Homeschooling

»Die Schulpflicht ist nicht rechtsstaatlich« - Interview mit einer Unschooler-Familie 29.09.2009, 20:25

Logo des Unschooler-Blogs 'Thousand Sunny's Weblog'
Bild: Thousand Sunny's Weblog

Unter dem Pseudonym »1000 Sunny« bloggt ein Vater dreier Kinder gegen die Schulpflicht und für eine umfassende Bildung zu Hause. Im Lehrerfreund-Interview spricht er über Homeschooling, freiwilliges Lernen und die Schulpflicht.

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Auf Wunsch bleibt die Familie “1000 Sunny” anonym. Mehr Informationen finden sich in ihrem Blog Thousand Sunny’s Weblog.

Die Unschoolerin 'Mummy-1000Sunny' + Sohn, Teil der Unschooler-Familie, die hier interviewt wird.Unter dem Pseudonym “1000 Sunny” firmiert eine Familie, die sich mit der Schulpflicht in Deutschland nicht abfinden will und die drei Kinder Chopper (m), Nami (w) und Sanji (m) zu Hause erziehen möchte (‘Homeschooling’). “Wir setzen uns dafür ein, dass Eltern in Deutschland nicht länger kriminalisiert werden, wenn sie sich für eine Bildung in der Familie und Gemeinschaft entscheiden.”, sagt Papa 1000 Sunny. Seine Gedanken und Erlebnisse veröffentlicht er im Blog Thousand Sunny’s Weblog.

Lehrerfreund: Sie bezeichnen sich selbst als “Unschooler”, die nach einem Prozess des “Deschooling” nun “Homeschooling” betreiben. Was bedeutet das eigentlich?

1000 Sunny: Mit Homeschooling verknüpfen die meisten Menschen einen Unterricht, der Zuhause durch die Eltern stattfindet - im Extremfall am Küchentisch. Das waren die Anfänge und solche gibt es immer noch. Doch immer mehr Homeschooler verstehen, dass Home gar nicht House bedeutet. Home ist in unserem globalen Zeitalter der ganze Planet. Das bedeutet Bildung ist nun überall - und jeder Mensch ein Ansprechpartner. Ob sie im Museum Kunst  betrachten oder in der Bibliothek Bücher studieren - ob sie mit Freunden oder dem Straßenbahnschaffner diskutieren oder spielen, oder auf der Wiese liegen und lesen. Das bedeutet, wo immer Du Dich wohlfühlst ist Dein “Home” und dort kannst Du Dich auch bilden. Goodman prägte hier den Begriff der “erziehenden Stadt”. Homeschooler ringen auch nach einer neuen Bezeichnung, manche nennen sich Worldschooler andere Outschooler. Ich denke Home ist aber ein schöner Begriff, er zeigt, wo Homeschooler lernen und sich bilden, denn wenn man frei ist überall hinzugehen, dann ist die ganze Welt Dein “Home”.

Nachdem man Kinder aus der Schule genommen hat und sagt, ab jetzt darfst Du lernen, was Du willst, wollen sie nichts lernen. Wenn man sie dann machen lässt, was sie wollen, essen sie wochenlang Junk-Food und sitzen vor dem Fernseher. Man rechnet hier mit durchschnittlich 2-4 Wochen pro absolviertem Schuljahr [...]

Deschooling ist eine Phase der Letargie. Nachdem man Kinder aus der Schule genommen hat und sagt, ab jetzt darfst Du lernen, was Du willst, wollen sie nichts lernen. Wenn man sie dann machen lässt, was sie wollen, essen sie wochenlang Junk-Food und sitzen vor dem Fernseher. Man rechnet hier mit durchschnittlich 2-4 Wochen pro absolviertem Schuljahr (ist aber sehr individuell). Die Schüler entschlacken sich in dieser Zeit von aller Fremdmotivation, oder extrinsischer Motivation. Nach dieser Zeit ist nur noch die intrinsische Motivation übrig. Sie fangen dann mit Elan an zu lernen und stürzen sich auf alle Interessen, die ihnen bis dahin unwichtig oder zweitrangig vorkamen. Deschooling ist aber auch ein politischer Vorgang und tritt auch bei Erwachsenen auf, aber das würde jetzt zu weit gehen.

