Würg

Schulverpflegungs-Schweinerei 18.02.2009, 23:27

Teller, nicht mit Schulverpflegung, aber ebenfalls mit einem Fraß, der Gold wert ist, gefüllt

Immer mehr Schüler/innen essen mittags in der Schule (Trend zur Ganztagesschule). Damit boomt auch ein höchst zweifelhafter Markt von Dienstleistern zur Schulverpflegung. Verständlich, dass bei einer Untersuchung der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt _keine_ der befragten Schulen die Qualitätsüberprüfung bestanden hat.

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Wir bedanken uns bei der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt, die einen wirklichen Missstand aufgezeigt hat, ohne sich dabei zu fragen, ob man damit anecken wird. Das ist eigentlich auch ihr Job; allerdings hat der letzte Oberverbraucherschützer Seehofer ganz neue Maßstäbe des Verbraucherschützens eingeführt. Danke, vzsa!

Schulverpflegung boomt - Anschauungsobjekt didacta

Schon auf der didacta 2008 tauchten die ersten Anbieter zur Schulverpflegung auf (wir berichteten), auf der didacta 2009 gehörte “Schulverpflegung” schon zu den Top-Themen. Der Megakonzern Sodexo, der Essen per Mausklick für Schule oder Kindergarten anbietet, möchte ebenso ein Stückchen vom Kuchen abhaben wie die Firma OPC, die (Karten-)Bezahlsysteme für Schulverpflegung betreibt. Fernsehkoch Johann Lafer kocht “in einer Modellküche für Schulverpflegung gesunde Schülermenüs zum Genießen”, während in Halle 14 die viertägige Sonderschau “Verpflegung in Kindergarten und Schule” stattfindet (veranstaltet vom jamVerlag, der Zeitschriften wie “Verpflegungs-Management” oder “Schulverpflegung” herausgibt).

Man sieht: Das Thema ist spannend. Eine Menge scheinbar appetitlicher Finger rühren in der Suppe - in der Hoffnung, sich ein oder zwei der schmackhaften Dollarnüdelchen herausfischen zu können.

Sachsen-Anhalt: Qualität der Schulverpflegung durchweg inakzeptabel

Die Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt hat heute (18.02.2009) eine Pressemitteilung mit dem Titel “Schlechte Noten für’s Schulessen” veröffentlicht. Der Titel sagt bereits alles, es folgen Auszüge aus der Pressemitteilung:

Keine Schule in Sachsen-Anhalt erfüllt die Anforderungen der Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) (pdf). - Das ist das Ergebnis einer Studie der Verbraucherzentrale, bei der in 2008 alle allgemein bildenden Schulen in Sachsen-Anhalt zur Schulverpflegung befragt wurden [954 befragt, 644 haben teilgenommen].
...
Nahezu flächendeckend (98%) wird ein warmes Mittagessen angeboten ... Die Preise für ein Mittagessen bewegen sich zwischen ein und vier Euro, der Durchschnittspreis liegt bei 1,86 Euro (drei Viertel aller Schulen mit einer Preiskategorie). Auf die Frage nach einer Bezuschussung des Mittagessens wird nur von einzelnen individuellen Lösungen auf kommunaler Ebene berichtet.

Anhand der Checkliste 1 der Qualitätsstandards wurden mehr als 500 Vierwochenspeisepläne überprüft. Keine der untersuchten Schulen bestand die Qualitätsüberprüfung. Im besten Fall wurden 15 von 25 Kriterien erfüllt (3 Schulen). Insgesamt gibt es zu oft Fleisch (91% der Schulen) und zu selten Vollkornprodukte (fast alle Schulen). Oft fehlt Obst (99%) und Gemüse als Rohkost (80%) und Trink- oder Mineralwasser ist in den seltensten Fällen immer verfügbar (10%).

In 90 % der Schulen wird das Essen warm angeliefert (Warmversorgung) und oft viel zu lange warm gehalten (in drei Viertel der Schulen mehr als zwei Stunden bei Gemüse und Kurzgebratenem ), was sich negativ auf Textur, Geschmack und Nährstoffgehalt der Speisen auswirkt.

Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt 18.02.2009: Schlechte Noten für’s Schulessen, Hervorhebungen und Linksetzung Lehrerfreund

Mit anderen Worten: Als Eltern lässt man sein Kind nur dann in der Schule essen, wenn man es hasst oder wenn man wirklich knapp bei Kasse ist.

Ein Blick in die komplette Studie Analyse der Schulverpflegung in Sachsen-Anhalt (pdf), zeigt, dass in 94% der befragten Schulen Mittagsverpflegung durch “Fremdbewirtschaftung” erfolgt, davon 59% durch “Caterer” (also solche wie die, die auf der didacta die appetitlichen, gesunden Häppchen reichen; S. 13f). “Erfolgte die Vergabe der Verpflegung auf der Basis eines konkreten Anforderungskatalogs?”, fragte die Verbraucherzentrale weiter (S. 17). “Nein”, antworteten 76% der befragten Schulen, “Ja” behaupteten 7%; von diesen hat jedoch keine einen Anforderungskatalog eingereicht, wie von der Verbraucherzentrale gewünscht (was uns vermuten lässt, dass man zwar “ja” gesagt hat, aber eigentlich “nein” gemeint hat). Das heißt: Schulen engagieren ohne irgendwelche Qualitätsvorstellungen irgendwelche dahergelaufenen Dienstleister. Unerfreulich sind auch die bemängelswerten Warmhaltezeiten, vier und mehr Stunden sind eher die Regel als die Ausnahme.

