände an britischen Schulen zu beleuchten, hat die englische Aushilfslehrerin Alex Dolan sich die schlimmsten Schulen herausgepickt und dort heimlich gefilmt. Für diese unorthodoxe Vorgehensweise droht ihr nun der Entzug der Lehrerlaubnis.

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Da hat man eine wirklich üble Mischung von Leuten und ich weiß einfach nicht mehr, was ich tun soll. Sie sitzen einfach da, bewerfen sich mit Zeug, sagen sich gegenseitig, dass sie sich ins Knie ficken sollen, sagen mir, dass das alles hier scheiße ist und ich gelange an den Punkt, an dem ich mich frage – warum mache ich mir überhaupt noch die Mühe, in diese Schule zu kommen?

Dokumentation “Undercover Teacher”, Übersetzung Lehrerfreund

Dies ist nicht das einzige eindrückliche Zitat der Dokumentation „Undercover Teacher“, die zunächst in England auf Channel 4 ausgestrahlt wurde und nun in sechs Teile zerstückelt auf YouTube zu finden ist. Um die Zustände an Englands Schulen ans Tageslicht zu bringen, hat Feuerwehr-Lehrerin Alex Dolan mit versteckter Kamera ihren Unterrichtsalltag aufgezeichnet. Das Ergebnis: An den Problemschulen, wo keine Lehrkraft lange durchhält, werden die Inspektoren bewusst getäuscht, damit die Bildungsstätten nicht schließen müssen (oder ihre Lizenz zur Neueinstellung von Lehrer/innen zurückerhalten).

Der Schulalltag, wie er durch die Klassenzimmervideos vermittelt wird, ist voller verzweifelter Kolleg/innen, brutaler und respektloser Schüler und der absoluten Ratlosigkeit, wie man dieser Lage noch Herr werden könnte. Schüler, die Lehrer/innen ohne anschließenden Schulverweis niederschlagen, werden in der Dokumentation genau so erwähnt wie ein Lehrer, der als letztes mögliches Mittel den Alarmknopf drückt – und auf den niemand reagiert. Bei den thematisierten Schulen handelt es sich um einige Extrembeispiele, eine generelle Übertragung auf das britische Schulsystem sollte also mit Bedacht geschehen.

Gehen Sie in irgend ein beliebiges Klassenzimmer – besonders viel gelernt wird da nicht auf Grund aller möglicher Störungen…Ich weiß nicht wie die Kinder, die tatsächlich lernen wollen, überleben.

Dokumentation “Undercover Teacher”, Übersetzung Lehrerfreund

Die Qualität der (heimlich gefilmten) Klassenzimmeraufnahmen ist insgesamt von schlechter Qualität, viele Aktionen sind kaum erkennbar. Im hier eingebunden YouTube-Video sehen Sie den ersten Teil der Dokumentation.

YouTube: Undercover Teacher 1/6

Statt das Problem zu kommunizieren und gemeinsam mit den regierenden Stellen nach konstruktiven Lösungen zu suchen, werden (die im Vorfeld angekündigten) Schulinspektor/innen nach Angaben von Alex Dolan systematisch getäuscht. In den Aufnahmen erzählen Lehrer/innen davon, wie Kolleg/innen aus anderen Schulen des Bezirks eingesetzt, die schlimmsten Störenfriede „out on a day trip“ geschickt werden und schwache Kinder in einen Kurs verlegt werden, der momentan nicht geprüft wird. In abgeschwächter Form ist ein heimtückischer Umgang mit staatlichen Evaluationsmaßnahmen übrigens auch in Deutschland an der Tagesordnung - man denke nur an den großen Vergleichsarbeiten-Skandal. Systematische Evaluation der Unterrichtsqualität ist in Deutschland nur regional verbreitet.

Alex Dolan versucht in die Fußstapfen von Günter Wallraff (“Ganz unten”, “Der Aufmacher: Der Mann, der bei Bild Hans Esser war”) zu treten, doch der Weg ist steinig. Im Unterschied zu Wallraff erntet Alex Dolan wegen ihrer „Dirty Harry“-Vorgehensweise keinen Dank, sondern bekommt massive Schwierigkeiten. Auch wenn sie angibt, lediglich Missstände aufzeigen zu wollen, hat sie doch durch die Verwendung einer versteckten Kamera die Grenzen der Legalität und journalistischer Seriosität überschritten. Das wird deutlich, wenn man nach dem praktischen Nutzen der Dokumentation sucht. Diese ist zwar reißerisch-schockierend (und deshalb mit entsprechender medialer Aufmerksamkeit gesegnet), dafür nur wenig hilfreich, was die Suche nach Ursachen und Lösungen betrifft. Bei der „investigativen“ Beobachtung der brutalen, unerzogenen Chaoten denkt man eher an die Supernanny als an die Enthüllung des Watergate-Skandals. Eine seriöse journalistische Besprechung der Hintergründe wäre sicher sinnvoller gewesen als eine massentaugliche Bloßstellung der Lehrer/innen und Schüler/innen in Problemschulen.

Mit viel Verspätung befindet der General Teachers Council nun darüber, ob Dolan in Zukunft wieder unterrichten darf. Derzeit arbeitet sie als Journalistin, sagt aber: “Ich bin leidenschaftliche Lehrerin, und den Gedanken, dass ich meinen Beruf in Zukunft nicht mehr ausüben kann, finde ich unerträglich.”

Spiegel Online 18.03.2009: Englische Lehrerin filmte heimlich ihre Schüler

Offensichtlich ist der Beruf der Lehrer/in dann doch nicht so unerträglich, wie uns in der Dokumentation vermittelt werden soll.

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