Homeschooling ist nicht bei jeder Familie gleich. Manche praktizieren es sehr schulisch, sie geben ihren Kindern sogar Noten. Andere setzen verschiedene reformpädagogische Variationen ein. Das heißeste Thema ist eigentlich der Lehrplan. Dieser kommt ja bekanntlich vom Staat und ein paar Schulpädagogen in dessen Auftrag. Während man seine Kinder beim Lernen beobachtet und begleitet stellt man oft fest, dass viele Dinge einfacher gehen oder anders einfach besser gehen - weil sie mehr das Kind berücksichtigen. So kann man Algebra mit Computerprogrammierung ersetzen. So verformt man den Lehrplan immer mehr, so dass er auf das Kind passt. Und man merkt, je mehr er sich dem Schüler annähert, desto besser lernt der Schüler. Es gibt weniger Widerstände und die Konzentration ist höher. Freiwilliges Lernen nimmt zu. Wenn man diesen Vorgang zu Ende geht - oder denkt, dann kommt man zu der Einsicht, dass jeder viel besser lernt, wenn er sich nur an seinen Interessen orientiert. Dieses ist ein sehr langer und komplizierter Vorgang, aber das Ergebnis nennt man Unschooling. Hier steht der Schüler im Mittelpunkt - seine Freude ist der Motor und seine Interessen sind der Kompass.

Wenn man das so praktiziert und die Interessen der Schüler maximal fördert, also regelmäßige Bibliothek, Universitätsbesuche, viele Freunde, die Küche als Labor, Wiesen als Feldstudie wird man am Ende überwältigt, wie problemlos Schüler in alle Richtungen lernen. Wie stark sie sich vertiefen. Sie scheinen 20 oder 30 Fächer zu haben, aber irgendwie fügt sich alles zu einem Fach zusammen. Und an dieser Stelle überträgt sich die kindliche Freude am Lernen zurück auf die Eltern und die Erwachsenen in der Umgebung.

Lehrerfreund: Sie wollen Ihre Kinder nicht in die Schule schicken - was ist an der Schule so schlecht?

Durch die Schulpflicht wird Bildung zum Zwang, Schule eine Art Gefängnis und die Lehrer die Vollzugsbeamten.

1000 Sunny: Die Schulpflicht, oder besser ihre Umsetzung durch Schulzwang in den Landesgesetzen. Damit wird Bildung zum Zwang, Schule eine Art Gefängnis und die Lehrer die Vollzugsbeamten. Dieses Verständnis von Bildung und Schule will ich meinen Kindern nicht antun. In allen anderen Ländern können Familien und Schüler sich frei entscheiden, das ist ein Angebot, wie es einem freien Menschen würdig ist.

Lehrerfreund: Gilt Ihre Kritik der Institution “Schule” generell oder vor allem dem deutschen Schulsystem und seiner Schulpflicht?

1000 Sunny: Die Schulpflicht gibt es in dieser radikalen Ausführung nur noch in Deutschland und ich glaube noch in 2 Kantonen in der Schweiz. In Deutschland wird sogar Bildungspflicht aus anderen Ländern mit Schulpflicht übersetzt, so dogmatisch ist man teilweise noch. In manchen Ländern gibt es zwar eine namensgleiche Schulpflicht, aber Familie genießt überall immer besonderen Schutz. Bei uns laut Artikel 6 GG auch - aber die Grundrechte werden in den Landesgesetzen zur Schulpflicht teilweise aufgehoben, teilweise nimmt man es für selbstverständlich.
Viele halten die Schulpflicht für eine demokratische Errungenschaft, das stimmt aber nicht. Die Schulpflicht wurde immer dann ausgeweitet, wenn man Soldaten oder Untertanen brauchte. In Deutschland waren das keine Demokratien. Demokratische Errungenschaften sind die Beschulungspflicht des Staates, eine Bildungspflicht oder besser ein Recht auf Bildung.
Dann würden die Politiker auch sehr schnell gezwungen sein, die notwendigen Reformen zu machen und die Institution Schule würde bald für alle angenehmer. In Deutschland gilt das besonders.
Die absolute Schulpflicht liefert Kinder, Eltern und teilweise auch Lehrer der Willkür der Politik aus, was von oben kommt, muss gefressen werden.