Die externen Dienstleister (“Caterer”) sind nicht alleine schuld an dem ernährungsphysiologisch bedenklichen Mittagessen; auch die Schulen müssen in der Organisation umdenken:

Die Essatmosphäre ist neben der Lebensmittelqualität ein wesentlicher Faktor für die Akzeptanz der Mittagsverpflegung in der Schule. Eine große Mehrheit der befragten Schulen (80%) hat für die Mittagspause lediglich eine Zeitspanne von 20 bis 30 Minuten vorgesehen, nach DGE-Standards sollten aber 60 Minuten eingeplant werden! Im Speiseraum stört mehrheitlich vor allem die fehlende Lärmdämmung.

Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt 18.02.2009: Schlechte Noten für’s Schulessen

Wie geht es weiter mit der Schulverpflegung?

Der Trend zur Ganztagesschule ist ungebrochen. Einige Catering-Firmen haben den Braten gerochen und vermarkten ihre Schulverpflegung aggressiv, denn es handelt sich um ein lohnendes Geschäft mit enormer Zukunfts- und Planungssicherheit. Wir können davon ausgehen, dass die Marketingabteilungen der Schulverpfleger ein weiteres Debakel dieser Art zu vermeiden wissen (s.u.).

Die Missstände in Sachsen-Anhalt dürften sich in ähnlicher Form auch in anderen Bundesländern finden lassen. Damit stehen Schulträger und Schulleitungen vor dem Problem, ein solides Qualitätsmanagement zu kultivieren und konsequent zu realisieren (vgl. Positionspapier “Essen und Trinken in Schulen” (doc)). Die Eltern hingegen sollten sich genauestens informieren, wen man als Catering-Service auswählt - an einem Infoabend die wirklich feinen Biospeisen zu probieren genügt nicht. Vielleicht machen die Weltenretter von Spickmich und Schulradar ja bald ein Schulverpflegungsbewertungsportal auf - das wäre mal was Sinnvolles!


Das war jetzt alles ziemlich negativ und klingt so, als würden wir den Schulverpflegern ihre Umsätze nicht gönnen. Deshalb folgt nun ein offener Brief an die Schulverpflegungs-Anbieter mit guten Tipps für eine erfolgreiche Zukunft.

Tipps für Schulverpflegungs-Anbieter

Liebe Schulverpflegungs-Dienstleister,
wir, der Schulverpflegungsfreund, möchten euch helfen, eure Umsätze zu steigern. Dazu solltet ihr darauf achten, dass ein Debakel wie die Bewertung durch die Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt 2009 kein weiteres Mal stattfindet. Außerdem solltet ihr eure Lobbyarbeit in die Schulen und veranwortlichen Gremien tragen. Marketing durch blitzende Küchen auf der didacta genügt offensichtlich nicht.

Orientiert euch also an den DGE-Qualitätsstandards und den Fragen der Verbraucherzentrale. Stellt ein Infopapier zusammen mit den entsprechenden Informationen. Es genügt, wenn ihr die Warmhaltezeiten, Ausgabetemperaturen etc. ungefähr schätzt, das kontrolliert eh keiner. Gebt dieses Papier den Schulleiter/innen der von euch bedienten Schulen, da könnten sie “nachschauen, wenn mal jemand fragt”. Das wird bei der nächsten Umfrage erfreulichere Ergebnisse zu Tage fördern, denn einige Schulleiter/innen werden die Temperaturen und Warmhaltezeiten einfach aus eurem Papier abschreiben.

Die Organisation der Ausschreibung zur Fremdbewirtschaftung wird ebenso wie die Entscheidungsfindung in 90% der Fälle von Schulträger, Schulleitung und/oder Schulelternrat vorgenommen (vzsa-Studie(pdf), S. 15ff). Ihr müsst also an zwei Punkten ansetzen:

  1. Schulträger - das bedeutet Lobbyarbeit im Rathaus. Ein Gutachten eines “unabhängigen Instituts” über die Qualität eurer Speisen wirkt Wunder, ebenso das Sponsoring von Projekten zur gesunden Ernährung o.ä. Welche “Speisen” ihr später auf die Teller schöpft, steht auf einem anderen Blatt.
  2. Schulleitung, Schulelternrat - In Institutionen wie der Schulkonferenz sitzen Eltern, Schulleitung, Schülervertreter zusammen und wählen einen Anbieter aus. Engagierte Eltern haben etwas nach den Anbietern gesurft, aber wahrscheinlich nichts Aussagekräftiges gefunden. Ihr müsst dafür sorgen, dass der Schulleiter euch wohlgesonnen ist. Neben dem oben erwähnten Gutachten freut er sich vielleicht über einen persönlichen Besuch, bei dem er einen Anforderungskatalog erhält, den er als Grundlage in Diskussionen mit Schulträger, Lehrerkollegium und Eltern verwenden könnte; deshalb bitte als Word-Dokument ausgeben, das man leicht abändern und mit einem anderen Briefkopf versehen kann). Der/die Schulleiter/in wird erkennen, dass die im Katalog genannten Punkte sinnvoll sind; das sind zufällig auch genau die Punkte, die eure Catering-Firma stets als wichtige eigene Qualitätsmerkmale betont. Während Konkurrenzfirmen nichts ahnend über den einen oder anderen Punkt straucheln werden, erkennt die Schulkonferenz vielleicht, dass eure Firma wohl den Anforderungskatalog am besten erfüllt.

Schaut weiterhin, dass ihr redaktionelle Artikel in einschlägigen Zeitschriften (wie den oben genannten) bekommt. Dazu solltet ihr mal mit den Chefredakteuren richtig gut essen gehen und das besprechen.

Guten Appetit!
Der Lehrerfreund

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