Lehrerfreund: Ihre Kinder werden von Rechts wegen wie alle anderen in die Schule gehen müssen, sobald sie ein bestimmtes Alter erreicht haben und damit “schulpflichtig” werden. Wie werden Sie mit diesem Problem umgehen?

1000 Sunny: Wir helfen mit die Schulpflicht abzuschaffen. Das ist in Deutschland aber ein schwieriger und langwieriger Prozess, da Politiker und Printmedien, vor allem die Bildzeitung, die Schulpflicht als Rettungsanker der Nation verkaufen. Sie schützt nach deren Behauptungen Kinder vor allem Ungemach - besonders vor den bösen Eltern. Wir können nur zeigen, dass es intelligente Gesetze gibt, die nicht so radikal sind und dafür an den Problemen angreifen. Leider stellt sich die Politik hier noch sehr taub und behauptet dogmatisch, die Schulpflicht wäre das universale Heilmittel gegen alle Probleme, die Kinder bedrohen. Wie erfolgreich sie damit sind, wird man bestimmt an den Kommentaren merken.
Seitdem die Zugriffe durch das Jugendamt in dieser Hinsicht immer schneller und unglaublich drastisch geworden sind, haben wir uns für eine Auswanderung nach Frankreich oder Italien entschieden. So machen das alle, die sich nicht verstecken. Aber wir wollen keine Zwangspsychatrisierung und finanzielle Demontage unserer Familie riskieren.

Lehrerfreund: In Bildungsplänen und Gesetzen haben Politiker/innen und Pädagog/innen festgehalten, was Kinder in der Schule lernen sollen und wie Schule die Kinder auf das Leben vorbereiten soll. Richtet sich Ihre Kritik eher gegen diese Konzepte oder eher gegen die konkrete Umsetzung in den Schulen?

1000 Sunny: Die Homeschooler halten sich ja an die Lehrpläne. War ja auch eine gute Idee von Comenius und anderen Enzyklopädisten das ganze Wissen der Welt allen zu lehren. Unschooler haben dieses Konzept, das ja ungefähr 1650 entstanden ist, jedoch verworfen und orientieren sich an Vygotskijs Zone der nächsten Entwicklung. Sie transformiert die Wissensschule in eine Denkschule. Die Zone der nächsten Entwicklung macht es auch unnötig Schüler zu motivieren, denn die Motivation kommt natürlich aus dem Schüler und seinen Berührungspunkten mit der realen Welt.
Ob die Lehrpläne irgendjemanden auf das Leben vorbereiten, wissen wir nicht. Die Schulpflicht hat die Schule hier in eine sehr schlechte Position gebracht. Sie kann nichts beweisen - es fehlt die Kontrollgruppe. Alle Erfolge sind nur unüberprüfte Behauptungen, die jeder gute Wissenschaftler zurückweisen müsste. Der Pisa-Schock hat ja das erste Mal die Situation ans Licht gebracht. Wenn jetzt noch die außerschulischen Bildungsformen beim nächsten oder übernächsten PISA getestet werden und mit der Schule verglichen werden, dann wird das bestimmt interessant.

Lehrerfreund: Es ist also in erster Linie die Schulpflicht, die Ihnen nicht behagt. Angenommen, die Schulpflicht würde in Deutschland abgeschafft werden - würden Sie Ihre Kinder in die Schule schicken?

1000 Sunny: Von Behagen kann wirklich keine Rede sein. Besonders die neuen Altersgrenzen bei den Einschulungen zeigen, wie hilflos und ohnmächtig Eltern mittlerweile sind. Von familiärer Erziehung kann hier keine Rede sein, es ist eher ein Zuarbeiten für die Staatserziehung.

Unseren Kindern stünde die Möglichkeit offen, sich das Bildungsangebot an den Schulen anzusehen und dann selbst zu urteilen - ohne gleich einen unfreiwilligen Aufenthalt von 12.000 Stunden und mehr zu riskieren.

Und durch die Schule werden auch bestimmte Erziehungsmaßstäbe gesetzt, die heute nicht mehr von allen Eltern geteilt werden. So wäre es mir z.B. unmöglich meine Kinder zur Schule zu schicken. Unsere Kinder sind eigenständige Menschen, die ich nicht wie ein Postpaket verschicken kann. Ihnen stünde aber mit einer Bildungspflicht die Möglichkeit offen, sich das Bildungsangebot an den Schulen anzusehen und dann selbst zu urteilen - ohne gleich einen unfreiwilligen Aufenthalt von 12.000 Stunden und mehr zu riskieren.
Auf der anderen Seite klingt in dieser Frage auch mit, dass Schule der einzige Ort für Bildung sei. Alles was außerhalb und ohne Schule Bildung macht gilt grundsätzlich als falsch. Das ist ein radikales Monopol - alles andere ist hier automatisch falsch und wird mit tausend Vorurteilen und Beschimpfungen geahndet. Wer das radikale Monopol nicht akzeptiert wird beschuldigt alle Bemühungen der Gesellschaft zerstören zu wollen und sich gegen die Gesellschaft an sich zu stellen.
Die Schule verliert aber aktuell ihren Status als radikales Monopol - immer mehr Indizien häufen sich, dass man auch ohne Schule sehr gut lernen kann. Wissenschaftler untersuchen diese Indizien und publizieren ihre Ergebnisse. Wir sind hier Zeugen einer Revolution, die die Bildung dem Bürger direkt in die Hand gibt.

Lehrerfreund: Nehmen wir an, dass alle Eltern die Möglichkeit zum Homeschooling hätten: Es gibt sicher Familien, in denen die Eltern durch pädagogische oder fachliche Inkompetenz dem Kind erheblich mehr Schaden zufügen würden, als es die Schule jemals könnte. Ist das kein Argument für die Schulpflicht?

1000 Sunny: Zuerst einmal: Eine Schulpflicht wie in Deutschland ist nicht rechtsstaatlich. Alle Eltern werden verurteilt potentiell schlechte Eltern zu sein - alle Kinder als faul und nicht-sozial gesehen. Für so eine Regelung gibt es überhaupt keine Argumente, die dafür sprechen.
Zudem haben wir ja funktionierende Regelungen, wie Bildungspflicht oder Unterrichtspflicht; und die Erfolge mit Home- und Unschooling sind in allen Schichten beachtlich. Andere Länder haben für Homeschooler und Unschooler sogar schon extra Aufnahmeverfahren für die Universitäten entwickelt.
Die große Mehrheit wird auch unter einer Bildungspflicht ihre Kinder weiterhin zur Schule schicken, nur dass sie jetzt die Wahl haben und nicht mehr jeder kultusministeriellen Willkür ausgeliefert sind. Schauen wir uns doch an, wer entscheidet, ob alle Kinder mit 5 Jahren zwangseingeschult werden? Wer entscheidet, ob alle nun das G8 bekommen? Wer entscheidet, ob alle Kinder trotz Schweingrippe in die Schule müssen?

Durch die Schulpflicht wird jede Gegenwehr zur Straftat.
Eine Bildungspflicht gibt allen Familien und insbesondere auch den Kindern, ein Stück Freiheit zurück.

Zusätzlich sollte man den Eltern, die Homeschooling machen wollen, auch sagen, was gar nicht geht: körperliche Gewalt, einseitige Indoktrination und Isolation von anderen Menschen.

Zum zweiten klingt in der Frage mit, dass man Kinder vor ihren Eltern retten müsste.
Ich glaube das ist der falsche Weg, und das falsche politische Signal und man sollte sich darauf besinnen, wohin dieser Weg führt, wenn man ihn zu Ende geht. Ich halte es für vernünftiger, den Eltern die Homeschooling/Unschooling machen wollen, Hilfe zu leisten - so wie man das immer sehr schön in Berichten aus dem Ausland liest.
Zusätzlich sollte man den Eltern auch sagen, was gar nicht geht: Also körperliche Gewalt, einseitige Indoktrination und Isolation von anderen Menschen - damit würden sie sich aber auch unabhängig von der Schulpflicht strafbar machen.

Ganz wichtig ist aber für Familien, die neu damit anfangen, dass sie nicht allein sind. Sie kommen in eine internationale Gemeinschaft, wir kommunizieren über Blogs, es gibt Coachings, Treffen, Mailinglisten, viele Bücher, sogar Video-Blogs von Wissenschaftlern, die ihre Kinder unschoolen.
Auch ich starte bald ein Video-Blog, wo ich die Grundbegriffe erklären werde. Wie man die ersten Wochen übersteht, welche Fehler man vermeiden sollte und welche Dinge im Vordergrund stehen sollten.

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